Bezos’ Post & Artes Sins
Posted: February 9, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche
2. – 8. Februar
Von all den Ereignissen, die das frühere Land der Freiheit gerade schnurstracks Richtung Faschismus treiben, könnte eines irgendwann mal als besonders schicksalhaft gelten: Jeff Bezos‘ Entscheidung, die Washington Post zu zerstören. Mehr als ein Drittel der 800 Angestellten, unzählige davon im redaktionellen Betrieb, wurden Ende voriger Woche entlassen – woraufhin am Samstag auch Geschäftsführer Will Lewis das frühere Flaggschiff der Demokratie verließ.
Ob der Amazon-Chef einfach ein Feigling ist oder doch ein Faschist, wird die Zukunft vermutlich schneller klären, als uns allen lieb ist. Aber nachdem er die Wahlempfehlung für Kamala Harris untersagt hatte und dann Kommentare gegen die liberale Marktwirtschaft, liegt letzteres ein bisschen näher. Und damit eine Gleichschaltung, der Donald Trump das nächste Mosaiksteinchen hinzufügte. Nach einem völlig unspezifischen Witz über Epsteins Insel bei der Grammy-Verleihung, verklagt der US-Präsident Trevor Noah auf Schadenersatz.
Dass er so die Paramount Skydance Corporation trifft, muss da übrigens kein Widerspruch sein; deren Geschäftsführer David Ellison könnte es mit einer Milliardenklage im Nacken leichter fallen, missliebige Komiker wie Noah mundtot zu machen. Das öffnet dann wiederum den Aufmerksamkeitskorridor für Belanglosigkeiten à la Melania. Während wirklich niemand links der Rechtsextremen ein gutes Wort darüber verliert, kriegt sie nun unerwartetes Lob aus Deutschland.
Die Welt hat das PR-Porträt eines mutmaßlichen #MeToo-Täters nicht nur vergleichsweise positiv besprochen; das Springer-Blatt verunglimpft jede Kritik daran auch als politisch (also links-grün-woke) motiviert und zieht damit ideologisch langsam an rechtsextremen AfD-Fanzines von Nius bis Junge Freiheit vorbei. Wem das hier alles zu dystopisch ist: Gute Nachrichten gab es in den vergangen acht Tagen leider keine.
Die Frischwoche
9. – 15. Februar
Aber immerhin: das Streamingprogramm hat zwei positive Kleinigkeiten zu bieten. Und nein, damit ist weder explizit das Dschungelcamp gemeint, dessen Finale der am Ende doch noch überraschend redselige Gil Ofarim gewonnen hat, noch die Olympischen Winterspiele, deren Atmosphäre im Angesicht ihres demokratischen Austragungsort angemessen angenehm ausfällt bislang.
Auf arte.tv startet am Donnerstag die wirklich sehenswerte Thriller-Serie All the Sins. Unweit des finnischen Polarkreises suchen der hüftsteife Kommissar Lauri und seine lebenslustige Kollegin Sanna einen Ritualmörder. Das klingt zwar nach der üblichen Krimisoße; die Showrunner Mika Ronkainen und Merja Aakko machen daraus allerdings eine Milieustudie im evangelikalen Umfeld, der man auch die nächsten, zeitgleich verabreichten zwei Staffeln gerne abkauft.
Gleiches gilt für die großartige FX-Reihe Love Story, einer Anthology-Fiktionalisierung berühmter Liebesgeschichten, deren erste Staffel am Freitag bei Disney+ von John F. Kennedy Jr. & Carolyn Bessette handelt. Mit Paul Anthony Kelly und Sarah Pidgeon als New Yorks lukrativstes Glamour-Paar der Neunzigerjahre, macht Showrunner Ryan Murphy Elizabeth Bellers Novelle Once Upon a Time aber nicht nur zu einer bewegenden Affäre im Lichte ihrer Zeit.
Neunmal 50 Minuten lang erklärt sie auch passgenau, wie der analoge Boulevard ein paar Jahre vor Lady Dianas Tod bereits mit Vollgas auf den digitalen Pfad der Aufmerksamkeitsindustrie zusteuerte. Wie die Paparazzi hier gleichermaßen Täter und Opfer eines Systems informationeller Ausbeutung werden – das ist sogar noch stärker inszeniert als das weibliche Empowerment der Hauptfigur.