Licht aus im Niveauasyl
Posted: March 1, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentAus für Roche und Böhmermann
Es ist zum Heulen: Die einzig wahre, wirklich lustige, dazu informative, jedenfalls unvergleichlich unterhaltsame GEsprächssendung des deutschen Fernsehens passt dem ZDF nicht in die Struktur – weshalb es dessen Programmchef Thomas Bellut zur Abschaffung freigegeben hat. Wenigstens kann man sonntags ab 22 Uhr auf ZDFkultur Wiederholungen sehen. Die sind immer noch besser als jede frische Talkrunde.
Von Jan Freitag
Es gibt Momente, da müsste man mal mit Volker Herres und Thomas Bellut fernsehen. Chipstüte in die eine Hand, Pils in die andere, den ARD-Programmchef zur Linken, den ZDF-Intendanten zur Rechten – schon kann ein gemütlicher Sonntagabend mit den Verantwortlichen von Tatort oder Polizeiruf hier und Schnulze oder Schnulze dort beginnen. Und wenn das unterschiedlich temperierte Happyend sein jeweiliges Format in die Nacht entlässt, würden die Herren Herres und Bellut wie jede Woche frohlocken, weil mit der Quote die Laune steigt in diesem Geschäft. Seltsam nur, dass sie danach nicht in den Keller geht – die Laune, nicht die Quote.
Würden die zwei TV-Macher nun nämlich weiter durch die eigenen Kanäle zappen, sie müssten sich eigentlich in Grund und Boden schämen für die Gebührenvergeudung am Bildschirm. Denn während die Schlechteste aller Talkshows gleich nach dem Hauptfilm an prominenter Stelle läuft, läuft die Beste abseits aller Wahrnehmbarkeit, fortan sogar nur noch als Wiederholung. Doch Volker Herres und Thomas Bellut sind als Programmgestalter ihre eigenen PR-Abteilungen in Personalunion, da werden sie also sagen: Toll, der Jauch. Toll die Roche. Toll der Böhmermann.
Was stimmt und auch wieder nicht, womit wir mitten im Feld der Dialektik wären, also beim Punkt. Denn dass Deutschlands schlechtester Gesprächsleiter Günther Jauch trotz irritierend unzureichender Qualität als politischer Talkmaster den größten Zuschauerzuspruch all der Gesprächsformate erzielt, ist eine ebenso große Ohrfeige für Ästheten wie die Tatsache, dass Deutschlands kreativste Gesprächsleiter Charlotte Roche und Jan Böhmermann mit ihrem wunderbar anarchistischen Nostalgie-Talk Roche & Böhmermann nicht im Hauptprogramm des Zweiten laufen, sondern auf dem Anspruchsasyl ZDFkultur. Dort erzielten sie mit 0,4 Prozent zwar Werte weit überm Senderschnitt; 90.000 Zuschauer waren allerdings nicht mal ein Fünfzigstel derer, die Jauchs repetitive Redundanz so einschalten.
Nun sind das nur Zahlenspiele, Rechenexempel, Abstraktionen auf der Basis einer dubiosen Messtechnik zur Zuschauerzahlenermittlung, die mit der Realität weniger zu tun hat als das öffentlich-rechtliche Fernsehen zur Primetime mit seinem Staatsauftrag. Doch es wirft ein fahles Licht auf unser Leitmedium, deren Versorger und ihre Kunden. Roche & Böhmermann liefern schließlich das ab, was gebührenfinanzierten Sendungen (Kommerzkanäle sind seit langem nicht nur sinn-, sondern dialogfrei) zusehends abgeht: Gesprächskultur.
Die zeichnet sich ja durch Eigendynamik aus, Gedankensprünge, durch ein geordnetes Chaos, das sich vom Kopf aus Bahn bricht in die Welt. Wer miteinander spricht, spricht durch sich selbst zu anderen. Wer bei Günther Jauch spricht, spricht trotz andrer mit sich selbst. Das konnte man acht Wochen bestaunen, Sonntag für Sonntag. Etwa vor knapp einem Jahr, als der Politkonservative Peter Altmaier, der Kulturkonservative Heinz Rudolf Kunze und der Sozialkonservative Henning Scherf mit dem Quotenlinken Bodo Ramelow und der Quotenfrau Ines Pohl von der taz, abermals (oder immer noch?) über Christian Wulff, nein, nicht diskutierten, sondern formatierte Parteistatuten und PR-Strategien zum Besten gaben. Bei Roche & Böhmermann dagegen trafen der Schönheitschirurg Afschin Fatemi, der Kolumnist Harald Martenstein, der Ökoaktivist Thilo Bode und das Exgirlgroupsternchen Lucy Diakowska, also eine bunte Mischung unerwarteter, interessanter Gäste aufeinander, um wahrhaft zu debattierten: über alles und nichts.
Das ist der Wesenskern: ob miteinander, durcheinander, gegeneinander, sinnfrei, gehaltvoll oder ziellos – Charlotte und Jan, lassen laufen, denken, reden, Zwanglosigkeit herrschen. Falls sie denn wollen; falls nicht, spulen sie einfach die MAZ zurück, um Fäden neu zu verknoten, überpiepsen per Knopfdruck Unliebsames oder stoppen die Realität zur Beratung. Dazu servieren sie verrauchte Schwarzweißaura wie einst im Internationalen Frühschoppen und führen die Talkshow somit zurück zur Substanz dessen, was Dietmar Schönherr 1973 bei ihrer BRD-Premiere darin sah: „Eine Rederei.“
Mehr liefert auch „Günther Jauch“ nicht, mehr sind selbst seine kompetenteren Konkurrenten von Will bis Plasberg nicht, eher weniger: Monologverwaltung statt Gesprächskultur. Nur, dass sie sich alle so furchtbar viel wichtiger nehmen als die neue Generation Trash-Talker wie Ärzte-Trommler Bela B., der in Hotel Bela den Zombie-Filmer George Romero als Fan befragte. Oder das Nachwuchsduo Joko und Claas, die bei neoParadise schon mal im Schrank interviewen. Oder Ausflug mit Kuttner…, Vorname Sarah, ein Rohdiamant des TV-Dialogs, leider nur bei Eins Plus. Oder alles mit Katrin Bauerfeind. Und eben Roche & Böhmermann.
Die mögen sich bisweilen verrennen im Laissez-faire, mit Viagra im Selbstversuch jeden Gesprächsfluss stoppen und Henryk M. Broders Quatsch unhinterfragt erdulden. Doch es bleibt echtes Reden. Miteinander. Nicht beieinander wie bei Jauchs. Trotzdem darf der weitermachen, Charlotte und Jan nicht. Ihre Sommerpause dauert fünf Monate, seine kostet Millionen. Jauchs Vertrag wird verlängert solange Jauch will, Roche/Böhmermanns Vertrag wird beendet, weil Thomas Bellut das so will. Nach einer Stunde Zeit mit allen Dreien wären er und Volker Herres dennoch sattsam zufrieden. Letzterer über sein Gespür für Erfolg ohne Inhalt, ersterer für seinen Mut zu Inhalt ohne Erfolg. Der hat ihn jetzt verlassen. Das deutsche Fernsehen, es ist und bleibt trotz seltener Beherztheit am Ende doch ein Häufchen Elend.
