Ulmens Absturz & Restles Abschied

Die Gebrauchtwoche

16. – 22. März

Die Unschuldsvermutung ist – wie der Gesetzesvorbehalt oder das Willkürverbot – ein rechtsstaatlicher Grundpfeiler. Er stützt allerdings eher Gerichte als Redaktionen. Es ist daher nicht nur legitim, sondern legal, Christian Ulmen als das zu bezeichnen, was er nach journalistischem Ermessen nun mal ist: schuldig, seine Ex-Frau Collien Fernandes digital vergewaltigt zu haben – auch und gerade, wenn Ulmens Manosphere die juristische Unschuldsvermutung jetzt sogar für Privatpersonen einfordert.

Aktuell fragt sich daher, welcher Mann mit akuter Privilegienverlustangst am schnellsten Schmutzkampagne ruft: Manuel Hagel, Markus Lanz, Jens Spahn, Richard David Precht? Ebenso interessant: wo Christian Ulmen 2029 wahrscheinlich sitzt – im Knast? Im Parlament? Im Dschungelcamp? Alles denkbar, wobei Christian Schertz zumindest ersteres verhindern soll. Ein Medienanwalt, der sowohl Täter (Til Lindemann) als auch Opfer (von Dieter Wedel oder Julian Reichelt) frauenverachtender Männermacht vertritt.

Vorerst letztes Rätsel, das keins ist: warum schweigt Ulmens Jerks-Buddy Fahri Yardim erst ebenso laut wie Großteile der männlichen Film- und Fernsehbranche, um sodann ein wachsweiches Wischiwaschi-Statement abzugeben, während haltungsstarke Kolleginnen wie Pheline Roggan schnell und klar Stellung beziehen? Die Antwort war auch bei der Oscar-Verleihung zu hören, wo bis auf einen Dokumentarfilmer niemand lautstark gegen die aufkeimende Diktatur Donald Trumps aufbegehrte: Selbst Demokratien sind 2026 nicht mehr postheroisch, sondern postcouragiert.

Das zeigt sich auch und gerade in Deutschland, wo der leitkulturkämpferische Gesinnungsschnüffler Wolfram Weimer zwar Buhrufe in Leipzig erntet. Doch wenn sich liberale Medien von der Süddeutschen bis zur Zeit in der Branche umhören, dürfen sie nahezu niemanden namentlich zitieren. So groß ist die Angst vor Wolframs Weimerer Republik, in der nur klassische Opern, deutsche Landschaften und Arno Breker als artgerechte Kunst akzeptabel, also förderungswürdig sind.

Die Frischwoche

23. – 29. März

Was der hirschgeweihte Weimer demnach mögen dürfte: Vermutlich die Dokusoap Me, Myself, Mallorca, in der die ARD-Mediathek ab Dienstag fünf deutsche Frauen sechs Folgen lang beim konsumsüchtigen Entertainment Superreicher und Ballermänner auf Deutschlands liebster Insel beobachtet. Oder die zehnteilige Abenteuer-Serie Nautilus nach Jules Verne, ab Freitag in der ZDF-Mediathek. Nett – wie die Realfilm-Adaption von Lucky Luke, ab heute bei Disney+.

Dem WDR dagegen dürfte Weimer heimlich den Verfassungsschutz auf den Hals des linksgrünversifften Georg Restle gehetzt haben, der tags zuvor seine letzte Monitor-Sendung nach 26 Jahren moderiert. Mit dem Rest der Woche dürfte der patriotische Kulturstaatsminister allerdings schon wegen der Fremdsprachlichkeit fremdeln. So wie die US-Dramedy Bait von und mit Riz Ahmed als er selbst, ab Mittwoch bei Prime.

Oder der Netflix-Horrorserie Something Very Bad is Going to Happen tags drauf um ein verlobtes Paar, das vor der Hochzeit noch mal in der Waldhütte übernachtet. Schlechte Idee. Und natürlich das Sequel der Medical-Legende Scrubs (Mittwoch, Disney+, in dem die angehenden Ärzte endlich erwachsen, aber noch immer oft unreif sind. Im britischen Sechsteiler Code of Silence ermittelt ab Freitag (ARD-Mediathek) derweil ein tauber Kommissar. Und in der Netflix-Reihe Jo Nesbø’s Detective Hole ein hard boiled lonely wolf der ganz alten Schule. Eher unfreiwillig komisch.

Was Wolfram Weimer wohl so richtig auf den neurechten Zeiger geht? Das ARD-Projekt Banausen – Comedy. Theater. Chaos. Comedians wie Nico Stank, Tülin Sezgin oder Tom Böttcher verballhornen darin nämlich Theater-Klassiker wie Ein Sommernachtstraum. Frechheit! Skandal! Frevel! Wie das, womit der emsländische Windkraft-Schwindler Hendrik Holt in der ARD-Mediathek ab Freitag Investoren ausgenommen hat. Passend dazu zeigt Neo Sonntag die Animationsserie Kunz um einen übellaunigen Globus im Angesicht all der Krisen.



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