Mesut Özil: ZDF-Doku Zu Gast bei Freunden
Posted: March 25, 2026 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentLinksfuß und Rechtsruck
Mesut Özil (Foto: ZDF und picture alliance/Markus Gilliar) ist fraglos einer der besten Fußballer aller Zeiten. Und obendrein einer der umstrittensten. Die ZDF-Doku Zu Gast bei Freunden? nähert sich dem Zwiespalt einer außergewöhnlichen Persönlichkeit seit 20. März in der Mediathek drei Teile an – ohne ihn zu werten.
Von Jan Freitag
Markus vermutlich. Thomas natürlich. Oder wenigstens Jens. „Wir haben kurze Zeit überlegt, ob ich mich umbenennen soll“, erinnert sich ein Mann, der dummerweise weder Markus noch Thomas oder wenigstens Jens heißt, sondern anders, fremder, türkisch. Genau 100 Jahre nach seiner Vereinsgründung hätte Schalke 04 einen der, wenn nicht den besten Fußballer Deutschlands ja in die Jugendabteilung aufgenommen, falls sein Name eingeboren klänge. Reine Spekulation, gewiss.
Aber wie Mesut Özil im Sommer 2017, als alles noch irgendwie gut war, dem Sportreporter Frank Buschmann in London von seinem Karrierestart berichtet, da deutet sich schon irgendwie an, was noch auf ihn zukommen sollte. Mehr als genug jedenfalls fürs sanfte Gemüt eines begnadeten Linksfußes, der den Rechtsruck seiner vermeintlichen Heimat am eigenen Leib erfahren musste wie kaum jemand sonst im Rampenlicht. Mehr als genug also auch für eine Dokumentation, die beides ergründen möchte – den Linksfuß und den Rechtsruck.
Vorweg: es gelingt Regisseur Florian Opitz mindestens genauso gut wie in seiner brillanten Arte-Erkundung Capital B, die das wiedervereinigte Land vor drei Jahren fünf Teile lang am Beispiel der erwachenden Berliner Clubkultur nach 1989 erklärt. Jetzt also erklärt er das tiefgespaltene Land am Beispiel ihres besten Fußballers seit Kaiser Franz. Und schon das Satzzeichen am Ende des Titels macht deutlich, wie kompliziert diese Beziehung ist: Zu Gast bei Freunden? Daheim war er hier nämlich nie so ganz. Doch der Reihe nach.
Aufgewachsen in Rufweite des Schalker Stadions, die nur von PR-Beratern und Sport-Reportern „Veltins-Arena“ genannt wird, hat sich Mesut Özil über alle Klippen einer tendenziell xenophoben Mehrheitsgesellschaft hinweg nach oben gekickt. Als Gastarbeiterkind der dritten Generation 1988 in Gelsenkirchen geboren, behinderte Mesut Özils Buchstabenfolge nur anfangs den Aufstieg. Nach kurzem Exil bei Rot-Weiß Essen, erzählte er dem Sky-Reporter Buschmann vor neun Jahren im bislang unveröffentlichten Fernsehinterview, holte ihn sein Herzensverein doch noch in die U-19 von Schalke 04.
Und von da ab? Aufwärts, sonst nichts. 2006 erstes Ligaspiel. 2009 erstes Länderspiel. 2010 erstes WM-Spiel. Danach Wechsel zu Real und Arsenal, Landes- und Weltmeister, Megastar mit 100 Millionen Followern und Eigenmarke M10. The sky was the limit. Bis zum 14. Mai 2018. Da wurde ein Foto mit ihm (und Nationalmannschaftskollege Ilkay Gündoğan) an der Seite von Recep Tayyip Erdoğan publik. Als türkischer Präsident auf dem Weg zum Diktator der denkbar schlechteste Bildbegleiter eines muslimischen Fußballers mit Migrationshintergrund. In einem Land zumal, das gerade hart nach rechts abgebogen war.
Mit stichhaltigen Zeitzeugen von Özils Vater und Manager Mustafa über Gesamtschullehrer, Jugendtrainer, Langzeitbeobachter, Spielerberater bis hin zu A-Promis Kategorie Löw, Bierhoff, Mertesacker grast das ZDF die Geschichte nach der üblichen Starporträt-Metrik ab: In drei Episoden à 45-60 Minuten folgt dem Aufstieg (Der will doch nur spielen) demnach die Ankunft (Staatsfreund Nr. 1), bevor es mit Das Foto abwärts geht.
Virtuos, aber (zum Glück) nicht übertrieben ehrgeizig montiert von Jamin Benazzouz und Marielle Pohlmann, verbindet Florian Opitz die Einzelteile seiner verblüffenden Karriere dabei zu einem Gesamtbild, das mehr über unsere Gesellschaft als Mesut Özil aussagt. Ohne Details zu spoilern, wurde der Rand des Puzzles vorm Winter 2015 gelegt, als seine Heimat offen, divers, liberal war wie nie zuvor und selten danach. Mit einem Weltmeister von so erfrischender Vielfalt im Herzen, dass selbst der rechte Rand ein bisschen mitjubelte.
Zumindest bis die „Flüchtlingskrise“ Ende 2015 auch das Innere eines Puzzles füllte – erst mit Pegida und dann einer rassistischen Partei, die mittlerweile 14 von 16 Landesparlamenten plus Bundestag besetzt. In dieser Atmosphäre bauschten AfD und Springerpresse, aber auch DFB und bürgerliche Parteien bis hin zu den Grünen Mesut Özils kurze Erdoğan-Visite so lautstark zum Landesverrat hoch, dass der Bruch kaum noch zu kitten war. Wer nicht alle Details dieser kollektiven Entfremdung kennt, dürfte daher besonders vom dritten Teil (negativ) überrascht werden. Die Stimmung jedenfalls, sagt der Sportsoziologe und Özil-Biograf Dietrich Schulze-Marmeling, wurde seinerzeit „immer hysterischer“.
Dass Florian Opitz den damaligen Bild-Sportchef Walter M. Straten nicht als publizistischen Brandstifter, sondern gewöhnlichen Berichterstatter interviewt, ist da zwar ebenso seltsam wie die ständige Einblendung seiner Zeitung als Wasserstandsmeldung der jeweiligen Debatte. Alle anderen aber machen verständlich, wie groß die ideologische Last auf dem kleinen Ausnahmekicker war. Die Spiegel-Korrespondentin Özlem Topçu und ihr Welt-Kollege Deniz Yücel etwa schaffen es souverän, Deutschlands Migrationsgeschichte mit Mesut Özils Einzelfall abzugleichen.
Besonders hoch ist Zu Gast bei Freunden? dabei anzurechnen, dass die meisten von Florian Opitz Gesprächspartnerin ihr Untersuchungsobjekt zur psychotischen Musik der Kölner Elektro-Avantgardisten Von Spar erst am Ende kurz bewerten. Mesut Özils politische Haltung bleibt somit Privatsache statt Gegenstand wilder Spekulationen. Ähnlich wie die Frage übrigens, was aus Mesut Özil geworden wäre, wenn er, sagen wir: Thomas Müller hieße. Ein schlechterer Fußballer vermutlich nicht.
