Amorn Surangkanjanajai, Köln 2010/2013

Ich war halt immer der Gung

Amorn Surangkanjanajai kommt in erdfarbener Kleidung, aber knallrotem Schal ins Studio 1. Vorbei an Mutter Beimers Gelsenkirchener Barock, dem geordneten Küchenchaos der Lindenstraße-WG und der billigen Sperrholzgemütlichkeit von Murat und Lisa führt er seinen Gast unter riesigen Scheinwerfern in Dr. Dresslers Wohnungskulisse. Ringsum: Weiden, Vorstadttristesse und das ausladende WDR-Gelände in Köln-Bocklemünd. Eher unscheinbar liegen da zwischen einer Dokusoap-Halle und der GEZ die heiligen Hallen der ARD, Fassade und Inhalt von Deutschlands dienstältester Fortsetzungsserie, der zweitältesten nach Coronation Street weltweit. Da Gung in etwa so alt ist wie sein Darsteller, feiert der Bewohner der ersten Stunde nun seinen 60. Geburtstag. Glückwunsch!

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Surangkanjanajai, Ihr Nachname ist für Deutsche schier unaussprechlich. Reicht der Einfachheit halber Gung?

Amorn Surangkanjanajai: Lieber Amorn.

Also, Amorn, Ihre Herkunftsgeschichte als chinesische Weisheiten zitierender Vietnamese aus Thailand der Lindenstraß“ ist ziemlich verwirrend.

Etwas, ja. Ich stamme aus Bangkok und bin Mitte der Siebzigerjahre als Student aus Thailand nach Deutschland gekommen, in der Serie allerdings weder von dort noch aus China, sondern ein Flüchtling aus Vietnam.

Einer, der so genannten Boat-People.

Das passte in die damalige Zeit. Als die Serie geplant wurde, war grad viel vom Komitee Kap Anamur die Rede, das seit Anfang der Achtziger versucht, Bootsflüchtlinge nach Deutschland zu holen. Hans W. Geißendörfer hat von Beginn an die politischen Verhältnisse thematisiert und die Boat-People waren damals sehr bekannt. So kam Gung in die Lindenstraße.

Der, was kaum einer weiß, auch einen richtigen Namen hat.

Er lautet Pham Kien und wurde eigentlich nur erfunden, weil in einer Folge mal jemand laut Drehbuch fragen sollte, ob Gung der Vor- oder Nachname ist. Da hat ein Requisiteur empfohlen, mir einen vollständigen Namen zu verpassen und Pham Kien vorgeschlagen. Das hat der sich so am Set ausgedacht. Ein Vietnamese hat mir später mal erzählt, dass es den sogar gibt in Vietnam (lacht). Das war reiner Zufall.

Wurde er je genannt in der Serie?

Ich glaube nicht. Er stand wohl mal an meinem Türschild in der Straße, aber ich war halt immer der Gung.

Und somit wie die Figur insgesamt reduziert auf das Nötigste.

Ich halte mich betont im Hintergrund, das stimmt.

Wie ist so ein Fernsehleben im zweiten Glied?

Schauspielerei, wie das im ersten. Es mag Kollegen geben, denen das zu wenig wäre, die es nach vorn zieht. Aber meine Rolle war von Anfang an so angelegt, nicht in den Mittelpunkt zu drängen. Den Hintergrund mit Leben zu füllen war und ist eben meine Aufgabe, keine einfache übrigens. Die Kunst der Reduktion besteht ja daran, trotzdem bemerkbar zu bleiben.

Vor einigen Jahren hatte Gung durchaus eigene Handlungsstränge; die derzeitige Reduktion auf den Diener von Dr. Dressler ist ja erst vor relativ kurzer Zeit erfolgt…

Die Rolle war wirklich mal lebendiger und ihre Bedeutung größer. Aber deshalb kann man etwas, das so sehr Teil von einem geworden ist und die Geschichte weiterhin trägt doch nicht einfach wegwerfen. Das ist nicht meine Art. Außerdem ändert sich das vielleicht irgendwann wieder, das ist die kreative Freiheit der Fiktion; sie lässt ja sogar Tote auferstehen (lacht).

Haben Sie darauf Einfluss?

Das hab ich noch nicht ausprobiert. Ich bin Schauspieler, kein Drehbuchautor. Und Drängeln liegt mir nicht. Außerdem ist mein Charakter sehr spürbar eine Kunstfigur, die ihre Bedeutung eben nicht laut herausschreit, sondern unterschwelliger transportiert; das merkt man allein am ständigen Zitieren von Konfuzius.

Wissen Sie, was „Konfuze“ so sagt?

Nein, nie ohne Drehbuch. Ich bin kein Konfuzianer. Trotz meiner Herkunft bin ich im Grunde nicht mal richtiger Buddhist, eher Atheist. Wenn ich in der Lindenstraße also Konfuze zitiere, dient es eher ihrer philosophischen Ausrichtung. Ich bin der Serien-Philosoph! Darum frage ich immer mal nach, wann ich wieder mal Konfuze zitiere, denn das ist unser gemeinsamer Wiedererkennungswert.

In letzter Zeit hat allerdings selbst der abgenommen. Passt die Zurückhaltung der Rolle zum Klischee des Süd-Ost-Asiaten in Deutschland?

Absolut, das Fleißige, Widerspruchslose im Hintergrund gilt ja als typisch, was Geißendörfer und seine Autoren ganz bewusst einsetzen. Damit hält er den Deutschen einen Spiegel ihres Umgangs mit uns vor. Denn so, wie er mich darstellt, wollen uns viele Deutsche ja gern sehen und erwarten ein entsprechendes Verhalten: Bloß nicht auffallen, dann seid ihr geduldet! Das ist auch ein Grund dafür, dass meine Rolle von der Intensität her nie wirklich gleichberechtigt war mit vielen anderen. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: ich fühle mich damit sehr wohl, weil ich privat ein ganz anderer bin. Die Interpretation des Südasiaten erfüllt letztlich nur den Zuschauerwunsch an Ausländer wie mich, möglichst langweilig zu sein.

Dabei sind auch vietnamesische Boat-People mittlerweile wie die Türken in dritter Generation hier, mit Enkelkindern…

… die womöglich deutscher sind als manche Deutsche. Ich bin jedenfalls noch erste Generation; da ist es nur realistisch, mich so im Hintergrund zu spielen, wie ich es tue.

Es sei denn, Gung lässt sich in den Bundestag wählen.

Nein: Zum Bundeskanzler! Das war erstaunlich. Als er 1998 auf „Listra 3“ kandidierte, hingen plötzlich auch die Wände außerhalb der Studios voll mit „Wählt Gung“-Plakaten. Es war zwar bloß ein Gag, der ausdrücken sollte, was passiert, wenn Menschen wie ich aus der Unsichtbarkeit nach außen drängen, ins Bewusstsein der Menschen, aber auch ein Statement zur Politikverdrossenheit. Denn die Kampagne kam in einer Zeit, als immer mehr sagten, es sei doch völlig egal, was man wählt; Politiker sind doch eh alles Schweine.

Beim „Sozi“ Geißendörfer, der gern aktuelle Debatten von links über die „Lindenstraße“ ins Fernsehen trägt, könnte dahinter der Bedarf nach einer Integrationsdebatte stecken.

Schon möglich. Aber es war wohl doch vor allem ein Gag. Damals war schließlich nicht abzusehen, dass mit Philipp Rösler ein Vietnamese Bundesgesundheitsminister werden könnte.

Wenn auch kein Flüchtling.

Nein, eine adoptierte Kriegswaise, die von deutschen Eltern soweit ich weiß in sehr bürgerlichen Verhältnissen aufgezogen wurde. Trotzdem ist er für Menschen, die seine Herkunft teilen, eine Integrationsfigur, die beweist, bis wohin man es auch mit dieser Biografie bringen kann. Für mich gilt das eher nicht; ich bin deutscher Staatsbürger mit eigenen Kindern, die hier geboren sind.

Empfinden die sich denn als Thailänder oder Deutsche?

Deutsche, Kölner, alle drei. Mit rheinischem Akzent.

Konnten Sie deutsch, als Sie 1974 nach Deutschland gekommen sind?

Kein Wort und so hab ich mich auch gefühlt: fremd. Jetzt bin ich ein Weltbürger, zuhause in Deutschland, aber damals kam ich mir ganz schön verloren vor. Wie sehr, fiel mir besonders in Bayern auf. Für mein Studium in Kiel brauchte ich einen Sprachkurs, der in einem Internat am Walchensee bei München nur 500 Mark im Monat kosten sollte, inklusive Unterkunft. Um Weihnachten herum habe ich allerdings bemerkt, dass die Deutschen das hinter verschlossenen Türen feiern und im Internat nicht mal ein Hausmeister ist; ich hatte ja keine Ahnung von solchen Festen (lacht). Ein paar Kommilitonen fragten mich also, ob ich nicht mit nach Köln kommen will. Ich wusste zwar nicht, wo das liegt, bin aber mitgekommen, habe da einen Thai in einem Studentenwohnheim kennen gelernt, mich an der Uni eingeschrieben. Und heute bin ich immer noch da.

Studieren aber nicht mehr.

(lacht) Nein, nein. Aber immerhin 13 Semester Sozialwissenschaften und an der Fachhochschule BWL hinter mir.

Mit Abschluss?

Ohne Abschluss (lacht), dieses Risiko bin ich bewusst eingegangen.

Welches?

Das Risiko Fernsehen. Ich hatte damals einen Freund in einem Kölner Szene-Lokal besucht und Wein getrunken – ich trinke ja gern Wein –, als der Geißendörfer mit seiner Gruppe rein kam und zu mir sagte: Ich hab Sie gefunden, ich suche einen Schauspieler für meine Serie. Da sagte ich aus Flachs, weil ich dachte, die sind alle so betrunken: wie praktisch, ich bin Schauspieler. Von Geburt. Da hat er mir seine Karte in die Hosentasche gesteckt, wo sie so lange steckte, bis meine Frau sie fand und meinte, das sei so eine versoffene Kneipenbekanntschaft. Ein paar Tage später aber war ich bei einem Freund zum Frühstück, als ich ihm die Geschichte erzählte und er ganz aufgeregt meinte, Amorn, du gehst jetzt sofort nach Hause und rufst den an! Das ist einer der berühmtesten Regisseure hier. Ich bin also sofort nach Hause, hab ihn angerufen und dann ging es ganz schnell. Die haben auf mich gewartet, das hatte der liebe Gott wohl irgendwie so festgelegt. Statt irgendwann einfach wieder heim nach Thailand zu gehen, war ich plötzlich Teil der ältesten deutschen Fernsehserie.

Bis dahin waren Sie der Gaststudent, von dem man wie beim Gastarbeiter erwartete, dass er hübsch wieder heimkehrt nach dem Gastaufenthalt.

Das stimmt. Und so haben mich viele auch behandelt. Mittlerweile aber fühl ich mich zu wohl hier, um zurückzukehren. Manche Leute versuchen, mir zwar noch immer das Gefühl zu geben, ich sei hier fremd. Aber das ist deren Problem. Ich bin hier zuhause, lebe hier, habe hier meine Familie, ich bin ganz schön deutsch. Wenn man mich nicht behandelt wie ein Fremder, dann bin ich auch keiner.

Haben Sie noch Heimweh?

Eher Fernweh (lacht). In den letzten zwei Jahren war ich nicht mehr in Thailand.

Kennt man Sie dort, als deutscher Fernsehstar?

Das tut man ja nicht mal in Deutschland. Bis auf die Thailänder hier vielleicht; für die habe ich womöglich eine gewisse Bedeutung. Aber weil in Thailand kein Mensch die Lindenstraße kennt, kennt auch keiner den Fernsehschauspieler Amorn Surangkanjanajai, auch wenn ich für thailändische Magazine als Kolumnist schreibe. Dann kennt man mich schon eher als Aktivisten. Ich interessiere mich sehr für Thailands Politik.

Und wenn man sich Ihren Schal so ansieht, sind Sie offenbar ein Roter.

Absolut. Ich bin ein Anhänger der Rothemden und von Thaksin Shinawatra.

Dem früheren Premierminister, der 2006 aus seinem Amt geputscht wurde.

Und sich sehr für die ärmeren Menschen im Norden Thailands einsetzt. Ich moderiere sogar eine Sendung für den Internetauftritt englischer Rothemden aus Thailand, thai.co.uk. Denn ohne das Wissen um die Verhältnisse, ist in Thailand keine echte Revolution möglich; an den Weg der Reform glaub ich nicht mehr, das Alte muss umgewälzt werden. Heute Abend bin ich noch mal online und gebe mein politisches Wissen über Thailand weiter.

Auch in Deutschland?

Natürlich, das muss ich. Viele Deutsche haben keine Ahnung von dem, was bei uns passiert.

Hier gilt Thailand als Urlaubsparadies, das mal Ort einer Flutkatastrophe war.

Leider, ja. Deshalb muss man aufklären, dass in meinem Land die Freiheit oft hinterm Sandstrand endet. Da habe ich viel Aufklärungsarbeit zu leisten, auch in Thailand. Das nimmt derzeit die meiste Freizeit von mir ein. Mir bleibt nicht mal mehr Zeit zum Malen wie früher. Nur Politik und Beruf.

Und wie lautet der genau: Schauspieler oder Lindenstraßen-Darsteller?

Schon beides, ich spiele ja auch andere Rollen. Ein paar größere, ein paar Kleinigkeiten, hier mal ein Tatort in Köln und in München, da mal ein Spielfilm. Aber so viele Angebote sind es nicht mehr; ich werde ja auch älter. Aber immerhin bin ich derzeit der einzige Thailänder im deutschen Fernsehen und Exoten werden immer mal gebraucht. Ich war in Der Kapitän ein thailändischer Schiffskoch oder auf dem Traumschiff ein Beamter in Phuket, auch wenn das leider in Casablanca gedreht wurde (lacht).

Ihre Hauptrolle ist die Lindenstraße.

Und bleibt es.

Was ist das Erfolgsgeheimnis der Serie über fast 30 Jahre?

Neben der Realitätsnähe: Dauerhaftigkeit. Es war die erste Serie, die ihr Niveau so lange halten konnte, ohne sich ständig zu wiederholen oder die Wirklichkeit zu verlassen. Diese unendliche Komplexität mit offenem Ende gab es Mitte der Achtzigerjahre nicht; es herrschten Spielfilme oder Mehrteiler. Und ich war der einzige, der sagte, dass die Serie 25 Jahre laufen wird, ehrlich. Das war vielleicht auch ein Hoffnung, aber auch eine realistische Einschätzung. Wir sind die zweitälteste Serie der Welt nach der britischen Coronation Street, aber das ist eine Seifenoper.

Und Sie sind der älteste Ausländer in fortlaufender Rolle?

Ich glaube ja. Zumindest der erste Asiate.

Bedeutet Ihnen das was?

Ich habe da kein Sendungsbewusstsein. Aber wenn es als Side-Effect einen Integrationseffet hätte, würde es mich freuen.

Wissen Sie, wie viele Ihrer Kollegen im Laufe der Jahre aus der Serie gestorben sind?

Nicht genau, es muss ein Dutzend sein.

Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann mal tot aus der Besetzungsliste zu kippen?

Warum nicht. Es ist ja wie im richtigen Leben: Es gibt immer einen Anfang und ein Ende.

Sagt Konfuze…

(lacht) Bestimmt. Irgendwo. Die Serie wird auch für mich irgendwann ein Ende finden, das ist normal. Nur welches ist offen und zum jetzigen Zeitpunkt auch unwichtig. Wenn ich nächstes Jahr plötzlich keine Lust mehr habe, würde ich nicht sofort aussteigen, dafür bin ich nicht der Typ; aber es könnte ein Ende einleiten. Der Hintergrund darf nicht beginnen, mich zu stören.



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