Doku: 50 Jahre Der weiße Hai
Posted: July 14, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentKnorpelfisch und Kinokasse
Vor genau 50 Jahren feierte Der weiße Hai Premiere. Er wurde zum einflussreichsten Film seiner ohnehin schon wirkmächtigen Kino-Epoche. Mit ihm erfand der junge Steven Spielberg nicht nur den Blockbuster moderner Prägung, sondern auch das Merchandising. Eine Disney-Doku erklärt, warum.
Von Jan Freitag
Es soll ja angeblich Leute geben, die Filme doppelt, ja dreifach schauen. Aber gleich einunddreißigmal, in Worten: 31? So oft hat Steven Soderbergh nach eigener Aussage ein, ach was: das Meisterwerk seines Vornamensvetters allein auf Leinwand gesehen, als es 1975 das Dunkel der Lichtspielhäuser in aller Welt erhellte. Kein Wunder, sagt der ähnlich berühmte Regisseur meisterlicher Werke wie Oceans’s Eleven oder Traffic: Mit damals ganzen zwölf Jahren habe es Steven Soderbergh „dazu gebracht, über eine Karriere als Filmemacher nachzudenken“. Und nicht nur ihn.
Zum 50. Geburtstag von Der weiße Hai hat Laurent Bouzereau im Auftrag von National Geographic ein halbes Kino voll berühmter Kollegen des erfolgreichsten Regisseurs aller Zeiten eingeladen. Und einerlei, ob James Cameron oder Cameron Crowe, Guillermo del Torro oder Robert Zemeckis: jeder von ihnen huldigt Steven Spielbergs endgültigem Durchbruch, den kein Geringerer als Quentin Tarantino als „perfekten Film“ bezeichnet. Nur warum eigentlich?
Dieser Frage geht der französische Cineast Bouzereau sagenhaft interessante 90 Minuten lang nach und findet dafür nicht nur massenhaft prominente Zeitzeugen, sondern auch schlüssige Antworten. Die wichtigste liefert das Publikum. Grisselige Nachrichtenbilder von damals zeigen, wie es sich noch Wochen nach der Premiere am 20. Juni 1975 kilometerlang vor den Kinos staut. Dieser Kassenerfolg hat Jaws, wie Der weiße Hai in Peter Benchleys gleichnamigen Verfilmung seines eigenen Bestsellers nur hieß, buchstäblich zum ersten Blockbuster gemacht.
Dicht gefolgt von einer PR-Offensive sondergleichen, die bereits zwei Jahre vor „Star Wars“ mit Merchandising Abermillionen einnahm und das Filmgeschäft endgültig zur Industrie aufblies. Bouzereaus „Definitive Inside-Story“ geht ihr ab heute bei Disney+ allerdings auch filmästhetisch auf den Grund. Oder wie es Spielbergs Epigone J. J. Abrams ausdrückt: „Jaws hat die Sprache des Kinos verändert, seine gesamte Mechanik, alles.“ In der Tat. Das acht Meter lange Modell eines mechanischen Carcharodon carcharias zum Beispiel: Der Ozeanologe Dr. Austin Gallagher zeigt sich „bis heute fasziniert davon, wie authentisch es ist.“
Noch imposanter waren allerdings die Dreharbeiten dreier Superstars auf offener See. Mit Robert Shaw, Roy Scheider und Richard Dreyfuss wurden völlig unterschiedliche Schauspieler an verschiedenen Stellen ihrer Karrieren auf ein winziges Fischerboot in den Kampf mit einem Knorpelfisch gigantischen Ausmaßes gezwängt. Und das, erzählt Steven Spielberg höchstpersönlich, habe nicht nur sämtliche Geld- und Zeitkontingente gesprengt. Es schuf auch ein Kammerspiel der Extraklasse, das völlig neue Helden kreierte und auch dafür mit Preisen überhäuft wurde.
Ausgerechnet jener Film also, von dem Spielberg noch kurz vorm Schnittraum dachte, „er würde meine Karriere beenden“, habe sie „erst richtig gestartet“. Schon dank seiner dramaturgischen Intensität. Der Cast zum Beispiel bestand bis auf acht Hauptdarsteller komplett aus Bewohnern der Insel Marthas Vineyard vor Massachusetts, wo zu Lande gedreht wurde. Dieser Naturalismus eingeborener Laien habe die Hollywood-Profis aus Sicht aller Fachleute zu Höchstleistungen animiert. Damit sticht „Der weiße Hai“ sogar aus seiner Epoche heraus. Und das will was heißen.
Respektlose, aber geschäftstüchtige Bilderstürmer um Martin Scorsese, Robert Altman oder Francis Ford Coppola, aber auch Ingmar Bergmann und Werner Herzog, Federico Fellini oder Rainer Werner Fassbinder haben das behäbige Nachkriegskino im Sog sozialer, sexueller, politischer Emanzipationsbewegungen damals umgewälzt. Erdbeben hat Katastrophenfilme verändert und Hallowen Horrorfilme, Apokalypse Now hat Kriegsfilme verändert und Dirty Harry Actionfilme, Einer flog übers Kuckucksnest hat Komödien verändert und Alien Science-Fiction, Taxi Driver hat Gesellschaftsdramen verändert und Kramer gegen Kramer Ehedramen.
Kein massenwirksames Werk allerdings definierte Moral und Geschichten, Sympathieträger und Antagonisten, Bildsprache und Drehtechniken, mithin also die gesamte Filmästhetik richtungsweisender als Jaws. Im Gedenken an Alfred Hitchcocks Suspense, würfelte Steven Spielberg Freund und Feind, Gut und Böse so virtuos durcheinander, dass nur schlichte Gemüter seinen Weißhai für den Endgegner halten. Während ihn wachere Geister im Kapitalismus und seinem Anwalt erkennen, dem profitgierigen Bürgermeister Vaughn, ist es letztlich nur John Williams epischer Soundtrack, der das Meeresraubtier als größte Gefahr ausweist.
Es hat ihm, das lässt sich Laurent Bouzereau im letzten Drittel von einem Dutzend Naturwissenschaftlern erklären, wenig genützt. Im Gegenteil. Jaws, sagt die Meeresbiologin Wendy Benchley seufzend, „hat unsere Sicht auf Haie komplett geändert“. Wie Fledermäuse dank Graf Dracula zum allgemeinen Hass- und Jagdobjekt wurden, hat „Der weiße Hai“ zur weltweiten Jagd aufs bedrohliche, aber unverzichtbare Raubtier geführt. Obwohl es unlängst den ersten tödlichen Angriff Amerikas seit 80 Jahren gab, wie Bouzereau schildert, hat die fiktional entfesselte Furcht vorm vermeintlichen Monster seine Population an den Rand des Zusammenbruchs gebracht.
Die nächste Auswirkung eines der wirkmächtigsten Filme aller Zeiten im Weltmaßstab also. Und keinesfalls die letzte. Auch 50 Jahre nach der Premiere bleibt er schließlich in aller Munde. Von Emily Blunt zum Beispiel, die ihn „bis heute immer wieder schauen könnte“, wie die beteuert. Dass die Schauspielerin neben Lorraine Garry – einst Gattin von Roy Scheiders Hauptfigur Chief Brody – als einzige Frau unter den Filmschaffenden zu Wort kommt, hat vermutlich damit zu tun, dass Hollywood hinter der Kamera seinerzeit Männerzone Zone war.
Aber auch das sagt ja einiges über die Epoche und ihren Jubilar aus, den James Cameron mit dessen Titelfigur vergleicht. „Manchmal werden Filme eben zu Haien“, sagt der (ähnlich legendäre) Titanic-Regisseur: „Perfekte Maschinen.“ Und 1975 liefen sie so heiß, dass sich vor Kinos kilometerlange Schlangen gebildet haben, in denen globaler Diskussionsstoff aller Gruppen, Schichten, Altersklassen lief. Dass 50 Jahre später jemand wie Steven Soderbergh 31-mal denselben Film sieht und dafür Eintritt zahlt, scheint da ausgeschlossen. Aber Jaws @ 50: Die Geschichte hinter dem Blockbuster erklärt ab heute bei Disney+ gut, warum es 1975 so war.