Katholikenlogik und Geschlechterkampf

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Von Jan Freitag

Die Woche, die war: 11.-18. März

Oh what a show! 6000 Journalisten vor Ort, Milliarden Menschen am Bildschirm, der hiesiger Anteil pünktlich zu den Hauptnachrichten weit übers Tagesschau-Ende hinaus live versorgt von ARD, ZDF, RTL, WDR, BR, SWR, RBB, n-tv, N24 Phoenix oder dem Brausesender Servus, und dann spendet der neue Papst „allen Frauen und guten Menschen den Segen“, wie die völlig euphorisierte Übersetzerin ins Mikro grölt. Ja sind denn Frauen keine Menschen und falls doch, schlechte? Wer dem Petrus-Imitator Nr. 266 das Manuskript geschrieben hat, war wohl genauso – von was auch immer – trunken wie der ordinierte ARD-Experte im Splitscreen-Eck, dem entfuhr, dass Jorge Maria Bergoglio „als Jesuit den Namen Franzsikus gewählt hat nach Benedikt vorher, vielleicht nimmt der nächste ja mal Ignatius“. Entertainment wie von RTL performt: tolle Bilder, Null Sinn.

Genau diese Wirkstoffe kombiniert der „Reporter“ vom „Magazin“ namens „Extra“ des „Senders“ auch in seinem ersten eigenen Format. Es heißt Jenkes Experiment, worin ein Jenke von Wilmsorf im Eigenversuch tut, wovon er gleichsam abrät. Zu viel saufen zum Auftakt, was er kamerabegleitet so konstant missachtet hat, dass er sich vier Wochen lang auf Stammpublikumspegel zuschüttete. Eine Art verkappter Zuschauerverachtung, wie sie Katja Riemann im NDR-Magazin DAS zelebrierte, wo sie so derart zickig war, dass man sich fragte, warum sie bei ihrer eigentlichen Arbeit so anbetungswürdig sein kann. Etwa im Arte-Drama Verratene Freunde vom vorigen Freitag (das die ARD Mittwoch wiederholt). Komisch, wo doch das Fernsehen an sich so konfliktscheu ist.

Das belegt auch der Rundfunk Berlin-Brandenburg, dessen rückratreduzierter Chef Christoph Singelstein einen harmlosen Wutausbruch von Ministerpräsident Matthias Platzeck aus den RBB-News werfen ließ, nachdem Regierungssprecher Thomas Braune beim Sender interveniert hatte. Offizieller Grund: der Reporter habe die Ursache von Platzecks Tirade – eine unbotmäßige Frage zum Flughafendesaster – vorher nicht angekündigt. So weit geht’s ja nun auch nicht mit der Pressefreiheit. Die sollte sich aus teilzeitdemokratischer Sicht ohnehin darin erschöpfen, Magazine wie den Stern im LandLust-Look zu fertigen, wie es der neue Chefredakteur Dominik Wichmann nun tut. Vielleicht bringt das ja neue Käufer, die auch auf ARD-Freitagsfilme namens Nicht ohne meinen Enkel stehen, der sicher rein zufällig wie ein verfilmter Bestseller früherer Tage heißt.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 19.-26. März

Für alle, die vorige Woche montagsfernsehen gelesen haben und heute (Montag) Abend, wenn sie denn schon fernsehen, dann was anderes als ZDF, muss es jetzt mal energisch werden: SCHALTET DAS EIN, VERDAMMT! Unsere Mütter, unsere Väter nämlich, auch ohne ersten Teil (der Donnerstag bei ZDFinfo wiederholt wird) gut verständlich, aber schwer verdaulich und auch deshalb das Beste, was je in deutscher Sprache über den 2. Weltkrieg gedreht wurde (3. Teil: Mittwoch). Und auch wenn es abstrus erscheint: Empfehlen kann man diese Woche sogar einen Sat1-Film, am Dienstag nämlich. Zur Sache, Macho!, ist zwar der dämlichstdenkbare Titel für die Geschlechterkampfkomödie um einen selbstgerechten Gigolo, dem seine innere Frau leibhaftig begegnet; aber Max von Pufendorf spielt beide Rollen so liebevoll und sachlich, dass man sich ruhig mal einen Abend Privatfernsehen um die Augen hauen kann, wenn grad nichts anderes anliegt.

Am Donnerstag dagegen müsste schon der Rest der Welt geschlossen Pause machen, um sich die ARD-Übertragung vom Echo 2013 anzutun. Da reicht es nicht, dass die Blut-und-Boden-Patrioten Frei.Wild wieder entnominiert wurden – solche Sendungen gehören ebenso abgeschafft wie die Preise selbst, deren künstlerischer Wert unter Null geht und nur Masse belohnt. Um die geht es zwar auch bei der nächsten Ausgabe von Wetten, dass…? am Samstag aus Wien; trotzdem möchte man der ewigen Show irgendwie ja nichts Schlechtes wünschen, schon aus Erinnerung an all die Abende daheim neben den Eltern, Schoko Crossies und Salzbrezeln in der Mitte, zu Bett erst nach elf – das soll nie aufhören, irgendwie, gewissermaßen, auch wenn Heiner Lauterbach, 50 Cent und Anna Loos diesmal eben neben Lanz statt Gottschalk sitzen. Nostalgie ist nicht die schlechteste Programmdirektorin. Weshalb man dann aber doch auf Höhe der dritten Wette, um 21.55 Uhr, dringend zu Arte wechseln sollte. Dort läuft nämlich Hannes Rossachers famose Doku Da, Da, DA – Die Geschichte eines Hits.Vielleicht ja doch die bessere Retrospektive und allemal besser als der aufgeschwemmte Roland Kaiser als Gaststar im Münsteraner Tatort tags drauf, der ruhig mal wieder weniger selbstreferenziell werden darf.

Und zum Schluss, als neues Schmankerl des montagsfernsehens, die Entdeckung der Woche: zum Debüt auf einsfestival, donnerstags, 21.30h: Outland, eine australische Sitcom, die auf vergleichbar klischeearme Weise homosexuelle Interaktion jeder Art persifliert, ohne sie bloßzustellen, vor allem aber im Original mit Untertiteln läuft. Seht ihr, liebe Vollprogramme: geht doch!


Was heißt hier Objekt?

Sexismus, Brüderle und die Piraten

Eigentlich will sie nur berichten, statt selbst Berichtsobjekt sein. Doch seit die Berliner Spiegel Online-Korrespondentin im im gedruckten Blatt über Sexismus in der Piratenpartei berichtet hat, wurde sie selbst zum Medienthema. Und weil ihr das überhaupt nicht behagte, hat sie sämtliche Interviewfragen abgeblockt. Nur mit dem Branchenmagazin journalist hat sie über den Fall, ihre Beschreibung und die Reaktionen darauf gesprochen. freitagsmedien dokumentieren das kommentierte Reportageinterview hier in voller Länge.

Interview: Jan Freitag

Frau Meiritz, wie ist das Leben einer Journalistin so in Deutschland?

Annett Meiritz: Einer jungen Journalistin, haben Sie vergessen (lacht). Einer jungen, politischen. Eigentlich ist es ein schönes Leben, weil mein Geschlecht – so dachte ich zumindest bis vor einem Jahr – keinerlei Nachteile mit sich bringt.

Das sehen Sie jetzt anders?

Ich sehe es differenzierter. Aber ich beschwere mich nicht über die Arbeitsbedingungen, sondern beobachte, dass Männer und Frauen einfach unterschiedlich wahrgenommen und behandelt werden.

Was Sie im Spiegel auch angeprangert haben.

Das war eher eine nüchterne Zustandsbeschreibung, ich habe meinen Essay bewusst nicht in einem jammernden Tonfall geschrieben.

Essay, Annett Meiritz sagt nicht Feature, Reportage, schlicht Artikel, sie sagt Essay. Ein Versuch also, als dürfe sich die erfahrene Journalistin von 30 Jahren nur mit größter Vorsicht anstelle des fundierten Selbstverständnisses eines Erfahrungsberichts an diesen Anachronismus herantasten: Die Berliner Parlamentskorrespondentin von Spiegel Online wurde zum wiederholten Male Objekt manifester Frauenfeindlichkeit, diesmal allerdings nicht irgendwo, sondern bei ihrem Berichtsschwerpunkt: Den Piraten, diesem Partei gewordenen Nonkonformismus, bei dem strukturelle Diskriminierung via Geschlecht vielleicht als letztes zu vermuten gewesen wäre. Vielleicht ging die Tatsachenbeschreibung aus Ich-Perspektive namens „Man liest ja so einiges über Sie“ ja deshalb unter im Aufschrei über Rainer Brüderles lüsterne Anzüglichkeit, von der ihre gleichaltrige Kollegin Laura Himmelreich gut zwei Wochen später im Stern berichtete. Hier eine frauenfeindliche Verleumdungskampagne, dort ein handfester Übergriff, bei den Piraten also das viral verbreitete Klischee, eine Journalistin auf Informationssuche setze zwingend körperliche Reize ein, beim FDP-Politiker das analog lancierte Vorurteil, vor jeder weiblichen Recherche stehe doch erstmal ein gut gefülltes Dirndl. Doch so verschieden beide Beispiele männlichen Machthandelns wirken mögen – gemeinsam bilden sie eine sexistische Alltagsstruktur, die das Verhältnis zwischen Journalismus und Politik auch im 21. Jahrhundert noch verpestet.

Halten Sie die Verleumdungen mancher Piraten für Ausnahmen oder die Regel?

Die meisten Kontakte zu Politikern aller Parteien sind höflich und professionell. Aber zusammen ergeben die Ausnahmen ein Muster. Man wird als Frau anders behandelt, im Gespräch weniger ernst genommen, sogar, wie in meinem Fall, übers Geschlecht verleumdet.

Was eher subtile Machtmechanismen als greifbare Belästigungen sind.

So scheint es, weshalb Betroffene ungern darüber sprechen. Falls es sich mit Rainer Brüderle zugetragen hat, wie Laura Himmelreich berichtet, ist das ein offener Übergriff. Die meisten Anzüglichkeiten ziehen jedoch ein „Aber“ nach sich, das auf besondere Umstände verweist, mit zwei Gläsern Wein im Spiel und Auslegungsspielräumen.

Willkommen in der Grauzone!

Die ich keinesfalls akzeptiere! Selbst nach einem Parteiempfang an der Bar bin ich Journalistin und der Politiker Funktionsträger. Umso absurder ist es, dass ich auf Veranstaltungen aller Parteien erlebe, wie Journalisten stundenlang mit Politikern beieinander hocken, Witze reißen, vertraulich sind, während uns Journalistinnen verstohlen zugeflüstert wird, ob man sich nicht lieber abseits des Parteitags treffen wolle, sonst gäb’s nur Gerede… Ich finde es unerträglich, dass da für Männer und Frauen ungleiche Regeln herrschen.

Ist das schon handfester Sexismus oder noch strukturelle Ungleichheit?

Da ist der Übergang fließend. Die Verleumdungsmechanismen mancher Piraten fußen auf einem sexistischen Grundverständnis, nach dem Journalistinnen unfähig sind, tiefere Erkenntnisse anders als über körperliche Gefälligkeiten zu kriegen.

Oder auf dem taktischen Kalkül, die Journalistin da anzugreifen, wo sie verwundbar sein könnte.

Darüber habe ich auch nachgedacht, aber letztlich liegt dem wohl doch ein unreflektiert sexistisches Weltbild zugrunde, das bei so einer Partei nur ungleich radikaler publiziert wird. Männliche Kollegen, die ähnlich tief in die Materie eingetaucht sind, bleiben von Vorwürfen der Prostitution oder angeblichen Bettgeschichten ja verschont. Deshalb gibt es Journalistinnen, die im Netz streuen, einen Freund zu haben, um Gerüchten vorzubeugen. Ich glaube, Piraten denken da nicht so strategisch.

Andere Parteien schon?

Zwischen Politiker und Journalist geht es parteiübergreifend um ein Machtspiel: Der eine will nur das Nötigste preisgeben, der andere alles wissen. Mit Männern wird jedoch auf Augenhöhe gespielt, mit Frauen nicht. Da versuchen selbst Minister, die junge Reporterin mit Aussagen über ihr Aussehen zu verunsichern. Das übt keiner abends vorm Spiegel, aber vielleicht beginnen jetzt ja einige, diese Mechanismen zu hinterfragen.

Das wäre an der Zeit, denn Journalismus und Politik sind wie alle gesellschaftlichen Spielfelder jenseits der Kita fest in Männerhand. Ministerien werden bestenfalls dann von Frauen geleitet, wenn sie Frauenfragen verhandeln, und Redaktionen, sofern es darin um die fünf großen „K“ geht: Kleidung, Kosmetik, Küche, Komfort, Kinder, und falls sich all dies ohne Mehraufwand für den zugehörigen Mann vereinbaren lässt: Karriere. Gut 100 Magazine solchen Inhalts werden mit einer Gesamtauflage oberhalb der 20 Millionen gedruckt – gefangen „im Muff der 50er-Jahre“, wie die renommierte Zeitschriftenentwicklerin Bettina Wündrich schreibt. Das perpetuiert nicht nur bestehende Strukturen, es wirkt auch zurück auf den Journalismus, der sich vielerorts beeilte, die Schuldfrage umzudrehen, als die Debatte ihren Lauf nahm. Was daraus wird? Annett Meiritz zuckt mit den Schultern.

Glauben Sie, dass diese Debatte nun wirklich etwas bewegt?

Insofern, als ihre bloße Existenz das Thema neu ins Bewusstsein rückt. Zumal es nicht in einem feministischen Forum anfing, sondern in Qualitätsmedien. Nach kürzester Zeit wurde daraus jedoch eine völlig überdrehte Debatte darüber, was man mit welchem zeitlichen Abstand überhaupt schreiben dürfe.

Um davon gezielt abzulenken?

Es fiel schon auf, wie rasch die Aufmerksamkeit auf journalistische Methoden schwenkte. Der eigentlichen Debatte tat das sicher nicht gut.

Die aber inmitten digitaler Zeiten immerhin mal von alten Medien angestoßen wurde.

Aber ohne das Netz als Brandbeschleuniger hätte sie nie diese Dimension erreicht. Das Ping-Pong-Spiel zwischen klassischen und neuen Medien hat der Debatte allerdings eine besondere Dramaturgie verpasst. Eine Bewegung wie #aufschrei gilt eben nicht mehr als Ansammlung verrückter Twitterer, sondern wird publizistisch ernst genommen. Auch wenn am Anfang eine Journalistin stand, die das auf Papier geschrieben hat.

Ist es bereits ein Zeichen antisexistischer Umtriebe, dass kritische Journalistinnen wie Sie es in Magazinen wie dem Spiegel schreiben dürfen?

Medien machen ihre Arbeitsprozesse zusehends transparent, was dazu führt, dass Journalisten in der Regierungsmaschine twittern, wie die Kanzlerin gerade guckt. Dennoch gibt es weiter geschlossene Räume. Und wenn die Verleumdungen gegen mich in Mails oder Drohbriefen erfolgt wären, hätte ich die auch verschlossen gehalten. Das alles lief jedoch im Netz ab, für alle ersichtlich – da musste ich schon deshalb reagieren, um die Kontrolle nicht zu verlieren.

Was würden Sie denn tun, wenn Ihnen aus dem Bundestag einen Dildo mit der Zeile „Auf gute Zusammenarbeit“ zuginge?

Ich würde zu unserer Rechtsabteilung gehen. Die Zeiten sind Gott sei dank vorbei, da wäre heute jeder Politiker weg vom Fenster.

In den Achtzigern jedoch, als die Anekdote aus Ursula Kossers Buch „Hammelsprünge – Sex und Macht in der deutschen Politik“ geschah, galt ein Dildo im Postfach Bonner Hauptstadtjournalistinnen offenbar nicht als Problem. Nicht für die Absender. Damals waren die Brüderles von heute noch jung und ihre Altvorderen hatten noch Erfahrung mit legaler Züchtigung ungehorsamer Gattinnen, denen sie den Job kündigen durften. Nun mag Diskriminierung sublimer laufen, passé ist sie nicht und äußert sich vor allem in der „gläsernen Decke“. Ein halbes Dutzend von 360 deutschen Tageszeitungen wird von Frauen geführt. Auch die Chefsessel von Zeitschriften, Presseagenturen, Funkhäusern sind extrem männlich besetzt. Angesichts des Überschusses an weiblichem Nachwuchs sind da jene 30 Prozent Führungsanteil, den die Initiative ProQuote fordert, fast bescheiden. Dennoch wäre es ein Quantensprung im Vergleich zu früher. Aber Fortschritte? Annett Meiritz’ Lächeln wirkt ein wenig matt…

Das waren die alten Zeiten, Männerzeiten.

Schon. Aber auch wenn die alten Herrenzirkel aussterben, bleibt deren Prinzip kumpelhafter Vertraulichkeit am Leben. Ich war gerade zu Beginn meiner Karriere oft fassungslos, wie oft bei Journalistinnen das Geschlecht thematisiert wird. Frauenfeindlichkeit wird also nicht abgeschafft, sondern subtiler.

In Ihrem Essay deuten Sie an, diese Art Frauenfeindlichkeit sei sogar schlimmer als der Oldschool-Sexismus eines Rainer Brüderle?

Sie sind schwerer erkennbar. Aber der Effekt beider Mechanismen ist gleich, nur die Vermittlungsebenen sind andere.

Die FAS schreibt dazu, wer sich auf das Spiel von Nähe einlässt, darf sich über die Folgen nicht beklagen…

Dem stimme ich insofern zu, als man auf der halbprofessionellen Ebene an der Bar mit halbprofessionellen Ergebnissen rechnen muss. Dennoch gehört es zum Berufsverständnis von Politikern wie Journalisten beiderlei Geschlechts, in jeder Situation respektvoll miteinander umzugehen.

Wobei Sexismus ja auch ein bisschen mehr als halbprofessionell ist…

Absolut. Aber nur, weil mir eine blöde Anmache drohen könnte, kann ich mich der inoffiziellen Seite meines Berufes nicht entziehen. Es mag ja fraglich sein, was das übliche Gelage vorm Dreikönigstreffen der FDP journalistisch bringt, aber als Menschen lernt man einen Politiker nicht nur zwischen 8 und 17 Uhr kennen. Und viele meiner Informationen über die Piraten hätte ich auf rein offiziellem Weg kaum gekriegt. Deshalb bin ich dankbar für jedes Gespräch abseits steriler Büros oder Pressekonferenzen, wo man ohne Zeitdruck, ohne Formalitäten stundenlang über alles Mögliche, vor allem aber Politik reden kann. Wichtig ist nur, dass man vertraulich-professionelle Nähe nicht mit Freundschaft verwechselt.

Glauben Sie, dass diese Art Nähe jetzt in Distanz umschlägt?

Ich merke schon jetzt bei einigen Piraten, dass ein neues Bewusstsein entsteht, wie angreifbar sie ihr Handeln machen kann. Aber das ist ja erstmal positiv, kann allerdings auch zu weit führen. Wenn ein Wolfgang Kubicki sagt, er steige nun mit keiner Journalistin mehr ins Auto, klingt das, als würden Männer im Kontakt mit Frauen ihr Gehirn abgeben. Falls ich zu einem Politiker ins Auto steige, will ich über ihn berichten, wofür ich auch weiterhin mit Politikern an Hotelbars sitzen werde.

Als Laura Himmelreich kürzlich von einer Hintergrundrunde berichten wollte, war sie selbst Gegenstand der Berichterstattung. Hat das Ganze auch Ihre Arbeit verändert?

Nein, ich stand ja nie so im Fokus wie Laura Himmelreich. Ein Kollege sagte gerade zu mir, wir müssen aufpassen, stets Beobachter zu sein, nie Akteure. Insofern war der Essay das Maximum dessen, was ich mit mir als handelnde Person verfasst habe. Die anschließende Debatte kann ich sehr gut von mir abstrahieren.

Sie sind als Objekt austauschbar.

Was heißt hier Objekt? Ich nehme mich da nicht wichtig, auch wenn ich den Anstoß gegeben habe.

Tragen Sie denn auf Terminen nun lieber Hosenanzug als Etuikleid?

(lacht)

Im Artikel ärgert sich Annett Meiritz, dass Kleidung, Auftritt, selbst der Gesprächsort ständiges Abwägen möglicher Folgen erfordert. Die Frage, ob sie Hosenanzug oder Etuikleid trage, sei da keine von Stil und Wetter, sondern strategisch. Hier, im futuristischen Spiegel-Haus am Rande der Hamburger Speicherstadt, trägt sie Kleid und Keilabsätze, sie ist überhaupt recht feminin, mit langem Haar und offenem Lachen, bei dem oft eine Braue hoch rutscht. Wobei – wären solche Äußerlichkeiten überhaupt der Rede wert, wenn Annett Meiritz ein Mann wäre? Aber dann wäre ohnehin vieles anders, dann ginge ihre Chance auf eine Ressortleitung abseits des Lifestyle-Segments gegen Null, von höheren Aufgaben ganz zu schweigen. Dabei ist die gebürtige Schwerinerin exzellent ausgebildet: Studium der Geschichts- und Medienwissenschaften in Düsseldorf, Volontariat an der Berliner Journalistenschule, Politikredakteurin bei Spiegel Online mit Mitte 20, unterbrochen von einem Jahr Australien und Neuseeland, bis sie 2012 ins Parlamentsbüro wechselt, wo sie neben den Piraten gern über digitale Themen schreibt. Über Mode schreibt sie nie.

Ein gewisser Dresscode ist Teil der professionellen Verantwortung; man würde ja auch keinen Kollegen ernst nehmen, der in Shorts zum Interview kommt. Aber als ich gemerkt habe, dass ich zu Politikergesprächen meist Hosenanzug trage, fragte ich mich: warum eigentlich?

Um sich in einer Männergesellschaft mit deren Uniform zu panzern?

Und sich so unangreifbar zu machen – vielleicht. Inzwischen mache ich mir darüber aber keine Gedanken mehr.

Als bekannt wurde, dass Laura Himmelreich nach dem Abend mit Brüderle noch mehrfach mit ihm ins Auto gestiegen ist, wurde ihr Ressortleiter kritisiert, dass er sie nicht vor ihm geschützt hätte.

Ich kenne Laura Himmelreich und habe nicht das Gefühl, dass sie ein Opfer ihrer Chefredaktion oder Ressortleitung ist. Sie hat stets selbstbewusst gehandelt.

Haben Sie selbst sich in Ihrem Beruf je schutzbedürftig gefühlt?

Nie, ich war höchstens mal perplex, wenn versucht wurde, mich über Äußerlichkeiten zu verunsichern. Aber nach einer irritierten Sekunde ging es stets weiter. Was mich daran ärgert, ist dass ich mein Verhalten stets reflektieren soll, nur weil es andere mit ihrem nicht tun. Es ist doch nicht meine Aufgabe, den Gesprächspartner zu erziehen. Sicher setze ich Grenzen; diese Souveränität ist eine Kernkompetenz jeder modernen Frau. Aber die Debatte hat sich viel zu viel vom Handeln der Männer zur Reaktion darauf verlagert. Dabei ging es ums alte Sandkastenspiel: wer hat angefangen? Das ist die falsche Debatte.

Die richtige wäre eine umfassende darüber, wo Frauen überall von Sexismus betroffen sind. Der reicht vom altväterlichen der Generation Brüderle über den subtilen der Generation Piraten bis zum selbstbestimmten der Generation Heidi Klum. Ist Ihnen einer davon besonders zuwider?

Schwer zu sagen. Ich empfinde weibliche Nacktheit im öffentlichen Raum zum Beispiel weit weniger problematisch als soziale Abhängigkeiten oder berufliche Nachteile wegen des Geschlechts.

Nennen Sie sich trotz dieser Einschränkung Feministin?

Nein, auch wenn ich viele feministische Forderungen unterschreiben kann. Die Debatte hat mich zwar wacher gemacht, Feministinnen von Alice Schwarzer bis Charlotte Roche zeigen aber, dass Feminismus zu viele Gesichter hat, um den Begriff einfach zu übernehmen. Außerdem mag ich keine Etiketten.

Auch nicht solche wie „Femizissmus“, mit dem die englische Kolumnistin Charlotte Raven das neue weibliche Selbstbewusstsein narzisstisch, also körperbetont unterfüttert. In dieser Atmosphäre lassen sich Frauen bei „Germany’s Next Topmodel“ fröhlich zu Projektionsflächen männlicher Begierde zurichten, sind im Showfernsehen ohnehin in flachen Schuhen undenkbar, schmeißen in der Reklame dazwischen dennoch den Haushalt allein, und während selbst seriöse Magazine wie der „Stern“ Frauen auf dem Cover nur sexy dulden, illustrierte der „Spiegel“ das Titelthema „Dick durch Stress“ natürlich – mit einer Frau. Dass beide Magazine seit jeher nur Männer übers Vorzimmer der Chefredaktion hinauskommen lassen, ist Teil einer Schuld am Zustand, die nur wenige als solche anerkennen.

Die Piraten haben Sie umstandslos um Entschuldigung gebeten. Nehmen Sie die an?

Ich nehme sie zur Kenntnis. Es geht schließlich nicht um eine persönliche Auseinandersetzung zwischen der Partei und mir.

Freuen Sie sich denn auf die nächsten Hintergrundgespräche?

(lacht) Ja. Klar. Ich schreibe auch weiterhin gern über die Piraten.

aus journalist 2/2013

http://www.journalist.de/ratgeber/handwerk-beruf/menschen-und-meinungen/annett-meiritz-zur-aufschrei-debatte-was-heisst-hier-objekt.html


7 Fragen an … FDF-Sprecher Joachim v. Gottberg

Logo_der_FSF“Geschlechtsteile in erregter Aktion”

Joachim v. Gottberg, Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), über pornografisches Fernsehen und sexistische Topmodelsuchen

Fragen: Jan Freitag

freitagsmedien: Gab es in früheren Jahren mehr oder weniger Beanstandungen von Programmen mit vermeintlich pornografischem oder anders jugendgefährdendem Inhalt als im Jahrzehnt zuvor?

Joachim von Gottwald: Es gab Ende der 90er Jahre ca. fünf Beanstandungen bei Premiere und drei bei DF 1. Es ging dabei darum, dass nach Ansicht der damaligen HAM die FSF bei ihrer Freigabe zu großzügig gewesen sei.

Welche Sender verbuchen diesbezüglich die meisten Beanstandungen bzw. Publikumsklagen?

Das Publikum beschwert sich bei expliziten Sexfilmen selten. Zu Beate Uhse TV bekommen wir eher Beschwerden, warum so viel geschnitten ist und nicht mehr gezeigt werden darf. Aber insgesamt sind die Sexprogramme sehr viel weniger geworden. Beschwerden gibt es es eher bei normalen Spielfilmen oder bei Serien, in denen Geschlechtsverkehr in der dort üblichen Form gezeigt wird, vor allem im Tagesprogramm oder Hauptabendprogramm.

Gibt es aus Ihrer Sicht eine Veränderung im Programmangebot – wird weniger expliziter Sex gezeigt?

Es wird insgesamt weniger gezeigt, was aber an der Spezifizierung der Programme liegt. Wer viel sehen will, der bekommt im Internet alles geboten. Das hat Rückwirkungen auf das Fernsehen.

Ab welchem Grad sexueller Darstellung wird ein Format sendeuntauglich oder beanstandenswert?

Wenn es die Grenze zur Pornographie überschreitet. Die Definition ist nicht ganz einfach. Praktisch spielt eine Rolle, wie weit die Kamera geht – also ob sie den Sex nur andeutet oder ob die Geschlechtsteile  groß in erregter Aktion gezeigt werden. Letztlich geht es aber um das Bild von zwischenmenschlicher Sexualität.

Inwiefern?

Wenn Sex verabsolutiert wird und der Lustgewinn zwischenmenschliche Beziehungen dominiert, der Mensch also völlig austauschbar ist, dann spricht man von Pornographie.

Welche Formate wurden diesbezüglich zuletzt beanstandet?

Das waren Softsexfilme, die so an der Grenze waren.

Wie verhält es sich mit subtileren Formen sexueller Zurschaustellung wie Germanys Next Topmodel. Schreiten Sie in solchen Fällen ein, falls ja: warum, falls nein: warum nicht?

In der Tat sind solche Formen unter den Gesichtspunkten des Egos und des Weltbildes relevanter. Allerdings bewegen sie sich in einem gesellschaftlich adäquaten Rahmen, so dass wir wenig damit erreichen würden, gegen ein Format vorzugehen, das letztlich im Mainstream liegt. Das kann man mögen oder nicht, aber Jugendschutz darf keine Geschmackszensur ausüben.


Thorsten Hindrichs, Hamburg 2013

Sarrazinisierung des Popdiskurses

Frei.Wild sind ein Phänomen. Mit patriotischen Texten in Neuer Deutscher Härte stürmt das Südtiroler Rockquartett seit langem so erfolgreich die Charts, dass es für den Musikpreis “Echo” nominiert war – und nach Protesten anderer Kandidaten gleich wieder ausgeladen wurde. Damit hat der Diskurs um die Zugraft kruder Blut-und-Boden-Botschaften im Zirkus Pop eine neue Stufe erreicht, zu der freitagsmedien ein Interview mit dem Musiksoziologen Thorsten Hindrichs zeigen, dessen Forschungsprojekt “Musik und Jugendkulturen” (https://www.facebook.com/ForschungsprojektMusikUndJugendkulturen) an der Uni Mainz unter anderem Ursachen und Wirkung des Rechtsrock in Deutschland erkundet. Als das Interview vorigen Freitag auf Zeit-Online (www.zeit.de/kultur/musik/2013-03/freiwild-interview-thorsten-hindrichs) erschien, wurde es rasch zum meistkommentierten des Tages. Die Mehrzahl der zuletzt 327 Reaktionen stellte sich dabei teils offensiv auf die Seite von Frei.Wild, was die Frage aufwirft, ob Fans der Band rechtem Gedankengut anhängen oder rechtes Gedankengut so weit in den Mainstream eingesickert ist, dass es als solches gar nicht mehr erkannt wird. Dazu liefert Hindrichs interessante Antworten einer Debatte, die damit längst noch nicht erledigt ist.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Hindrichs, beschäftigt man sich als Musikwissenschaftler derzeit automatisch mit dem Phänomen wie Frei.Wild?

Thorsten Hindrichs: Vermutlich schon. Ich jedenfalls bin seit dem vergangenen Semester dafür verantwortlich, das Projekt Musik und Jugendkulturen am Geschichts- und Kulturwissenschaftlichen Institut in Mainz auf den Weg zu bringen, da interessiert mich das Phänomen Frei.Wild nicht nur persönlich, sondern auch wissenschaftlich sehr.

Dann erklären Sie es doch bitte in aller Kürze.

In aller Kürze wird schwierig. Soweit ich es verfolge, haben Frei.Wild sehr clever und sehr erfolgreich eine Lücke deutschsprachigen Rocks gefüllt, die besonders die Böhsen Onkelz hinterlassen haben.

Frei.Wild sind also vor allem ein Marketingphänomen?

Nicht nur, aber sie wissen die Sehnsucht gewisser Teile des Publikums geschickter zu bedienen als viele andere Nachfolgebands der Onkelz. Dabei ist festzustellen, dass die gesellschaftliche Abwehrreaktion, insbesondere in den Feuilletons, erheblich dazu beiträgt, die Popularität der Band nochmals zu erhöhen. Es gibt offenbar ein Publikum, das einfache Antworten auf einfache Fragen sucht und entsprechend versorgt werden will.

Ist diese Suche Folge rechtsradikalen Gedankenguts oder bloß des Bedürfnisses, zu provozieren?

Beides. Ein Teil des Publikums dürfte aus einer gewissen Politikverdrossenheit Lust an der Provokation entwickeln, ein anderer aus einem diffusen „Die-da-oben-wir-da-unten-Gefühl“ latente Systemablehnung. Hinzu kommen Männlichkeitsideale, die schnell in Kategorien wie Stolz münden, was alles zusammen durchaus Anknüpfungspunkte für rechtsradikale Ideologien liefert. Das Spektrum der Rezipienten sprengt also jedes simple Schwarzweiß-Schema.

Halten Sie die Absender dennoch für verfassungsrechtlich bedenklich?

Nein, Frei.Wild ist keine Naziband, aber offen nach rechts. Das wirft also eher die Frage auf, wie weit die Mitte der Gesellschaft anfällig für solche Art von Musik geworden ist. Die hart rechte Szene ist ja relativ klein, auch wenn ihre Auswirkungen wie im Fall der NSU sichtbar wurde bisweilen massiv sind; aber wie weit patriotische, tendenziell nationalistische Ressentiments vom rechten Rand nach innen vordringen, wie vom Konflikt-Forscher Wilhelm Heitmeyer festgestellt, ist wirklich bedenklich. Da ist es fast zu begrüßen, dass durch den Erfolg von Frei.Wild eine Debatte über diese Entwicklung losgetreten wird.

Angestoßen unter anderem aus der Rockmusikszene selbst.

Die dann wie Jupiter Jones, MIA oder Kraftklub voll im Shitstorm der sehr engagierten Frei.Wild-Fans stehen, die zugleich allerdings auf allen Foren posten, wie nett ihre Band ist und dass man noch lange kein Nazi sei, wenn man sein Land liebt.

Ganz nach dem Motto „das muss doch mal gesagt werden dürfen…“

Ganz genau, diese Sarrazinisierung des Popdiskurses ist sehr populär.

Mündet aber gelegentlich in offenen Rassismus oder Antisemitismus unter Klarnamen.

In der Tat. Was aufs Neue belegt, wie offen die Fanszene einerseits in alle Richtungen ist, wie sehr die gesellschaftliche Mitte aber andererseits davon durchdrungen wird. Da hat sich eine Tür geöffnet, durch die zunehmend hindurchgeblickt wird, ohne ganz hindurch zu gehen. Die Kritik am „Gesinnungsterror“ wird da ebenso wenig zu Ende gedacht wie die am „gleichgeschalteten Mainstream“.

Aber machen vierstellige Tonträger-Verkäufe inklusive Echo-Nominierung nicht ihrerseits Frei.Wild zum Mainstream?

In gewisser Weise schon, was auch ein Licht auf die Mitte der Gesellschaft wirft, die sich über den Kaufakt zu Musik und deren Inhalten bekennt. Das wiederum zeigt dann, wie salonfähig bestimmte Thesen mittlerweile sind. Wobei sie gar nicht unbedingt häufiger vorkommen als früher, sondern einfach nur häufiger artikuliert werden – sei es durch Vorbilder wie Thilo Sarrazin oder den Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, sei es durch die vielen Foren im Internet mit ihrer Möglichkeit zur Anonymisierung. Man fühlt sich mit keiner Meinung mehr allein, und eine Band wie Frei.Wild bedient das auch musikalisch.

Wenn Sie die mal mit einer rechtsextremen Band wie Störkraft vergleichen – was ist besonders für junge Konsumenten gefährlicher: der offene Faschismus oder der unterschwellige Nationalismus?

Offen faschistische Thesen sind natürlich in letzter Konsequenz gefährlicher, aber da sie Nazibands über eine Musik verbreiten, die nicht dauerhaft mehrheitsfähig ist, halte ich den massentauglichen Transport eines latent völkischen Nationalismus wie bei Frei.Wild für bedenklicher. Jetzt rede ich mich womöglich um Kopf und Kragen, aber ich finde die Gruppe weit weniger gefährlich als anregend für einen breiten Diskurs über rechtes Gedankengut und wie es in die Gesellschaft einzudringen vermag, der vom vermeintlich „gesunden Patriotismus“ deutscher Fähnchenschwinger bei der WM bis hin zu Frei.Wild reicht.

Müsste man dafür nicht mit Frei.Wild in die Debatte treten, statt nur über sie zu reden?

Aus wissenschaftlicher Perspektive muss man alle Seiten beleuchten. Die Gesellschaft sollte also als Ganzes darüber diskutieren, ob es nicht wichtiger sein sollte, Demokrat als Patriot zu sein; die Frage ist nur, ob sich Frei.Wild selbst daran beteiligen wollen, denn damit würden sie sich ja womöglich selbst ihres PR-Potenzials berauben.

War es also richtig von der Echo-Jury, die Nominierung zurückzuziehen oder hätte man sich da öffentlich durchkämpfen sollen?

Da bin ich gespalten. Auf dem jetzigen Stand der Erregung hatte die nominierende Deutsche Phono-Akademie wohl keine Alternative, hat dies aber auf sehr bedenkliche Weise begründet, indem die Pressemitteilung heute davon sprach, der Echo sei kein geeigneter Schauplatz einer öffentlichen politischen Debatte. Das ist er doch! Musik ist ja grundsätzlich Vollzug sozialen und kulturellen Handelns. Genau hier wird es für mich als Musikwissenschaftler ja erst richtig interessant: wenn die Rezipienten, also Hörer, darauf insistieren, das sei doch alles gar nicht politisch, sondern bloß deutscher Rock, der mit Politik überhaupt nichts zu tun habe.

Ist es das denn – bloß deutscher Rock? Oder wie bewerten Sie Frei.Wild musikalisch?

Auch wenn ich Gefahr laufe, mich dem nächsten Shitstorm auszusetzen: Frei.Wild ist 08/15 Rumpelrock, musikalisch also alles andere als aufregend. Ihr Erfolg hat wohl doch eher mit den Inhalten zu tun.


Tacktackeditacktack

fragezeichen_1_Wenn Zielorte und Zeiten im Bildschirmeck erscheinen, hat das Web 2.0 Pause. Dann arbeiten Agentenjäger wieder mit alten Schreibmaschinen.

 Von Jan Freitag

Tacktack tackeditackedi tacktacktatatatack. Wenn der Fernseher so klingt, wird klar: hier tickt eine Bombe, die Zeit rennt davon, es geht ums Ganze. Tacktack steht für Countdown. Bei amerikanischen Agentenfilmen, deutschen Actionserien, Krimis jeder Art – überall werden ablaufende Ultimaten und kriminologische Zielorte mit Tönen untermalt, die auch im Büro von Thomas Mann zu hören waren, zur Vertonung der Schrift uralter Schreibmaschinen im Flatscreeneck, deren Farbbänder seit den Achtzigern nicht mehr im Handel sind.

Während die Protagonisten also ausgerüstet sind wie 007 im Jahr 2013, werden ihre Aufenthaltsorte versinnbildlicht, als würde weiter Sean Connery lizensiert töten statt dieser Typ, der gar nicht so richtig James Bond ist. Und noch vorm Umstand, dass der Sound einer PC-Tastatur eher nach Nieselregen als echte Bedrohungen klänge, ist der wohl ein Hauptgrund, warum Requisiteure so oft mechanisch tippen: Verbrecherjagen ist längst aseptisch; man ermittelt Hightech; Bösewichte töten ohne Haifischbecken, sondern ganz profan per aufgesetztem Kopfschuss; von Technikolor, Kreativität, Spannung keine Spur. Da erinnert die „Olivetti Lettera 22“ schon eher an Verfolgungen auf Wasserski, geschüttelte Martinis am Strand, dazu Bikini-Schönheiten mit Namen wie Pussy Galore. Agenten würden Adler kaufen.


Fuckmist und Konklavenfinish

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 4.-10. März

Dieter Pfaff ist tot. Dieter wer?, dürfte da fragen, wer selten fernsieht und noch seltener in die Besetzungslisten. Der Fahnder wird ihnen da weniger sagen als Bruder Esel und Sperling noch ein wenig weniger als Der Dicke. Das ist nachvollziehbar, aber schade – besonders für den dicken Bruderfahnder Sperling selbst. Denn damit hat Dieter Pfaff nach und nach TV-Historie geprägt, in seiner unaufgeregten, introvertierten, gänzlich atelegenen Art. Dafür sammelte er die relevanten Branchenpreise wie populärere Kollegen Einschaltquoten und blieb doch bis zum Krebstod vorige Woche mit nur 65 stets der sperrige Buddha des Abendprogramms. Auch wer Pfaff nicht kennt, dürfte ihn somit vermissen – schließlich kriegen mit ihm die Schlechteren noch mehr Gewicht im Medium.

Leute wie der neue Tatort-Kommissar zum Beispiel, den der Medienkritiker Joachim Huber im Tagesspiegel wie folgt beschrieb: „Wer ein Problem mit Til Schweiger hatte, der hat jetzt ein Problem mit Nick Tschiller“, dessen lustige Eigengesichtsdemontage im Bruce-Willis-Stil zu Beginn gleich mal zünftig „Fuck“ durch den düsterglänzend Hamburger Krimiset grunzt und somit ungewollt eine andere Baustelle des hiesigen Fernsehens kommentiert: wäre ihm dieser Fluch, der im angloamerikanischen Film häufiger vorkommt als im deutschen bestimmte Artikel, bei einer US-Serie entfahren, hätte die Synchronisation daraus „Mist“ gemacht oder schlimmer: „verdammt“.

Verdammter Fuckmist ist es nämlich, dass jedes Importformat in lieblos übersetzten Kunstdialog-Versionen verabreicht wird, statt – wie beim heimischen DVD-Genuss flächendeckend praktiziert – die Originalversion zu untertiteln. Und so bleibt der nostalgische Arte-Sechsteiler The Hour über eine britische Newsredaktion donnerstags zwar verständlicher, aber zutiefst artifiziell. Leider. Technisch wäre der Weg des Bezahlkanal Sky, für den Englisch zusehends zur Arbeitssprache wird, nämlich kein Problem. Lizenzrechtlich schon eher. Wenn das Leitmedium genau dies bleiben will, heißt das folglich: Verhandeln; Geld dazu wäre vorhanden. Dafür könnte man ja vielleicht ein paar Euro bei Shows wie Verstehen Sie Spaß? sparen, dessen überdrehter Blitzlichgewitterlook jede Papstwahl in den Schatten stellt.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 11.-18. März

Womit es göttlich wird. Hätte es zu alttestamentarischer Zeit schon Medien gegeben, Kain und Abels Wettstreit, wessen Rauchsäule gerader gen Himmel steigt, wäre bei vier Erdbewohnern über Tage das Topthema aller Kanäle gewesen. Es gab allerdings keine. Schade eigentlich. Denn Kain und Abel nebst Eltern waren Protagonisten einer Familiensaga, die Rosamunde Pilcher kaum besser hätte ersinnen können. Das End wäre ihr zwar happier geraten, doch die Sache mit dem Rauch als dramatisches Finale – super Drehbuch! Das nun wieder zum Einsatz kommt, wenn es diesen Montag aus dem Vatikan qualmt, für eine ganze Menge der sieben Milliarden Erdbewohnern über Tage das Topthema aller Kanäle. Mit dem kleinen Unterschied, dass das Unterhaltungsangebot heute etwas größer ist als damals und die Papstwahl in rationalen Zeiten eigentlich so bedeutsam sein sollte, wie – sagen wir: ein Furunkel am Arsche Adams. Was den Schluss nahe legt, dass sich die Relevanz des Katholizismus womöglich längst erledigt hätte, würden es die Medien nicht ständig zum Topthema aufblasen. Richtung Konklavenfinish droht also der christliche Medienoverkill.

In dem für weitaus bessere Fernsehfiktion wie Das System mit dem famosen Nachwuchsschauspieler Jakob Matschenz als antriebsloses Nachwendekind auf den Stasispuren seines toten Vaters heute nur die späte Nacht im ZDF bleibt. Etwas besser trifft es da am Freitag Kai Pflaume. Der kriegt den günstigeren Anstoß 22 Uhr, um in einer aufgeblasenen ARD-Gala Deutschlands starke Frauen zu feiern. Aber für ihr ehrenamtliches Engagement kriegen die ja auch einen Preis namens GOLDENE BILD der FRAU, und wenn der Springerkonzern ruft, springen die Öffentlich-Rechtlichen noch über jedes Stöckchen, was das ZDF zuletzt mit der Dauerwerbesendung für die irrelevante Hörzu-Trophäe Goldene Kamera zeigte. Diese Art Cross-PR in der werbefreien Zeit lässt sich wohl nur durch konsequente Einschaltverweigerung begegnen, indem man statt der volksmusikalischen Dauerwerbeschleife Frühlingsfest der 100.000 Blüten am Samstag lieber zeitgleich die tolle Arte-Doku über Perry Rhodan (21.55 Uhr) sieht, im Anschluss die beste aller Musiksendungen Tracks oder noch besser: mal miteinander redet…

Nur ab Sonntag, da sollte sich jeder Fan anspruchsvoller und doch spannender Mehrteiler drei Abende (17./18./19. März) freihalten. Dann läuft im ZDF Philipp Kadelbachs furioses Coming-of-Age-Drama Unsere Mütter, unsere Väter – augenscheinlich noch ein TV-Event der Jahre 1933ff, hintergründig die brillant erzählte Geschichte von fünf Freunden zwischen jugendlichen Träumen und ihrer Zerstörung durch Nazis und Krieg, mithin also das Beste, was je zu diesem Thema gedreht wurde. Und somit zurück zu Dieter Pfaff: Auch posthum ist er Mittwoch als Psychotherapeut Bloch zu sehen, der es in der Episode Das Labyrinth mit Ausnahmedarstellern wie Devid Striesow und Birgit Minichmayr zu tun kriegt. Brillant. Anders als die Privaten, wo nur zu erwähnen wäre, dass der Berliner Senat RTL einen Produktionsstopp der Real-Life-Sause Babyboom – Willkommen im Leben verordnet hat, dessen Dreharbeiten den Geburtsalltag der Klinik beeinträchtigen. Armer Marktführer…


“Toll, toll, super-toll”

220px-Neon_Logo.svgDas neue Peer-Gefühl bei Neon

Hip, hipper, Neon – das G+J-Magazin hat auch nach zehn Jahren mit dem Ruf ewiger Sorglosigkeit der Generation Facebook zu kämpfen. Jetzt hat es auch noch ein neues Führungsduo, das noch besser zur Zielgruppe passt als die ergrauten Köpfe von einst. Könnte man meinen.

Von Jan Freitag

Eigentlich müsste es hier anders zugehen. Stelzbeinige Beardos mit karierten Flanellhemden sollten melancholische Musik trüb dreinblickender Singer/Songwriter hören und dabei ohne zu lächeln diffuse Gedanken in ihre iPads tippen, während bunt bemützte Omakleidträgerinnen mit riesigen Fensterglasbrillen lachend ihre Jutebeutel vergleichen, statt dem Sinn des Lebens ernstlich Substanz zu verleihen. Die Clubmate am Mund würden sie zu Füßen chaotischer Schreibtischattrappen beim Plaudern aufs Smartphone starren und alles Mögliche tun, nur nicht arbeiten.

Eigentlich müsste es hier also aussehen wie die Welt in den Hotspots da draußen, der diese Redaktion Monat für Monat den Hochglanzspiegel vorhält. Eigentlich. Doch dann sitzt dieser blutjunge Zeitschriftenveteran Patrick Bauer in gedeckten Blautönen vorm gewöhnlichen Computer und grüßt klassisch per Handschlag. Doch dann tritt das zweite Glied der neuen Chefredaktion dazu und auch Vera Schroeder sieht mit simpel gestreiftem Pulli, adrett geknotetem Schal und sichtbar wachsendem Babybauch so wenig nach Neo-Hipster aus wie das Industriegebiet unterm Bürofenster der Neon. Statt Szenecafé und Applestore presst sich ein Lidl in die grauen Betonschluchten ringsum. Maxvorstadt, Schanze, Friedrichshain – die angesagten Szeneviertel der Republik scheinen hier, ein paar Lichtjahre östlich der Münchner City, weiter weg als das Heft der zwei frischen Führungskräfte vom Ruf, ernsthaft zu sein.

Selber Schuld.

Denn als das Zeitgeistblatt mit dem kühlen Namen der ermüdeten Technoära im Juni 2003 das Licht der Kioskregale erblickte, stand das Motto fröhlicher Adoleszenzverweigerung gar im Untertitel: „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“. Das klang weniger nach echtem Journalismus als Zielgruppenbespaßung einer Klientel, die den pappeflachen Neunzigern entsprungen vor allem dreierlei wollten: Fun, Fun, Fun. Die Latte der Seriosität lag also von Beginn an tief. Selbst als das Hamburger Mutterschiff Gruner + Jahr seinem Ziehkind 2010 per Verlagsmitteilung in die Münchner Dependance dekretierte, es sei nun doch langsam erwachsen, fühle sich „dafür aber eigentlich noch zu jung“, wollte der Ruch des Berufsjugendlichen nicht recht weichen.

Aber war das nicht schon immer ein Missverständnis? Glaubt man den neuen Verantwortlichen, wollte die NEON, ganz selbstbewusst in Versalien geschrieben, zwar irgendwie jugendlich sein, aber nie infantil, stilistisch lässig statt inhaltlich lax, der gut gelaunte Seismograph urbaner Lebenswelten, mehr aber noch ein „Unisex-General-Interest-Magazin für Frauen und Männer zwischen 20 und 35“, wie es hausintern heißt – so juvenil, so erwachsen wie ihre neuen Chefredakteure. Also nicht vollends. Und ganz schön.

Denn das letzte Heft des vorigen Jahres wurde erstmals von Blattmachern verantwortet, die der Zielgruppe wieder etwas näher sind als ihre ergrauten Vorgänger Timm Klotzek und Michael Ebert. Mit seinem Abgang zum SZ-Magazin macht der Doppelthinktank schicker High-End-Publizistik somit Platz für den Nachwuchs, eben Schroeder plus Bauer. Allein – die neuen Ersten wirken bei aller Frische bisweilen, als hätten sie die Jahre jugendlicher Unbedarftheit übersprungen. Dafür reicht ein Blick in zwei außergewöhnliche Berufsbiografien.

Vera Schroeder, geboren am Standort, weist mit 36 Jahren eine extrem steile Laufbahn auf. Nach Politikstudium und Diplom an der Deutschen Journalistenschule, nach eigenem Pressebüro und diversen Praktika führte sie das vorerst letzte als freie Autorin im Sound der geplatzten Dot-Com-Blase zum antizyklischen Start-up Neon, dem sie ab Ausgabe zwei Texte schrieb. Schon das war trotz einjähriger „Orientierung“ und „viel Interrail“, wie Schroeder in ihrem Übergangsbüro voll riesiger Neon-Fotos, aber frei von persönlichem Schnickschnack erzählt, ein Karrieretempo am Anschlag. Könnte man meinen. Doch erst dann nahm die versierte Snowboardfahrerin richtig Fahrt auf: 2006 Redakteurin, 2009 Eintritt in die Chefredaktion, 2012 deren Übernahme, ein Zielschuss in Drei-Jahres-Schritten, immer im roten Bereich.

Doch kein Vergleich zu Patrick Bauer. Seine 29 Jahre sieht man dem Stuttgarter noch an, seine Hetzjagd an die Spitze nicht. Auch ihn führten freie Geschichten für Neon nach der Berliner Journalistenschule direkt in die Leitungsebene. Stets im Gleichschritt mit seiner Mitchefin – nur, dass ihm dabei offenbar weit weniger Zeit blieb für Suche und Bahnreisen. Umso bemerkenswerter, dass beide bereits ein Kind haben. Nicht gemeinsam, versteht sich. Auch wenn sie seit Jahren das Büro teilen und auch privat befreundet sind.

Schröder und Bauer sind also Speedkletterer wie die Huberbuam, nur nicht am Berg, sondern im Business. Da ist man als Anfangsvierziger im Prekariat der Freiberuflichkeit fast erleichtert, beim faltenfreien Patrick mit Britpopfrisur und Sechstagebart die Yps auf dem ungeordneten Schreibtisch zu entdecken. Doch wie er den Retromüll für große Jungs mit spitzen Fingern anfasst, um zu beteuern, so was schon früher nie gelesen zu haben und auch die Wiederbelebung nicht zu verstehen, merkt man: hier herrscht doch kein Spieltrieb im Büro. Alles Arbeit, Führungsarbeit jetzt.

Und das gleich in Doppelfunktion. Denn wie bei G+J üblich, sind Neon-Bosse auch fürs Magazin trendbewusster Eltern namens Nido zuständig, das seit 2009 auf einem Flur in geteilter Redaktion entsteht. Ein Heft für jene, die Neon qua eigener Fortpflanzung entwachsen scheinen, mit mehr Leserinnen und engerer Dramaturgie. Doch das Grundgefühl, protestiert Vera Schroeder, deren erstes Kind fast schulpflichtig ist, sei gleich: Es gehe darum, Eltern zu sein, ohne als Individuum zu verblassen. Klingt nach Neon-Lesern ohne Windeleimer. Klingt aber auch nach den Leitern beider Blätter, die mit etwas Make-up und Licht locker die Pärchen der aktuellen Titelbilder ersetzen könnten. Thema: „Sind wir ein gutes Paar?“ hier, „Hat mich mein Kind verändert?“ da.

Die Antwort lautet: zweimal Ja. Denn als Duett funktionieren Schroeder und Bauer seit jeher am besten. Und ihre Babys, zwei Anzeigenmagneten für insgesamt 370.000 Käufer, die sie praktisch von Beginn an gestalten, haben aus zwei Journalisten Führungskräfte gemacht. Schon alles „straight“ gelaufen, erklärt Vera Schroeder im Deutsch ihrer Kunden, die aber mittlerweile auch geradliniger sind, wie sie betont. Zwanzigjährige von heute seien eben anders aufgewachsen als in den Flegeljahren der Neon. „Die Krise ist ein Dauerzustand“, das mache viele ernsthafter, zielorientierter, eben straighter als eine Generation zuvor. Die neue sei also in der Tat erwachsen geworden, „will aber weiter Spaß haben“, assistiert Patrick Bauer. Er spüre da ein neues Bedürfnis nach Ernsthaftigkeit, Orientierung. „Das bedienen wir.“ Und zwar auch unterhaltsam, vor allem jedoch informativ.

Denn in Zeiten ständig wachsender Komplexität, schildert Vera Schröder das Gros ihrer knappen Million Leser, in deren WG-Küche eins von 233.421 Verkaufsexemplaren liegt, sei das „leicht überhebliche ‚Weiß ich ja eh schon alles’-Gefühl der frühen Nullerjahre einem selbstbewussten ‚Ich will das Verstehen’-Gefühl gewichen“. In dieser Mixtur konkreter Überforderung, diffuser Ängste bei unverändertem Spaßbedarf sei Neon, pflichtet ihr Schreibtischkumpel bei, „der interessante, informierte, humorvolle Mitbewohner, der Dinge auch mal grundsätzlich erklärt“.

Zum Beispiel Europa: vertracktes Thema, nicht allzu lässig, aber irgendwie drängend. Patrick Bauer blättert laut im ersten Heft, das die neue Doppelspitze ohne Hinzutun der Gründerväter gestaltet hat. Nach der Startumfrage (Was wird deine nächste große Investition), einem grafischen „Baum der Erkenntnis“ (Soll ich heute aufstehen), dem prominenten „Soundtrack meines Lebens“ (von David Kross) und zwanzigmal „unnützes Wissen“ (zu Gott und der Welt), nach all den coolen Ichduwir-Standards zum Aufwärmen folgen nämlich „fünfzehn Ideen für ein besseres Europa“, die Tobias Moorstedt und Jakob Schrenk zwischen hedonistisch und seriös, der sanften Forderung zur Abschaffung des ESC und harten Fakten griechischer Entbehrungen auflistet.

Es ist die neon-typische Form nutzwerten Infotainments zweier Posterboys mit dünnem Schlips und Popperscheitel, die den sorglos-fröhlichen Protagonisten der Bildstrecke nicht nur altersmäßig näher sind als manchem Kollegen der Konkurrenz. Dennoch könnte ihre Aufbereitung so ähnlich auch andernorts stehen: in Zeit– und SZ-Magazin, womöglich Spiegel oder Cicero und (hoffentlich!) bald wieder der Vanity Fair. Mit anderem Einstieg, räumt Patrick Bauer ein, aber eben doch mit dieser heiteren Nonchalance im Entspannen ernster Sujets. Und da ist noch nicht mal von der nachfolgenden Dokumentation haarsträubender Fälle die Rede, in denen deutsche Gerichte rechtsextreme Schwerverbrecher laufen ließ… Oder von der Nido-Story über den Versuch, im windellosen China Pampers zu verkaufen.

Das ist schnörkelloser Zeitgeistjournalismus, nur besonders spannend layoutet. Erst im Abschnitt „Fühlen“, der die Emotionssuche multioptionaler Großstädter gar nicht so fern von Dr. Sommer begleitet, wird es so launig wie nirgends sonst im Segment. Hier – zwischen Partnerschaftsanalysen und Singleleiden, Wäschetests und Schulerinnerungen, Weihnachtsgeschenken für Individualisten und Reisetipps mit Smartphone – beginnt der wahre Lifestyle. Auch wenn ihn Patrick Bauer lieber mit „Lebensgefühl“ umschreibt.

Denn das englische Wort klinge, „als würden hier alle Röhrenjeans tragen“, meint der Endzwanziger in der milder modischen Chinohose. Man spürt an der Körperspannung, wie ihn die Vorurteile vom „Magazin für Berliner Latte-Macchiato-Trinker“ nerven. Wie ihn der wohlfeile Mythos vom „Wir-Modus“ mit dauerndem Ich-Einstieg stört, den nicht nur taz genährt hat. Und tatsächlich mögen viele der 180 Seiten Neon und 40 weniger bei Nido durch ständige Personalpronomen das Peer-Gefühl stärken. Doch besonders erstere hat sich weiterentwickelt; sie ist ernster, sachlicher, klüger als früher und gleicht darin der Hamburger Band Tocotronic, die Anfang der Neunziger in Trainingsjacken sang, Teil einer Jugendbewegung sein zu wollen, während sie doch längst deren Rolemodel war.

Aber Rolemodel wollen sie nicht sein, die Neuen, Lifestyle schon gar nicht, lieber „lebensweltlich“, ein Lieblingswort beider. Die Angst, unernst genommen zu werden, ist riesig. Vielleicht ist es eine Altersfrage, vielleicht eine der Bürde des erfolgreichsten Magazinstarts diesseits dämlicher Konsumgörenbespaßung à la Instyle der letzten zehn Jahre. Ganz gewiss aber ist es eine Luxusposition, dies in einem so erfolgreichen Magazin tun zu dürfen.

Vor dem allerdings hat das neue Führungsduo mehr Respekt als nötig. Denn wer ihm eine Weile zuhört, dem sausen die Ohren vor all dem Lob für „tolle Vorgänger“, denen mit einer „tollen Truppe“ in „toller Atmosphäre“ ein „wirklich tolles Heft“ gelungen sei, das man nach dem Wechsel in „tollen Runden“ als so „super dastehend“ vorgefunden habe, dass allenfalls an „Stellschrauben“ zu drehen sei, wie Bauer gern sagt. Denn wann, „wenn nicht zu Beginn unserer Amtszeit sollten Vera und ich eine eigene Handschrift in die Hefte bringen“. Als „erfolgreichstes junges Magazin in Deutschland“, müsse man schließlich „textlich wie optisch überraschen“. Man werde also in „zwei, drei Ausgaben kleine Veränderungen erkennen“, fügt Vera Schroeder hinzu, die keine Quotenfrau sein will und dafür (natürlich) der tollen Verlagsspitze in Hamburg dankt. Hier mal eine neue Kolumne, da mal eine Extrarubrik, nichts Großes, weder bei Nido noch bei Neon. Stellschrauben.

Und warum sollte man auch die Produkte zweier Risikospieler umwälzen, die inmitten veritabler Medienkrisen derart lukrative Magazine lancierten. Erfolg macht sexy. Dennoch verstört es leicht, dass die Exchefs in den Erzählungen der aktuellen quasi zu Helden demokratischer Gruppenanleitung stilisiert werden, während branchenintern schon mal von strikter Hierarchie, Tendenz Despotie im Erdgeschoss des Münchner G+J-Hauses erzählt wird. Andererseits spricht es für die Neuen, lieber sich als andere in die Pflicht zu nehmen. Da ist viel von „Team“ die Rede und, klar, den „tollen Leuten“ darin. Mit denen will man den „ständigen Veränderungsprozess fortsetzen“ (Schroeder), also „auch bewährte Inhalte immer wieder neu diskutieren“ (Bauer), um sich „für die Leserschaft zu erneuern, statt mit ihr zu altern“ (beide mehrfach).

Ein kleiner Gang durch die Gemeinschaftsredaktion – links Text, rechts Optik – zeigt die Atmosphäre, in der dies fortan geschieht. Da befassen sich die Nutzwertinfotainmentreporter im Flursofa dann doch mal eher mit ihrem iPhone als Europa, Nazis, harten Fakten und kriegen dafür doch ein lockeres Lachen der neuen Chefin. Vera. Die machen das schließlich schon, jeder sei hier „klassischer Reporter und konzeptioneller Denker“ in einem. Dazu bedarf es kreativer Freiräume.

Dass sie und Patrick Bauer, diese leidenschaftsgetriebenen Vollprofis in einem Alter, wo manche Leser bisweilen noch auf der Suche nach Sinn sind, dem Konzeptionellen nun mehr Zeit widmen als dem Kreativen, würden beide schon vermissen, natürlich. Und Vera Schroeder, mittlerweile in Mutterschutz, wirkt sogar sehnsüchtiger als ihr jüngerer Kollege. Aber all die druckreif diplomatischen Chefredakteurssätze beider suggerieren doch: Da sind zwei angekommen, wo sie hingehören. Was spielt das Alter da für eine Rolle… Röhrenjeans und Omakleider liegen daheim gewiss trotzdem im Schrank.


7 Fragen an … ZDF-Sprecher Alexander Stock

800px-ZDF.svgFragen Sie Pilawa

7 Fragen an Alexander Stock, Sprecher des Zweiten Deutschen Fernsehens in Mainz

Interview: Jan Freitag

Kurz. Ein bisschen kurz angebunden sogar, fast stakkatoartig kurz, aber nicht sinnverkürzt und sogar in der gewünschten Zeit – so antwortet die Pressestelle des ZDF auf die wöchentlichen 7 Fragen der freitagsmedien. Nicht schlecht…

freitagsmedien: Herr Stock, wie viel Gebührengeld kriegt das ZDF im Jahr und was ist mit welcher Summe der größte Posten?

Alexander Stock: 2012 erhielt das ZDF aus den Rundfunkgebühren etwas mehr als 1.720 Mio. €. Das Gesamtbudget liegt bei rund 2.030 Mio. €.  Der größte Posten ist mit rund 1.600 Mio. € das Programm.

Wie viel ist das gemessen an der Durchschnittsquote des Monats Februar pro Zuschauer?

Das ZDF war im Februar – wie schon im gesamten letzten Jahr – das meistgesehene TV-Programm in Deutschland. Den Beitragszahler kostet das Gesamtangebot inklusive Digitalsender, Partnerkanäle und Onlineangebote im Monat 4,37 €.

Warum sollte diese Frage eigentlich keine Rolle spielen?

Die Frage – vielleicht ein wenig anders formuliert – nach der Leistung, die die Gesellschaft für die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erhält, ist absolut berechtigt.

Warum geht Jörg Pilawa zurück zur ARD und was bedeutet das fürs ZDF-Entertainment?

Das müssen Sie ihn fragen. Das Angebot der Kollegen scheint in irgendeiner Hinsicht attraktiv gewesen zu sein. Und zur Bedeutung: Es gibt neue Chancen für neue Köpfe und neue Formate.

Was genau spricht gegen Roche & Böhmermann im Hauptprogramm des ZDF?

Eigentlich nichts. Das war geplant, ist aber daran gescheitert, dass Frau Roche aufgehört hat.

Was noch mal gegen einen Fortbestand von ZDFkultur?

Die dem ZDF auferlegten Zwänge zu Einsparungen und Personalabbau, leider.

Und warum kriegt Katrin Bauerfeindt keine eigene Sendung zur Primetime im Zweiten?

Unter anderem, weil dort alle Sendeplätze belegt sind.


Felicitas Woll, Hamburg 2012

Man will ja auch mal abschalten

Felicitas Woll lächelt nett, zur Begrüßung in einem Hamburger Luxushotel. Sie hat nette Klamotten an, einen netten Pulli, dazu hohe, aber nicht übertrieben sexy Stiefel, ihre Händedruck ist eher lasch als tough. Keine Powerfrau, so scheint es. Dabei ist die 33-Jährige aus Hessen als Schauspielerin längst gebucht auf vergleichsweise zähe Frauen wie die des Autopioniers Benz in Carl & Bertha (Samstag, SWR, 20.15 Uhr), eine historische Figur, das liegt ihr seit der Hauptrolle in Dresden vor acht Jahren. Damals spielte sie sich frei von ihrem Rollentypus der süßen Tanja aus Die Camper, mit er die Karriere der Krankenschwester 1998 begann. Oder der süßen Victoria aus Mädchen Mädchen drei Jahre später. Oder der noch süßeren Lolle beim Durchbruch Berlin Berlin. Oderoderoder. Jetzt darf sie sogar eine Kommissarin spielen in einer ZDF-Krimireihe. Reif sieht sie darin aus. Bisschen süß aber auch, noch immer.

freitagsmedien: Frau Woll, interessieren Sie sich für Autos?

Felicitas Woll: Nicht übermäßig, aber ich fahre sehr gerne und schaue älteren Modellen hinterher, so langweilig wie die neueren geworden sind. Ich könnte unmöglich aufs Auto verzichten, aber das Interesse gilt nur der Mobilität. Und der Ästhetik.

Zur Reparatur taugen Sie nicht?

Nee, nee, nee, nee, nee! Nicht mal eine Zündkerze. Meinen kleinen umweltfreundlichen Fiat 500 bringe ich schön in die Werkstatt.

Was finden Sie als Zuschauerin also interessanter an Carl & Bertha – das Technische oder die Romanze?

Wäre es eine fiktive Geschichte, fände ich die Romanze schöner, aber weil es eine wahre Erzählung ist, hat beides seine Bedeutung. Es ist die Geschichte eines Erfinders, der dafür verteufelt wurde, was er nur dank seiner Frau durchstehen konnte, die ihn jahrzehntelang unterstützt hat. Als ich mich erstmals mit dem Thema befasst hatte, interessierten mich die technischen Aspekte vor allem durch die Vermittlung der menschlichen daran. Wie sich Carl und Bertha gegen alle Konventionen und Widerstände gestellt haben – das beeindruckt mich sehr.

Wobei der Kfz-mechanische Teil des Biopics natürlich bestens belegt ist. Wie steht es mit dem zwischenmenschlichen?

Da ist die Textlage dünner. Es gibt ein paar zeitgeschichtliche Dokumente, die Lebensläufe, der Rest ist der Stimmigkeit der Gesamterzählung geschuldet.

Wie authentisch ist da die moderne Schilderung der Bertha Benz – ist es die Frau, die wir gern in ihr sähen, oder die, die sie tatsächlich war?

Von beidem etwas. Sie muss eine moderne Frau gewesen sein, um den reichen Schwiegersohnkandidaten ihrer Eltern für einen armen Träumer abzulehnen, für dessen Traum sie sich ihre Mitgift auszahlen lässt und später gar im ersten Langstreckenversuch testet. So was war im 19. Jahrhundert sicher nicht normal.

Aber auch darüber hinaus ist ihre Art zu leben, zu reden, zu sein eher aktuell, wie es in all den Frauenfiguren von Margarethe Steiff über Dr. Hope bis Marion Gräfin Dönhoff derzeit üblich ist. Filmen wir uns die Frauen von damals nicht stärker als sie waren?

Frauen wie diese, die sich in Männerwelten durchsetzen konnten, waren ihren Geschlechtsgenossinnen ohne Zweifel voraus. Die hat es immer gegeben, sonst wäre es mit der Emanzipation heute nicht weit her. Da stand die starke Frau eben nicht hinter einem starken Mann, sondern daneben.

Ließe sich ein Biopic auf dem Sendeplatz auch erzählen, wenn man die ganze Lebenswelt von damals erfasst, die häusliche Gewalt, die Hierarchien, das enge Regelkorsett?

Er ließe sich jedenfalls schwerer unterhaltsam erzählen. Und häusliche Gewalt ist ja weiter so verbreitet, dass sie oft genug zum Thema aktueller Filme wird, die nicht den wichtigen Handlungsstrang der Erfindung des Autos haben. Man kann nicht in jedem Film alles erzählen, für eine Romanze wäre das untauglich. Man will ja auch mal abschalten von der Realität.

Käme so ein Leben mit fünf Kindern im Schatten eines Mannes für Sie in Frage?

Nein, aber es gibt genug Frauen, für die das die Erfüllung von Familie, von sich selbst, ihrer Wünsche wäre. Ich bin auch gern zuhause und gerne Mutter, das sollte man nicht zu eindimensional sehen. Zumal so eine Frau für die neue Generation Männer ja auch nicht mehr erstrebenswert ist.

Hat die eigene Mutterschaft Ihren Blick aufs Leben da sehr verändert?

Nicht grundsätzlich, aber in manchen Momenten fällt es auf, wie sich meine Wünsche, meine Ziele gewandelt haben. Ich bin nicht mehr so auf Riesenkarriere aus, kann aber nach wie vor mein eigenes Leben leben. Solange das noch möglich ist, was ich jeder Frau wünsche, sind die Voraussetzungen perfekt. In meiner Situation überlege ich mir jeden Auslandsdreh zweimal, aber es gibt ja auch noch den Vater.

Der kein Erfinder ist, der nächtelang in der Werkstatt an seinem Traum bastelt?

(lacht) Ach, der erfindet und bastelt schon viel, aber er will damit nicht die Welt verändern.

Carl Benz wollte es und war sich dessen voll bewusst. Im Gegensatz zu den Konsequenzen. Kann man ihn im Licht des Klimawandels bloß als Erfinder betrachten?

Das muss man sogar. Sein Ziel war die Mobilität, die Demokratisierung des Transports. Von Umweltschutz konnte er noch keine Ahnung haben. Sein Auto hatte nur einen Hebel, vorwärts und rückwärts; ich bin unlängst mit einem Benz abgeholt worden, der schon mir wie ein Raumschiff vorkam mit all den Schaltern, Monitoren, elektrisch verstellbaren Sitzen und Hunderten von PS. Wie wäre es ihm da erst vorgekommen? Wenn er das geahnt hätte, hätte er es in seine Überlegungen mit einbezogen, so gut hab ich ihn mittlerweile kennengelernt.

Das spürt man im Film, wo er durchweg positiv erscheint. Wie Ihre Rolle auch.

Bertha hat aber auch ihre Momente, wo sie nicht mehr kann und es Carl spüren lässt.

Der erste wirklich fiese Charakter, den Sie sich so sehnlich wünschen, lässt aber weiter auf sich warten.

Vielleicht muss ich noch ein bisschen warten. Man braucht da einen Förderer, der dich komplett neu besetzt, wie es Nico Hofmann in „Dresden“ getan hat, als man mich nur aus Berlin Berlin und Mädchen Mädchen kannte.

Dennoch verkörpern Sie meist einen Typus, der zwar durchaus tough ist, aber stets von Liebe getrieben. Ist das das Maximum an Emanzipation, was man Frauenrollen heutzutage zubilligt?

(lacht) Die Konstellation aus Stärke und Hingabe ist nun mal das, was die Leute sehen wollen. Mitten im Leben, aber bitte mit viel Liebe für einen Kerl, den sie sich aussucht, nicht jemand anders. Wie bei Carl & Bertha eben. Nichtsdestotrotz hoffe ich natürlich auch noch auf andere Herausforderungen und dass man jungen deutschen Schauspielern mehr zutraut. Warum nicht mal eine Mörderin, eine der man einfach nicht trauen kann. Jeder von uns möchte ja mal in den Abgründen unserer dunklen Seite wühlen und wir Schauspieler dürfen das sogar ungestraft. Die liebe Nette ist eine Zeitlang schön; jetzt wird es Zeit für die andere Seite. Und ich bin gerade an dem Punkt angelangt, an dem ich mir mehr aussuchen kann und vor allem auch mal etwas ablehnen. Das ist mit 31 Jahren doch gar nicht schlecht.

Haben Sie den Anspruch, emanzipierte Frauen zu spielen?

Überhaupt nicht, das war bislang eher Zufall. Spielst du einmal eine junge, emanzipierte Frau, wird dir das auch öfter angeboten, aber ich will natürlich mehr.

Haben Sie was das Bild der Frau im Film betrifft, ein Sendungsbewusstsein?

Wenn man eine Rolle authentisch spielt, hat man das zwangsläufig. Aber ich setze mich vorher nicht hin und sinniere über die Rezeption, obwohl ich mir natürlich durchaus Gedanken mache, was die Leute darüber denken, welche Fragen man mir dazu stellt, wie ich mit dieser Rolle zurecht komme? Ich muss mich wohl fühlen, mit dem, was ich tue. Aber ich will sicher nicht nur Friede-Freude-Eierkuchen, dafür kenne ich die Welt zu gut.

Nun sind sie in der komfortablen Position, immer populärer zu werden und werden sofort durch die Verwertungsketten des Fernsehen gehetzt – von Kochshows bis zur Pro7-Märchenstunde – fühlt man seine Popularität da ausgebeutet?

Ganz ehrlich: Mein Beruf ist meine Leidenschaft, da muss ich mich nicht schämen, auch mal bei Raab auf dem Sofa zu turnen. Denn so was macht – auch wenn es nicht das cineastische Topniveau ist – Mordsspaß. Also: Ich fühle mich überhaupt nicht ausgebeutet. Im Gegenteil – als ich vor ein paar Jahren aus einer zweijährigen Babypause kam und immer noch Interesse an mir gespürt habe, war ich sehr glücklich darüber. In meinem Alter ist man nach einer Weile Abwesenheit nämlich ganz schnell weg vom Fenster. Jetzt stehe ich genau davor.

Und nun sogar auf der Bühne.

Ja, das ist die nächste Herausforderung. Vor dem Theater bin ich lange weggelaufen, als ungelernte Schauspielerin. Nach 13 Jahren im Beruf vor Publikum zu spielen, ist ein völlig neuer Weg für mich. Aber das Lampenfieber wächst. Durch dieses Feuer muss ich durch.

Interview: Jan Freitag

Raum-Fernseh-Kontinuum

fragezeichen_1_Im Fernsehen nie fernzusehen klingt so, wie beim Atmen nicht zu atmen, hat aber sehr praktische Gründe: Den Fortbestand des Weltalls.

Von Jan Freitag

Es gibt Gedankenspiele, die sind so absurd, dass sie für Kopfsausen sorgen. Bei Zeitreisen etwa gibt es das „Großvaterparadoxon“. Superwort, Supertheorie: Was nämlich passiert, wenn man ein Vehikel baut, das in der Historie rückwärts fährt und dabei dummerweise auf dem eigenen Großvater landet – kann man dann überhaupt noch geboren werden, also in die Zeitmaschine steigen um später auf Opa…? In „Zurück in die Zukunft“ soll so was das Raum-Zeit-Kontinuum gefährden, also den Fortbestand des Weltalls.

Nach dieser Logik wäre der ähnlich gefährdet, sähe sich eine Filmfigur selbst im Fernsehen. Dr. Kleist schaltet also die Glotze an, erblickt sich samt seiner Familie am Bildschirm und puff! – schrumpft der Kosmos auf Erbsengröße. Sendeschluss. Womöglich ist diese Option der Grund, warum im Fernsehen praktisch nie das getan wird, was alle Welt eigentlich dauernd tut: fernsehen. Sonst würde besagter Dr. Kleist ja bei dem zugucken, was er da grad verzapft und in sich sofort dematerialisieren wie im schwarzen Loch. Was zur nächsten Erklärung führt: Vielleicht ist intelligenten, schlüssigen, guten Fernsehfiguren das Programm einfach zu blöd. Obwohl – müsste Dr. Kleist dann nicht andauernd…