Kraftklub, Siriusmo, Felix Raphael

Kraftklub

Ach Kraftklub, du alte Powerpop-Muckibude – deiner linksbombastischen Energie verzeiht man doch echt jeden Einrichtungspatzer. Das erste Stück deiner neuen Platte zum Beispiel, die fünfte, obwohl man das Gefühl hat, es müssten schon mindestens doppelt so viele sein: Mit Domiziana will  Felix Brummer aka Kummer darin “Unsterblich sein” und klingt ein bisschen wie Nina Chuba auf Pep. Was uns das sagt? Sterben in Karl-Marx-Stadt nimmt sich alle Freiheiten einer unantastbaren Band.

Denn das, was darauf folgt, ist eine Art hauseigenes Glossar von allem, was sie zur vielleicht wichtigsten deutscher Partypolitik macht. Besonders, wenn sie von Deichkind beschleunigt “Auf einer Handvoll Pilzen im Dschungel” unterwegs ist und auch sonst Kummers eigensinniges HipHop-Geshoute mit technoidem Stadionrock mischt. Ach ja – und Nina Chuba wurde in Fallen in Liebe dann auch noch wirklich ganz ohne Aufputschdrogen dazu geladen. Auch geil. Alles geil.

Kraftklub – Sterben in Karl-Marx-Stadt (Eklat Tonträger)

Siriusmo

Auch geil, alles geil, weil noch vielschichtiger, ach was: vollschichtiger, ist das, was der Berliner Produzent Moritz Friedrich als Siriusmo auf Tonträger stapelt. Buletten und Blumen heißt sein viertes Album. Und es ist so derartig gestopft mit discotauglichem Soundgewusel in drei Dutzend Stilrichtungen einer so babelhaften Sprachvielfalt, dass man aus dem Staunen kaum rauskommt. Schon auch alles bisschen Deichkind-weird.

Aber mit deutlich weniger Four-to-the-Floor-Überwältigungsgestus. Dafür verliert sich die Platte viel zu oft im ataridigitalen Klein-Klein dadaistischer Samples und Synths. Nur, dass sie halt jederzeit vom funky Grundbeat wiedervereinigt werden, mehr noch: blühende Landschaften audiophiler Experimentierfreude hinterlassen, die unsere Zivilisation grad dringend benötigt, um darin ab und an etwas Energie zu tanken. Bisschen wie Deichkind auf Keta. Ohne Nina Chuba. Auch okay.

Sirusmo – Buletten und Blumen (Monkeytown Records)

Felix Raphael

Und noch so ein ein alter junger Hase der elektronischen Berliner Fundgrube voll von allem, was man künstlich erzeugen, aber analog verbreiten kann: Felix Raphael. Seit Jahren schon mischt er House mit instrumenteller Haptik, die bis Flügelhorn reichen kann. Und dabei gelingt ihm erneut das Kunststück, melodramatisch, fast pathetisch zu klingen und dennoch irgendwie weltlich verspielt. Alles also, wofür sein Label PIAS steht.

Dass DO YOU eine Art psychotherapeutische Selbstbespiegelung als popkultureller Sozialarbeiter, also sehr persönlich ist, hört man den meisten der 16 Stücke dabei zwar durchaus an. Unter seiner fragilen Glasstimme drängt es sich aber nie komplett in den Vordergrund. Dafür sorgt schon ein stabiles Durchschnittstempo handgestoppter 100bpm, die jede Trägheit vertreiben. Mit stabiler Anlage bewegt DOU YOU daher nicht nur Herzen, sondern Dancefloors.

Felix Raphael – DO YOU (PIAS)



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