Felicitas Woll, Hamburg 2012

Man will ja auch mal abschalten

Felicitas Woll lächelt nett, zur Begrüßung in einem Hamburger Luxushotel. Sie hat nette Klamotten an, einen netten Pulli, dazu hohe, aber nicht übertrieben sexy Stiefel, ihre Händedruck ist eher lasch als tough. Keine Powerfrau, so scheint es. Dabei ist die 33-Jährige aus Hessen als Schauspielerin längst gebucht auf vergleichsweise zähe Frauen wie die des Autopioniers Benz in Carl & Bertha (Samstag, SWR, 20.15 Uhr), eine historische Figur, das liegt ihr seit der Hauptrolle in Dresden vor acht Jahren. Damals spielte sie sich frei von ihrem Rollentypus der süßen Tanja aus Die Camper, mit er die Karriere der Krankenschwester 1998 begann. Oder der süßen Victoria aus Mädchen Mädchen drei Jahre später. Oder der noch süßeren Lolle beim Durchbruch Berlin Berlin. Oderoderoder. Jetzt darf sie sogar eine Kommissarin spielen in einer ZDF-Krimireihe. Reif sieht sie darin aus. Bisschen süß aber auch, noch immer.

freitagsmedien: Frau Woll, interessieren Sie sich für Autos?

Felicitas Woll: Nicht übermäßig, aber ich fahre sehr gerne und schaue älteren Modellen hinterher, so langweilig wie die neueren geworden sind. Ich könnte unmöglich aufs Auto verzichten, aber das Interesse gilt nur der Mobilität. Und der Ästhetik.

Zur Reparatur taugen Sie nicht?

Nee, nee, nee, nee, nee! Nicht mal eine Zündkerze. Meinen kleinen umweltfreundlichen Fiat 500 bringe ich schön in die Werkstatt.

Was finden Sie als Zuschauerin also interessanter an Carl & Bertha – das Technische oder die Romanze?

Wäre es eine fiktive Geschichte, fände ich die Romanze schöner, aber weil es eine wahre Erzählung ist, hat beides seine Bedeutung. Es ist die Geschichte eines Erfinders, der dafür verteufelt wurde, was er nur dank seiner Frau durchstehen konnte, die ihn jahrzehntelang unterstützt hat. Als ich mich erstmals mit dem Thema befasst hatte, interessierten mich die technischen Aspekte vor allem durch die Vermittlung der menschlichen daran. Wie sich Carl und Bertha gegen alle Konventionen und Widerstände gestellt haben – das beeindruckt mich sehr.

Wobei der Kfz-mechanische Teil des Biopics natürlich bestens belegt ist. Wie steht es mit dem zwischenmenschlichen?

Da ist die Textlage dünner. Es gibt ein paar zeitgeschichtliche Dokumente, die Lebensläufe, der Rest ist der Stimmigkeit der Gesamterzählung geschuldet.

Wie authentisch ist da die moderne Schilderung der Bertha Benz – ist es die Frau, die wir gern in ihr sähen, oder die, die sie tatsächlich war?

Von beidem etwas. Sie muss eine moderne Frau gewesen sein, um den reichen Schwiegersohnkandidaten ihrer Eltern für einen armen Träumer abzulehnen, für dessen Traum sie sich ihre Mitgift auszahlen lässt und später gar im ersten Langstreckenversuch testet. So was war im 19. Jahrhundert sicher nicht normal.

Aber auch darüber hinaus ist ihre Art zu leben, zu reden, zu sein eher aktuell, wie es in all den Frauenfiguren von Margarethe Steiff über Dr. Hope bis Marion Gräfin Dönhoff derzeit üblich ist. Filmen wir uns die Frauen von damals nicht stärker als sie waren?

Frauen wie diese, die sich in Männerwelten durchsetzen konnten, waren ihren Geschlechtsgenossinnen ohne Zweifel voraus. Die hat es immer gegeben, sonst wäre es mit der Emanzipation heute nicht weit her. Da stand die starke Frau eben nicht hinter einem starken Mann, sondern daneben.

Ließe sich ein Biopic auf dem Sendeplatz auch erzählen, wenn man die ganze Lebenswelt von damals erfasst, die häusliche Gewalt, die Hierarchien, das enge Regelkorsett?

Er ließe sich jedenfalls schwerer unterhaltsam erzählen. Und häusliche Gewalt ist ja weiter so verbreitet, dass sie oft genug zum Thema aktueller Filme wird, die nicht den wichtigen Handlungsstrang der Erfindung des Autos haben. Man kann nicht in jedem Film alles erzählen, für eine Romanze wäre das untauglich. Man will ja auch mal abschalten von der Realität.

Käme so ein Leben mit fünf Kindern im Schatten eines Mannes für Sie in Frage?

Nein, aber es gibt genug Frauen, für die das die Erfüllung von Familie, von sich selbst, ihrer Wünsche wäre. Ich bin auch gern zuhause und gerne Mutter, das sollte man nicht zu eindimensional sehen. Zumal so eine Frau für die neue Generation Männer ja auch nicht mehr erstrebenswert ist.

Hat die eigene Mutterschaft Ihren Blick aufs Leben da sehr verändert?

Nicht grundsätzlich, aber in manchen Momenten fällt es auf, wie sich meine Wünsche, meine Ziele gewandelt haben. Ich bin nicht mehr so auf Riesenkarriere aus, kann aber nach wie vor mein eigenes Leben leben. Solange das noch möglich ist, was ich jeder Frau wünsche, sind die Voraussetzungen perfekt. In meiner Situation überlege ich mir jeden Auslandsdreh zweimal, aber es gibt ja auch noch den Vater.

Der kein Erfinder ist, der nächtelang in der Werkstatt an seinem Traum bastelt?

(lacht) Ach, der erfindet und bastelt schon viel, aber er will damit nicht die Welt verändern.

Carl Benz wollte es und war sich dessen voll bewusst. Im Gegensatz zu den Konsequenzen. Kann man ihn im Licht des Klimawandels bloß als Erfinder betrachten?

Das muss man sogar. Sein Ziel war die Mobilität, die Demokratisierung des Transports. Von Umweltschutz konnte er noch keine Ahnung haben. Sein Auto hatte nur einen Hebel, vorwärts und rückwärts; ich bin unlängst mit einem Benz abgeholt worden, der schon mir wie ein Raumschiff vorkam mit all den Schaltern, Monitoren, elektrisch verstellbaren Sitzen und Hunderten von PS. Wie wäre es ihm da erst vorgekommen? Wenn er das geahnt hätte, hätte er es in seine Überlegungen mit einbezogen, so gut hab ich ihn mittlerweile kennengelernt.

Das spürt man im Film, wo er durchweg positiv erscheint. Wie Ihre Rolle auch.

Bertha hat aber auch ihre Momente, wo sie nicht mehr kann und es Carl spüren lässt.

Der erste wirklich fiese Charakter, den Sie sich so sehnlich wünschen, lässt aber weiter auf sich warten.

Vielleicht muss ich noch ein bisschen warten. Man braucht da einen Förderer, der dich komplett neu besetzt, wie es Nico Hofmann in „Dresden“ getan hat, als man mich nur aus Berlin Berlin und Mädchen Mädchen kannte.

Dennoch verkörpern Sie meist einen Typus, der zwar durchaus tough ist, aber stets von Liebe getrieben. Ist das das Maximum an Emanzipation, was man Frauenrollen heutzutage zubilligt?

(lacht) Die Konstellation aus Stärke und Hingabe ist nun mal das, was die Leute sehen wollen. Mitten im Leben, aber bitte mit viel Liebe für einen Kerl, den sie sich aussucht, nicht jemand anders. Wie bei Carl & Bertha eben. Nichtsdestotrotz hoffe ich natürlich auch noch auf andere Herausforderungen und dass man jungen deutschen Schauspielern mehr zutraut. Warum nicht mal eine Mörderin, eine der man einfach nicht trauen kann. Jeder von uns möchte ja mal in den Abgründen unserer dunklen Seite wühlen und wir Schauspieler dürfen das sogar ungestraft. Die liebe Nette ist eine Zeitlang schön; jetzt wird es Zeit für die andere Seite. Und ich bin gerade an dem Punkt angelangt, an dem ich mir mehr aussuchen kann und vor allem auch mal etwas ablehnen. Das ist mit 31 Jahren doch gar nicht schlecht.

Haben Sie den Anspruch, emanzipierte Frauen zu spielen?

Überhaupt nicht, das war bislang eher Zufall. Spielst du einmal eine junge, emanzipierte Frau, wird dir das auch öfter angeboten, aber ich will natürlich mehr.

Haben Sie was das Bild der Frau im Film betrifft, ein Sendungsbewusstsein?

Wenn man eine Rolle authentisch spielt, hat man das zwangsläufig. Aber ich setze mich vorher nicht hin und sinniere über die Rezeption, obwohl ich mir natürlich durchaus Gedanken mache, was die Leute darüber denken, welche Fragen man mir dazu stellt, wie ich mit dieser Rolle zurecht komme? Ich muss mich wohl fühlen, mit dem, was ich tue. Aber ich will sicher nicht nur Friede-Freude-Eierkuchen, dafür kenne ich die Welt zu gut.

Nun sind sie in der komfortablen Position, immer populärer zu werden und werden sofort durch die Verwertungsketten des Fernsehen gehetzt – von Kochshows bis zur Pro7-Märchenstunde – fühlt man seine Popularität da ausgebeutet?

Ganz ehrlich: Mein Beruf ist meine Leidenschaft, da muss ich mich nicht schämen, auch mal bei Raab auf dem Sofa zu turnen. Denn so was macht – auch wenn es nicht das cineastische Topniveau ist – Mordsspaß. Also: Ich fühle mich überhaupt nicht ausgebeutet. Im Gegenteil – als ich vor ein paar Jahren aus einer zweijährigen Babypause kam und immer noch Interesse an mir gespürt habe, war ich sehr glücklich darüber. In meinem Alter ist man nach einer Weile Abwesenheit nämlich ganz schnell weg vom Fenster. Jetzt stehe ich genau davor.

Und nun sogar auf der Bühne.

Ja, das ist die nächste Herausforderung. Vor dem Theater bin ich lange weggelaufen, als ungelernte Schauspielerin. Nach 13 Jahren im Beruf vor Publikum zu spielen, ist ein völlig neuer Weg für mich. Aber das Lampenfieber wächst. Durch dieses Feuer muss ich durch.

Interview: Jan Freitag


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