Musks Billionen & RTLs Nibelungen
Posted: November 10, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche
3. – 9. November
Eine Billion. Man muss die Zahl ausziffern, um sie greifbar zu machen: 1.000.000.000.000 – zwölf Nullen also. Tesla will Elon Musk also das aktuelle Bruttoinlandsprodukt Saudi-Arabiens in Aktien auszahlen, falls der Konzern die entsprechenden Gewinne erwirtschaftet. Bis 2035 könnte sich die Summe sogar auf 2,5 Billionen Dollar steigern, was wiederum Indiens BIP entspricht.
Währenddessen dürfte Musks Online-Enzyklopädie Grokipedia, die nicht von einer Schwarm-, sondern künstlichen Intelligenz mit Informationen gefüttert wird, mit den Milliarden ihres Erfinders bald den globalen Wissenstransfer beeinflussen. Schon jetzt sortiert der KI-Chatbot Grok seine Informationen ideologisch so vor, dass rechte Inhalte überwiegen – zumindest, sofern sie wie so oft nicht stumpf vom Vorbild Wikipedia abgepaust wurden.
Dieser algorithmische Copy-and-Paste-Kapitalismus verachtet jede Form des Urheberrechts mit einer Kaltschnäuzigkeit, die Milliardäre zu Billionären macht und Politiker zu Königen. Wer daran zweifelt, muss sich nur mal Karoline Leavitts digital bestens dokumentierte Schimpftiraden ansehen, in denen die Sprecherin des US-Präsidenten Lüge an Lüge an Lüge reiht und Journalist*innen, die das in Frage stellen, zu Feinden des Volkes erklärt. Wohlgemerkt: Auf Pressekonferenzen.
Und jetzt bekam sie auch noch neue Nahrung von belogener Seite. Weil die BBC einen Beitrag über den Kapitol-Sturm am 6. Januar 2021 mindestens missverständlich geschnitten hatte, sind Generaldirektor Tim Davie und Nachrichtenchefin Deborah Turness zurückgetreten. Der Manipulationsgrad lag zwar im Promille-Bereich gewöhnlicher Trump-Lügen. Er war aber gravierend genug, um Feuer ins Öl rechtspopulistischer Angriffe auf den Pluralismus zu gießen. Und was macht das lineare Fernsehen sonst so?
Es kriegt künftig Konkurrenz von Netflix, das durch die Übernahme von Warner Bros Discovery ins klassische Filmgeschäft einsteigen will. Ähnlich wie stationäre Amazon-Shops ist das ein rückwärtsgewandter Bruch eigener Geschäftsmodelle, die es traditionellen Playern am Markt noch schwerer als ohnehin machen. Nicht zu verwechseln übrigens mit der ersten Papier-Ausgabe des Satire-Portals Postillion, das einfach nur ein drolliger Gimmick ist.
Die Frischwoche
10. – 16. November
Gewohnt saftig ist die 2. Staffel von Maxton Hall bei Prime Video, worüber wir hier ansonsten lieber schweigen. Schon, um mehr Gewicht auf Die Nibelungen bei RTL+ zu legen. Der Sechsteiler mit Jannis Niewöhner als moralisch verkommener Siegfried überrascht nicht nur durch sein exzellentes Setdesign, sondern eine angenehm unpopulistische Entschlackung germanischer Mythen.
Ebenfalls überraschend: The other gAIrl, ein sechsteiliges Komödienstadl um Tom Beck als KI-Programmierer, der sich in einen Chatbot verliebt. Weil seine Frau von Becks echter Gattin Chryssanthi Kavazi verkörpert wird, spielen sie ihre Eheprobleme in der ZDF-Mediathek verblüffend authentisch. Geradezu brillant ist derweil die Apple-Serie Pluribus von Vince Gilligan, der Reah Seehorn darin neuen Folgen lang gegen ein Glücksvirus ankämpfen lässt, das die restliche Weltbevölkerung zu einer woken Achtsamkeitsmasse macht.
Auf andere Art absolut überzeugend ist die Arte-Serie Ana & Oscar über ein spanisches Paar, dessen Hop-on-hop-off-Beziehung zehn Jahre jeweils an Silvester betrachtet wird. Weil obendrein die ARD-Historisierungen Sturm kommt auf (ARD) und Nürnberg 45 fabelhaft vom Anfang und Ende des Nationalsozialismus erzählen, hat es die aktuelle Woche schwer mit Empfehlungen.
Ein Selbstläufer ist ab Mittwoch bei Paramount+ das Finale von Yellowstone. Immerhin bemerkenswert gerät die Psychothriller-Serie The Beast in Me mit Homeland-Star Claire Danes ab Donnerstag bei Netflix. Ob das dortige Biopic Mrs Playmen über ein reales Erotik-Magazin der Siebzigerjahre ab Mittwoch was taugt, durfte man vorab nicht selber prüfen. Der ARD-Sechsteiler Stabil dockt Freitag ein bisschen zu aufdringlich am Boom verhaltensauffälliger Jugend-Medicals à la Euphoria an. Dafür erklärt uns das Erste die Ereignisse vom 13. November 2015 gerade in der klugen Doku Terror.Fußball.Paris.