CT “Matula” Gärtner, Frankfurt 2008/13

Es gibt ein Leben vor dem Tod

Claus Theo Gärtner, 1943 als Kaufmannssohn in Berlin geboren, sammelte in Oberhausen Erfahrungen am Kindertheater, bevor er nach allerlei Gelegenheitsjobs rund um die Bühne mit 23 Jahren sein Rollendebüt gab. Ende der Sechziger wechselte er zum Fernsehen und erhielt 1972 für seine Rolle im Thriller Zoff den Bundesfilmpreis als bester Nachwuchsschauspieler. Nach diversen Episoden- und Nebenrollen folgte an der Seite seines alten Freundes Günther Strack 1981 der Durchbruch als Josef Matula in Ein Fall für zwei. Damit ist mittlerweile Schluss, aber es gibt ja Wiederholungen wie Freitag, 20.15 Uhr, im ZDF. Und die freitagsmedien, mit einem Interview aus der Zeit, als Matula noch seine Lederjacke trug…

freitagsmedien: Herr, Matula, Verzeihung, Herr Gärtner…

Claus Theo Gärtner: (lacht) Ach, da gewöhnt man sich dran.

Wissen Sie oft Josef Matula bislang verprügelt wurde?

Die genaue Zahl weiß ich nicht, aber es waren einige Male. Ich glaube, das ZDF führt darüber sogar Statistik.

Mehr als 40 Mal, dazu ein Dutzend Mal verhaftet und neun Mal entführt.

Das kommt hin.

Entspricht das dem Bild, Matula sei die Hand der Serie und der Anwalt das Hirn?

Man könnte das so vereinfacht ausdrücken, besser wäre aber: jeder Deutsche braucht einen Chef.

Sind Sie das nicht längst selbst?

Mittlerweile vielleicht. Mit dem Günter Strack war das ein väterliches Verhältnis, mit Rainer Hunold ein brüderliches. Komischerweise war das Team von Georg Althammer und Karl Heinz Willschrei als alternder Detektiv mit einem jungen Anwalt geplant. Da hat die Hauptabteilung Fernsehspiel gesagt: gute Idee, aber wir machen das umgekehrt. Zuerst waren der Produzent und sein Drehbuchautor zu Tode betrübt und jetzt ist es so, wie sie es ursprünglich haben wollen.

Das ZDF folgte dem alten Denken, der Chef hat jünger zu sein, als sein Angestellter.

Tja.

Was fasziniert das Publikum so sehr am unkonventionellen Ermittlertypus, der das Recht im Zweifel zum Wohle des Rechts beugt?

Matula ist ja eine Kunstfigur, die sich alles leisten kann. Vielleicht, weil das authentischer wirkt und am Ende auch für Gewöhnung sorgt. Man kennt die Charaktere, Freitagabend ist Lessing- und Matula-Zeit.

Oder Sonntag, wo ein Schimanskis robuste Art am besten ankam.

Ich glaube, das liegt daran, weil viele gern so wären – ein bisschen antiautoritär, ein bisschen flippiger, als man es sich leisten kann.

Könnte das an einer unterbewussten Rebellion gegen deutschen Bürokratismus liegen.

Sehr reizvolle Idee, oder?

Das passt zu ihrer Rebellenzeit.

Als 68er sowieso. Es steckt eben viel von mir im Matula. Es ist zwar alles gespielt, aber die Gestaltung der Figur ist ja keine historische Vorlage, sondern ein Stück erdachtes Papier. Da gibt es viele Freiheiten, die ich nutze. Ich habe jeden Einfluss auf die Serie. Es gibt mittlerweile 90 bis 100 Autoren, aber wir haben einen roten Faden und eine bestimmte Sprache Matulas, die sich nicht in jedem Film ändert. Es ist die Sprache der Straße und ich stelle mir auch keinen Rotwein in den Kühlschrank.

Sind sie selber ein Haudegen?

Schon, aber nicht in dem Maße. Wenn ich die Lederjacke ausziehe, bin ich wieder Claus Theo Gärtner.

Laut ZDF verkörpert Matula das Volk.

Sicher, es ist eine Volksfigur.

Sind Jeans und Lederjacke dafür Pflicht?

Hilfreich, aber bei ihm ist das eher eine Sache des Geldmangels. Wenn er jetzt auf einmal im Anzug rumlaufen würde, wäre das doch eine langweilige Konstellation. Matula als Schlipsträger… (lacht) Der soziale Unterschied zwischen ihm und dem Anwalt soll ja spürbar werden; der macht die gewisse Spannung aus.

Wie wichtig ist sein Singledasein?

Eine Frau würde nur stören. Wir müssen in 60 Minuten den Plot erzählen und das könnten wir kaum, wenn wir nebenbei die Geschichte einer Frau, Freundin, Geliebten unterbringen müssten.

Bei der Jubiläumsfolge hätten sie 30 Minuten mehr dafür gehabt.

Tja, da kann man etwas präziser und epischer erzählen, aber die Fernbedienung droht immer.

Sie sind bald 70 – wann droht eine so kernige Figur unglaubwürdig zu werden?

In dem Moment, wo sie gebrechlicher wird und man die Körperlichkeit türken muss. Ich mache aber im Grunde noch alles selber und was ich kann, kann auch der Matula. Ich sage den Autoren aber manchmal, Leute, da muss es eine intelligentere Lösung geben für den Matula, als dass er gleich jemanden auf die Nase haut.

Der Legende nach haben Sie 1981 im Bierkeller auf einen Zettel geschrieben: „100 Folgen, okay CTG“.

Was heißt Legende.

Welche Zahl würden Sie knappe 300 Folgen später noch draufschreiben?

Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich das zig Jahre mache, wäre es nicht zu diesem Vertrag gekommen. Es ging damals um sechs oder acht Folgen. Bis zum ersten Drehtag hat Georg Altheimer ein Jahr lang auf mich eingeredet wie auf einen kranken Gaul, weil ich damals an der Berliner Schaubühne war und nicht mit Fernsehurlaub kommen konnte. Nach sechs Folgen ging das auch noch gleichzeitig mit dem Theater. Ich flog morgens nach Frankfurt, drehte, flog abends zurück nach Berlin und spielte, aber als es dann zehn Folgen wurden, ging das nicht mehr. Aber dann hatte ich als Ausgleich mein geliebtes Hobby Motorsport und das wäre am Theater auch wieder nicht gegangen.

Was ist für Sie wichtiger: Die Serie oder ihre Autorennen?

Meine Serie! Autorennen war immer ein Hobby, wenn ich auch das Glück hatte, schöne Werksautos fahren zu dürfen, aber ich war ja nie Profi.

Hatten Sie eigentlich je Angst davor, auf Matula festgelegt zu sein?

Ich habe mal mit Götz George einen Film gedreht, da bin ich kein Detektiv. Matula war ja eine freiwillige Festlegung und ich kann nicht mehr spielen als diese zehn Filme, auch nicht, um mir und anderen zu beweisen, dass ich noch drei mache, bei denen ich nicht Matula bin. Das habe ich 25 Jahre am Theater bewiesen. Die Zeit fehlt mir einfach, es gibt ja noch ein Leben vor dem Tod.

Zuletzt haben Sie sogar selber Regie geführt. Woran merkt man, dass Ein Fall für zwei Claus Theo Gärtners Handschrift trägt?

Das merkt man nicht, Fachleute, Feinschmecker vielleicht, die kennen meine Vorlieben, aber es gibt nichts Typisches von Claus Theo Gärtner. Mich interessieren nicht so die ungeheuren Actiongeschichten, wo brennende Benzinfässer durch die Luft fliegen, eher schon kleine psychologische, kammerspielartige Aspekte mit wenigen, aber guten Schauspielern.

Und damit ist jetzt nach 300 Folgen Schluss.

Ja, ich habe mir gedacht, nach 30 Jahren habe ich eine größere Pause verdient

Verschwinden Sie dann ganz hinter die Kamera?

Vielleicht, sofern mir als Schauspieler nichts mehr angeboten wird. Vielleicht mach ich aber auch erstmal längeren Urlaub.

Eine Weltreise? Sie gelten ja als Weltenbummler.

Ja, das werde ich wohl wieder machen.

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