“Toll, toll, super-toll”
Posted: March 9, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage 1 Comment
Das neue Peer-Gefühl bei Neon
Hip, hipper, Neon – das G+J-Magazin hat auch nach zehn Jahren mit dem Ruf ewiger Sorglosigkeit der Generation Facebook zu kämpfen. Jetzt hat es auch noch ein neues Führungsduo, das noch besser zur Zielgruppe passt als die ergrauten Köpfe von einst. Könnte man meinen.
Von Jan Freitag
Eigentlich müsste es hier anders zugehen. Stelzbeinige Beardos mit karierten Flanellhemden sollten melancholische Musik trüb dreinblickender Singer/Songwriter hören und dabei ohne zu lächeln diffuse Gedanken in ihre iPads tippen, während bunt bemützte Omakleidträgerinnen mit riesigen Fensterglasbrillen lachend ihre Jutebeutel vergleichen, statt dem Sinn des Lebens ernstlich Substanz zu verleihen. Die Clubmate am Mund würden sie zu Füßen chaotischer Schreibtischattrappen beim Plaudern aufs Smartphone starren und alles Mögliche tun, nur nicht arbeiten.
Eigentlich müsste es hier also aussehen wie die Welt in den Hotspots da draußen, der diese Redaktion Monat für Monat den Hochglanzspiegel vorhält. Eigentlich. Doch dann sitzt dieser blutjunge Zeitschriftenveteran Patrick Bauer in gedeckten Blautönen vorm gewöhnlichen Computer und grüßt klassisch per Handschlag. Doch dann tritt das zweite Glied der neuen Chefredaktion dazu und auch Vera Schroeder sieht mit simpel gestreiftem Pulli, adrett geknotetem Schal und sichtbar wachsendem Babybauch so wenig nach Neo-Hipster aus wie das Industriegebiet unterm Bürofenster der Neon. Statt Szenecafé und Applestore presst sich ein Lidl in die grauen Betonschluchten ringsum. Maxvorstadt, Schanze, Friedrichshain – die angesagten Szeneviertel der Republik scheinen hier, ein paar Lichtjahre östlich der Münchner City, weiter weg als das Heft der zwei frischen Führungskräfte vom Ruf, ernsthaft zu sein.
Selber Schuld.
Denn als das Zeitgeistblatt mit dem kühlen Namen der ermüdeten Technoära im Juni 2003 das Licht der Kioskregale erblickte, stand das Motto fröhlicher Adoleszenzverweigerung gar im Untertitel: „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“. Das klang weniger nach echtem Journalismus als Zielgruppenbespaßung einer Klientel, die den pappeflachen Neunzigern entsprungen vor allem dreierlei wollten: Fun, Fun, Fun. Die Latte der Seriosität lag also von Beginn an tief. Selbst als das Hamburger Mutterschiff Gruner + Jahr seinem Ziehkind 2010 per Verlagsmitteilung in die Münchner Dependance dekretierte, es sei nun doch langsam erwachsen, fühle sich „dafür aber eigentlich noch zu jung“, wollte der Ruch des Berufsjugendlichen nicht recht weichen.
Aber war das nicht schon immer ein Missverständnis? Glaubt man den neuen Verantwortlichen, wollte die NEON, ganz selbstbewusst in Versalien geschrieben, zwar irgendwie jugendlich sein, aber nie infantil, stilistisch lässig statt inhaltlich lax, der gut gelaunte Seismograph urbaner Lebenswelten, mehr aber noch ein „Unisex-General-Interest-Magazin für Frauen und Männer zwischen 20 und 35“, wie es hausintern heißt – so juvenil, so erwachsen wie ihre neuen Chefredakteure. Also nicht vollends. Und ganz schön.
Denn das letzte Heft des vorigen Jahres wurde erstmals von Blattmachern verantwortet, die der Zielgruppe wieder etwas näher sind als ihre ergrauten Vorgänger Timm Klotzek und Michael Ebert. Mit seinem Abgang zum SZ-Magazin macht der Doppelthinktank schicker High-End-Publizistik somit Platz für den Nachwuchs, eben Schroeder plus Bauer. Allein – die neuen Ersten wirken bei aller Frische bisweilen, als hätten sie die Jahre jugendlicher Unbedarftheit übersprungen. Dafür reicht ein Blick in zwei außergewöhnliche Berufsbiografien.
Vera Schroeder, geboren am Standort, weist mit 36 Jahren eine extrem steile Laufbahn auf. Nach Politikstudium und Diplom an der Deutschen Journalistenschule, nach eigenem Pressebüro und diversen Praktika führte sie das vorerst letzte als freie Autorin im Sound der geplatzten Dot-Com-Blase zum antizyklischen Start-up Neon, dem sie ab Ausgabe zwei Texte schrieb. Schon das war trotz einjähriger „Orientierung“ und „viel Interrail“, wie Schroeder in ihrem Übergangsbüro voll riesiger Neon-Fotos, aber frei von persönlichem Schnickschnack erzählt, ein Karrieretempo am Anschlag. Könnte man meinen. Doch erst dann nahm die versierte Snowboardfahrerin richtig Fahrt auf: 2006 Redakteurin, 2009 Eintritt in die Chefredaktion, 2012 deren Übernahme, ein Zielschuss in Drei-Jahres-Schritten, immer im roten Bereich.
Doch kein Vergleich zu Patrick Bauer. Seine 29 Jahre sieht man dem Stuttgarter noch an, seine Hetzjagd an die Spitze nicht. Auch ihn führten freie Geschichten für Neon nach der Berliner Journalistenschule direkt in die Leitungsebene. Stets im Gleichschritt mit seiner Mitchefin – nur, dass ihm dabei offenbar weit weniger Zeit blieb für Suche und Bahnreisen. Umso bemerkenswerter, dass beide bereits ein Kind haben. Nicht gemeinsam, versteht sich. Auch wenn sie seit Jahren das Büro teilen und auch privat befreundet sind.
Schröder und Bauer sind also Speedkletterer wie die Huberbuam, nur nicht am Berg, sondern im Business. Da ist man als Anfangsvierziger im Prekariat der Freiberuflichkeit fast erleichtert, beim faltenfreien Patrick mit Britpopfrisur und Sechstagebart die Yps auf dem ungeordneten Schreibtisch zu entdecken. Doch wie er den Retromüll für große Jungs mit spitzen Fingern anfasst, um zu beteuern, so was schon früher nie gelesen zu haben und auch die Wiederbelebung nicht zu verstehen, merkt man: hier herrscht doch kein Spieltrieb im Büro. Alles Arbeit, Führungsarbeit jetzt.
Und das gleich in Doppelfunktion. Denn wie bei G+J üblich, sind Neon-Bosse auch fürs Magazin trendbewusster Eltern namens Nido zuständig, das seit 2009 auf einem Flur in geteilter Redaktion entsteht. Ein Heft für jene, die Neon qua eigener Fortpflanzung entwachsen scheinen, mit mehr Leserinnen und engerer Dramaturgie. Doch das Grundgefühl, protestiert Vera Schroeder, deren erstes Kind fast schulpflichtig ist, sei gleich: Es gehe darum, Eltern zu sein, ohne als Individuum zu verblassen. Klingt nach Neon-Lesern ohne Windeleimer. Klingt aber auch nach den Leitern beider Blätter, die mit etwas Make-up und Licht locker die Pärchen der aktuellen Titelbilder ersetzen könnten. Thema: „Sind wir ein gutes Paar?“ hier, „Hat mich mein Kind verändert?“ da.
Die Antwort lautet: zweimal Ja. Denn als Duett funktionieren Schroeder und Bauer seit jeher am besten. Und ihre Babys, zwei Anzeigenmagneten für insgesamt 370.000 Käufer, die sie praktisch von Beginn an gestalten, haben aus zwei Journalisten Führungskräfte gemacht. Schon alles „straight“ gelaufen, erklärt Vera Schroeder im Deutsch ihrer Kunden, die aber mittlerweile auch geradliniger sind, wie sie betont. Zwanzigjährige von heute seien eben anders aufgewachsen als in den Flegeljahren der Neon. „Die Krise ist ein Dauerzustand“, das mache viele ernsthafter, zielorientierter, eben straighter als eine Generation zuvor. Die neue sei also in der Tat erwachsen geworden, „will aber weiter Spaß haben“, assistiert Patrick Bauer. Er spüre da ein neues Bedürfnis nach Ernsthaftigkeit, Orientierung. „Das bedienen wir.“ Und zwar auch unterhaltsam, vor allem jedoch informativ.
Denn in Zeiten ständig wachsender Komplexität, schildert Vera Schröder das Gros ihrer knappen Million Leser, in deren WG-Küche eins von 233.421 Verkaufsexemplaren liegt, sei das „leicht überhebliche ‚Weiß ich ja eh schon alles’-Gefühl der frühen Nullerjahre einem selbstbewussten ‚Ich will das Verstehen’-Gefühl gewichen“. In dieser Mixtur konkreter Überforderung, diffuser Ängste bei unverändertem Spaßbedarf sei Neon, pflichtet ihr Schreibtischkumpel bei, „der interessante, informierte, humorvolle Mitbewohner, der Dinge auch mal grundsätzlich erklärt“.
Zum Beispiel Europa: vertracktes Thema, nicht allzu lässig, aber irgendwie drängend. Patrick Bauer blättert laut im ersten Heft, das die neue Doppelspitze ohne Hinzutun der Gründerväter gestaltet hat. Nach der Startumfrage (Was wird deine nächste große Investition), einem grafischen „Baum der Erkenntnis“ (Soll ich heute aufstehen), dem prominenten „Soundtrack meines Lebens“ (von David Kross) und zwanzigmal „unnützes Wissen“ (zu Gott und der Welt), nach all den coolen Ichduwir-Standards zum Aufwärmen folgen nämlich „fünfzehn Ideen für ein besseres Europa“, die Tobias Moorstedt und Jakob Schrenk zwischen hedonistisch und seriös, der sanften Forderung zur Abschaffung des ESC und harten Fakten griechischer Entbehrungen auflistet.
Es ist die neon-typische Form nutzwerten Infotainments zweier Posterboys mit dünnem Schlips und Popperscheitel, die den sorglos-fröhlichen Protagonisten der Bildstrecke nicht nur altersmäßig näher sind als manchem Kollegen der Konkurrenz. Dennoch könnte ihre Aufbereitung so ähnlich auch andernorts stehen: in Zeit– und SZ-Magazin, womöglich Spiegel oder Cicero und (hoffentlich!) bald wieder der Vanity Fair. Mit anderem Einstieg, räumt Patrick Bauer ein, aber eben doch mit dieser heiteren Nonchalance im Entspannen ernster Sujets. Und da ist noch nicht mal von der nachfolgenden Dokumentation haarsträubender Fälle die Rede, in denen deutsche Gerichte rechtsextreme Schwerverbrecher laufen ließ… Oder von der Nido-Story über den Versuch, im windellosen China Pampers zu verkaufen.
Das ist schnörkelloser Zeitgeistjournalismus, nur besonders spannend layoutet. Erst im Abschnitt „Fühlen“, der die Emotionssuche multioptionaler Großstädter gar nicht so fern von Dr. Sommer begleitet, wird es so launig wie nirgends sonst im Segment. Hier – zwischen Partnerschaftsanalysen und Singleleiden, Wäschetests und Schulerinnerungen, Weihnachtsgeschenken für Individualisten und Reisetipps mit Smartphone – beginnt der wahre Lifestyle. Auch wenn ihn Patrick Bauer lieber mit „Lebensgefühl“ umschreibt.
Denn das englische Wort klinge, „als würden hier alle Röhrenjeans tragen“, meint der Endzwanziger in der milder modischen Chinohose. Man spürt an der Körperspannung, wie ihn die Vorurteile vom „Magazin für Berliner Latte-Macchiato-Trinker“ nerven. Wie ihn der wohlfeile Mythos vom „Wir-Modus“ mit dauerndem Ich-Einstieg stört, den nicht nur taz genährt hat. Und tatsächlich mögen viele der 180 Seiten Neon und 40 weniger bei Nido durch ständige Personalpronomen das Peer-Gefühl stärken. Doch besonders erstere hat sich weiterentwickelt; sie ist ernster, sachlicher, klüger als früher und gleicht darin der Hamburger Band Tocotronic, die Anfang der Neunziger in Trainingsjacken sang, Teil einer Jugendbewegung sein zu wollen, während sie doch längst deren Rolemodel war.
Aber Rolemodel wollen sie nicht sein, die Neuen, Lifestyle schon gar nicht, lieber „lebensweltlich“, ein Lieblingswort beider. Die Angst, unernst genommen zu werden, ist riesig. Vielleicht ist es eine Altersfrage, vielleicht eine der Bürde des erfolgreichsten Magazinstarts diesseits dämlicher Konsumgörenbespaßung à la Instyle der letzten zehn Jahre. Ganz gewiss aber ist es eine Luxusposition, dies in einem so erfolgreichen Magazin tun zu dürfen.
Vor dem allerdings hat das neue Führungsduo mehr Respekt als nötig. Denn wer ihm eine Weile zuhört, dem sausen die Ohren vor all dem Lob für „tolle Vorgänger“, denen mit einer „tollen Truppe“ in „toller Atmosphäre“ ein „wirklich tolles Heft“ gelungen sei, das man nach dem Wechsel in „tollen Runden“ als so „super dastehend“ vorgefunden habe, dass allenfalls an „Stellschrauben“ zu drehen sei, wie Bauer gern sagt. Denn wann, „wenn nicht zu Beginn unserer Amtszeit sollten Vera und ich eine eigene Handschrift in die Hefte bringen“. Als „erfolgreichstes junges Magazin in Deutschland“, müsse man schließlich „textlich wie optisch überraschen“. Man werde also in „zwei, drei Ausgaben kleine Veränderungen erkennen“, fügt Vera Schroeder hinzu, die keine Quotenfrau sein will und dafür (natürlich) der tollen Verlagsspitze in Hamburg dankt. Hier mal eine neue Kolumne, da mal eine Extrarubrik, nichts Großes, weder bei Nido noch bei Neon. Stellschrauben.
Und warum sollte man auch die Produkte zweier Risikospieler umwälzen, die inmitten veritabler Medienkrisen derart lukrative Magazine lancierten. Erfolg macht sexy. Dennoch verstört es leicht, dass die Exchefs in den Erzählungen der aktuellen quasi zu Helden demokratischer Gruppenanleitung stilisiert werden, während branchenintern schon mal von strikter Hierarchie, Tendenz Despotie im Erdgeschoss des Münchner G+J-Hauses erzählt wird. Andererseits spricht es für die Neuen, lieber sich als andere in die Pflicht zu nehmen. Da ist viel von „Team“ die Rede und, klar, den „tollen Leuten“ darin. Mit denen will man den „ständigen Veränderungsprozess fortsetzen“ (Schroeder), also „auch bewährte Inhalte immer wieder neu diskutieren“ (Bauer), um sich „für die Leserschaft zu erneuern, statt mit ihr zu altern“ (beide mehrfach).
Ein kleiner Gang durch die Gemeinschaftsredaktion – links Text, rechts Optik – zeigt die Atmosphäre, in der dies fortan geschieht. Da befassen sich die Nutzwertinfotainmentreporter im Flursofa dann doch mal eher mit ihrem iPhone als Europa, Nazis, harten Fakten und kriegen dafür doch ein lockeres Lachen der neuen Chefin. Vera. Die machen das schließlich schon, jeder sei hier „klassischer Reporter und konzeptioneller Denker“ in einem. Dazu bedarf es kreativer Freiräume.
Dass sie und Patrick Bauer, diese leidenschaftsgetriebenen Vollprofis in einem Alter, wo manche Leser bisweilen noch auf der Suche nach Sinn sind, dem Konzeptionellen nun mehr Zeit widmen als dem Kreativen, würden beide schon vermissen, natürlich. Und Vera Schroeder, mittlerweile in Mutterschutz, wirkt sogar sehnsüchtiger als ihr jüngerer Kollege. Aber all die druckreif diplomatischen Chefredakteurssätze beider suggerieren doch: Da sind zwei angekommen, wo sie hingehören. Was spielt das Alter da für eine Rolle… Röhrenjeans und Omakleider liegen daheim gewiss trotzdem im Schrank.
Paradoxerweise ereilt die Sinnkrise besonders häufig solche Menschen, die objektiv
gesehen einen besonders hohen Lebenssinn gefunden zu haben scheinen.tstesoutyoun