GoT: A Knight of the Seven Kingdoms

Rutsch ins Ritterbiz

A Knight of the Seven Kingdoms, nach House of the Dragon das zweite Prequel des Game of Thrones, macht vieles anders als im Original und dabei viel richtig. Neben zwei außergewöhnlichen Hauptfiguren ist das vor allem sein Humor. Und ein erfrischender Mangel an Heldentum.

Von Jan Freitag

Und dann wallt sie auf, die Titelmelodie, eher schon ein Choral: Ramin Djawadis Soundtrack, der Game of Thrones zur Serienlegende machen half. Nur wenige Minuten ist das zweite Prequel nach House of the Dragon dabei, die Vorgeschichte der Drachensaga zu erkunden, als sich das weltberühmte Cello durchs Fantasy-Szenario von A Knight of the Seven Kingdoms wühlt – und dann? Bricht es abrupt ab. Denn Ser Duncan muss erstmal, pardon: scheißen. Sittsamere Umschreibungen wie „auf Klo“ wären angesichts der unverblümten Art, wie sich der Ritter unter einem Baum erleichtert, einfach unangemessen.

Soweit also alles ähnlich explizit wie im Original der Showrunner David Benioff und D. B. Weiss. Nie zuvor und nur selten danach ging es in einer Blockbuster-Serie vulgärer zu. Getötet, gelitten, gehurt, gestorben, gefoltert, gedemütigt, geschändet, gequält – was immer Menschen miteinander anstellen: GoT hat es in so drastische Bilder gepackt, dass man mitunter kaum hinsehen konnte – und es doch 73 Folgen fast zwanghaft tat. Wenn die Geschichte nun rund 90 Jahre rückwärts zu George R.R. Martins dreiteiligem Spin-off Tales of Dunk and Egg reist, bleibt also einiges beim Alten. Wenngleich nicht mal annähernd alles.

Das beginnt bereits bei Djawadis ikonischer Musik, die nach dem Stuhlgang-Auftakt nicht mehr zu hören sein wird. Es geht aber auf nahezu jeder Handlungsebene weiter. Anders als House of the Dragon nämlich, mit dem Benioff und Weiss ihr Game of Thrones 200 Jahre zuvor historisch hergeleitet hatten, erzählt A Knight of the Seven Kingdoms eine weitestgehend autarke Story abseits vom dynastischen Intrigantenstadl der Lennisters und Starks. Mit einer Hauptfigur, die deren Armee elitärer Superkämpfer ferner kaum sein könnte.

Dem Serientitel nach mag Ser Duncan (Peter Claffey) zu einer Zeit, da die Sieben Königreiche noch vom Drachengeschlecht Targaryon regiert werden, ein Mann von edler Geburt sein. Schon die Eingangssequenz aber belegt, dass er ins Ritterbusiness eher so reinrutscht als hineinzugehören. Kurz nachdem der Knappe des altersschwachen Ser Arlen seinen langjährigen Meister bei Nacht und Nebel begraben muss, versucht er dessen Erbe anzutreten. Mehr als Schild plus Schwert und drei Pferde weisen „Ser Duncan the Tall“, wie sich der zerlumpte Koloss fortan nennt, zwar nicht als Aristokrat aus. Dafür ist sein Streben nach Anerkennung fast ebenso unerschütterlich wie seine Bescheidenheit.

Damit haben Owen Harris und Sarah Adina Smith nach Drehbüchern des GoT-erfahrenen Hauptautors Ira Parker einen Charakter kreiert, der vom Gardemaß handelsüblicher Fantasy-Helden fast noch weiter abweicht als Peter Dinklages kleinwüchsiger Tyrion Lennister im Original. Schließlich ist Ser Duncan selbstkritisch, zuvorkommend, rechtschaffen, anständig, ein bisschen schlicht gestrickt vielleicht, aber auf grobschlächtige Art bauernschlau, dabei sehr sympathisch und damit das genaue Gegenteil von, sagen wir: Tyrions Bruder Jamie.

Beim Versuch, am Ritterturnier von Ashford teilzunehmen, sind das allerdings definitiv keine Eigenschaften, die einen Krieger im Hauen und Stechen mittelalterlicher Riten und Gebräuche sonderlich voranbrächten – hätte er keinen Wegbegleiter von noch eigentümlicherer Gestalt: ein kahler Neunmalklug von vielleicht zwölf Jahren namens Egg (Dexter Sol Ansell), den – natürlich – ein biografisches Rätsel umweht. Sechs halbe Stunden lang weicht er Ser Duncan nach kurzer Kennenlernphase nicht mehr von der Seite und sorgt dabei für etwas, das im „GoT“-Imperium bislang bestenfalls Nebenrollen spielte: Heiterkeit.

Allein schon die Vielzahl alltagsphilosophischer Dialoge, in denen sich das ungleiche Gespann näherkommt, hat in jeder Episode mehr Humor als ganze „Game of Thrones“-Staffeln. „Ich bin sogar klein für mein Alter“, sagt Egg einmal auf seinen Wuchs angesprochen. „Früher sagten alle, ich sei dumm“, entgegnet Dunk daraufhin. Pause. „Und?“, fragt Egg. So debattiert das originellste Odd-Couple seit langem ständig. Und kriegt dabei scherzhaftes Geleit von Lynoel Baratheon. Wie bereits in Guy Ritchies Ganoven-Groteske „The Gentlemen“ spielt Daniel Ings das schwarze Schaf seines Adelsgeschlechts auf so impertinente Art megalomanisch, dass man aus dieser Figur glatt ein eigenes Spin-off machen könnte.

All das macht A Knight of the Seven Kingdoms zur amüsanten Weitererzählung eines eigentlich längst auserzählten Stoffes. Mit etwas Wohlwollen könnte man ihn gar als kleinen Kommentar auf eine Klassen- und Statusgesellschaft sehen, gegen die sich Dunk and Egg couragiert auflehnen. Vor allem aber gelingt es der Serie, den strukturellen Heroismus von George R.R. Martin in Gestalt benachteiligter, verwundeter, zerkratzter, aber angenehm resilienter Protagonisten zu brechen. Wie Ser Duncan mit jedem Schritt auf seinem Weg zur Standesmäßigkeit ein wenig versehrter aussieht und dennoch immer ganz bei sich bleibt – das ist schließlich nicht nur herzzerreißend, sondern ungeheuer empathisch.

„Müsst ihr mich verspotten?“, fragt er einmal zwei Prostituierte, die sich über sein Erscheinungsbild lustig machen. „Ich wollte doch nur Hilfe.“ So viel menschliche Größe abseits testosterongesättigter Kampfkraft sucht man in Martins Song of Ice and Fire sonst ebenso vergeblich wie Zurückhaltung beim Zeigen kriegerischer Gemetzel. Hier besteht die härteste Schlacht eigentlich in einem Tauziehen. Schon deshalb wäre eine Fortsetzung der Fortsetzung unbedingt wünschenswert – und alles andere als unwahrscheinlich.



Leave a comment

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.