Unschuldsvermutung & Geschichtsklitterung

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. März

Soll man da lachen oder weinen, sich amüsieren oder echauffieren? Über Tage hinweg wurde ein Finnwal zum Medienthema, das vieles andere in den Schatten stellte. Übers wegweisende Urteil eines US-Gerichts zur Suchtgefährdung sozialer Plattformen von Google bis Meta beispielsweise oder den Tod des Film- und Fernsehrevoluzzers Alexander Kluge war jedenfalls nicht halb so viel zu sehen, lesen, hören wie vom Koloss vor Wismar. Ein gestrandetes Tier, das bei denselben Menschen und Medien maximale Empathie entfacht, denen Nutztiere oder Meeresschutz ansonsten oft völlig egal sind.

Menschliche Hybris in a nutshell.

Während die Aufmerksamkeit für Putins Vernichtungskrieg in der Ukraine aktuell gegen null tendiert, knackt ein ähnlich belangloses Ereignis entsprechend Weltrekorde. Der Trailer des neuen Spiderman-Films mit Tom Holland und seiner Freundin Zendaya wurde am ersten Tag fast 800 Millionenmal geklickt und knackte Stunden später die Zehnstelligkeit. Immerhin: Das Interesse an der digitalen Vergewaltigung von Collien Fernandes durch ihren Ex-Mann blieb hierzulande im Vergleich ähnlich hoch.

Was wir gelernt dabei haben: die Unschuldsvermutung gilt zwar für männliche Täter – es sei denn, Friedrich Merz findet ihren Migrationshintergrund, dann aber ab in den Knast. Weibliche Opfer sind dagegen auch ohne Urteil gesichert straffällig. Während Geschlechtsgenossen Christian Ulmen bis zur juristischen Klärung freisprechen, unterstellten sie seiner Ex-Frau im Umkehrschluss auch ohne Richterspruch von übler Nachrede über Falschbehauptung bis zum Betrug schließlich unbeeindruckt alles erdenklich Kriminelle.

Männliche Hybris in a nutshell.

Die allerdings weibliche Unterstützung erfährt. Von Monika Gruber etwa, die auf X gefälschte Profile von sich geteilt und „Achtung: Diese beiden Profile sind Fake. Ich fühle mich virtuell vergewaltigt“ daruntergeschrieben hat. Ob sie zu dumm oder zu verblendet ist, das Wesen der Debatte zu begreifen, wissen womöglich ihre Fans von der AfD besser als die neurechte Verschwörungskomikerin.

Und damit zu einer eigentlich komplett unverfänglichen Serie: Mit elf Nominierungen ist Adolescence bei den BAFTA im Mai absoluter Topfavorit. Und zwar ungeachtet einer Tatsache, die auch der Fall Fernandes wieder ins Rampenlicht rücken sollte: Philip Barantinis Meisterwerk widmet sich voll und ganz dem Täter. Das Opfer? Bleibt wie so häufig im True Crime-Boom nahezu unsichtbar.

Die Frischwoche

30. März – 5. April

Das gilt wie so häufig aber auch in der Fiktion. Dort treibt abermals ein Serienkiller sein Unwesen. Und zwar an ungewohnter Stelle: im nationalsozialistisch besetzten Prag wenige Wochen vor Kriegsende. Im vierteiligen ARD-Krimi Sternstunde der Mörder wird der tschechische Polizist Morava (Jonas) also vom SS-Obergruppenführer Meckerle und dem Gestapo-Mann Buback (Nicolas Ofczarek) bewacht. Weil die Shoah allenfalls am Rande vorkommt, klingt die Romanverfilmung obendrein verteufelt nach Geschichtsklitterung.

Zumal Degeto den Vierteiler auch noch gemeinsam mit dem rechten Schwurbelsender Servus TV produziert. Das Ergebnis kann sich trotzdem sehen lassen. Auch wenn die Opfer des Ritualmörders ab Freitag im Ersten so namenlos bleiben wie das bei Adolescence. Abgesehen vom Abschied des ewigen Tatort-Duos Leitmayr/Batic am Osterwochenende wars das aber auch mit bemerkenswertem Fernsehen. Die deutsche Hunde-RomCom Eat Prey Bark ist ab Mittwoch bei Netflix jedenfalls kaum der Rede wert.

Gleiches gilt für Parshad Esmaeilis Gameshow Neo Match Up, in der die Stand-up-Komikerin bei der Suche nach Vorurteilen ab heute leider viel zu häufig auf Lautstärke statt Feinsinn setzt. Prime setzt das Erfolgskonzept Pumuckl zwei Tage später sechs Teile lang in einer Real-Life-Show fort. Und im Havelland-Krimi jagt das ZDF ab Freitag wie jeden Freitagabend Verbrecher – wenngleich mit Denenesch Zoudé als Staatsanwältin. Der Vollständigkeit halber: Heute startet bei Viaplay die ukrainische Crime-Serie Double Stakes. Mittwoch dokumentiert die ARD-Doku Kings of Scam das Phänomen Smishing. Zwei Tage drauf aktualisiert das ZDF sechs Folgen Astrid Lindgrens Feel-Good-Story Ferien auf Saltkrokan.



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