Gold bis Blech & alt statt neu

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

3. – 9. Februar

Die vorige Woche war fraglos eine der richtig tollen Nachrichten. Rupert Murdochs deutscher Ableger des Bezahlkanals Sky zum Beispiel vermeldete für 2013 erstmals in seiner Geschichte – wenngleich er sich nach Steuern in 132 Millionen Euro Minus verwandelt – einen operativen Gewinn. Dann gab RTL auch noch bollestolz bekannt, all seine Daily Soaps fortzusetzen, womit Unter uns im November die 5000. Folge feiern darf und die Genremutter GZSZ im August zuvor gar schnapsrunde 5555. Zu guter Letzt bejubelte der private Rentnersender Sat1 am Montag voriger Woche satte 41 Prozent Zuschauer der jungen Zielgruppe, was zwar noch imposanter klänge, wäre das Superbowlfinale nicht weit vorm Morgengrauen gelaufen, aber gut. Ach ja – und dann haben ja die Olympischen Spiele begonnen.

Das Mega-Event, die Super-Sause, der Vater aller PR-Partys. Und um das rentabelste Fernsehwintersportereignis noch auszudehnen, wurden schon vor der Entzündung des Feuers am Freitag erste Medaillen vergeben. Gold im Strippenziehen gewann Gafur Rakhimov, usbekisches IOC-Mitglied, das wegen Verstrickungen ins internationale Verbrechen Einreiseverbot in diversen Ländern hat, die Spiele aber dennoch nach Sotschi lotsen konnte. Arkady Rotenburg, langjähriger Judojugendfreund Wladimir Putins, gewann dank Aufträgen über 7,36 Milliarden Dollar im Dreikampf Schmieren, Bauen, Dumm-und-dämlich-Verdienen. Sieger im politischen Profitieren wurde wie erwartet Russlands Präsident, der die Übertragung aus Sotschi um einige Momente zeitversetzt, um unliebsame Bilder filtern zu können.

Allerdings teilt der Favorit seinen Sieg mit dem Terrorfürsten Doku Umarow, dem Putins korrupter IOC-Mob die bestmögliche Kampfbahn vor die nordkaukasische Haustür baute. Trotz großer Konkurrenz in der Disziplin Schönfärberei oben auf dem Podest: Wolf-Dieter Poschmann. Der stockkonservative Weltkriegsveteran des deutsche Sportfernsehens schaffte es, Wladimir Wladimirowitschs erstaunlich pathosfreier Eröffnungsfeier im ZDF über Stunden im Brustton des Jubels zu attestieren, sie würde nicht nur die besten Spiele aller Zeiten einleiten, wie IOC-Verweser Thomas Bach bereits bei seiner Rede wusste, sondern auch die problemlosesten. Dass dies nicht der Fall sein wird, haben auch seine ARD-Kollegen am ersten Olympia-Wochenende zwar immer mal wieder eingestreut. Poschmann erhält die begehrte Medaille aber dennoch stellvertretend fürs gesamte deutschen Sportfernsehen, vor allem Eurosport, die die zweite Silbe ihres Namens nun wirklich völlig unpolitisch definieren.

Nur Blech dagegen gab es im Demonstrationswettbewerb Demokratie für den Umweltaktivisten Jewgenij Witischenko, dessen Bewährungsstrafe wegen Protests gegen den Bau einer Gouverneursvilla in Sotschis Naturschutzgebiet kurz vor Spielebeginn in eine Haftstrafe verwandelt wurde, weil er an einer Bushaltestelle Schimpfworte benutzt habe. So unflätige Begriffe wie „Menschenrecht“ oder „Demokratie“ könnten empfindsame Gemüter beeinträchtigen. Frauen zum Beispiel, solange sie nicht einfach auf den weiblichen DMAX-Ableger TLC umschalten dürfen, der seine Zuschauerinnen erst ab April mit Formaten von Fashionistas – Shoppen mit Stil über Cake Boss – Buddys Tortenwelt bis Mein Traum in Weiß von politischen Flausen abhält. Fernsehen kann so simpel sein.

TV-neuFrischwoche

10. – 16. Februar

Es könnte auch neu sein, stünde derzeit nicht alles so derart im Schatten des Sports. Winterlichem tagtäglich von früh um 6 bis abends nach acht auf zwei bis drei Programmen. Sommerlichem Dienstag und Mittwoch beim DFB-Pokal im Ersten. Das heißt für diese Woche: Bis auf Natalia Wörner als gewohnt uncoole, aber unterhaltsame Ermittlerin Unter anderen Umständen, heute im ZDF, gibt es kaum frische Fiktion. Kein ARD-Mittwochsfilm etwa. Und auch keine kritischen Sachfilme mehr zum Aberwitz von Sotschi. Weshalb das Erste lieber lauschige Naturprosa wie Der Große Kaukasus zeigt.

Süß.

Aber immerhin nicht gebraucht. Wobei ja auch das unterhalten kann. Christian Petzolds famoses Drama Yella zum Beispiel mit Devid Striesow und Nina Hoss, heute um 21.45 Uhr bei Arte. Oder Samstag im Disney Channel die Zeichentrick-Perle Robin Hood von 1973. Allen Ernstes sehenswert ist morgen auf Sat1 auch die leicht abgehangene Komödie All You Need Is Love, die trotz des dämlichen Untertitels Meine Schwiegertochter ist ein Mann zum Besten gehört, was der Mainstream hierzulande je zum Thema Homosexualität zustande gebracht hat.

Neu, aber aus dem Kino ist Samstag auf Servus TV dagegen das schwarzweiße Porträt prekärer New Yorkerinnen Frances Ha mit der fantastischen Greta Gerwig. Neu, aber in Serie ist der französisch-deutsche Dreiteiler Carlos über den Topterroristen der 70er (Donnerstag auf Arte). Neu aber irgendwie steinalt ist der Ludwigsburger Tatort am Sonntag. Neu, aber eher was für extrem Kultivierte: Die Verleihung der Berlinale-Bären am Samstag ab sieben auf 3sat. Neu, aber fast noch abseitiger: die preisgekrönte deutsche Doku Preis des Goldes über einen mongolischen Goldrausch, Dienstag kurz vor elf auf Bayern 3. Neu, aber wohl etwas arg politisch für den Massengeschmack: Die Reportage RLF über ein Berliner Projekt, das mit Kunstobjekten eine Revolutionsbewegung finanziert. Neu, aber selbst für hartgesottene Fans bestenfalls Ersatzdroge: Welcome Home, die Rückkehr der Dschungelcampinsassen. Kein Wunder, dass der Tipp der Woche doch wieder was Altes empfiehlt: Der deutsche Urhorrorfilm schlechthin Das Cabinet des Dr. Caligari von 1929, Mittwoch um elf auf Arte, im Anschluss an eine Dokumentation zum Thema.

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