Disneys Diktator & Apples Savant
Posted: September 22, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
15. – 21. September
Wer weiß eigentlich noch, wo ihr/ihm der Kopf steht in dieser buchstäblich verrückten Zeit? Rein anatomisch auf den Schultern, schon klar. Medienpolitisch dagegen wird er mittlerweile so durchgeschüttelt, dass zusehends weniger seriöse Information hineingelangt. Gehaltvolles Politainment zum Beispiel, das in den USA nur noch wenige Late-Night-Shows gewährleisten. Bis Donnerstag. Da hat die ABC auf Geheiß von Disney-CEO Bob Iger persönlich den Talk-Host Jimmy Kimmel suspendiert.
Dabei hatte er Charlie Kirk noch nicht mal kritisiert. Aber wer dem chauvinistischen Fundi, nach deutscher Lesart ein Neonazi, nicht bedingungslos huldigt, betreibt in den USA 2025 geradezu Gotteslästerung. Wobei sie die rechte Cancel Culture nur oberflächlich begründet. Liberale Stimmen abzuschalten ist Teil einer totalitären Agenda, der nach Colbert und Kimmel demnächst auch Fallon und Meyers zum Opfer fallen. Daran lässt Trumps Zensor Brenden Carr keinen Zweifel.
Selbst Elmar Theveßen ist wegen zweier eher banaler Fehler seiner Berichterstattung über Kirk ins MAGA-Fadenkreuz geraten. Während journalistische Visa von fünf Jahren auf acht Monate verkürzt werden sollen, droht dem ZDF-Korrespondenten die Ausweisung. Und dass der US-Präsident parallel die NYT auf 15 Milliarden Dollar Schadensersatz wegen was auch immer verklagt, erweitert seinen Rachefeldzug auf den Print-Bereich. Immerhin hat ein Bundegericht entschieden, dass die Klage unzulässig sei. Amerika 2025.
Wobei niemand denken sollte, in Deutschland sei alles besser. Dass sich Dunja Hayali infolge radikalisierter Shitstorms gegen grundsoliden Journalismus zeitweise vom Bildschirm zurückzieht, lässt Schreckliches befürchten. Daran ändert wenig, dass der NDR Julia Ruhs als Klar-Moderatorin durchs Bild-Gewächs Tanit Koch ersetzt. Der BR hält hingegen an der politisch, vor allem aber journalistisch umstrittene Rechtsauslegerin fest.
Angesichts der globalen Gefahr, in den Autoritarismus zurückgefallen, fällt es schwer, das Tagesgeschäft zu beleuchten. Aber dass Adolescense acht Emmys abräumen konnte, wirft eigentlich nur eine Frage auf: warum hat Hauptdarsteller Owen Cooper den Preis als Nebendarsteller bekommen? Und damit zu RTL: hättet ihr statt einer Dauerwerbesendung mit Stefan Raab nicht einfach so 15 Minuten Reklame täglich fürs Kanu des Manitou machen können? Das hätte der Menschheit einiges erspart.
Die Frischtwoche
22. – 28. September
Womöglich sogar das Langformat der Stefan Raab Show am Mittwoch, die den Showmaster hoffentlich schnell aufs wohlverdiente Altenteil befördert. Er hatte seine Zeit. Sie ist lang vorbei. Stefan, bitte geh! Es gibt so viel Besseres zu sehen. Theoretisch sogar bei Disney+, von dessen Finanzierung durch Abos wir an dieser Stelle hier allerdings abraten – opfert der Konzern durch Jimmy Kimmels Absetzung auf dem Altar des Entertainments doch die Demokratie. Shame on you!
Aber es gibt ja Alternativen. Arte zum Beispiel, das dem Großregisseur Werner Herzog ab heute mit dem KI-Experiment About A Hero huldigt und Dienstag die wirkmächtige Doku Missbrauch in der Welt der Online-Spiele der Beetz-Brüder zeigt. Oder das Erste, dessen Mediathek sich am Donnerstag an einer Reality-Gameshow namens Werwölfe versucht und tags drauf im französischen Sechsteiler Sea Shadows einen Umwelt-Thriller mit Mystery andickt. Oder das ZDF, wo The Pain Killers parallel die Machenschaften der Pharma-Industrie acht fiktionale Folgen lang auf niederländische Unternehmer ausweitet.
Selbst Amazon Prime, das auch nicht unbedingt für Demokratie und Pluralismus steht, in Jeff Bezos aber einen Herrscher hat, der seine Washington Post vorerst nicht freiwillig vom Markt nimmt, darf man an dieser Stelle empfehlen. Dort startet am Mittwoch Hotel Costiera, eine Action-Variante von The White Lotus, bevor The Summit 7 vs. Wild mit richtigen Promis auf Neuseeland ausweitet.
All dies aber steht im Schatten der besten Serie dieser abermals schrecklichen Woche: The Savant, ein bedrückend brillanter AppleTV+-Thriller, der die USA am Rand des Bürgerkriegs in Gestalt einer IT-Agentin (Jessica Chastain) illustriert, die sich in rechte Chatrooms hackt. Fantastisches Politainment – das bei Disney+ künftig kaum noch laufen dürfte, so wenig wie es Donald Trump huldigt.
Rechte Influencer & deutsche Medicals
Posted: September 15, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
8. – 14. September
Es ist schon bemerkenswert, wie viel Anstand die Unanständigen, wie viel Humanismus die Menschenfeinde, wie viel Liebe die Hater von uns verlangen, falls einer der ihren dem Tod von der Schippe springt oder wie im Falle Charlie Kirks eben auch nicht. Hätte die Staatsanwaltschaft, von der El Hotzo für dessen Freude übers Ableben amerikanischer Faschisten angeklagt wurde, wohl auch jemanden belangt, der sich Adolf Hitlers Tod wünscht oder wem darf man öffentlich ungestraft das vorzeitige Ableben wünschen?
Die Frage ist polemisch, zugegeben. Aber wer sich die merkwürdige Verklärung des rechtsextremen Anschlagsopfers zum mal konservativen, mal Trump-nahen Influencer betrachtet, wünscht sich vielleicht ein ganz kleines bisschen mehr El Hotzo in der Tagesschau. Oder zumindest den Mut, Nazis als das zu benennen, was sie selbst angesichts der zivilisatorischen Übereinkunft, seine Gegner normalerweise nicht zu töten, halt immer noch sind: Nazis.
In diesem Sinn suchen wir bei der Verleihung der Deutschen Fernsehpreise mal nach Formaten mit Typen wie Kirk oder ihren Urahnen, werden aber nicht fündig. Selbst unter den Nominierten der Kategorie Information – null brauner Thrill von gestern, heute, morgen. Dafür viele richtige und ein paar falsche Entscheidungen. Krank Berlin als beste Dramaserie auszuzeichnen war zum Beispiel ebenso zwingend wie der für Bilal Bahadırs Drehbuch von Uncivilized.
Aber bitte – Achtsam morden soll komödiantisch besser sein als Angemessen Angry oder Tschappel? Marie Furtwängler besser geschauspielert haben als Marie Bloching, Haley Louise Jones oder Melodie Simina in Schwarze Früchte? Und Tim Mälzers klischeetriefende Herbstresidenz war allen Ernstes das beste Factual Entertainment? Dahinter stecke wie immer viel Proporzdenken – deshalb haben ARD und ZDF sieben und acht Preise gekriegt, aber von RTL (4) bis AppleTV+ (1) eben auch alle anderen mindestens einen.
Echte Überzeugung lieferte tags drauf der Deutsche Radiopreis. Auf einer selbstverliebten, aber geerdeten Gala wurde in Hamburg nicht nur, wie die Süddeutsche Zeitung urteilt, Nahbarkeit prämiert. Sondern Kreative und ihre Sendungen, die bei allem Dudelfunk täglich herzblutgetriebene Arbeit ohne Prominenzboni abliefern. Und das obendrein gern im Auftrag kleiner Provinz-Kanäle, die aufopferungsvoll gegen die Widrigkeiten unserer Zeit ansenden.
Die Frischwoche
15. – 21. September
Umgekehrt gilt das auch für öffentlich-rechtliche Mediatheken, die aufopferungsvoll gegen amerikanische Riesenportale anstreamen. Das Erste zum Beispiel, wie Evil-E zeigt. Die Doku spürt der Deutschen Eva Ries nach, die einst den Wu-Tang Clan zur festen HipHop-Größe machen half. Selbst Medicals gelingen der ARD, wenn sie online first laufen wie David & Goliath, worin die wunderbare Lou Strenger vorerst zwei Filme lang ein neues Feld betritt: als Personalpsychologin eines Essener Krankenhauses.
Ansonsten gibt es viel Neues aus den USA. Jude Law etwa als Restaurant-Betreiber der Netflix-Serie Black Rabbit ab Donnerstag. Tags drauf die klaustrophobische Kapitalismuskritik Der Milliardärsbunker in acht Teilen aus Spanien. Oder zeitgleich bei Disney+ Swiped, das Porträt der Erfinderin des Dating-Portals Tinder und ihr einsamer Kampf im Männerhaifischbecken Silicon Valley.
Ansonsten startet Mitte der Woche bei arte.tv Faithless, das sechsteilige Remake von Ingmar Bergmanns legendärem Selbstporträt Trolösa aus dem Jahr 2000. Kurz darauf macht Amazons revisionismusanfälliger Wehrmachtsfiebertraum Der Tiger vor der Prime-Ausstrahlung einen Kino-Abstecher. Und die deutsch-türkische Netflix-RomCom She Said Maybe spielt parallel witzigerweise in einer Türkei ohne Diktator.
In einem Russland mit Diktator spielt hingegen die ZDF-Doku Der Pate von St. Petersburg. Drei Teile skizziert sie ab Sonntag in der Mediathek den Aufstieg Wladimir Putins zum faschistoiden Warlord, gegen den selbst Leonid Breschnew liberal wirkt. Letzter Tipp: The Woddafucka Thing, eine Berliner No-budget-Ganoven-Komödie mit der fabelhaften Dela Dabulamanzi, die 2024 für den Deutschen Schauspielpreis nominiert war. Samstag bei One oder in der ARD-Mediathek.
Milliardenstrafen & Pokereinsätze
Posted: September 10, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
1. – 7. September
Bad News are bad News: Obwohl die marktbeherrschende Macht der Suchmaschine weltweit unverkennbar ist und damit gegen jedes erdenkliche Kartellrecht verstößt, wird Google nicht zerschlagen. Good News are, nun ja, better News than bad News: Trotzdem hat ein US-Bundesgericht dem Mutterkonzern Alphabet spürbare Auflagen verordnet. Wettbewerbern gleiche Zugangsmöglichkeiten zu gewähren etwa. Na, immerhin.
Was das am Ende in der Kommunikationsbranche wert sein könnte, hat der Big Tech Vasall im Weißen Haus nur Tage später klargemacht: Als die EU-Kommission Google zu Milliardenstrafen verurteilte, drohte Donald Trump für das, was seine Justiz bestätigt neuerliche Strafzölle an. Und das wiederum Tage, nachdem er verkündet hatte, ABC und NBC Sendelizenzen entziehen, weil sie keine Hofberichterstattung betreiben. Der Weg Amerikas zur Tyrannei, er wird in den Medien beschleunigt.
Da ist es doch eine gute Nachricht im Sinne einer guten Nachricht, dass die KI-Suchmaschine Perplexity ein Modell namens Comet Plus plant, das Anbieter journalistischer Medien für die Nutzung ihrer Inhalte entlohnt. Für fünf Dollar pro Monat – von denen angeblich vier an teilnehmende Medienhäuser gehen – erhielten User Zugriff auf Premium-Inhalte „vertrauenswürdiger Herausgeber und Journalisten“. Ziel sei ausdrücklich ein „besseres Internet“ – was immer das auch sein mag.
Für besseres Fernsehen stand einst der Club der roten Bänder. Eine Coming-of-Age-Serie, mit der Vox 2015 nicht nur bewiesen hatte, dass aus der RTL-Gruppe seriöse Unterhaltung kommen kann. Sie stand auch für die lineare Fähigkeit, der digitalen Übermacht auch inhaltlich zu trotzen. Jetzt ist die nächste Generation krebskranker Kids im Krankenhaus geplant. Und irgendwie ist das auf nostalgische Art tröstlich.
Die Frischwoche
8. – 14. September
Auf diffizile Art bedeutsam ist vieles, was Orkun Ertener macht, seit sein KDD vor 18 Jahren den deutschen Krimi umdefinierte. Jetzt definiert der Showrunner in Gestalt der Neo-Serie High Stakes deutschen Culture-Clash neu. Eine Astrophysikerin mit Kopftuch finanziert sich ihr NASA-Studium darin als Pokerspielerin. Und das ist nicht nur wegen der originellen Fallkonstruktion fantastisch. Hauptdarstellerin Via Jikeli schafft es, Widersprüche migrantischer Biografien ohne Zeigefingerfuchteln auszudiskutieren. Herausragend!
Sich selbst umzudefinieren ist dagegen schwieriger. In seiner neuen ARD-Impro-Serie Die Hochzeit gelingt es Jan Georg Schütte dennoch. Wie üblich kriegt sein (teilweise bekanntes) Personal darin statt Drehbüchern nur Regieanweisungen, aber auch den Freiraum für etwas, das man fast Romanze nennen könnte. Mit weniger Stars diesmal, aber viel Gefühl. Und ein bisschen erfinden Ricky Gervais bei Sky The Office neu, indem er dasselbe falsche Dokumentarteam diesmal einer Zeitungsredaktion in Ohio beim Gründen zusieht.
The Paper ist dabei mehr als eine Mockumentary. Der Zehnteiler verbreitet die Hoffnung, dass sachliche Medien etwas ändern können. Als richtige Doku hat Being Franziska van Almsick zwar nicht das Zeug, etwas zu verändern. Es rückt drei Teile in der ARD-Mediathek lang allerdings so einiges über den polarisierenden Schwimmstar der Neunzigerjahre gerade. Angst macht ab Dienstag hingegen die ZDF-Reportage Tradwifes über Frauen in den USA, die sich als Besitz reaktionärer Männer begreifen.
Bei so viel verstörendem Realismus noch ein bisschen inszenierter. In der grandiosen Cameo-Parade Call My Agent Berlin spielt sich ein halbes Stadion voll deutscher Stars von Bleibtreu bis Berben selbst als Klientel einer fiktiven Schauspielagentur. Und das ist ab Freitag bei Disney+ so unglaublich plausibel – man könnte es glatt für glaubhaft halten. Ganz im Gegensatz zur Fortsetzung des Historienschinkens Oktoberfest 1905, zeitgleich in der ARD-Mediathek. Oder eine Netflix-RomCom mit dem wundervollen Titel Halb Malmö hat mit mir Schluss gemacht um eine 31-jährige Schwedin beim Versuch, Mr. Perfect zu finden.
Der Vollständigkeit halbe noch: Heute bereits startet bei Sky die Action-Drama-Serie The Task mit Mark Ruffalo als depressiver FBI-Agent. Mittwoch zeigt Netflix seine Real-Crime-Fiktion Die Toten Frauen über brutale Bordellbesitzerinnen im Mexiko der 60er Jahre. Und zu guter Letzt ein Tipp für Arthaus-Fans: Leere Netze, ein deutsch-iranisches Fischereidrama, am Sonntag in der ZDF-Mediathek.
Chabos: Millennials & Nullerjahre
Posted: September 2, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentAls das Modem leise pfiff
In der großarigen ZDF-Serie Chabos geraten vier Jungs 2006 in eine Abwärtsspirale bis ins Jahr 2025. Das erzählt vier von acht Teilen auf leichte Art tiefgründig über die unterbelichtete Generation der Millennials – und ist trotz einiger Logiklücken und arg männlicher Perspektive auch danach noch sehenswert.
Von Jan Freitag
Die Zweitausendzehner – so nah und doch so fern. MP3-Player verdrängen den Discman und Digitalkameras die analoge Fotografie. Deutscher Rap wird aggro und deutscher Pop gecastet. Klingeltöne sind ein Milliardengeschäft und Computerbildschirme umzugskartongroß. Netzwerke heißen darauf StudiVZ statt Instagram und sind sogar noch sozial. Und als Deutschland 2006 vorm Beginn gestapelter Krisen ins Sommermärchen startet, pfeift nicht nur der Schiri, sondern auch das Modem.
Während Klinsi, Schweini, Poldi mit unbekümmertem Fußball durch die Heim-WM stürmen, steht also auch Peppi vorm Sommer seines Lebens. Zu dumm, dass er winterlich gerät. Nachdem sein Kumpel Alba am Türsteher einer Duisburger Disco abprallt, biegen die beiden Teenager und der gleichaltrige PD nämlich von ihrer geplanten Nacht aller Nächte zum Vierten im Bunde ab. Gollum ist zwar ein pickliger Nerd, könnte aber den Horrorfilm Saw 2 herunterladen. Dauert nur wenige Stunden. Die Nullerjahre halt. Und der Download lohnt sich. So scheint es.
Denn was nach dem Gruselschocker passiert, zieht die vier Chabos – seit Haftbefehl 2013 darüber rappte, ein umgangssprachliches Synonym für Straßenjungs – achtmal 30 Minuten in einen Abgrund, der sich nie mehr ganz schließen wird. Nur so viel: in der gleichnamigen ZDF-Serie hat er mit viel Geld zu tun, das die Teenager schnell auftreiben müssen. Wie Jungs in dem Alter nun mal sind, führt jede Beschaffungsidee jedoch flugs zur nächsten Katastrophe, chaostheoretisch Butterfly Effect genannt. Und dass die Eskalationsspirale kein Ende nimmt, erzählt uns Peppi 20 Jahre später zum Auftakt des ersten Teils.
„Mir geht’s super“, lügt der prekär beschäftigte Start-up-Irgendwas, als er frisch getrennt, beruflich stagnierend und überhaupt allein einen Schulfreund trifft. Weil der ihm dann auch noch vom Klassentreffen in zwei Wochen erzählt, zu dem Peppi nicht eingeladen wurde, fährt er nach Duisburg, um der Sache seiner gescheiterten Existenz auf den Grund zu gehen. Aus dieser Suche haben Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch, preisüberhäuft für den Kurzfilm Masel Tov Cocktail, nach eigenem Drehbuch die Geschichte einer spätpubertären Katharsis inszeniert. Und was für eine!
Dank gespenstisch passgenauer Protagonisten zweier Altersstufen sind die ersten vier Folgen mit das Beste, was tragikomödiantisch hierzulande seit langem gedreht wurde. Nico Marischkas halbwüchsiger Peppi zum Beispiel ist Johannes Kienasts ausgewachsener Version nicht nur wie aus dem Gesicht geschnitten; auch ihr unsicherer, liebenswert linkischer Habitus wirkt nahezu deckungsgleich. Gleiches gilt fürs halbstarke Großmaul PD (Jonathan Kriener), das sich in David Schütters Mittdreißiger zum noch großmäuligeren Sherriff vervollkommnet – von Max Mauffs Midlife-Variante des kauzigen Kinderzimmer-Eremiten Gollum (Loran Alhasan) ganz zu schweigen.
Die Chabos sind allerdings mehr als Hauptfiguren ihrer eigenen Coming-of-Age-Story. Gemeinsam mit fünf, sechs weiblichen Handlungsobjekten im Schatten (aber nicht unter der Fuchtel) männlicher Subjekte, lässt das ZDF Millennials buchstäblich selbst über sich sprechen. „16 Millionen Deutsche, die auf Dating-Apps hängen und sich nicht für irgendwas entscheiden können“, erklärt uns Peppi auf der Heimfahrt nach Duisburg durch die vierte Wand. „Work-Life-Balance, Flexibilität, Freiheit, Selbstverwirklichung, dies das.“
Besonders dies das aber macht den Achtteiler zumindest anfangs zu einer tiefgründig unterhaltsamen Milieustudie der Zeit zwischen 9/11 und Banken/Euro/Klimakrise. Noch utopisch genug für den Traum einer besseren Zukunft, schon ausreichend dystopisch, um ihre Verschlechterung zu ahnen. Für diesen Zwiespalt haben die Casterinnen Phillis Dayanir und Johanna Hellwig fantastisches Personal eingestellt. Arina Prass als Peppis erste Freundin, der Paula Kober als erwachsener Popstar glaubhaft eine Radikalkur in weiblicher Selbstermächtigung verpasst etwa. Seine Mutter Martina mit Anke Engelke in kleiner Nebenrolle, aber mit einer Präsenz, die ihr Film-Mann Peter Schneider als arbeitsloser Idealist sogar steigert. Und dann wäre da noch Vincent Krüger.
Seinem verschwörungsanfälligen Kleindealer der GenY kauft man nicht nur 20 Jahre Alterungsprozess ab. Auch die Läuterung zum Überzeugungstäter seiner eigenen Moral ist absolut authentisch. Schauspielleistungen wie diese machen am Ende sogar wett, dass „Chabos“ einen unerklärlichen Qualitätsabfall erleiden. Auf der Jagd nach Steigerungsmöglichkeiten ihrer Abstiegsdynamik verlieren sich Khaet und Paatzsch ab Folge 5 nämlich im Kleinklein billiger Effekte – gipfelnd in einer finalen Geldbeschaffungsmaßnahme des schüchternen Alba (Arsseni Bultmann), an der wirklich alles Behauptung bleibt.
Aber egal: Dank ihrer Vielzahl guter Einfälle voller Links zur Popkultur der Sommermärchentage (Achtung Spoiler: Britt Hagedorn, Mola Adebisi, Sabrina Setlur, Jeanette Biedermann oder der kürzlich verstorbene Rapper Xatar haben echt originelle Cameo-Auftritte), vor allem aber wegen der tiefen Zuneigung zu den Figuren, ist die Serie ein tiefgründig heiterer Selbsterfahrungstrip in die Zeit der CD-Brenner und iPods, als Millennials noch Kinder waren und ihre Eltern vom anderen Stern. „Die kriegt Rente“, sagt PD einmal über Gollums Mutter, „die schwimmen im Geld“. Zweitausendzehner – so nah und so fern.
Chabos, 8×30 Minuten, ZDF-Mediathek