Fernsehpferde und Beduinenärztinnen

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Fernsehwoche, die war: 25.2.-3.3.

Manche Fernsehformate erkennt man an nur einem Geräusch. Bei Michael Schanze war es das Plopp, bei Mork vom Ork ein Nannonanno, das Testosteronrodeo Alarm für Cobra 11 begrüßt jedes Episodendrittel mit einer nagasakiartigen Autobahnexplosion, die Tagesdosis Scripted Reality liefert das Grunzen gewaltaffiner Laiendarsteller zum Kaffee und nun also das hier, ein irgendwie amorpher, doch unverkennbarer Laut. Er klingt in etwa wie Mmmuha und kommt seit voriger Woche donnerstags zum Einsatz, bis das letzte Fettpolster verbrannt ist: Germany’s Next Topmodels fresskotzen sich wieder über den Pro7-Laufsteg, und dabei wird heftig backengebusselt, ohne Lippenkontakt, aber mit besagtem Ton. Und weil Heidi damit trotz Quotensturzflug immer noch reichlich Werbung akquiriert, werden wir ihr auch künftig dabei beobachten, wie sie ihre dürren Fohlen zu geldwerten Zuchtstuten zureitet.

Womit wir (noch vorm Papstrücktritt, der der Tagesschau jüngst sieben Minuten wert war) beim Newsblockbuster schlechthin wären, bei dem man bisweilen vergaß, dass Pferde nicht nur in der Lasagne landen, sondern gelegentlich in TV-Serien, die echte Klassiker wurden. Sechs Wochen nach der Erstmeldung, wo noch immer fast 75 Artikel dazu die 12 großen Magazine und Zeitungen verunreinigen, sei also kurz an Fury Ende der 50er erinnert, Black Beauty Anfang der 70er und die Immenhof-Ponys zwischendurch. Nicht, weil das irgendwas zur Sache täte, sondern Tiere/Kinder immer gehen. Und Wintersport natürlich. Meinen zumindest die öffentlich-rechtlichen nebst aller Sport-Sender und schießen damit seit Dezember aufs Publikum wie Schneekanonen auf Alpentäler.

Damit ist nun (anders als mit der Frankfurter Rundschau, die künftig vom einstigen Klassenfeind aus der gleichen Stadt verlegt wird) Schluss: Die Nordische Ski-WM ist vorbei, der Frühling kann kommen und damit andere Sendungen als wochenendlich zig Stunden teilbewaffentes Loipengerangel. Neue Leibesübungen zum Beispiel wie die TV total WOK WM am Samstag, Disziplin: Logo-Speedkleben, Marken-Dauerzeigen, PR-Parcours. Wer das vier Stunden erträgt, erträgt auch die neue RTL-Show Crash Cash, wo der neue Dschungelcamp-Kapo Daniel Hartwich was mit einer halben Million Gewinn wegmoderiert. Allerdings geht das offenbar nur besoffen, wie die Spots gegen zu viel Alkohol in den Werbepausen suggerieren. So wenig Unterhaltsamkeit erträgt selbst die trinkfesteste RTL-Klientel nämlich nicht nüchtern.

Aussichtsplattform

Die Fernsehwoche, die wird: 3.-10. März

Arte, wieder Arte, aber immerhin: Wenn Hendrik Handloegtens Drama Fenster zum Sommer dort Mittwoch erstmals im Fernsehen läuft, zeigt das Medium, zu welcher Kraft es fähig ist, falls das Kino mitproduziert. Dann versammelt es mit Nina Hoss, Mark Waschke, Fritzi Haberland, Lars Eidinger einen Schauspielschuljahrgang , der den Flatscreen zur Bühne adeln kann. In einem Film, dessen Geschichte um eine Frau, deren Leben plötzlich drei Monate zurückgedreht ist, still und sachlich, aber fesselnd erzählt wird. Mal sehen ob das bei einem Werk mit folgender Handlung auch so ist: Auf Bitten ihrer Freundin Reissa macht sich die Ärztin Sina von Wien aus auf nach Dubai, um dort Reissas Vater zu behandeln: Der stolze Beduinenfürst will trotz schwerer Krankheit keinen Arzt aufsuchen. Vom ersten Moment an ist Sina von der Wüstenlandschaft und der Kultur der Beduinen zutiefst fasziniert. Aber auch Reissas eleganter Bruder Khalid weckt ihr Interesse. Sie beschließt, als Wüstenärztin eine mobile Klinik für die Beduinen einzurichten. Als überraschend ihr Freund Marco in Dubai auftaucht… blablabla.

Wenn die ARD Filme so ankündigt, weiß jeder: it’s Friday und das Niveau hängt am Tropf, als wäre das Zielpublikum nicht nur deutlich älter als die Zielgruppe. Sondern so debil, wie Til Schweigers Serienkommissarname, der allen Ernstes Nick (Bumm) Tschaller (Bang) lautet und den Tatort Sonntag nach gut 40 Jahren endgültig zur Stuntshow degradiert, wodurch die ARD zusehends auch in anspruchsvollen Formaten Expertise darin erwirbt, ihr Publikum zu unterfordern.

Zu blöd, das die kommerzielle Konkurrenz das naturgemäß besser kann. Vox etwa, das dem Modezombie Harald Glöökler eine montägliche Homestory widmet. Oder RTL2, das sein 20. Jubiläum am Mittwoch mit viel Big Brother und Peep, nun ja: feiert. Oder RTL, dass Deutschlands beliebtestem Quizmaster Freitag 5 gegen Jauch mit Namen von Calmund bis Poth gegenübersetzt, während beim Großen Sat.1 Promiboxen zeitgleich doch nur frühere Dschungelbewohner aufeinander hetzt. Kleine Ausnahme: die neue Donnerstagsserie American Horror Story (22.35 Uhr), eine frische Poltergeistvariante, die in den USA zurecht für Furore sorgt und bei uns interessanterweise beim Frauenkanal Sixx läuft. Es wird trotz Til Kawoom Schweiger Rattattata also schon schlimmere TV-Wochen gegeben haben.


Licht aus im Niveauasyl

Aus für Roche und Böhmermann

Es ist zum Heulen: Die einzig wahre, wirklich lustige, dazu informative, jedenfalls unvergleichlich unterhaltsame GEsprächssendung des deutschen Fernsehens passt dem ZDF nicht in die Struktur – weshalb es dessen Programmchef Thomas Bellut zur Abschaffung freigegeben hat. Wenigstens kann man sonntags ab 22 Uhr auf ZDFkultur Wiederholungen sehen. Die sind immer noch besser als jede frische Talkrunde.

Von Jan Freitag

Es gibt Momente, da müsste man mal mit Volker Herres und Thomas Bellut fernsehen. Chipstüte in die eine Hand, Pils in die andere, den ARD-Programmchef zur Linken, den ZDF-Intendanten zur Rechten – schon kann ein gemütlicher Sonntagabend mit den Verantwortlichen von Tatort oder Polizeiruf hier und Schnulze oder Schnulze dort beginnen. Und wenn das unterschiedlich temperierte Happyend sein jeweiliges Format in die Nacht entlässt, würden die Herren Herres und Bellut wie jede Woche frohlocken, weil mit der Quote die Laune steigt in diesem Geschäft. Seltsam nur, dass sie danach nicht in den Keller geht – die Laune, nicht die Quote.

Würden die zwei TV-Macher nun nämlich weiter durch die eigenen Kanäle zappen, sie müssten sich eigentlich in Grund und Boden schämen für die Gebührenvergeudung am Bildschirm. Denn während die Schlechteste aller Talkshows gleich nach dem Hauptfilm an prominenter Stelle läuft, läuft die Beste abseits aller Wahrnehmbarkeit, fortan sogar nur noch als Wiederholung. Doch Volker Herres und Thomas Bellut sind als Programmgestalter ihre eigenen PR-Abteilungen in Personalunion, da werden sie also sagen: Toll, der Jauch. Toll die Roche. Toll der Böhmermann.

Was stimmt und auch wieder nicht, womit wir mitten im Feld der Dialektik wären, also beim Punkt. Denn dass Deutschlands schlechtester Gesprächsleiter Günther Jauch trotz irritierend unzureichender Qualität als politischer Talkmaster den größten Zuschauerzuspruch all der Gesprächsformate erzielt, ist eine ebenso große Ohrfeige für Ästheten wie die Tatsache, dass Deutschlands kreativste Gesprächsleiter Charlotte Roche und Jan Böhmermann mit ihrem wunderbar anarchistischen Nostalgie-Talk Roche & Böhmermann nicht im Hauptprogramm des Zweiten laufen, sondern auf dem Anspruchsasyl ZDFkultur. Dort erzielten sie mit 0,4 Prozent zwar Werte weit überm Senderschnitt; 90.000 Zuschauer waren allerdings nicht mal ein Fünfzigstel derer, die Jauchs repetitive Redundanz so einschalten.

Nun sind das nur Zahlenspiele, Rechenexempel, Abstraktionen auf der Basis einer dubiosen Messtechnik zur Zuschauerzahlenermittlung, die mit der Realität weniger zu tun hat als das öffentlich-rechtliche Fernsehen zur Primetime mit seinem Staatsauftrag. Doch es wirft ein fahles Licht auf unser Leitmedium, deren Versorger und ihre Kunden. Roche & Böhmermann liefern schließlich das ab, was gebührenfinanzierten Sendungen (Kommerzkanäle sind seit langem nicht nur sinn-, sondern dialogfrei) zusehends abgeht: Gesprächskultur.

Die zeichnet sich ja durch Eigendynamik aus, Gedankensprünge, durch ein geordnetes Chaos, das sich vom Kopf aus Bahn bricht in die Welt. Wer miteinander spricht, spricht durch sich selbst zu anderen. Wer bei Günther Jauch spricht, spricht trotz andrer mit sich selbst. Das konnte man acht Wochen bestaunen, Sonntag für Sonntag. Etwa vor knapp einem Jahr, als der Politkonservative Peter Altmaier, der Kulturkonservative Heinz Rudolf Kunze und der Sozialkonservative Henning Scherf mit dem Quotenlinken Bodo Ramelow und der Quotenfrau Ines Pohl von der taz, abermals (oder immer noch?) über Christian Wulff, nein, nicht diskutierten, sondern formatierte Parteistatuten und PR-Strategien zum Besten gaben. Bei Roche & Böhmermann dagegen trafen der Schönheitschirurg Afschin Fatemi, der Kolumnist Harald Martenstein, der Ökoaktivist Thilo Bode und das Exgirlgroupsternchen Lucy Diakowska, also eine bunte Mischung unerwarteter, interessanter Gäste aufeinander, um wahrhaft zu debattierten: über alles und nichts.

Das ist der Wesenskern: ob miteinander, durcheinander, gegeneinander, sinnfrei, gehaltvoll oder ziellos – Charlotte und Jan, lassen laufen, denken, reden, Zwanglosigkeit herrschen. Falls sie denn wollen; falls nicht, spulen sie einfach die MAZ zurück, um Fäden neu zu verknoten, überpiepsen per Knopfdruck Unliebsames oder stoppen die Realität zur Beratung. Dazu servieren sie verrauchte Schwarzweißaura wie einst im Internationalen Frühschoppen und führen die Talkshow somit zurück zur Substanz dessen, was Dietmar Schönherr 1973 bei ihrer BRD-Premiere darin sah: „Eine Rederei.“

Mehr liefert auch „Günther Jauch“ nicht, mehr sind selbst seine kompetenteren Konkurrenten von Will bis Plasberg nicht, eher weniger: Monologverwaltung statt Gesprächskultur. Nur, dass sie sich alle so furchtbar viel wichtiger nehmen als die neue Generation Trash-Talker wie Ärzte-Trommler Bela B., der in Hotel Bela den Zombie-Filmer George Romero als Fan befragte. Oder das Nachwuchsduo Joko und Claas, die bei neoParadise schon mal im Schrank interviewen. Oder Ausflug mit Kuttner…, Vorname Sarah, ein Rohdiamant des TV-Dialogs, leider nur bei Eins Plus. Oder alles mit Katrin Bauerfeind. Und eben Roche & Böhmermann.

Die mögen sich bisweilen verrennen im Laissez-faire, mit Viagra im Selbstversuch jeden Gesprächsfluss stoppen und Henryk M. Broders Quatsch unhinterfragt erdulden. Doch es bleibt echtes Reden. Miteinander. Nicht beieinander wie bei Jauchs. Trotzdem darf der weitermachen, Charlotte und Jan nicht. Ihre Sommerpause dauert fünf Monate, seine kostet Millionen. Jauchs Vertrag wird verlängert solange Jauch will, Roche/Böhmermanns Vertrag wird beendet, weil Thomas Bellut das so will. Nach einer Stunde Zeit mit allen Dreien wären er und Volker Herres dennoch sattsam zufrieden. Letzterer über sein Gespür für Erfolg ohne Inhalt, ersterer für seinen Mut zu Inhalt ohne Erfolg. Der hat ihn jetzt verlassen. Das deutsche Fernsehen, es ist und bleibt trotz seltener Beherztheit am Ende doch ein Häufchen Elend.