Kreuzfahrt – AIDA Rostock-St.Petersburg

Kein Albtraumschiff

Aus: Traumreisen 4/2012

Von Jan Freitag

Mit dem Clubschiff zu verreisen, ist für Individualreisende der Horror. Wer es dennoch auf einem Linienkreuzer wie der AIDA versucht, erlebt sein knallbuntes, sehr lautes, aber auch unvergleichliches Wunder. Ein Frontbericht.

Melodie aus jeder Ritze. Von überhall, so scheint es, kommt Musik. Kein Ort an Bord, der ohne Soundtrack bliebe. Selbst bei der idyllischen Schäreneinfahrt im Morgengrauen, die Stockholmer Inselwelt auf halber Kraft durchmessend, suppt seichter Pop über die Reling. Stille, Schweigen, innere Einkehr? Nirgends, nicht hier, an Bord eines Clubschiffs. Wer so übers Meer fährt, sollte sich schon an Land von der Idee verabschieden, die 14 Decks duldeten irgendwo je Ruhe. Auf diesem Pott von der Länge dreier Fußballfelder sind einzig die 1097 Kabinen schallreduzierte Zonen. Kreuzfahrt – im Jahr 2012 heißt das vor allem: Samba Samba die ganze Nacht. Klingt furchtbar? Ist es auch. Und wunderbar. Je nach Perspektive. Und die ist bei 2000 Passagieren auf derlei Giganten aus grauem Stahl und greller Farbe durchaus einheitlich: Nur her mit den Eindrücken pro Sekunde! Unterhaltet, beschallt, berieselt uns! Dazu ein Schiff wie ein Refrain: Let me entertain you!. Die zugehörige Strophe läuft lange vorm Zustieg.

Denn schon beim Check-In umgibt die euphorisierten Menschenschlangen eine Kakophonie hektischer Betriebsamkeit. Die gibt’s auch beim Desinfizieren am Kai, wo falsche Matrosen ekstatisch Einstiegsfotos befehlen (und kriegen). Drinnen geht es weiter, wo echte Asiaten das Gepäck durchleuchten (und den Alkohol behalten). Und es endet auch nicht im das turmhohe Treppenhaus seine lebende Fracht in die Gangfluchten entlädt mit ihrer bunten Eintönigkeit. Dieses Gewitter klingt ab sofort nicht mehr ab, zehn Tage auf der Ostsee, eine Überdosis Aido. Auf so einem Dampfer, besser: Hochhaus mit Dieselantrieb, eher Kleinstadt als Kreuzfahrer – auf diese Art zu reisen ist wie ein stilles Abkommen, lärmend bespaßt zu werden. Und da ist von Landausflügen, der Quintessenz des Linienfahrens, noch gar nicht die Rede. Erstmal ist Seetag.

Von Rostock zum ersten Halt Estland ist es eine mächtige Strecke. Erst 37 Stunden nach Ablegen küsst der gepinselte Mund am Bug die Hauptstadt Tallinn, ein hanseatischer Ausflugstraum, bezaubernd und spannend wie alle Stationen: Petersburg, Helsinki, Stockholm, Danzig, Kopenhagen. Doch bis zum ersten Stopp herrscht Aufbruchsstimmung. Die Vielfahrer belegen ihre Vertrautheit durch ostentative Verweise auf alles, was unverändert sei („guck mal, gibt wieder Oktoberfest“) ab. Anfänger staunen leiser über alles („die ham hier ja’n Blumenladen!“). Gemeinsam stromert alles aufgeregt durch einen Irrgarten, der sich den meisten nie vollends erschließt. Abfahrt ist Landvermessung auf See: das Heim auf Zeit wird sondiert, ein Anbändeln ohne Verzug, denn so wild die Dekors auch an allen Wänden sprießen, so geschmeidig sich das Leitmotiv Siebzigerjahre mit modernen Materialien und uniformem Mobiliar vermischt, so psychedelisch das Interieur anfangs flimmert: Am Ende ist alles eins und nichts dem Zufall überlassen, ein Saal wie der nächste. Leitmotiv nennt sich das: Orangebraunrot mit Lindgrünlila, alles etwas kräftig, alles sehr einprägsam, keinesfalls hässlich, doch nichts, was in der Natur vorkäme.

Das macht ein Clubschiff zur Antithese jener Bodenständigkeit, die Clubschiffen wie ein Makel anhaftet. Alles daran, darin, darauf ist artifiziell, eine Art einvernehmlicher Betrug. Wie der, Orte nach fünf Stunden organisiertem Landgang auch nur grob zu kennen. Oder dass täglich vier Fütterungen Essen sind statt Mast, die Tischweine gut, nicht bloß gratis, 1000 Hummer zum Abschied Luxus statt Gag und die Cocktails an zwölf Bars mehr als nur Metapher für eine Exotik, die diese Art Schiff- der Kreuzfahrt so rentabel ausgetrieben hat. Vor allem aber ist es eine Illusion, dass dieser Freizeitstress Fun ist. Fun Fun Fun. Allein: wer will’s hier anders? Keiner! Nicht die Orgelpfeifensippe aus dem Rheingau, deren edler SUV für 165 Euro Gebühr am Ufer parkt; nicht das Goldene Hochzeitspaar bei ihrem elften Törn auf gleicher Route, diesmal zwei Enkel im Schlepptau; nicht die kolumbianische Botschaftsangehörige, deren Mann auf dem Oberdeck im Golfkäfig trainiert. Nicht die alleinerziehende Mutter mit drei Teenagern, nicht das Kölner Single-Pärchen in der Innenkabine, ja nicht mal der Autor, der trotz unisono bestätigter Vorurteile glücklich, ach: selig zurückkehrt. Das macht ihn zum Teil eines Organismus. Was Fremde als kollektives Wachkoma verhöhnen, verschweißt Besatzung und Gäste zur Notgemeinschaft. Mag auf den Kabinenpreis zweier Bruttodurchschnittslöhne noch die vierstellige Summe für Trips, Drinks und Tralala hinzukommen, mag man von alledem zwei Monate gediegen durch Südamerika reisen können, mag man nach zehn Abenden auf ewig genug haben von Roulette und Flipper, Showtanz und Artisten, Bord-TV und Dauergedudel – hier Ferien machen, heißt, Abstand zu nehmen von allem, denn so wie auf dem Clubschiff ist es nirgends sonst.

Obwohl: Wenn Wüstenwandern dem Freejazz des Urlaubs entspräche und Bildungsreisen Beethoven, wenn Backpacking Punkrock wäre und Strandurlaub Kuschelrock – dann ist Clubschiff gleich Musical. Die Menschen lieben das. Warum auch nicht.



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