Milliardenstrafen & Pokereinsätze

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. September

Bad News are bad News: Obwohl die marktbeherrschende Macht der Suchmaschine weltweit unverkennbar ist und damit gegen jedes erdenkliche Kartellrecht verstößt, wird Google nicht zerschlagen. Good News are, nun ja, better News than bad News: Trotzdem hat ein US-Bundesgericht dem Mutterkonzern Alphabet spürbare Auflagen verordnet. Wettbewerbern gleiche Zugangsmöglichkeiten zu gewähren etwa. Na, immerhin.

Was das am Ende in der Kommunikationsbranche wert sein könnte, hat der Big Tech Vasall im Weißen Haus nur Tage später klargemacht: Als die EU-Kommission Google zu Milliardenstrafen verurteilte, drohte Donald Trump für das, was seine Justiz bestätigt neuerliche Strafzölle an. Und das wiederum Tage, nachdem er verkündet hatte, ABC und NBC Sendelizenzen entziehen, weil sie keine Hofberichterstattung betreiben. Der Weg Amerikas zur Tyrannei, er wird in den Medien beschleunigt.

Da ist es doch eine gute Nachricht im Sinne einer guten Nachricht, dass die KI-Suchmaschine Perplexity ein Modell namens Comet Plus plant, das Anbieter journalistischer Medien für die Nutzung ihrer Inhalte entlohnt. Für fünf Dollar pro Monat – von denen angeblich vier an teilnehmende Medienhäuser gehen – erhielten User Zugriff auf Premium-Inhalte „vertrauens­würdiger Heraus­geber und Journalisten“. Ziel sei ausdrücklich ein „besseres Internet“ – was immer das auch sein mag.

Für besseres Fernsehen stand einst der Club der roten Bänder. Eine Coming-of-Age-Serie, mit der Vox 2015 nicht nur bewiesen hatte, dass aus der RTL-Gruppe seriöse Unterhaltung kommen kann. Sie stand auch für die lineare Fähigkeit, der digitalen Übermacht auch inhaltlich zu trotzen. Jetzt ist die nächste Generation krebskranker Kids im Krankenhaus geplant. Und irgendwie ist das auf nostalgische Art tröstlich.

Die Frischwoche

8. – 14. September

Auf diffizile Art bedeutsam ist vieles, was Orkun Ertener macht, seit sein KDD vor 18 Jahren den deutschen Krimi umdefinierte. Jetzt definiert der Showrunner in Gestalt der Neo-Serie High Stakes deutschen Culture-Clash neu. Eine Astrophysikerin mit Kopftuch finanziert sich ihr NASA-Studium darin als Pokerspielerin. Und das ist nicht nur wegen der originellen Fallkonstruktion fantastisch. Hauptdarstellerin Via Jikeli schafft es, Widersprüche migrantischer Biografien ohne Zeigefingerfuchteln auszudiskutieren. Herausragend!

Sich selbst umzudefinieren ist dagegen schwieriger. In seiner neuen ARD-Impro-Serie Die Hochzeit gelingt es Jan Georg Schütte dennoch. Wie üblich kriegt sein (teilweise bekanntes) Personal darin statt Drehbüchern nur Regieanweisungen, aber auch den Freiraum für etwas, das man fast Romanze nennen könnte. Mit weniger Stars diesmal, aber viel Gefühl. Und ein bisschen erfinden Ricky Gervais bei Sky The Office neu, indem er dasselbe falsche Dokumentarteam diesmal einer Zeitungsredaktion in Ohio beim Gründen zusieht.

The Paper ist dabei mehr als eine Mockumentary. Der Zehnteiler verbreitet die Hoffnung, dass sachliche Medien etwas ändern können. Als richtige Doku hat Being Franziska van Almsick zwar nicht das Zeug, etwas zu verändern. Es rückt drei Teile in der ARD-Mediathek lang allerdings so einiges über den polarisierenden Schwimmstar der Neunzigerjahre gerade. Angst macht ab Dienstag hingegen die ZDF-Reportage Tradwifes über Frauen in den USA, die sich als Besitz reaktionärer Männer begreifen.

Bei so viel verstörendem Realismus noch ein bisschen inszenierter. In der grandiosen Cameo-Parade Call My Agent Berlin spielt sich ein halbes Stadion voll deutscher Stars von Bleibtreu bis Berben selbst als Klientel einer fiktiven Schauspielagentur. Und das ist ab Freitag bei Disney+ so unglaublich plausibel – man könnte es glatt für glaubhaft halten. Ganz im Gegensatz zur Fortsetzung des Historienschinkens Oktoberfest 1905, zeitgleich in der ARD-Mediathek. Oder eine Netflix-RomCom mit dem wundervollen Titel Halb Malmö hat mit mir Schluss gemacht um eine 31-jährige Schwedin beim Versuch, Mr. Perfect zu finden.

Der Vollständigkeit halbe noch: Heute bereits startet bei Sky die Action-Drama-Serie The Task mit Mark Ruffalo als depressiver FBI-Agent. Mittwoch zeigt Netflix seine Real-Crime-Fiktion Die Toten Frauen über brutale Bordellbesitzerinnen im Mexiko der 60er Jahre. Und zu guter Letzt ein Tipp für Arthaus-Fans: Leere Netze, ein deutsch-iranisches Fischereidrama, am Sonntag in der ZDF-Mediathek.



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