After Benjamin: Rassismus & Empathie
Posted: April 7, 2026 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentBrüllende Stille am Fjord
Die ZDF-Serie After Benjamin (Foto: ZDF) erzählt einen rassistischen Mord in Norwegen 2001 nach – und zwar strikt aus Sicht der Betroffenen. Die Täter bleiben dabei unsichtbar. Gute Entscheidung in einer Realfiktion, die das Schlechte im Menschen thematisiert, aber an das Gute im Menschen glaubt
Von Jan Freitag
Das Böse ist nicht nur faszinierender als das Gute, es ist auch lauter. Was Sozialwissenschaftler mal Rage Baiting, mal Negativity Bias nennen, dringt schneller ins Bewusstsein vor, verweilt dort länger, hinterlässt tieferen Eindruck und wirft die Frage auf, ob Radau der Ruhe grundsätzlich überlegen ist. Mikael Diseth beantwortet sie nun mit der brüllenden Stille einer Serie, die fast zu leise ist, um wahrnehmbar zu sein.
In After Benjamin erzählt der Regisseur mit Co-Autor Lev David einen realen Kriminalfall nach. Am 26. Januar 2001 haben Neonazis den schwarzen Teenager im Osloer Vorort Holmlia erstochen. Es war der erste nachgewiesen rassistische Mord Norwegens seit dem 2. Weltkrieg. Hundertausende demonstrierten landesweit gegen rechte Gewalt. Die Empörung übers lokale Weltereignis war so laut, dass Michael Jackson dem 15-Jährigen sein letztes Album Invincible widmete. Es war ein Aufschrei.
Umso erstaunlicher ist es, wie leise ihn das norwegische NRK mit sieben Sendern ums deutsche ZDF inszeniert. Wobei: erstaunlich wäre es nur, wenn auch diese Real-Crime-Fiction den Fokus auf Täter, statt Opfer legen würde wie die voyeuristischen Gewaltpornos der Netflix-Reihe Monster. In der ZDF-Mediathek wird ab heute dagegen nicht nur das Verbrechen selbst nur angedeutet. Sechs Teile lang bleiben auch die Verbrecher komplett unsichtbar.
Dieser Perspektivwechsel vom Objekt zum Subjekt ist gerade am Tatort Deutschland selten. Neun Jahre nachdem Züli Aladağs Beitrag zur ARD-Trilogie „Mitten in Deutschland“ die Familie des NSU-Opfers Enver Şimşek bei der Trauerarbeit begleitete, nahm Dustin Lohses Drama Die Nichte des Polizisten vorigen Herbst zwar ebenfalls die Ziele der drei Neonazis in den Blick. Ansonsten aber sind besonders Skandi Noir genannte Krimis nordeuropäischer Herkunft geradezu versessen auf Täterbiografien.
So gesehen betritt After Benjamin echtes Neuland. Im Grunde geht es Mikael Diseth nämlich noch nicht mal ausschließlich um die Hinterbliebenen einer monströsen Tat überführter und verurteilter Neonazis. Seine Erzählung nimmt den Ort des Geschehens unter die Lupe. „Du hast sich schon von Holmlia gehört, ein echtes Dreckslos“, sagt ihr eingeborener Erzähler (Nader Khademi) gleich zu Beginn in der Gegenwart und fragt uns: „Aber warst du mal da?“ Waren wir – wie auch die meisten Norweger – noch nicht. Noch nie.
Umgeben von Wald und Reichtum, aber ohne Renommee und Haltestelle, meint seine Jugendversion (Asher Abbas Naqvi) zwei Jahrzehnte zuvor, sei der Vorort das genaue Gegenteil dessen, was Medien und Mehrheitsgesellschaft darin sehen. Eine Gemeinschaft nämlich, in der Menschen aller Nationalitäten nicht nur friedlich miteinander leben, sondern füreinander da sind. Und das zeigte sich nirgends deutlicher als nach Benjamin Hermansens brutalem Tod Anfang 2001.
Zehn Jahre, bevor Anders Breivik die norwegische Konsensdemokratie Mitte 2011 im Blut seiner 77 Todesopfer ertränkte, schildert die Serie den Vorort als leicht zerkratztes, aber sehr intaktes Paradies, aus dem sich die Bewohner selbst vom Sündenfall des rechten Terrors nicht vertreiben lassen. Und um die Resilienz des dörflichen Kollektivs zu zeigen, beleuchtet Mikael Diseth seine Kinder – vor allem Bennys zwei besten Freunde Elias (Sam Ashraf) und Lina (Victoria Hoang).
Durch ihre glasigen Augen sieht das Publikum, was blinder Hass mit den Betroffenen macht – und was eben nicht. „Ich hoffe, wo du bist, gibt es keine Dunkelheit und keine Hautfarben“, liest die vietnamesische Norwegerin Lina wie so oft in der Serie aus ihrem Tagebuch vor. „Ich hoffe, da sind gute Menschen, die gute Sachen sagen“. Gute Menschen wie zuhause in Holmlia also, die wie Benny Mutter Marit (Linn Skåber) ihre Arme nicht nur verschränken, sondern öffnen. Die wie Elias lieber schweigen als herumzubrüllen. Die allesamt keine Engel sind, aber eher in sich gehen, statt aus der Haut zu fahren.
Zum Glück allerdings taucht Mikael Ditseth diesen Geräuschpegel nicht in die sämige Soße einer philorassistischen Ode an Frieden, Freude, Eierkuchen. Mitunter dürfen Opfer deshalb Täter sein. Auch Holmlia kennt Hakenkreuze, Delinquenz, Gewalt. Der Lichterkettenmoment täuscht kurz vorm islamophoben Backlash nach 9/11 nie darüber hinweg, dass der Rassismus auch in Norwegen nur pausierte. Aber die Stille, mit der After Benjamin den Mord in aller Konsequenz schildert, ist eindrücklicher als jeder True-Crime-Thriller mit Who-Dunnit-Spannung. Der Sechsteiler klingt mehr nach Tinnitus als Tatort. Und das ist gut so.