Exchef Kloeppel & Grüßaugust Schropp

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

28. Juli – 3. August

Der Gaza-Konflikt, der längst ein Gaza-Krieg ist, dominiert die Nachrichten so nachhaltig, dass selbst der Ukraine-Konflikt, der längst ein Ukraine-Krieg ist, manchmal in den Hintergrund rückt. Und wie schwer es ist, dabei Haltung zu bewahren, zeigt der tägliche Medienzank um die Deutungshoheit dessen, wo Israelkritik endet und Antisemitismus beginnt. Da ist es spannend zu beobachten, wenn die eine Übelkrähe der anderen mal ins Auge hackt. Bei der bis zur Besinnungslosigkeit israelfreundlichen Bild nämlich hat die übelste von allen – Kai Diekmann – vorige Woche eine kaum minder üble – Nikolaus Fest – offen für den Satz kritisiert, der Islam störe ihn im Ganzen mehr und mehr. Nun hätte das Springerblatt, würde es alles offen kritisieren, was darin sachlich falsch oder geistig vergiftet ist, keine dicken Lettern mehr für irgendwas anderes übrig. Aber das stünde dann auf einem seriöseren Blatt Papier.

Also eher nicht auf dem von Peter Kloeppel, der seit 22 Jahren mühevoll gegen die geistige Armut seines Arbeitgebers anmoderiert. Als der Mittdreißiger vor zwei 22 Jahren übernahm, was der damalige Tittensender RTL so als Nachrichten verkloppte, soll Senderchef Helmut Thoma ihn ja gebeten haben, sich die Haare grau zu färben, damit es wenigstens optisch einigermaßen seriös rüberkam, was er da so an Rotlicht und Blaulicht verlas. Jetzt ist sein Haupthaar tatsächlich ergraut und noch immer müht er sich redlich, gegen die geistige Armut seines Arbeitgebers anzumoderieren. Und womöglich, damit ihm nicht noch mehr Pigmente flöten gehen, ist er nun von seinem Posten als RTL-Chefredakteur zurückgetreten, was angesichts der informationellen Leere beim einstigen Marktführer fast schade ist.

Wenngleich nicht annähernd so schade wie der biologische Rücktritt eines Mannes, dem die Kloeppels der kommerziellen Mediengegenwart nie, nie, nie das Wasser reichen können. Mit 88 Jahren ist Gert von Paczensky gestorben. 1961 hatte er das seinerzeit meinungsbildende Politmagazin Panorama gegründet. Sein regelmäßig auf Sendung geäußerter Satz, „nun wollen wir uns mal ein bisschen mit der Bundesregierung anlegen“, dürfte den glattgeschliffenen Anchors heutiger Prägung in den Ohren klingeln, wenn sie mal wieder Nachrichten nach Zuschauerbedarf verhökern. Wohlfeil wie Werbeblöcke.

Jedenfalls billiger als Sky seine Abos.

Denn mit der dritten Preiserhöhung innerhalb weniger Monate macht sie der Bezahlsender zumindest für gastronomische Kunden mittlerweile unerschwinglich. Abhängig vom Standort, müssen selbst winzige Kneipen nun bald 700 Euro pro Monat zahlen, was sie sich gerade in angesagten Großstadtvierteln kaum noch leisten können. Viele von ihnen bestellen das Fußballpaket daher gezwungenermaßen ab. Skys Kalkül ist klar: Weniger Public Viewing, mehr private Kunden als bisher.

TV-neuDie Frischwoche

4. – 10. August

Mehr private Kunden, weniger Stress mit Inhalten erhofft sich dagegen Pro7, wenn es wie angekündigt seine Showoffensive gegen das scheidende Wetten, dass…? startet – was allerdings furchtbar schief gehen dürfte, wenn auch die nächsten 19 Versuche ähnlich inspiriert sind wie Himmel oder Hölle, eine Quizshow mit dem dauerlächelnden Grüßaugust Jochen Schropp, der seine Kandidaten am Samstag entweder mit Wasabi füttert oder 50.000 Euro. Da scheint also weniger Esprit mehr Quote bringen zu sollen.

Weniger öffentlich-rechtliche Kunden als verdient wird es indes auch diese Woche wieder für eine Perle des Spartenprogramms geben. Auf ZDFneo, von dessen bloßer Existenz ein gehöriger Teil des hiesigen Fernsehpublikums nicht den geringsten Schimmer hat, läuft ab Dienstag um 22.45 Uhr Masters of Sex. Klingt schlüpfrig, ist es auch zuweilen, aber nicht im Kern, also krampfhaft, sondern quasi naturgemäß. Die preisgekrönte US-Serie handelt schließlich vom real existierenden Gynäkologen William Masters, der in den prüden Fünfzigerjahren das Liebesleben der Amerikaner erkundete und dabei auf Erkenntnisse wie den vorgetäuschten Orgasmus stieß, die seinerzeit unfassbar waren. Heute bieten sie Stoff für ein zwölfteiliges Kostümfest, das diese emotional bleierne Zeit mit exakt der richtigen Würze erzählt.

Ähnlich humorvoll, aber ohne irgendwas Bleiernes drumherum, gerät das Regiedebüt des Tausendsassas Florian David Fitz am Donnerstag im Zweiten. Für die charmante Romantikkomödie Jesus liebt mich hat der Frauenschwarm nicht nur das Drehbuch geschrieben; er spielt auch noch die Hauptrolle des langhaarigen Softies, der sich als moderner Heiland durch die Gegenwart schlägt. Dass am Christentum nicht alles eitel Sonnenschein ist, zeigt dagegen das Erste am heutigen Montag, 22.40 Uhr. Die Reportage Mission unter falscher Flagge porträtiert evangelikale Hardcore-Christen in Deutschland, die tüchtig Zulauf haben. Und damit es im Glashaus nicht zu sehr scheppert, schiebt die ARD sicherheitshalber Sterben für Allah hinterher, in der es – na endlich – um deutsche Islamisten in Syrien geht. So herrscht gleich wieder Parität im religiösen Irrsinn.

Dem ja auch das Genre der Fantasy nicht vollends fern ist. Filme wie Tom Tykwers Cloud Atlas etwa, den das Erste am Mittwoch erstaunlicherweise erst nach der Wiederholung des Ehegewaltdramas Kehrtwende um 22.45 Uhr zeigt. Es ist der teuerste Film, der hierzulande je entstanden ist und trotzdem (oder gerade deshalb) chronisch unterschätzt wird. Das ist dem Tipp der Woche tags zuvor im BR sicher nie widerfahren. Dominik Grafs Frau Bu lacht gilt unumstritten seit 1995 als bester „Tatort“ aller Zeiten – und hilft Süchtigen ein wenig, den Turkey der Tatort-Sommerpause zu überstehen.

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