Taylor Sheridan: Cowboys & The Madison

Fliegenfischende Konsumgören

Wie in Yellowstone schickt Taylor Sheridans (Foto: Paramount) Neo-Western The Madison das Land ins letzte Gefecht mit der Stadt. So wurde er zum wirkmächtigsten Showrunner unserer Zeit. Und nebenbei auch zum umstrittensten. Porträt eines modernen Cowboys. 

Von Jan Freitag

Städter sind wankelmütige Wesen. So zäh der Asphalt durch ihre Adern fließt, so geduldig sie den Lärm tagheller Betonwüsten bei Nacht ertragen, so komfortabel die Infrastruktur urbaner Räume das Leben darin auch macht: Für den sehr amerikanischen Filmemacher Taylor Sheridan reichen normalerweise ein, zwei Nächte unterm Sternenzelt der unberührten Landschaft Montanas, um selbst eingefleischte Metropolengewächse zu renaturieren.

Wie lange es bei Preston Clyborn gedauert hat, lässt die Paramount+-Serie The Madison zwar zunächst offen. Doch so, wie der New Yorker beim Fliegenfischen aufblüht, kann es kaum länger gedauert haben als kurz darauf bei seiner Frau Stacy – obwohl die Umstände völlig andere sind. Während der reiche Logistik-Tycoon (Kurt Russell) in der Blockhütte seines genügsamen Bruders Paul Erholung sucht und Erlösung findet, wird Stacy (Michelle Pfeiffer) wenig später ins Madison River Valley zitiert, um die Leiche ihres verunglückten Mannes zu identifizieren.

Weil er – so legen zahllose Rückblenden in Telefongespräche der glücklich verheirateten Großstädter nahe – fest entschlossen war, in Montana leben und sterben zu wollen, nimmt sie ihre verhätschelten Töchter plus Anhang mit zu einem Abschied. Er entwickelt sich allerdings zu einer Ankunft. Denn besonders Stacy gerät rasch in den Bann einer unberührten Natur, die auch von ihrem Mann Besitz ergriffen hatte.

Warum, zeigt Showrunner Sheridan nach eigenem Drehbuch in exakt jener Bild- und Tonsprache, die seit fast einem Jahrzehnt seine Philosophie und damit das fiktionale Erzählen insgesamt prägt. Es ist ein Duell der Tradition gegen die Moderne, den er trotz tougher Frauen im Cast vornehmlich Mann gegen Mann austragen lässt. Dafür schneidet Christina Alexandra Voros die Gegensätze wie so viele seiner Regisseure zuvor geschickt ineinander.

Wenn Preston im Westen glückselig Forellen angelt, schwenkt ihre Kamera aus Montanas Stille 2300 Kilometer ostwärts zur affektierten Konsumgöre Paige, die mit Designertüten bepackt durchs verkehrsumtoste Manhattan stöckelt. Wenn ihr Vater mit seinem räumlich getrennten, aber seelisch verwandten Bruder im Mondschein angeregt über die Sinnlosigkeit überschüssigen Reichtums sinniert, glotzt ihre Verwandtschaft einen Schnitt weiter auf teure iPhones im New Yorker Sterne-Restaurant und hat sich partout nichts zu sagen.

Wer hier wem moralisch überlegen ist, bedarf da ebenso wenig weiterer Erklärungen wie in Sheridans Welterfolg Yellowstone. Kein Wunder: Anfangs war The Madison als Spin-Off des wuchtigen Neo-Westerns mit Kevin Costner als Rancher im ungleichen Kampf mit der globalisierten Marktwirtschaft gedacht. Dafür ist vor knapp zwei Wochen ein anders Sequel gestartet. Es heißt Marshals und begleitet John Duttons Sohn Kayce (Luke Grimes) bei der Arbeit als Bundespolizist im ungleichen Kampf mit – genau: der Gegenwart in Gestalt skrupelloser Turbokapitalisten.

Moral gegen Milliarden, Überzeugung vs. Profitgier – wer wäre da nicht auf Seiten der vermeintlich Schwächeren. Problematisch an Sheridans Metaphorik ist jedoch, wie sie das reaktionäre Narrativ eines romantisierten Urzustands im Würgegriff des dramatisierten Ist-Zustands an der Kluft zwischen Stadt und Land, Ost und West, gestern und heute bedient. „Hollywood hat keine Ahnung, wie Menschen außerhalb von Los Angeles leben“, klagt Sheridan. Deshalb schreibe er nicht für „Kritiker in New York“, sondern „Leute, die dort leben“. Kein Wunder, dass „Yellowstone“ in den Trump-States der US-Provinz am besten läuft.

Sheridan ideologisch einzuordnen, schlägt dennoch fehlt. Der texanische Farmersohn sieht zwar aus wie ein Bilderbuch-Redneck. Und wie glaubhaft er als Rodeo-Macho Travis in „Yellowstone“ reiten, fluchen, Linke verachten kann, könnte auf vererbten Konservatismus hindeuten. Seit der 1. Staffel allerdings, die 2018 alle Abruf-Rekorde bei Paramount+ bracht, schafft es der Mittfünziger, politisch neutral zu sein. Dabei ist seine Prärie seit dem Reservat-Thriller Hell or High Water zwei Jahre zuvor ein dermaßen schönes Aufmarschgebiet sympathischer Steak- und Waffenfanatiker mit seltsamem Freiheits-, Natur-, Gewaltverständnis auf panzerartigen Pickup-Trucks, dass sie perfekt in die Werbespots der abgesetzten Heimatschutzministerin Kristi Noem gepasst hätten.

Von Sons of Anarchy bis Marshals ginge Sheridans Werk demnach häufig als PR für die National Rifle Association durch. Und da Frauen in dieser testosterongesättigten Welt mitunter einflussreich, aber stets sexy sind, käme es auch bei Trad Wifes gut an. Andererseits zieht sich der Respekt für amerikanische Ureinwohner bei spürbarem Hass auf rechte Milizen durch jede seiner Fiktionen. So schafft es der Showrunner, den reaktionären Ultraliberalismus gleichermaßen zu untergraben und überhöhen.

Vielleicht gelingt es dem eingefleischten Landei ja deshalb so unterhaltsam, die Kluft der Großstadt zu seiner Wahlheimat Montana in ergreifende Geschichten zu packen. Michelle Pfeiffer zum Beispiel spielt das verwitwete It-Girl mit einer trotzigen Würde, die es dem Publikum schwer macht, ihren Snobismus zu verachten. Mit Stacys standesbewusster Sippe fällt das zwar etwas leichter; die frisch getrennte Abby (Beau Garrett) und deren zickige Schwester Page (Elle Chapman) sind schlicht zu elitär für echte Empathie.

Da ihr Sprung aus der Metropole in die Einöde ohne Komfort, dafür mit Hornissennest im Plumpsklo, noch größter wirkt als bei Mama, konzentriert man die Schadenfreude jedoch auf andere. Pages linkischen Mann Russell (Patrick J. Adams) zum Beispiel, den die Natur in den Grundfesten seiner unternehmerischen Selbstgerechtigkeit erschüttert. Selbst ihm schaut man aber gern dabei zu, sich wie bei einem Stromausfall durchs finstere Tal zu tasten. Nachdem ihre Eltern stundenlang über Vor- und Nachteile von Stadt oder Land diskutiert hatten, müssen sie die fremde Umgebung schließlich in Echtzeit akzeptieren. Wer sich das aus Hamburg, München, Berlin zutraut, werfe den ersten Stein!

Man muss Städter halt – so lautet Sheridans Mantra aus jeweils drei realisierten und geplanten Yellowstone-Ablegern – nur mal so richtig mit Gottes Schöpfung konfrontieren, dann renaturieren sie sich quasi von selbst. Und wenn es nicht automatisch klappen will, tut das manipulative Sensorium des kontrollsüchtigen Filmemachers eben ihr Übriges. Montana gibt es daher nur zu majestätischer Geigenmusik, New York ausschließlich mit kakophonischem Hupkonzert.

Keine Frage also, wo Taylor Sheridans Herz schlägt: Weder links noch rechts, sondern in der Mitte eines Flusses namens Madison River, der sein Land metaphorisch teilt, aber auch bewässert. Mit Menschen wie Stacy, die ans andere Ufer tritt und schaut, wie es sich dort anfühlt. „Honey, I’m a beach girl“, sagt sie einmal zu Preston, als er ihr ein Foto seiner neuen Liebe Montana schickt. Weil das Strandmädchen vor Ort Herz, Augen, Seele öffnet, wird es allerdings zur Landfrau. Die Natur, Taylor Sheridans große Liebe, sie kann das.



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