Fuckmist und Konklavenfinish

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 4.-10. März

Dieter Pfaff ist tot. Dieter wer?, dürfte da fragen, wer selten fernsieht und noch seltener in die Besetzungslisten. Der Fahnder wird ihnen da weniger sagen als Bruder Esel und Sperling noch ein wenig weniger als Der Dicke. Das ist nachvollziehbar, aber schade – besonders für den dicken Bruderfahnder Sperling selbst. Denn damit hat Dieter Pfaff nach und nach TV-Historie geprägt, in seiner unaufgeregten, introvertierten, gänzlich atelegenen Art. Dafür sammelte er die relevanten Branchenpreise wie populärere Kollegen Einschaltquoten und blieb doch bis zum Krebstod vorige Woche mit nur 65 stets der sperrige Buddha des Abendprogramms. Auch wer Pfaff nicht kennt, dürfte ihn somit vermissen – schließlich kriegen mit ihm die Schlechteren noch mehr Gewicht im Medium.

Leute wie der neue Tatort-Kommissar zum Beispiel, den der Medienkritiker Joachim Huber im Tagesspiegel wie folgt beschrieb: „Wer ein Problem mit Til Schweiger hatte, der hat jetzt ein Problem mit Nick Tschiller“, dessen lustige Eigengesichtsdemontage im Bruce-Willis-Stil zu Beginn gleich mal zünftig „Fuck“ durch den düsterglänzend Hamburger Krimiset grunzt und somit ungewollt eine andere Baustelle des hiesigen Fernsehens kommentiert: wäre ihm dieser Fluch, der im angloamerikanischen Film häufiger vorkommt als im deutschen bestimmte Artikel, bei einer US-Serie entfahren, hätte die Synchronisation daraus „Mist“ gemacht oder schlimmer: „verdammt“.

Verdammter Fuckmist ist es nämlich, dass jedes Importformat in lieblos übersetzten Kunstdialog-Versionen verabreicht wird, statt – wie beim heimischen DVD-Genuss flächendeckend praktiziert – die Originalversion zu untertiteln. Und so bleibt der nostalgische Arte-Sechsteiler The Hour über eine britische Newsredaktion donnerstags zwar verständlicher, aber zutiefst artifiziell. Leider. Technisch wäre der Weg des Bezahlkanal Sky, für den Englisch zusehends zur Arbeitssprache wird, nämlich kein Problem. Lizenzrechtlich schon eher. Wenn das Leitmedium genau dies bleiben will, heißt das folglich: Verhandeln; Geld dazu wäre vorhanden. Dafür könnte man ja vielleicht ein paar Euro bei Shows wie Verstehen Sie Spaß? sparen, dessen überdrehter Blitzlichgewitterlook jede Papstwahl in den Schatten stellt.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 11.-18. März

Womit es göttlich wird. Hätte es zu alttestamentarischer Zeit schon Medien gegeben, Kain und Abels Wettstreit, wessen Rauchsäule gerader gen Himmel steigt, wäre bei vier Erdbewohnern über Tage das Topthema aller Kanäle gewesen. Es gab allerdings keine. Schade eigentlich. Denn Kain und Abel nebst Eltern waren Protagonisten einer Familiensaga, die Rosamunde Pilcher kaum besser hätte ersinnen können. Das End wäre ihr zwar happier geraten, doch die Sache mit dem Rauch als dramatisches Finale – super Drehbuch! Das nun wieder zum Einsatz kommt, wenn es diesen Montag aus dem Vatikan qualmt, für eine ganze Menge der sieben Milliarden Erdbewohnern über Tage das Topthema aller Kanäle. Mit dem kleinen Unterschied, dass das Unterhaltungsangebot heute etwas größer ist als damals und die Papstwahl in rationalen Zeiten eigentlich so bedeutsam sein sollte, wie – sagen wir: ein Furunkel am Arsche Adams. Was den Schluss nahe legt, dass sich die Relevanz des Katholizismus womöglich längst erledigt hätte, würden es die Medien nicht ständig zum Topthema aufblasen. Richtung Konklavenfinish droht also der christliche Medienoverkill.

In dem für weitaus bessere Fernsehfiktion wie Das System mit dem famosen Nachwuchsschauspieler Jakob Matschenz als antriebsloses Nachwendekind auf den Stasispuren seines toten Vaters heute nur die späte Nacht im ZDF bleibt. Etwas besser trifft es da am Freitag Kai Pflaume. Der kriegt den günstigeren Anstoß 22 Uhr, um in einer aufgeblasenen ARD-Gala Deutschlands starke Frauen zu feiern. Aber für ihr ehrenamtliches Engagement kriegen die ja auch einen Preis namens GOLDENE BILD der FRAU, und wenn der Springerkonzern ruft, springen die Öffentlich-Rechtlichen noch über jedes Stöckchen, was das ZDF zuletzt mit der Dauerwerbesendung für die irrelevante Hörzu-Trophäe Goldene Kamera zeigte. Diese Art Cross-PR in der werbefreien Zeit lässt sich wohl nur durch konsequente Einschaltverweigerung begegnen, indem man statt der volksmusikalischen Dauerwerbeschleife Frühlingsfest der 100.000 Blüten am Samstag lieber zeitgleich die tolle Arte-Doku über Perry Rhodan (21.55 Uhr) sieht, im Anschluss die beste aller Musiksendungen Tracks oder noch besser: mal miteinander redet…

Nur ab Sonntag, da sollte sich jeder Fan anspruchsvoller und doch spannender Mehrteiler drei Abende (17./18./19. März) freihalten. Dann läuft im ZDF Philipp Kadelbachs furioses Coming-of-Age-Drama Unsere Mütter, unsere Väter – augenscheinlich noch ein TV-Event der Jahre 1933ff, hintergründig die brillant erzählte Geschichte von fünf Freunden zwischen jugendlichen Träumen und ihrer Zerstörung durch Nazis und Krieg, mithin also das Beste, was je zu diesem Thema gedreht wurde. Und somit zurück zu Dieter Pfaff: Auch posthum ist er Mittwoch als Psychotherapeut Bloch zu sehen, der es in der Episode Das Labyrinth mit Ausnahmedarstellern wie Devid Striesow und Birgit Minichmayr zu tun kriegt. Brillant. Anders als die Privaten, wo nur zu erwähnen wäre, dass der Berliner Senat RTL einen Produktionsstopp der Real-Life-Sause Babyboom – Willkommen im Leben verordnet hat, dessen Dreharbeiten den Geburtsalltag der Klinik beeinträchtigen. Armer Marktführer…



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