Martensteins Beule & Barbaras Shirin
Posted: March 9, 2026 Filed under: Uncategorized Leave a commentDie Gebrauchtwoche
2. – 8. März
Wie viel Fernsehprogramme pluralistische Länder brauchen, war noch nie Resultat rationaler Berechnungen. In der öffentlich-rechtlichen Monopolphase etwa wären ein paar mehr als zwei Programme wünschenswert gewesen. Danach war das duale System mit Kanälen wie 9live, Hope TV oder RTL2 am Rande der Kollektivverdummung übersättigt. Im digitalen Zeitalter nun geraten selbst seriöse Sender aufs Abstellgleis der Geschichte.
Namentlich: ARD alpha, tagesschau24 und One. Sie alle, das haben ARD und ZDF am Mittwoch verkündet, werden Ende 2026 abgeschaltet. Wenn die drei Spartenkanäle am Rand der Wahrnehmbarkeitsschwelle dann den Anforderungen des Reformstaatsvertrages zufolge in den Schwerpunkten Infotainment, Dokumentationen, Nachwuchs aufgehen, darf man das also – gerade für die Angestellten – als Einschnitt bezeichnen. Ein Kahlschlag ist es nicht.
Man muss im Gegenteil gespannt sein, wie er ÖRR dort Nachrichten künftig gewichtet. Merkwürdiger als während der Berichterstattung über Donald Trumps Angriffskrieg auf Iran jedenfalls kann es kaum werden. Der erste Rauch war kaum verzogen, da haben Tagesschau und heute ihre Hauptausgaben bereits mit deutschen Urlaubern und Energiepreisen eröffnet. Immerhin – als beide gestern die Landtagswahl in Baden-Württemberg begleitet haben, war das erstklassige Niveau politischer Berichterstattung wieder erreicht.
Besonders die ARD-Moderatorin Hendrike Brenninkmeyer hat ebenso unterhaltsam wie fachkundig durch den Wahlabend geführt und gezeigt, was auch die Volksabstimmung zur Abschaffung der Rundfunkgebühr in der Schweiz gestern belegte: Öffentlich-rechtliche Medien sind und bleiben Leuchttürme im Gegenwind kommerzieller Konkurrenten. Aus welcher fauligen Ecke der weht, stank vorige Woche schließlich gleich zweimal zum Himmel.
Am Montag diskutierten der ostdeutsche Populist Holger Friedrich und der westdeutsche Propagandist Mathias Döpfner in Berlin über irgendwas mit Medien und warum sie (außer ihre eigenen Verschwörungsfanzines Ostdeutsche Allgemeine und Berliner Zeitung oder Bild oder Welt) an allem schuld sind. Zuvor hatte Harald Martenstein (172) in seiner Bild-Kolumne verteidigt, dass der Anblick Minderjähriger bei CDU-Politikern schon mal die Hose ausbeult. Es sei „kein Vergehen, Mensch zu sein“. Stimmt. Ein misogynes Arschloch, schon.
Die Frischwoche
9. – 15. März
Das ist offenbar auch Greg Russo, weshalb alle die Titelfigur der gleichnamigen HBO-Serie nur nach seiner Romanfigur Rooster nennen. Das englische Wort für „Gockel“ scheint den Bestsellerautor halt gut zu umschreiben, als er seine Tochter (Charly Clive) an deren Ostküsten-College besucht und selbst zum Dozenten wird. Ein toxischer Cis-Mann um die 60, der seine Bedeutungslosigkeit nicht akzeptiert. Der Original-Stromberg Steve Carell aber verleiht ihm eine brüllend komische Tiefgründigkeit, die Rooster jetzt schon zu einer der Comedy-Serien des Jahres macht.
Während Showrunner Bill Lawrence den Achtteiler also in luftige Höhen seiner Fußballserie Ted Lasso steigen lässt, soll The Madison an Taylor Sheridanes Yellowstone andocken. Wenn ein Trauerfall die verzogene New Yorker Jet-Set-Sippe Clyborn ins robuste Montana nötigt, lässt er mal wieder bildgewaltig Stadt und Land kollidieren. Trotz Michelle Pfeiffer als Witwe auf Trauerbewältigungstour, zündet die Serie ab Samstag bei Parmount+ allerdings nicht so richtig.
Das gilt – auch wegen Matthias Schweighöfer – ebenso für den britisch-französischen ARD-Thriller Vanished, ab Freitag sechs Teila lang in der Mediathek. Dank Nicole Kidman könnte das Prime-Drama Scarpetta um die legendäre Gerichtsmedizinerin zahlloser Romane ab Mittwoch hingegen respektabler werden. Gleiches gilt auch für die spanische Unfallflucht-Erzählung Jene Nacht ohne Stars, aber mit großer Atmosphäre. Hierzulande steht aber eh alles im Schatten von Barbara.
Vier Tage, nachdem die ARD-Mediathek heute Guido Westerwelle zu dessen 10. Todestag porträtiert, will Netflix ab Freitag das popkulturelle Hamburger HipHop-Phänomen enträtseln. Doch so interessant Becoming Shirin David auch ist – die 90-minütige Doku belegt vor allem den Trend zur vollen (Selbst-)Kontrolle porträtierter Superstars und Medien wie zuletzt auch Bushido oder Bild.