Weidels Schönheit & Momoas Krieger

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. Juli

Die ARD-Sommerinterviews waren mal das, was ihre Jahreszeit dramaturgisch anzudeuten schien: durchaus diskursives, aber irgendwie entspanntes Politikgeplauder im Sonnenschein des Berliner Spreebogens. Eine Open-Air-Veranstaltung unter Open-Air-Bedingungen. Meistens zu heiß und mitunter verregnet, blieb die Hauptstadt akustisch allerdings außen vor. Bis vor acht Tagen, als Alice Weidel ihr eigenes Wort kaum verstand – so laut sang ein Chor des Zentrums für politische Schönheit gegen den Wahnsinn an, mit Nazis zu reden.

Schlimmer, als ihrem Postergirl abermals eine so prominente PR-Plattform zu bieten, war allerdings, was das Erste während und nach der Kunstaktion tat: Denn erst half Moderator Markus Preiss der AfD-Chefin dabei, sich als Opfer zu gerieren. Dann warf die ARD nicht etwa der Demokratiefeindin, sondern ihrer zivilgesellschaftlichen Opposition ein Fehlverhalten vor. Klingt seltsam schwefelig nach Donald Trump, der diese Schubumkehr gerade perfektioniert.

Kaum dass der renitente Stephen Colbert rausgeworfen wurde, rutscht Paramount Global auf Trumps Speichel zur Fusion mit Skydance Media, wo fürderhin kein kritisches Wort mehr über den König von Amerika zu hören sein dürfte. Das wiederum könnte künftig ausgerechnet Rupert Murdochs Fox News tun, nachdem Donald Trump dessen Wall Street Journal wegen eines veröffentlichten Briefs an Jeffrey Epstein erst aus der Air Force One geschmissen hat und nun auf zehn Milliarden Dollar verklagt.

Angesichts solcher Summen rutscht ein kleinerer Medienskandal fast aus dem Rampenlicht: Als die Kiss-Cam beim Coldplay-Konzert einen CEO mit seiner Geliebten entlarvte, lief dem Boulevard der Sabber aus Augen, Mund und Nase. Darunter, da wird es nun heikel, der ZDF-Sommergarten, wo ebenfalls ein Pranger für die zwei Privatpersonen errichtet wurde. Für ein öffentlich-rechtliches Medium mehr als peinlich. Ob Wolfram Weimer das missbilligt, ist nicht überliefert.

Dafür kritisiert der Kulturstaatsminister den geringen Anteil deutscher Fiktionen internationaler Streamingdienste, die er gerne zur Erhöhung verdonnern würde. Wohl auch, weil rechtskonservative Politiker seit jeher alles dafür tun, ARZDF ihr Publikum abspenstig zu machen. Jene Sender also, denen der Flugzeugabsturz in Bangladesch Meldungen der Hauptnachrichten wert war, weil es bekanntlich die einzigen 16 Opfer des asiatischen Landes war, in dem ansonsten niemand eines unnatürlichen Todes stirbt.

Die Frischwoche

28. Juli – 3. August

Nirgendwo wird allerdings häufiger eines unnatürlichen Todes gestorben als im Actionblockbuster. Und je weiter er in der Zeit rückwärts reist, desto grausamer. In der Apple-Serie Chief of War braucht es zwar geschlagene 45 von insgesamt rund 500 Minuten, bis die Figuren zur ersten Schlacht ziehen. Dann aber werden in 180 Sekunden derart viele Hawaiianer und ein paar Hawaiianerinnen dahingemetzelt, dass man ahnt, worauf Jason Momoa mit seinem Achtteiler hinauswill.

Das Nation Building seiner Heimat, teilt uns der Showrunner mit seiner Hauptrolle als real existierender Stammesführer im Krieg der Inseln vor 250 Jahren mit, war hart und brutal. Aber weil es abseits wesensböser Fieslinge genügend edle Ritter wie Ka’iana gab, erleben wir zwar ein achtteiliges Schlachtfest der grausamsten Art. Es hat aber ein Happyend mit fortsetzungstauglichem Cliffhanger. Was es nicht hat: Unterhaltungswert über spektakuläre Schlachtengemälde hinaus.

Den muss man in dieser Woche reanimieren, wenn Arte ab Freitag sämtliche Staffeln Mad Men online stellt. Oder auf gleichem Kanal die niederländische Dramaserie Don’t Fall, Dance schauen, in der sich eine Krebspatientin absolut sehenswert über ihre Krankheit hinwegtanzt. Parallel startet Paramount+ mit Back Horror und Cold Meat zwei Gruselthriller. Tags zuvor zeigt Netflix die südafrikanische Heist-Serie Marked, in der weit mehr schiefgeht als bei Ocean’s Eleven. Und zum Wochenabschluss stellt das Erste die deutsche Culture-Clash-Komödie Nicht ganz koscher online.

Ab Samstag verschlägt es einen ultraorthodoxen Juden aus Brooklyn und einen Beduinen vom Sinai auf dem Weg nach Alexandria versehentlich in die Wüste, wo sie auf langer Irrfahrt ihre wechselseitigen Vorurteile überwinden. Dass dieses preisgekrönte FilmDebüt von jemandem mit Namen (Stefan) Sarazin stammt, ist da bei weitem nicht der beste Witz…



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