Jochen Breyer: Diktaturen & Winterspiele
Posted: February 7, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |Leave a commentDirektiven gibt es nicht
Jochen Breyer (Foto: ZDF/Nadine Rupp) berichtet schon fast die Hälfte seiner 43 Jahre von großen Sportevents – nicht wenige davon in Diktaturen. Ein Gespräch über die demokratischen Winterspiele von Mailand, was ihn dabei zu Tränen rühren könne und sein Bauchweh als junger Sportfan.
Von Jan Freitag
Herr Breyer, während Sie bereits mehrere Fußballwelt- und Europameisterschaften moderiert haben, sind Ihre Erfahrungen mit Olympischen Spielen noch geringer, oder?
Jochen Breyer: Als Moderator sind die Spiele in Mailand und Cortina nach Paris erst meine zweiten, ja. Als Reporter durfte ich aber zuvor schon einige erleben, von Vancouver 2010 bis Tokio 2021.
Während die Weltmeisterschaften zuletzt in Diktaturen wie Russland und Katar stattfanden, beschränkt sich ihre olympische Erfahrung damit bislang auf Demokratien.
Nicht ganz, ich war 2008 bereits in Peking dabei. Wenn Sie meine olympische Erfahrung als Moderator meinen, haben Sie aber natürlich Recht.
Macht das politische System, in dem solche Sportevents stattfinden, bei der Vorbereitung einen Unterschied?
Auf jeden Fall. Sportliche Großereignisse wie die Olympischen Spiele sind immer auch politisch, sodass ich mich nicht nur darauf vorbereite, was mich sportlich erwartet, sondern auch, was die politischen Rahmenbedingungen angeht. Wie beispielsweise bei der Fußball-WM in Russland 2018 oder Katar 2022. Auch in Paris und Mailand gibt es natürlich Themen abseits des Sports, aber nicht in dem Ausmaß. Und das empfinde ich ehrlich gesagt als wohltuend.
Weil Sie einfach Ihre Arbeit als Sportjournalist machen können?
Nein, weil der Sport im Vordergrund stehen kann und damit die Athletinnen und Athleten. Die Bühne Olympia sollte ihnen gehören, nicht den politisch Handelnden. Sie haben vier Jahre auf diesen Moment hintrainiert, stehen jetzt endlich im Rampenlicht, sie haben jede Aufmerksamkeit verdient.
Ist das Ihre Dienstleistung am Sport?
Bitte nicht falsch verstehen, natürlich schauen wir als Journalisten auch über den sportlichen Tellerrand hinaus und besonders bei Doping oder Korruption sehr genau hin. Aber das Tolle an Olympia sind für mich die menschlichen Geschichten. Sportlerinnen und Sportler, die sich ihre Träume erfüllen, die uns mit Ihren Leistungen faszinieren, die uns teilweise sogar zu Tränen rühren.
Sie auch?
Mich auch. Bei Olympa gehen mir viele Momente unter die Haut. Überraschungserfolge oder dramatische Niederlagen. In Paris zum Beispiel die Goldmedaille des besten deutschen Ruderers Oliver Zeidler. Vier Jahre zuvor in Tokio war er auf tragische Art gescheitert und als großer Favorit im Halbfinale ausgeschieden. Er hatte gar überlegt aufzuhören, weil ihn diese Niederlagen fast gebrochen hätte. Doch er ist wieder aufgestanden, hat nochmals vier Jahre alles reingehauen – und in Paris endlich Gold geholt. Das hat mich emotional sehr gepackt. Diesen Zauber von Olympia meinte ich.
Dann entzaubern wir die anstehenden Winterspiele doch mal ein wenig. Waren Sie unlängst an den Wettkampfstätten von Turin 2006?
Nein.
20 Jahre später ist das Gelände voll weißer Elefanten, also Bauwerken, die seither nutzlos in der Gegend verrotten.
Ich habe die Doku von Felix Neureuther darüber gesehen. Das ist schon deshalb wirklich bitter, weil sich das IOC ja auf die Fahnen geschrieben hat, viel strenger auf Nachhaltigkeit zu achten als damals. Das gelingt sicher partiell. Doch auch für die aktuellen Spiele wurde zum Beispiel ein neuer teurer Eiskanal gebaut, obwohl das nicht notwendig gewesen wäre.
Von den Infrastrukturmaßnahmen in Höhe von 2,2 Milliarden Euro fließen außerdem drei Viertel in den Straßenverkehr, und zwar teilweise erst nach den Spielen. Haben Sie analog zu ihrer Reportage Geheimsache Katar vor vier Jahren schon Geheimsache Mailand im Kasten?
(lacht) Nein, habe ich nicht, aber das Thema Nachhaltigkeit wird ganz sicher bei uns in den Olympia-Sendungen zur Sprache kommen.
Gibt es Direktiven seitens der Sender, in ihrem Fall des ZDF, ein bestimmtes Level sportferner Berichterstattung weder zu über- noch zu unterschreiten?
Nein, Direktiven gibt es nicht. Letztlich reagieren wir als Berichterstatter ja auf das, was passiert. Sollte es einen großen Dopingfall geben, müssen und werden wir darüber natürlich intensiv reden. Es wird aber nicht so sein, dass wir krampfhaft sportferne Themen suchen, die wir zwischen dem ersten und zweiten Slalom-Durchgang noch schnell einweben können. Der Sport steht im Vordergrund.
Nimmt diese Moderation angesichts der wachsenden Zahl großer Sportveranstaltungen in Autokratien und Diktaturen automatisch an Bedeutung zu?
Das ist schon seit einiger Zeit so, denken Sie an die Winterspiele in Sotschi 2014, als der gigantische russische Dopingskandal erst durch ARD-Recherchen publik geworden ist.
Namentlich Hajo Seppelt.
Genau. Oder Peking 2008, meine ersten Spiele als junger Reporter. Da haben wir auch viel über die Unterdrückung Tibets durch China berichtet.
Besonders in Ihrer Brust schlagen zwei Herzen, nachdem sie vor zehn Jahren erstmals auch sportferne Reportagen gedreht haben. Wer darf da im Stockbett oben schlafen: der gesellschaftspolitische Journalist Jochen Breyer oder der wintersportliche?
Es ist kein Stockbett, sondern ein Doppelbett, und die beiden liegen schön nebeneinander. Ich interessiere mich sehr für tiefgründige Recherchen relevanter politischer Themen, bin aber genauso gerne einfach Sportfan, der die sportlichen Höchstleistungen bewundert, ohne immer einen Haken daran zu suchen.
War es ein Hauptgrund für Sie, in den Sportjournalismus zu gehen, weil man einer idealerweise objektiven, aber parteiisch-emotionalen Distanzlosigkeit dort freien Lauf lassen darf, ja mitunter muss?
Nein, der Hauptgrund war, dass ich schon sehr früh quasi zum Sportfan erzogen wurde. Ich habe mit meinem Vater, der selbst aktiver Sportler war und ist, ganze Wochenenden Wintersport geschaut. Und jeden Samstag das aktuelle sportstudio“. Während der Olympischen Spiele hätte ich gern zwei Wochen Schule geschwänzt, so wichtig war es mir, nichts zu verpassen.
Hätten oder haben?
(lacht) Kann schon sein, dass ich zufälligerweise während der zwei Wochen öfter mal Bauchweh hatte und nicht gehen konnte.
Worauf freuen Sie sich in Mailand und Cortina als Erwachsener am meisten?
Da die Spiele sehr dezentral stattfinden, in Cortina, Mailand, Antholz und ein paar weiteren Orten, haben wir uns dafür entschieden, unser Studio in Mainz aufzuschlagen. Am meisten freue ich mich dort auf die Schalten zu den Sportlerinnen und Sportlern, die den olympischen Geist zu uns transportieren werden.
Und welche Sportarten?
Da kann ich mich gar nicht entscheiden. Eishockey wird ganz besonders toll, weil die NHL-Cracks dabei sind. Biathlon ist schon immer eine meiner Lieblingssportarten. Aber genauso gerne schaue ich, kein Witz, Curling. Das wird ja gerne mal belächelt, aber ich kann jedem nur empfehlen, sich darauf mal einzulassen, Curling wird sehr unterschätzt.