Friedrichs Stadtbild & LINDAS Wehrkunde

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. Oktober

Gibt es eigentlich auch Erwachsenen- oder nur Jugendwörter des Jahres? So oder so jedenfalls wäre Stadtbild ein adultes das crazy 2025. Oben rechts im Eck zeigt Google bei entsprechender Eingabe zwar noch Postkarten deutscher Fachwerkensembles. Darunter jedoch scrollt man sich seitenlang durch die politische Umdeutung eines eigentlich harmlosen Begriffes, den ausgerechnet das ZDF weiter zum rechtspopulistischen Popanz aufbläst.

Laut einer Umfrage des hauseigenen Politbarometers, stimmen annähernd zwei Drittel der Befragten zu, dass Flüchtlinge im Stadtbild stören. Dumm nur, dass die Erhebung gar nicht nach der rassismusanfälligen Stadtbild-Aussage des Bundeskanzlers, pardon: CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz gefragt hatte, sondern dessen Konkretisierung, er habe doch nur arbeitslose Migranten ohne Aufenthaltsstatus gemeint, also nur böse Ausländer.

Wer das angeordnet hat? Karoline Leavitt würde darauf „deine Mudder“ antworten. Also mit jener Floskel, die man in den USA gibt, wenn jemand unliebsame Fragen nach individueller Schuld stellt. Vorige Woche bügelte Donald Trumps Chefpropagandistin die Frage nach den Verantwortlichen für Ungarn als Standort eines Gipfeltreffens mit Wladimir Putin mit „Your Mother“ ab. Und was ihr daraufhin mehrere Minister nachmachten, zeigt eindrücklich, was die US-Regierung von der freien Presse hält.

Ungefähr so viel wie Pier Silvio Berlusconi. Nur Wochen nach der feindlichen Übernahme von ProSiebenSat1 hat der Chef des neuen Mutterkonzerns MFE den halben Vorstand entlassen – darunter CEO Bert Habets. Nicht, dass der ein großer Fan journalistischer Inhalte gewesen wäre. Mit seiner Entscheidung nach Gutsherrenart zeigt der älteste Sohn des neofeudalen Demokratieverächters Silvio B. allerdings schon früh, wie sehr er seinem Vater nachzueifern gedenkt.

Aber gut, darin ähnelt er Markus Söder, dem Lavinia Wilson beim Blauen Panther fka Bayerischer Fernsehpreis öffentlich die Leviten las. „Wir brauchen keine starken Männer und kein Gegockel, um erfolgreich zu sein“, sagt sie mit Blick auf den Ministerpräsidenten, dessen Name auf ihrer Siegestrophäe steht. Wer künftig noch eine davon im Regal stehen hat: Leroy Lamin Gibba (Schwarze Früchte), Marie Lina Smyreks (smypathisch) oder Pia Strietmann (Herrhausen).

Die Frischwoche

27. Oktober – 2. November

Seit fünf Jahren hat auch Thilo Mischke einen davon in der Vitrine. Jetzt ist er Teil einer Reportage-Reihe auf Pro7, die heute mit LINDA ZERVAKIS in Großbuchstaben und journalistischer Mission ihre Fortsetzung findet. Erster Einsatz um 20.15 Uhr: Under Attack, eine Reise durch die Wehrhaftigkeit der Demokratie zwischen Trump und Putin. Parallel geht das ZDF in seiner Mediathek auf die Suche nach dem Orgasmus-Gap von Mann und Frau, bevor es Samstag das Teenstar-Dilemma der gereiften Internet-Gören Die Lochis beleuchtet.

Hochinteressant könnte zeitgleich der ARD-Dokudreiteiler RuhrBeat um die Anfänge des HipHop in Westdeutschland sein. Noch interessanter sind allerdings die Fiktionen der Woche, angefangen mit dem Serien-Prequel von Steven Kings Horrorclown Es: Welcome to Derry. Ziemlich unverdaulicher Body-Horror, der gewiss sein Publikum findet, dramaturgisch aber eher belanglos ist. Ähnliches gilt für die Magenta-Serie Talamasca mit Elizabeth McGovern als Leiterin eines magischen Geheimzirkels zivilisierter Hexen, ab heute bei MagentaTV.

Aufsehenerregend ist dagegen der neue Netflix-Film von Edward Berger. In der Roman-Adaption Ballad of a Small Player begleitet er Colin Farrell als Spielsüchtigen durch Macao, was der Oscar-Gewinner so wuchtig in Szene setzt, dass die aufgeblasene Melodramatik nicht weiter stört. Zumindest herausragend besetzt ist derweil die Apple-Serie Down Cemetry Road mit Emma Thompson als Privatdetektivin Zoë, die mit Ruth Wilson eine Verschwörung aufdeckt.


Khesrau Behroz: Cui Bono & Capoeira

Ihr braucht mich!

Mit dem Podcast Cui Bono über den Verschwörungsideologen Ken Jebsen wurde Khesrau Behroz (Foto: Holger Talinski/Turi.One) quasi über Nacht zum Star der Audio-Szene. Vier Jahre, fünf wegweisende Nachfolger und eine Firmengründung später ist das 38-jährige Kind afghanischer Flüchtlinge buchstäblich die Stimme einer Generation Radiomacher. Ein Gespräch von Turi.One übers Hören statt Sehen, deutsche Migrationsbiografien, sein Mitteilungsbedürfnis und wie oft er moralischen Furor rausschneiden muss.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Khesrau Behroz, kennen Sie die Stern-Rubrik „Was macht eigentlich…?“

Khesrau Behroz: Klar, letzte Seite, gibt es seit 1000 Jahren, warum?

Was macht eigentlich Ken Jebsen?

Gute Frage. Ich glaube, er macht das, was er vorher gemacht hat.

Also ungefähr jene Art Verschwörungsideologie verbreiten, über die Sie vor vier Jahren den preisgekrönten Podcast Cui Bono – WTF happened to Ken Jebsen gemacht haben?

Genau. Ab und zu blitzt er irgendwo auf, weil Leute mir neue Videos oder Gespräche mit ihm schicken. Aber es gibt einfach genügend aktuelle Themen, da beobachte ich ältere nicht unbedingt. Bei Ken Jebsen bin ich also ein bisschen raus.

Dabei war sein rechtes Geschwurbel früher ein Nischenthema, jetzt ist es Mainstream.

Stimmt, aber wenn ich ein Thema im Kasten habe, lasse ich es hinter mir. Ich mache ja keine Langzeitbeobachtungen, sondern abgeschlossene Geschichten in fünf, sechs Teilen. Falls sie neue Entwicklungen nehmen, kann man grundsätzlich über zweite Staffeln nachdenken. Die haben sich allerdings weder bei Ken Jebsen noch dem Drachenlord ergeben. Und nach dem Stresstest beider Themen war ich ehrlich gesagt auch froh, mich aus den ganzen Discord- und Telegram-Channels ausgeloggt zu haben

Wobei besonders Ken Jebsen nicht nur journalistische, sondern biografische Relevanz für Sie hat. Vorm Podcast über ihn waren Sie als Audio-Journalist im Kommen, danach fast schon berühmt. Hat Ken Jebsen Ihr Leben verändert?

Er hat nicht nur mein Leben und die Arbeit darin verändert, sondern unsere gesellschaftliche Sicht auf journalistische Podcasts gleich mit. Deswegen besetzt er, so seltsam es klingen mag, einen besonderen Platz in meinem Herzen. Trotzdem hatte ich nie das Bedürfnis, mich auf diesem einen Erfolg auszuruhen.

Das haben Sie auch definitiv nicht getan. Ihre anschließenden Podcasts über Mesut Özil, Amanda Knox, Daniela Klette oder das Hacker-Kollektiv Anonymous sorgen für ebenso enorme Aufmerksamkeit. Wäre das alles ohne Cui Bono möglich gewesen?

„Cui Bono“ hat natürlich den Grundstein für alles gelegt und viele Türen geöffnet; ich glaube, das steht nicht nur Debatte. Mein Ziel ist es, bestehende Sinnzusammenhänge neu zusammenzusetzen und den Menschen so die Gelegenheit zu geben, ihre Sicht darauf, eigene Haltungen zu überdenken – in welche Richtung auch immer. Deshalb frage ich vor jeder Recherche nicht nur, was passiert ist, sondern vor allem, wie es passieren konnte.

Haben Sie dabei ein didaktisches Aufklärungsbedürfnis?

Ich würde keinen Journalismus machen, ohne aufklären zu wollen, aber nicht von oben herab. Ich möchte mein Publikum zu einer eigenen Perspektive auf komplexe Zusammenhänge befähigen. Ob sie dann am Ende zu denselben Ergebnissen kommen, ist zweitranging. Es gibt Jebsen-Fans, die „Cui Bono“ gehört und mir geschrieben haben: „Fair enough, aber ich bin anderer Meinung.“ Ich finde, das ist ein gutes Ergebnis.

Das klingt angesichts der Recherchetiefe Ihrer Podcasts ein bisschen nach Understatement…

Mag sein. Aber wenn ich als privater Konsument einen Podcast höre, worin der oder die Host vorgibt, mehr Antworten als Fragen zu haben, also eigentlich alles schon zu wissen, bleibe ich tendenziell keine sechs Folgen dabei. Der Schlüssel zum Interesse der Menschen ist spürbare Neugier. Und zwar selbst für Antagonist*innen, die womöglich unsympathisch sind. Mein privates Mitteilungsbedürfnis muss da zweitrangig bleiben.

Und Ihre Moral bestenfalls drittrangig?

Moralischer Furor hat im journalistischen Endergebnis meines Erachtens nichts zu suchen. Wenn er mir mal durchrutscht, schneide ich ihn raus.

Und gibt es da viel zu schneiden?

Ach, mal so, mal so. Öfter muss ich saloppen Tonfall oder falsche Gags zur falschen Zeit herausschneiden. Ich bin auch besonders allergisch dagegen, wenn ich als Host hochnäsig klinge, also damit den Leuten das Gefühl gebe, ich würde über den Sachen stehen. Man muss sich das Vertrauen der Zuhörer*innen erst einmal verdienen. Was für mich heißt, dass ich in den ersten Episoden anders spreche als in den letzten.

Andererseits surfen Hosts mit dem journalistischen Anspruch umfassender Recherche vor der Welle. Das hat kein Podcast mehr gezeigt als der über die Capoeira-Gruppe der früheren RAF-Terroristin Daniela Klette. Sorgt das nicht für ein Gefühl von Erhabenheit?

Naja, die Welle der Erhabenheit bei der Klette-Recherche kam ja erst später. Insofern sind wir, um die Metapher endgültig zu begraben, auf dem Scheitelpunkt des Zufalls gesurft. Im Ernst: Themen gibt es wie Sand am Meer; die Herausforderung besteht dann darin, sie zu sortieren und erzählenswert aufzubereiten. Das macht den Erfolg aber keineswegs planbar. Mit „Cui Bono“ wollten wir einfach einen Podcast machen, den wir so in Deutschland bislang noch nicht gehört hatten. Dass daraus eine Art Lagerfeuer entstanden ist, an das sich so viele Menschen gesetzt haben, war überhaupt nicht vorhersehbar.

Zuvor mussten Sie wie so oft in Abgründe der Niedertracht blicken. Das Cyber-Mobbing zum Beispiel, dem der Drachenlord über Jahre ausgesetzt war, schmerzt schon beim Zuhören. Was machen solche Recherchen mit Ihnen als Journalist, Podcaster und Mensch?

Ich komme ganz gut mit Abgründen klar, möchte das aber nicht als zynische Regung verstehen, sondern als einen gesunden Abstand zu meiner Arbeit und den Menschen, über die ich berichte. Das können allerdings nicht alle, und ich habe den größten Respekt vor denen, die hier Grenzen für sich ziehen – und sie dann auch konsequent nicht übertreten. Wir hatten damals für den Drachenlord-Podcast viele Redakteur:innen für eine Zusammenarbeit angefragt, die allerdings ablehnten, weil sie mit dem Drachengame, also der gezielten Vernichtung einer hilflosen Person, nichts zu tun haben wollten. Eine meiner Stärken besteht hingegen womöglich in einem eher analytischen als emotionalen Blick auf meine Arbeit. Deswegen fällt es mir auch leicht, sie danach einfach hinter mir zu lassen.

Hat das womöglich mit Ihrer Biografie zu tun? Als afghanisches Flüchtlingskind haben Sie Ende der Achtzigerjahre schließlich in den größtmöglichen Abgrund eines disruptiven Bürgerkriegslandes geblickt.

Ob ich dank der Taliban nun besser mit dem Drachengame klarkomme: weiß ich nicht. Es gibt auch andere, die mit solchen Geschichten gut klarkommen, und die mussten nicht erst einem Bürgerkrieg entfliehen. Aber natürlich hat meine Biografie mich stark geprägt, daran besteht kein Zweifel.

Insbesondere der kurze Teil mir Ihrer Flucht aus Afghanistan?

Sie schafft, obwohl ich sie mit drei Jahren kaum bewusst erlebt habe, einen anderen Blick auf die Welt. Im Schicksal Geflüchteter steckt ein besonderer Wert für mich, aber auch für die Gesellschaft. Um Empathie und Solidarität zu entwickeln, braucht sie nämlich auch Menschen, die Schlimmes erlebt haben und davon berichten. Nicht nur solche, bei denen als glattgelaufen ist. Meine Biografie ist wichtig für Deutschland, das sage ich ganz selbstbewusst. Ihr braucht mich!

Wie schaffen Sie es in dem Bewusstsein, dass dieser Teil Ihrer Biografie nicht alle anderen überlagert?

Indem ich mich weigere, aufs Etikett „Geflüchteter“ reduziert zu werden. Natürlich prägt die Flucht meine Biografie, aber sie erklärt nicht alles. Wenn ich mich selbst nur auf meine Flucht zurückstutzen lasse, mache ich mich kleiner, als ich bin. Meine Aufgabe ist es, mir diese Vielschichtigkeit immer wieder zurückzuholen. Auch wenn ich immer wieder für Interviews angefragt werden, wenn ich Afghanistan wieder etwas passiert.

Sie sagen solche Anfragen also alle ab?

Nee, ich mache das manchmal trotzdem. Schließlich sind drei Jahre plus Familiengeschichte mehr, als Deutsche in der Regel haben. Ich kommentiere solche Einladungen dann nur gerne mit dem Hinweis, dass ich bei aller Bescheidenheit auch als Unternehmer und Podcaster einen ganz guten Job mache.

Der als Person of Colour mit Fluchtgeschichte bestimmt auch für Abwehrreflexe bei bestimmten Teilen der Gesellschaft sorgt, also rassistischen Hass auf sich zieht. Welche Art negativer Reaktion auf Ihre Podcasts überwiegt da – die auf Herkunft oder Inhalte?

Dass ich dorthin zurücksoll, wo ich hergekommen bin, kriege ich oft zu hören. Aber wie gesagt: Ich kann ganz gut mit Abgründen. Ein paar anonyme Social-Media-Cowboys bringen mich da nicht um den Schlaf.

Rührt diese Gelassenheit auch daher, ein akustisches Format zu machen, also unsichtbar zu bleiben?

Na ja, einem rechtsradikalen Ausländerhasser fällt es womöglich leichter, mich zu hören als zu sehen. Aber das war keine bewusste Entscheidung, um mich nicht als vermeintlich Fremder zu exponieren. Ich sage ja auch meinen Namen, der mich schnell auffliegen lässt.

Woher kommt unter den drei journalistischen Darreichungsformen Fernsehen, Print und Audio dann Ihr Faible fürs Audioformat?

Dahinter steckt jetzt leider keine tiefergehende Metaebene nach reiflicher Überlegung. Ich bin da einfach organisch reingewachsen. Außerdem mag ich die sensorische Reduktion, die das Audio-Format mit sich bringt. Trotzdem haben wir voriges Jahr unseren ersten Film gedreht – und sind auf den Geschmack gekommen.

Sorgt der Podcaster dann instinktiv dafür, dass der Youtuber mit weniger visuellen Effekten auskommt?

Effekte sind nicht das Problem, Bauerntheater schon. Man wird mich daher nie dabei sehen, wie ich vor der Kamera am Telefon sitze und recherchiere oder bedeutungsschwanger durch die Gegend laufe und an Türen klingle. Wir wollen Dinge dokumentieren, nicht uns selber präsentieren.

Andererseits arbeiten Sie ja auch im Podcast mit Effekten wie Musik oder Geräuschen.

Das sind für mich auditiv-sensorische Tools, die uns zur Verfügung stehen, um eine gute Geschichte zu erzählen. Wir nutzen sie sehr bewusst. Auch, um für gute Unterhaltung zu sorgen. Musik ist dabei beispielsweise stets dramaturgisch eingebunden, sie sorgt an entscheidenden Stellen aber auch dafür, die Aufmerksamkeit hochzuhalten. Wir sind schließlich ein Nebenbei-Medium.

Beim Bügeln, Baden, Autofahren.

Genau. Die wenigsten unserer Hörer:innen hören uns stundenlang hochkonzentriert zu. Sie dabei mit Soundeffekten bei der Stange zu halten, darf man natürlich ebenfalls manipulativ nennen; es geht dabei aber um die Story, nicht dem Erzähler.

War es da eine inhaltliche oder eine wirtschaftliche Entscheidung, dass Sie sich vor zwei Jahren mit Ihrer eigenen Firma Undone selbstständig gemacht haben, anstatt punktuell im Auftrag von Studio Bummens, Florida Factual oder den Öffentlich-Rechtlichen zusammenzuarbeiten?

Beides. Den ganzen Stress einer eigenen Produktionsfirma macht sich ja niemand, weil ihm langweilig ist. Eine der Gründungsregeln heißt deshalb: Wir machen keinen Scheiß, sondern nur, worauf wir wirklich Lust haben, worauf wir stolz sein können. Außerdem will ich eigene Entscheidungen darüber treffen, was ich machen möchte, und nicht auf Angebote warten. Zu wissen, da steht kein fremdes Label, sondern das eigene drauf, erhöht die Motivation noch mehr als ohnehin. Es kommt aber noch etwas hinzu.

Nämlich?

Ich wollte schon immer ein Unternehmer sein. Ich wollte meine eigene Bude haben, eigene Mitarbeiter:innen, ein selbstbestimmter Teil des Wirtschaftslebens in Deutschland sein. Ich wollte, dass in diesem Land irgendetwas auch mir gehört.

Ist dieser bewusste Weg ins unternehmerische Risiko auch wieder eine Frage des persönlichen Mindsets?

Ein bisschen schon. Aber nach der Veröffentlichung von Cui Bono hatte ich einfach so starken Rückenwind, dass mein Risiko kalkulierbar war. Und meine damaligen Kolleg:innen von Studio Bummens und K2H haben mich in dieser Entscheidung stets unterstützt. Da gab es keinen Groll. Wenn du selbst und andere Vertrauen in dich haben – das ist von unschätzbarem Wert.

Dass Sie die sechsstelligen Beträge für journalistische Podcasts wie Cui Bono nun selbst aufbringen mussten, hat Ihnen also keine schlaflosen Nächte bereitet?

Nein.

Sind Sie denn schon mal so richtig auf die Schnauze gefallen?

Ich habe bislang einen sehr glücklichen Weg hinter mir, der gespickt gewesen ist von Zufällen und guten Menschen, die mir gute Dinge gewollt haben. Wenn Sie mich jetzt also fragen, wie man es als Podcaster schafft, könnte ich Ihnen keine Antwort geben. Ich bin tatsächlich totaler Quereinsteiger, habe vorher Kommunikationswissenschaft studiert, bisschen Publizistik. Ich wollte ja noch nicht mal Journalist werden.

Dafür haben Sie ein erstaunliches Händchen für gute, zugkräftige Themen. Wo entstehen die – im stillen Kämmerlein oder lauten Redaktionsrunden?

Überall, aber in der Firma überlassen wir nicht alles dem Zufall. Wir kommen jeden Mittwoch zusammen und suchen neue Ideen. Wenn wir keine haben, versuchen wir sie beim Brainstorming systematisch zu entwickeln. Manchmal fliegen einem die Ideen aber auch zu. Die einer Geschichte über Mesut Özil etwa kam von außen, wir haben sie dann gemeinsam mit RTL+ umgesetzt. Aber manchmal geht natürlich auch was in die Hose. Von zehn Geschichten, die wir entwickeln, überleben vielleicht fünf.

Warum?

Weil das Risiko, dass etwas nicht funktioniert, eingepreist ist, und wir deshalb gelegentlich mehr investieren als herauskommen kann.

Was eigentlich immer funktioniert, sind Gesprächspodcasts – gerade, wenn man bereits so prominent ist wie Sie.

Gute Idee. Ginge auch!

Konjunktiv?

Ich fact-checke das Mal, und wer weiß – vielleicht kommt gegen Ende des Jahre ja was…

Haben Sie eigentlich von Tech Bro Topia gehört, dem Deutschlandfunk-Podcast über Tech-Milliardäre wie Peter Thiel?

Ja klar.

Waren Sie da neidisch, die Idee nicht selber gehabt zu haben?

Nein. Und: Ich höre privat gar keine Podcasts.

Wie bitte?!

Dafür stecke ich beruflich zu tief in der Materie. Ich könnte keine Folge hören, ohne sofort 100 Dinge zu bemerken, die ich bei unseren Produktionen auch im Kopf habe. Also lasse ich es lieber. Wichtiger ist mir sowieso, die Kontrolle darüber zu behalten, was mich inspiriert. Deshalb suche ich diese Inspiration sehr bewusst in anderen Medien: Bücher, Kino, Fernsehen. Das ist für mich auch ein wenig Remix-Kultur: In einer Netflix-Serie etwas sehen, das man dann in einen Podcast fließen lässt. Das sind oft auch ästhetische Dinge, Sound-Design und Musik zum Beispiel.

Unabhängig vom Sounddesign sind Podcasts eigentlich ein nostalgisches Medium. Was wäre der nächste Schritt auf dem Weg zurück zur Effektreduktion – Debattiersalons, wo die Leute wie vor 100 Jahren bei Kaffee und Gebäck über die Welt philosophieren?

Buchclubs gibt es ja schon längst wieder. Das ist allerdings keine Entscheidung gegen technische Neuerungen, sondern für den menschlichen Austausch. Wir müssen uns über die Kultur unterhalten, sonst überrollt sie uns. Die Leute sehnen sich offenbar nach Lagerfeuern. Wenn ich meinem Freundeskreis vorschlage, uns einmal im Monat bei Bier oder Kaffee zu treffen, um über Gott und die Welt zu quatschen, wären viele mit Kusshand dabei.

Zum gemeinsamen Detoxing der digitalen Reizüberflutung?

Nee, man muss sich ja nur dann detoxen, wenn man sich überhaupt erst, ähm, toxen lässt. Es geht eher darum, mit all diesen Reizen nicht alleine zu sein. Denn das bist du am Ende ja auch dann, wenn 1000 Leute deinen Reel sehen oder deine Story lesen. Das hat ja alles nichts mit sozial zu tun. Wir müssen raus und uns leibhaftig treffen. So wie wir beide jetzt. Danke dafür.


Hegseths Maulkorb & Breuers Schattenseite

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. Oktober

Wie sehr liberale Medien selbst in Demokratien massiv unter Beschuss sind, lässt sich nahezu nirgends besser beobachten als in der angehenden Autokratie USA. Ihre Resilienz allerdings ebenso. Als bis aufs Trump-Fanzine OANN alle akkreditierten Verlage und Agenturen den militärpublizistischen Maulkorb des neuen Kriegsministers Pete Hegseth verweigert und kollektiv das Pentagon verlassen haben, machte zumindest ihre gemeinsame Haltung Mut auf Besserung.

Dazu gibt ansonsten nämlich relativ wenig Anlass. Das wahre Sturmgeschütz der Demokratie – die taz – ist Samstag letztmals auf Papier erschienen und kämpft nun noch mehr ums Überleben. Jan Böhmermann trifft sich mit Wolfram Weimer zum Streitgespräch über Rechtsruck, Antisemitismus, solche Sachen. Aber irgendwie schaffen es nicht mal diese Hyperintellektuellen irgendwo im Graubereich ihrer ideologischen Randgebiete Diskussionsstoff zu finden.

Währenddessen geriet auch der Grimme Online Awards zwischen unverrückbare Fronten: Hans Block und Moritz Riesewieck, prämiert für ihr multimediales Doku-Format Eternal You, gaben ihren Preis in der Sonderkategorie KI zurück. Grund: der Vorstand des zuständigen Grimme-Fördervereins hatte der Menschenrechtsaktivistin Judith Scheytt zuvor den Donnepp Media Award aberkannt, weil ihre Kritik an der Berichterstattung über den Gaza-Krieg antisemitisch gewesen sei.

Ob die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts zur Klage einer Frau gegen den Rundfunkbeitrag negative Folgen für die Öffentlich-Rechtlichen, als Demokratie und Pluralismus hat, bleibt zunächst offen. Grundsätzlich sei eine Zahlungsverweigerung nämlich dann denkbar, wenn ARD, ZDF und Deutschlandfunk „flächendeckend“ unausgewogene Berichterstattung nachgewiesen werden könnten. Ein schier unbelegbarer Vorwurf, den die Wutmeute der AfD dennoch fleißig erheben und damit Gerichte blockieren wird.

Für Entlastung hätten da die Werbespots der Deutsch Bahn mit Anke Engelke liefern können. Selbstironie ist schließlich ein achtbarer Weg der Reflexion. Nur – was folgt aus der plumpen Zurschaustellung betriebsbedingter Störungen vom kaputten Klo bis zum ausgefallenen Zug? Ohne Besserungsangebote leider gar nichts. Wir gratulieren der Schwarzwaldklinik an dieser Stelle also auch deshalb zum 40. Geburtstag, weil 1985 wenigsten noch gelegentlich Fernsehen mit Haltung gemacht wurde.

Die Frischwoche

20. – 26. Oktober

Die es allerdings auch vier Jahrzehnte später durchaus gibt, sofern man nur sorgsam sucht. In der ARD-Mediathek zum Beispiel, wo der Sechsteiler Schattenseite zurzeit ein hochintensives Porträt der GenZ zwischen Dauerkrise, Cybermobbing und Aufmerksamkeitsökonomie mit Samira Breuer (KRANK) als Schulwechslerin im digital-analogen Fegefeuer der Jugend zeichnet. Zu Arte.tv muss hingegen wechseln, wer Lust auf Politainment hat.

The Deal heißt das frankophone Reenactment des iranisch-amerikanischen Atomabkommens vor acht Jahren und schafft es, diplomatische Höflichkeit und Hinterzimmer-Chaos sechst Teile lang so unterhaltsam wie lehrreich zu verknüpfen. Aspekte, die der neue ZDF-Urlaubskrimi Weiss und Morales um ein deutsch-spanisches Ermittlerteam eher in landestypischen Klischees ertränkt. Einfach nur fürchterlich, weil lieblos zusammengestückelt, ist die ZDF-Serie Schlechte Menschen über eine – bruha – Behörde im Vorzimmer der Hölle, die darüber entscheidet, wer hochfährt, wer hinunter.

Auweia.

Das gilt auch für die deutsche Gaga-Anime-Serie Taks Force Querlitz ab Freitag in der ZDF-Mediathek, bei der man schlicht das Storytelling vergessen hat. Dann doch lieber die originelle Neo-Serie Hysteria! Um eine Metal-Band, die den amerikanischen Satanismus-Hype Anfang der Achtziger zur Eigen-PR nutzen will – und buchstäblich die Geister trifft, die man rief. Noch mysteriöser ist zeitgleich die ZDF-Serie Moresnet mit Leonie Benesch als Opfer seltsamer Prophezeiungen aus belgischer Vergangenheit. Und A House of Dynamite ist parallel bei Netflix schon deshalb sehenswert, weil der Politthriller von Oscar-Gewinnerin Kathrin Bigelow stammt.


Monster: Real Crime & Ed Gein

Mumien, Menschen, Mutationen

Die 3. Staffel der gewohnt voyeuristischen, ungeheuer grausamen True-Crime-Serie Monster porträtiert den schizophrenen Serienkiller Ed Gein. Allerdings nicht nur ihn. Es erklärt damit auch ein Stück weit Hollywood – und uns alle ein bisschen mit. Das zeigt sich schon darin, dass The Story of Ed Gein seit Wochen weltweit die Netflix-Charts anführt

Von Jan Freitag

Monster haben etwas Bedrohliches, aber auch Tröstliches. Wenn der Mensch andere dazu erklärt, muss er sich nicht tiefer damit befassen, was es mit ihm selbst zu tun hat. Deshalb sind Monster auch auf Leinwand und Bildschirm gern das anormale, abweichende vom humanistischen Standard. Als der NDR 1967 mit Mumien, Monstren, Mutationen das Fürchten lehrte, krochen daher fortan fast nur Vampire, Zombies, Untiere und Aliens aus der dunklen Wildnis ins zivilisatorische Licht. Mal abgesehen vom monströsen Ausnahmefall mit menschlichem Antlitz: Norman Bates.

Als Alfred Hitchcock Robert Blochs Romanvorlage Psycho 1960 zum Blockbuster drehte, stieg der schizophrene Killer nicht nur zur Hollywoodikone auf. Das Böse kroch buchstäblich aus dem Keller des vermeintlich Guten ins Dachgeschoss. „Frankenstein oder Phantom der Oper reichen nicht mehr“, erklärt Hitchcock dem Autor seine Kino-Revolution jetzt bei Netflix. „Die Leute haben ein neues Monster entdeckt, und dieses Monster sind wir.“ Was viele allerdings nicht wissen: Das Monster, von dem der weltberühmte Regisseur da fiktional spricht, hat ein reales Vorbild.

Ed Gein.

In den Fünfzigerjahren beging der Farmer aus Wisconsin mindestens drei Morde und obendrein zahllose Schändungen ausgebuddelter Leichen. Dafür kam er nicht nur lebenslang in die Psychiatrie; sein Fall dient der Popkultur bis heute als Prototyp des triebhaften Ritualmörders. „Das Schweigen der Lämmer“ wurde davon ebenso inspiriert wie „Texas Chainsaw Massacre“. Und jetzt eben: The Story of Ed Gein. Nach Dahmer und den Mendenez-Brüdern ist es der nächste Verbrecher, den Netflix im Rahmen einer täterfixierten, wie üblich leicht voyeuristischen Real-Crime-Serie als Monster etikettiert. Und das ist gleich doppelt bedenklich.

Zum einen setzt sich der Achtteiler dem Vorwurf der Retraumatisierung Überlebender und Hinterbliebener aus. Zum anderen strapaziert die explizite Bestialität des Gezeigten nicht nur den Jugendschutz; ihre Verschiebung ins Monströse banalisiert das Böse auch als Gruseleffekt abseits des Alltäglichen. Die Ed Gein Story könnte (und wird) demnach polarisieren wie die ersten zwei Staffeln oder das deutsche Prime-Pendent Gefesselt mit Oliver Masucci als „Säurefassmörder“ Raik Doormann alias Lutz Reinstrom. Doch Ian Brennan befreit sich originell aus der Zwickmühle inszenatorisch brillanten, aber moralisch bedenklichen Horrors.

Mit seinem Co-Regisseur Max Winkler erzählt der Showrunner nicht nur die Lebensgeschichte des wirkmächtigsten Serienkillers der Kinogeschichte; er führt ein Selbstgespräch mit seiner eigenen Branche. Als Muttersöhnchen der tiefreligiösen, herrschsüchtigen Augusta Gein (Laurie Metcalf) bleibt Ed (Charlie Hunnam) zwar die Hauptfigur; parallel bevölkert sie als Randfigur jedoch wichtige Stationen seines cineastischen Einflusses und zeigt, wieso Hollywood die Täter liebt, aber nicht ihre Opfer.

Als der psychisch labile Anthony Perkins (Joey Pollari) am Set von Psycho sagt, „du darfst die Leute nicht dazu bringen, so was zu sehen“, antwortet ihm der unsichtbare Ed Gein folglich „dabei kannst du doch nicht wegsehen“. Damit kommentiert Ian Brennan den eigenen Torture Porn mit Selbstkritik daran. So wird Monster 3 gewissermaßen zur diskursiven Meditation über die eigene Existenzberechtigung und damit letztlich gehaltvoller als ihre zwei Vorgänger. Dass Winkler dabei ein wenig zu oft Szenen von unzumutbarer Grausamkeit fixiert und dann auch noch einen Erzählstrang um die sadistische KZ-Aufseherin Ilse – The Bitch of Buchenwald (Vicky Krieps) erfindet, tut dieser Streitkultur keinen Abbruch.

Im Gegenteil. Es skizziert eindrücklich, wieso Ed Gein regelmäßig in zwei Persönlichkeiten zerfällt, von denen eine von Herzen gut ist, die andere abgrundtief böse und beide gemeinsam Grundlage Dutzender Fiktionen um das vielleicht spannendste Einzelphänomen im Trend-Genre Real Crime. Dass barbarische Täter darin seit jeher die größte Anziehungskraft ausüben, teilt es übrigens mit TikTok oder Facebook. Deren Algorithmen verbreiten Hass und Hetze ja auch stärker als Toleranz und Argumente. Ed Gein oder Alfred Hitchcock sind so gesehen nur Variationen von Anders Brejvik oder Maximilian Krah.

Als Tobe Hooper 1973 erklärt, warum Ed Geins Geschichte Teile seines Horror-Klassikers in spe The Texas Chainsaw Massacre beeinflusst haben, sagt der Regisseur: „Ich mache keinen Film, den dieses Land will, ich mache einen Film, den dieses Land verdient.“ Besser ließe sich kaum erklären, warum Netflix seine vielen Monster im Real-Crime-Genre so mag: es sind halt einfach Menschen.


Böhmis Line-up & RTLs Spin-Off

Die Gebrauchtwoche

29. September – 5. Oktober

Es ist in den Tagen nach Pete Hegseths Sportpalastrede (ohne Applaus) und Jimmy Kimmels Talkshowrückkehr (mit Rekordquote) nicht so einfach, bundesdeutsche Fernsehbefindlichkeiten sonderlich ernst zu nehmen. Aber sie sind es – davon weiß Jan Böhmermann, dem das ZDF passend zum derzeitigen Druck auf politisch anstrengende Komiker die Sendezeit kürzen will, gerade ein Lied zu singen. Seit mehr als zehn Jahren teilt der Polizistensohn gegen alles aus, was er außerhalb seines eigenen, relativ engen Meinungskorridors verortet.

Das macht angreifbar. Und wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Pointen werfen. Der Cancelshitstorm, durch den er sich gerade kämpft, sagt jedoch mehr über die Gesellschaft, in der wir uns unterhalten lassen, als ihren aktuell wirkmächtigsten Entertainer aus. Weil der ideologisch bislang eher unauffällige Chefket blöd genug war, ein Trikot mit Palästina ohne Israel drauf zu tragen, sprang Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mit Jens Spahn übers populistische Stöckchen und forderte Böhmermann auf, den Rapper von einem Konzert zum 2. Jahrestag des Hamas-Massakers am 7. Oktober auszuladen, das Böhmermann im Rahmen seiner Ausstellung Die Möglichkeit der Unvernunft organisiert.

Darauf tat unsere Erregungsökonomie, wir ihr getriggert, und drängte – nein, nicht zur inhaltlichen Debatte, sondern das restliche Line-up von Wa22ermann bis Blumengarten, solidarisch abzusagen. Zensur! schallte es da aus allen Foren. Ein drolliger Vorwurf. Kritik an Netanjahus Krieg trennscharf von Antisemitismus zu unterscheiden, traut sich heutzutage ja nicht mal mehr akademisches Fachpersonal. Aber dass Böhmermann ausgerechnet kulturpolitischen Rechtsauslegern gehorcht, ist schon auch von bedenklicher Rückgratlosigkeit.

Gut, dass sich die Branche mit ihm solidarisiert und … ach nee – außer Qualitätsfeuilletons diskutiert niemand aus Böhmermanns Branche sachlich mit. Auch nicht Louis Klamroth, der dem Vernehmen nach lieber „mit neuen, innovativen Formaten den politischen Diskurs weiterentwickeln“ will, um der ARD „jüngere Zielgruppen“ zu erschließen, „die klassisches Fernsehen nicht mehr nutzen“. Tja, Louis – die suchten lieber TikTok. Jenen Messenger also, den mit Larry Ellison gerade der nächste Trump-Vasall übernimmt.

Die Frischwoche

6. – 12. Oktober

Dazu drängt sich ein Zitat des Horror-Regisseurs Tobe Hooper in der Netflix-Serie Monster auf: „Ich mache keinen Film, den dieses Land will. Ich mache einen Film, den dieses Land verdient.“ Er spricht vom Texas Chainsaw Massacre. Ein Kettensägen-Gemetzel von expliziter Bestialität, dessen Vorbild der schizophrene Serienmörder Ed Gein war, dem wiederum die dritte Staffel der Biopic-Reihe gewidmet ist. Wobei sie mehr als Dahmer oder Lyle und Eric Menendez über Hollywood, Real Crime, uns alle zu sagen hat.

Ebenfalls schon auf Sendung: Die ARD-Serie Naked mit Svenja Jung als Co-Abhängige des sexsüchtigen Noah Saavedra, deren toxische Obsession bis zur Belastungsgrenze obsessiv ins Bild gesetzt wurde. Dazu Euphorie, deutsches Spin-Off der nahezu gleichnamigen, aber nicht identischen Highschool-Legende. Was Headautor Jonas Lindt auf RTL+ aus dem israelischen Original über die selbstzerstörerische GenZ macht ist aber nicht nur eigensinnig, sondern herausragend.

Dieses Niveau kann Hundertdreizehn nicht ganz erreichen. Das sechsteilige Experiment um die Zahl von 113 mittelbar Betroffenen jedes tödlichen Verkehrsunfalls ist ab Freitag in der ARD-Mediathek zwar gut geschrieben, gespielt, inszeniert. Leider setzt es die statistische Disposition statistisch unter Druck einer verlustreichen Massenkarambolage und erhöht ihn obendrein durch die Who-Dunnit-Dramaturgie im Anthology-Format. Ein bisschen mehr Understatement hätte ihm gutgetan. Die Kernkompetenz von 7 vs. Wild gewissermaßen.

Die Teilnehmer des 5. Real-Life-Abenteuers verschlägt es Dienstag erstmals bei Prime an den Amazonas. Und wieder dürfte ihm die Reduktion aufs Wesentliche zu hoher Güte verhelfen. Das gilt auch für den ARD-Mittwochsfilm Nichte des Polizisten, der das NSU-Opfer Michelle Kiesewetter extrem präzise porträtiert. Und sonst? Netflix rückt tags drauf Victoria Beckham ins eigene Rampenlicht. Disney+ startet zeitgleich die Mystery-Serie Playing Gracy Darling und Paramount+ 24 Stunden später den zehnteiligen Knast-Thriller Remnick aus dem Gefrierschrank Alaska.


Franziska van Almsick: Boulevard & Porträt

Ich bin bis heute keine Rampensau

Rund um die Jahrhundertwende war sie Liebling, aber auch Prellbock der jungen Aufmerksamkeitsökonomie. Die ARD-Doku Being Franziska van Almsick zeigt, wie die Weltklasseschwimmerin durchs mediale Fegefeuer gegangen ist. Ein Interview mit der 47-Jährigen über Versöhnung, Realismus und die Gnade einer frühen Geburt.

Von Jan Freitag

Frau van Almsick, ich bin ein Journalist und Sie sprechen trotzdem mit mir. Was sagt das über Sie als Person des öffentlichen Lebens aus?

Franziska van Almsick: (lacht) Na, dass ich kein Problem damit habe, mit Journalisten zu sprechen. Das hatte ich auch noch nie. Ich finde es schön, wenn sich Menschen für das, was ich tue, interessieren, mit oder ohne Presseausweis. Oder was meinen Sie denn?

Dass Ihre Erfahrungen mit der Presse in den Neunzigerjahren so negativ waren, dass Sie sie seither meiden…

Ach, das ist jetzt 30 Jahre her und mir geht’s wirklich gut, glauben Sie mir. Daher freue mich doch eher darüber, dass Sie sich für mich und diese Dokumentation interessieren. Ich bin mit der Zeit von damals wirklich versöhnt.

Also nicht nur mit damit, kein olympisches Gold gewonnen zu haben, wie Sie Ende der dritten Folge einräumen?

Nein, auch mit der Presse. Und wir hatten ja nicht nur schlechte Zeiten miteinander, sondern auch gute. Dort, wo ich heute stehe, mit diesem Bekanntheitsgrad, würde ich ohne sie ja nicht stehen, und könnte entsprechend keine Charity-Projekte mit meinem Namen unterstützen, die mir wichtig sind. In der Medienbranche herrscht immer ein Geben und Nehmen. Da habe ich anfangs vielleicht ein bisschen viel eingesteckt.

Insbesondere von der Boulevardpresse wie Bild oder B.Z., die Ihnen regelmäßig bis tief unter die Gürtellinie eingeschenkt haben. Stichwort „Franzi van Speck“. Sogar mit denen sind Sie im Reinen?

Das, was passiert ist, lässt sich nicht ungeschehen machen. Ich habe aus all dem aber gelernt. Heute findet mein mir wichtiges Privatleben außerhalb der Öffentlichkeit statt.

Hat diese Gelassenheit auch mit Ihrer Persönlichkeitsstruktur zu tun?

Ich bin jedenfalls kein nachtragender Mensch. Eher ein realistischer. Und ich kann gut reflektieren und schaue auch bei negativen Berichten: was könnte daran wohl stimmen? Vielleicht sind deshalb ja eher die positiven Aspekte der Berichterstattung bei mir hängengeblieben. Damals war eben einfach eine andere Zeit. Und wir hatten auch viel Spaß miteinander. Ich war ja schon damals ein etwas anderer Typ als viele andere im Rampenlicht.

Inwiefern?

Ich bin in der DDR aufgewachsen, da zählte nur der sportliche Erfolg, nicht Geld oder Ruhm Alles, was darüber hinaus passiert ist, ist einfach passiert. Natürlich gab es dafür irgendwann ein Management, Werbeverträge und alles. Aber ich habe lieber meine Ruhe und bin bis heute keine Rampensau.

So gesehen hatten Sie ja geradezu Glück, in der analogen Medienwelt großgeworden zu sein. Für Facebook und TikTok wären Sie förmlich ein Schlachtopfer gewesen!

Absolut. Ich bin auch deshalb heute nur dann in den sozialen Medien unterwegs, wenn es um meine Projekte geht. Der Umgang dort ist oft schnelllebig, laut und wenig nachhaltig, das war nie meine Welt. Umso schöner ist es, wenn man mich heute in einem Atemzug mit Sportgrößen wie Boris Becker, Steffi Graf, Jan Ulrich oder Michael Schumacher nennt.

Wobei die Öffentlichkeit eher über diese Stars redet als mit ihnen. Holen Sie sich mit dieser Dokumentation auch ein Stück weit Kontrolle übers eigene Narrativ zurück?

Das war jedenfalls nicht meine Motivation, denn wer mit meinem Namen noch was anfangen kann, hat ohnehin meist eine feste Einstellung zu mir. Die ARD ist mit der Doku übrigens auf mich zugekommen, nicht umgekehrt. Das Ergebnis gefällt mir aber ausgesprochen gut. Und es ist nicht nur ein Porträt von mir, sondern eines der damaligen Zeit. Die war zwar in vielerlei Hinsicht völlig anders als heute, bringt aber dieselben Lehren hervor.

Welche wären das?

Das Leben ist für die Wenigsten ein Zuckerschlecken. Und hinfallen ist völlig okay, solange man wieder aufsteht. Niederlagen gehören gerade im Sport unwiderruflich dazu. Wer wirklich Erfolg haben will, muss deshalb weitermachen. Immer weitermachen.

Lernen wir darüber hinaus etwas in der Serie über Sie, was die Öffentlichkeit bis dato nicht wusste?

Das müssten sie mir sagen. Ich glaube aber, wer mich über all die Jahre begleitet hat, wird keine großen Überraschungen erleben.

Haben Sie denn selber etwas Neues über sich erfahren?

Am ehesten vielleicht, wie reflektiert und am Ende auch entspannt ich schon als Teenager oft war und wie viel ich damals verkraften konnte. Vielleicht bin ich auch deshalb so versöhnt mit mir und meiner Karriere.

Was würden Sie Neulingen beim Umgang mit Medien heutzutage denn mit auf den Weg ins Rampenlicht geben?

Authentisch zu bleiben, auch wenn das Mut erfordert. Wie sagte meine Mutter so schön: Wer mit den Medien rauffährt, fährt auch wieder runter. Sich und anderen dabei nichts vorzuspielen, ist natürlich ein Risiko, weil es angreifbarer macht. Trotzdem ist Authentizität mit einer gesunden Portion Vorsicht besser, als in der Öffentlichkeit Masken zu tragen. Das merkt man nämlich ganz genau.

Being Franziska van Almsick, 3×30 Minuten, ARD-Mediathek


Stefan Raab: Ageism & Abschied

Gefräßige Fernsehrevolution

Stefan Raab (Foto: RTL) hatte einst frischen Wind durchs Leitmedium linearer Tage geblasen. Sein Primetime-Comeback bei RTL zeigte vorigen Mittwoch, wie lange das her ist. Ein Appell zur drohenden Fortsetzung heute Abend, endlich abzutreten.

Von Jan Freitag

Im weitverzweigten Flussdelta der Niedertracht, dümpelt eine weithin unterschätzte Diffamierung durchs Wasser. Sie nennt sich „Ageism“ und bezeichnet abwertende Haltungen aufgrund unvermeidbarer Alterungsprozesse. Normalerweise verbietet es sich da von selbst, Menschen aufgrund der Zahl ihrer Falten und Jahre herabzuwürdigen. Bei einem allerdings machen wir an dieser Stelle schon deshalb kurz die Ausnahme, weil er sein humoristisches Arsenal eigentlich nur noch mit Diffamierungen von variierender Niedertracht munitioniert: Stefan Raab.

Stefan wer, fragen die Generationen Z bis Alpha da womöglich. Stefan, kurz zur Aufklärung, der 1993 das deutsche Musikfernsehen und sechs Jahre später die Mainstream-Comedy revolutionieren half. Wobei die Zeitspannen allein bereits andeuten, dass diese Revolution ihr frechstes Kind längst gefressen hat. Und dem anhaltenden Verdauungsprozess wohnen wir zurzeit auf RTL bei, wo der begnadete Entertainer nach drei Jahrzehnten ProSieben gerade sein Lebenswerk verfüttert.

Ein paar Appetithäppchen gab es in der Vorwoche, als Die Stefan Raab Show fünfmal 15 Minuten lang zur immer noch besten Sendezeit um 20.15 Uhr lief. Das Konzept? Tja… Grob erinnerte es an seine Comedy-Legende TV total, wo er bis 2012 das zeitgenössische Fernsehprogramm kommentierte. Gröber war es bereits zum Auftakt vor zehn Tagen eine Dauerwerbesendung für RTL-Formate oder Bully Herbigs Kinofilm Kanu des Manitu. Am gröbsten war jedoch Raabs Rap-Variante der deutschen Nationalhymne zwischendurch, bei der man sich vor Fremdscham gern in Sarah Connors Sickergrube verkrochen hätte.

Schwer zu glauben, dass die gestrige Langversion dieser Live-Zumutung noch schlimmer werden könnte als ihre viertelstündigen Teaser zuvor. Aber es wurde schlimmer. Sehr viel schlimmer. So schlimm, dass er zum Premierenthema „Bodybuilding“ fünf Muskelpakete plus Horst Lichter eingeladen hat, aber keinen Kritiker der umstrittenen Anabolika-Cocktailparty, geschweige denn einen Mediziner. Inga Lescheks Reklame für „bestes Entertainment, Humor, Neugier und die scharfzüngige Einordnung der Woche“, kam also nicht zufällig ohne Begriffe wie „Relevanz“ oder „Niveau“ aus.

Warum die RTL-Inhaltsverantwortliche „Fremdscham“ und „Inkompetenz“ vergessen hatte, lässt sich da nur mit dem Zeugnisverweigerungsrecht aller Angeklagten erklären. Umrahmt von handgezählten 750 Ähs unterschiedlicher Länge, eröffnet Raab die Show mit einer 7,5-minütigen Sketch-Attrappe darüber, wie sein Langhaarschneider bei der morgendlichen Kopfrasur versagt hat. Mangels Pointen versagte dann selbst das handverlesene Saalpublikum dem Studio-Einpeitscher die Gefolgschaft. Dabei sind geschätzt zwei Drittel der Besucher unübersehbar selbst Bodybuilder, die Raab nur in Gestalt einer Straßenumfrage mit sanfter Kritik am Körperwahn behelligt.

Der Staffelstart lässt sich deshalb nur als Verbeugung vor einer Manosphere genannten Klientel traditionsbewusster Pfundskerle deuten, die vom traditionsbewussten Pfundsmoderator mit patriarchal geprägter Folklore versorgt wurden. Dad-Jokes wie „Louis Armstrong, der erste Trompeter auf dem Mond“ stammen schließlich noch aus Stefans Köln-Sülzer Kindheit. Kalauer über Gartenzaunstreitereien, den ZDF-Fernsehgarten oder das Oktoberfest haben ebenso grauen Bartwuchs. Und wenn der Gastkomiker Robert Geiss in drei Minuten Trash-TV humoristisches Fatshaming plus Homophobie und Agism betreibt, hat Die Stefan Raab Show erfolgreich um Applaus von rechtsaußen gebettelt.

Nach furchtbar zähen 75 Minuten, in denen der Moderator keinerlei erkennbares Interesse an Thema, Gästen, der Realität, aber umso mehr an sich selber zeigte, hinterlässt Stefan Raabs Rückkehr also zwei grundsätzliche Fragen. Worum genau ging es da zwischen GZSZ und stern TV eigentlich noch mal? Und wann tritt dieser hochverdiente Bilderstürmer linearer Fernsehtage eigentlich ab? Ungeachtet der Diffamierungen Schwächerer, waren Formate wie TV total oder die Wok-WM ja doch Meilensteine des dualen Systems. Seine Liebe zur Musik stach angenehm aus dem Konservenprogramm anderer Kanäle hervor. Außer ihm konnte 1998 folglich niemand so glaubhaft den dahinsiechenden ESC retten.

Dass der NDR den Gesangswettbewerb künftig wieder ohne seinen Heilsbringer organisieren will, sollte ihm hier allerdings zu denken geben. Die sang- und klanglose Beerdigung von „Du gewinnst hier nicht die Million“ sowieso. Nur Monate nach ihrer Premiere hatte RTL im Juni schließlich die notorisch quotenschwache „Entertainment-Quiz-Competition-Show“ abgesägt. Hauptgrund: Stefan Raab hat seinen Instinkt verloren. Fürs herkunftsunabhängige Maß an Respektlosigkeit. Für schlagfertigen Humor. Letztlich also: für gute Unterhaltung.

Jimmy Kimmel kann ihn in seiner zurückgekehrten Late-Night-Show daher noch so sehr für ein drolliges Job-Angebot loben: Raab ist von vorgestern. Ein Grund mehr, übermorgen keine Sende-, also Lebenszeit mehr mit ihm zu vergeuden. Irgendwann war es irgendwie mal lustig mit dir, lieber Stefan. Aber jetzt genieß doch bitte endlich deinen wohlverdienten Ruhestand. Das ist kein Agism, sondern einfach höchste Zeit.