Alternativerockfriday: Cheap Girls, Brody Dalle

Cheap Girls

“Ehrlich” ist im Rock ein absolutes Todschlagargument. Als ehrlich gelten seit jeher Lederjackenträger wie Maffay, Bluesrockpotentaten wie Westernhagen und natürlich das endlose Billion-Dollar-PR-Projekt Rolling Stones. Ehrlich heißt irgendwie durchhaltefähig, meint aber am Ende doch nur banal, weil trotz Rebellenattitüde massentauglich. Da ist es also an der Zeit, der Ehrlichkeit im Rock mal wieder eine Band zuführen, bei der das Attritbut nicht schal klingt und verlogen. Zum Beispiel den Cheap Girls. Die Ehrlichkeit des amerikanischen Alternative-Trios ums Brüderpaar Ben und Ian Graham wirkt in seiner strikten Fokussierung auf 1-2-3-4-Rock’n’Roll nämlich so bodenständig geradeaus, dass man fast Sehnsucht nach jener Zeit kriegt, als Alternative noch nicht Grunge sein musste und Independent einfach so vor sich hinrocken durfte, ohne irgendwelchen Vorsilben Genüge zu leisten.

Dafür muss Ian Graham gar nicht besonders gut singen können und der Gitarrist Adam Aymor nicht ständig auf die Suche nach skurrilen Tempiwechseln gehen. Dafür darf das neue Album Famous Graves in genügsameren Momenten klingen wie die Lemonheads und in den aufregenderen wie Buffalo Tom. Dafür darf die offenbar bewusst imperfekte Band aus dem mittwestlichen Michigan sogar manchmal etwas langweilen – die vierte Platte in sieben Jahren (in denen es noch nicht mal zu einem Wikipedia-Eintrag gereicht hat) bleibt in den meisten Momenten wunderbar erdiger Westcoast-Rock mit diesem Aufbruchsgestus der späte Achtziger, übertragen auf die multioptionalen Zehner des neuen Jahrtausends. Erdig, nicht ehrlich.

Cheap Girls – Famous Graves (Xtra Mile Recordings)

Brody Dalle

Punk ist sicher der am häufigsten falsch verwendete Begriff im zeitgenössischen Popdiskurs. Ähnlich wie das Wort “Revolution” muss er von dilettantisch über renitent, laut oder ungepflegt bis hin zu irgendwie links für alles herhalten, was sich dem aktuellen Mainstream musikalisch widersetzt. Da reichen manchmal schon zerrissene Hosen, brachiale Riffs oder schiefe Töne, um dem “Rock” ein “Punk” voranzustellen. Brody Dalle ist demnach in etwa so punkig wie ein Sex-Pistols-T-Shirt – da kann die australische Sängerin auf ihrem Solo-Debüt noch so beherzt neben die korrekten Gitarrenbünde greifen. Aber so läuft es nun mal im Business: Sobald eine Musikerin das adrette Mädchengehabe überwindet und es klanglich, sprachlich, visuell tüchtig krachen lässt, wird ihr selbst vom eigenen Label schnell mal ein Stempel des Aufsässigen aufgedrückt. So wie einst Gwen Stefani – noch so eine wasserstoffblonde Schönheit des Rock, die sich mit Tanktop, Skateboard-Attitüde und Moshpit-Ska fürs Millionengeschäft des R’n’B fithüpfte. Nur: Stefanis alte neue Kapelle No Doubt war nach einer kurzen Aufwärmphase im Underground bloß noch ein Sprungbrett für die Anschlusskarriere ihrer schicken Rampenfrau; bei Dalle dagegen verhält es sich etwas anders.

Kaum 16, stand die heutige Mittdreißigerin bereits vor Stars wie den Beastie Boys auf den ganz großen Bühnen, heiratete den echten Punkrocker Tim Armstrong von Rancid, gründete von The Distillers bis Spinnerette eine Band nach der anderen, stylte sich im Verlauf aber nicht peu à peu zur plastisch aufgeplusterten Sexbombe auf, sondern machte einfach weiter mit dem, was sie viel besser kann als für Hochglanzcover zu posieren: Beschleunigten Psychobeat zwischen altem New Wave und neuem Grunge. Mit viel Tempo, etwas Wut, aber auch mal hübschen Bläsersamples und viel Gefühl fürs Melodramatische. Ihr Album Diploid Love füllt eine Lücke, die sich zwischen den Werken zweier anderer Künstlerinnen ganz ähnlicher Gestalt aufgetan hat: Debbie Harry und Courtney Love. Den rebellischen Glamour von Blondie mischt Dalle dabei mit der schillernden Aufsässigkeit von Hole und macht daraus ein ungemein spannendes Stück Gegenwartsgrunge.

Brody Dalle – Diploid Love (Carolina International); mehr text’n’sound’n’kommentare auf  http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/04/30/brody-dalle-diploid-love_17997#more-17997

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