Monster: Real Crime & Ed Gein

Mumien, Menschen, Mutationen

Die 3. Staffel der gewohnt voyeuristischen, ungeheuer grausamen True-Crime-Serie Monster porträtiert den schizophrenen Serienkiller Ed Gein. Allerdings nicht nur ihn. Es erklärt damit auch ein Stück weit Hollywood – und uns alle ein bisschen mit. Das zeigt sich schon darin, dass The Story of Ed Gein seit Wochen weltweit die Netflix-Charts anführt

Von Jan Freitag

Monster haben etwas Bedrohliches, aber auch Tröstliches. Wenn der Mensch andere dazu erklärt, muss er sich nicht tiefer damit befassen, was es mit ihm selbst zu tun hat. Deshalb sind Monster auch auf Leinwand und Bildschirm gern das anormale, abweichende vom humanistischen Standard. Als der NDR 1967 mit Mumien, Monstren, Mutationen das Fürchten lehrte, krochen daher fortan fast nur Vampire, Zombies, Untiere und Aliens aus der dunklen Wildnis ins zivilisatorische Licht. Mal abgesehen vom monströsen Ausnahmefall mit menschlichem Antlitz: Norman Bates.

Als Alfred Hitchcock Robert Blochs Romanvorlage Psycho 1960 zum Blockbuster drehte, stieg der schizophrene Killer nicht nur zur Hollywoodikone auf. Das Böse kroch buchstäblich aus dem Keller des vermeintlich Guten ins Dachgeschoss. „Frankenstein oder Phantom der Oper reichen nicht mehr“, erklärt Hitchcock dem Autor seine Kino-Revolution jetzt bei Netflix. „Die Leute haben ein neues Monster entdeckt, und dieses Monster sind wir.“ Was viele allerdings nicht wissen: Das Monster, von dem der weltberühmte Regisseur da fiktional spricht, hat ein reales Vorbild.

Ed Gein.

In den Fünfzigerjahren beging der Farmer aus Wisconsin mindestens drei Morde und obendrein zahllose Schändungen ausgebuddelter Leichen. Dafür kam er nicht nur lebenslang in die Psychiatrie; sein Fall dient der Popkultur bis heute als Prototyp des triebhaften Ritualmörders. „Das Schweigen der Lämmer“ wurde davon ebenso inspiriert wie „Texas Chainsaw Massacre“. Und jetzt eben: The Story of Ed Gein. Nach Dahmer und den Mendenez-Brüdern ist es der nächste Verbrecher, den Netflix im Rahmen einer täterfixierten, wie üblich leicht voyeuristischen Real-Crime-Serie als Monster etikettiert. Und das ist gleich doppelt bedenklich.

Zum einen setzt sich der Achtteiler dem Vorwurf der Retraumatisierung Überlebender und Hinterbliebener aus. Zum anderen strapaziert die explizite Bestialität des Gezeigten nicht nur den Jugendschutz; ihre Verschiebung ins Monströse banalisiert das Böse auch als Gruseleffekt abseits des Alltäglichen. Die Ed Gein Story könnte (und wird) demnach polarisieren wie die ersten zwei Staffeln oder das deutsche Prime-Pendent Gefesselt mit Oliver Masucci als „Säurefassmörder“ Raik Doormann alias Lutz Reinstrom. Doch Ian Brennan befreit sich originell aus der Zwickmühle inszenatorisch brillanten, aber moralisch bedenklichen Horrors.

Mit seinem Co-Regisseur Max Winkler erzählt der Showrunner nicht nur die Lebensgeschichte des wirkmächtigsten Serienkillers der Kinogeschichte; er führt ein Selbstgespräch mit seiner eigenen Branche. Als Muttersöhnchen der tiefreligiösen, herrschsüchtigen Augusta Gein (Laurie Metcalf) bleibt Ed (Charlie Hunnam) zwar die Hauptfigur; parallel bevölkert sie als Randfigur jedoch wichtige Stationen seines cineastischen Einflusses und zeigt, wieso Hollywood die Täter liebt, aber nicht ihre Opfer.

Als der psychisch labile Anthony Perkins (Joey Pollari) am Set von Psycho sagt, „du darfst die Leute nicht dazu bringen, so was zu sehen“, antwortet ihm der unsichtbare Ed Gein folglich „dabei kannst du doch nicht wegsehen“. Damit kommentiert Ian Brennan den eigenen Torture Porn mit Selbstkritik daran. So wird Monster 3 gewissermaßen zur diskursiven Meditation über die eigene Existenzberechtigung und damit letztlich gehaltvoller als ihre zwei Vorgänger. Dass Winkler dabei ein wenig zu oft Szenen von unzumutbarer Grausamkeit fixiert und dann auch noch einen Erzählstrang um die sadistische KZ-Aufseherin Ilse – The Bitch of Buchenwald (Vicky Krieps) erfindet, tut dieser Streitkultur keinen Abbruch.

Im Gegenteil. Es skizziert eindrücklich, wieso Ed Gein regelmäßig in zwei Persönlichkeiten zerfällt, von denen eine von Herzen gut ist, die andere abgrundtief böse und beide gemeinsam Grundlage Dutzender Fiktionen um das vielleicht spannendste Einzelphänomen im Trend-Genre Real Crime. Dass barbarische Täter darin seit jeher die größte Anziehungskraft ausüben, teilt es übrigens mit TikTok oder Facebook. Deren Algorithmen verbreiten Hass und Hetze ja auch stärker als Toleranz und Argumente. Ed Gein oder Alfred Hitchcock sind so gesehen nur Variationen von Anders Brejvik oder Maximilian Krah.

Als Tobe Hooper 1973 erklärt, warum Ed Geins Geschichte Teile seines Horror-Klassikers in spe The Texas Chainsaw Massacre beeinflusst haben, sagt der Regisseur: „Ich mache keinen Film, den dieses Land will, ich mache einen Film, den dieses Land verdient.“ Besser ließe sich kaum erklären, warum Netflix seine vielen Monster im Real-Crime-Genre so mag: es sind halt einfach Menschen.



Leave a comment

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.