Reportage: Die Egalbar & das Kneipensterben

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Nachbarschaftskneipen sterben langsam aus. Eine davon war die Egalbar im Karoviertel. Um sie nach dem Abriss zu erhalten, hat sich ein Künstler die Einrichtung gesichert und baute sie bereits in Paris und Leipzig wieder auf. Jetzt öffnet sie für zehn Tage in Hamburg ihre dreckige Tür – ausgerechnet dort, wo sie bis 2012 stand.

Von Jan Freitag

Heimat ist ein emotional aufgeladener Begriff. Als Chiffre für innige Ortsverbundenheit rechtfertigt er Hass, Gewalt und Kriege ebenso wie Demut, Idealismus, Liebe. Heimat steckt in Staaten, Zonen, Dörfern, Plätzen, Straßen, Häusern, sogar Sofas. Sie ruht überall, wo Menschen nicht bloß herstammen, sondern hingehören, wo sie leben. Das können auch 30 Papierrollen sein.

In einem Atelier am Rande Bahrenfelds, umringt von Sperrholzplatten, Malerutensilien, Bastelkrams versprühen sie zwar noch weniger Heimat als das öde Gewerbegebiet ringsum. Dann aber beginnt Nils Emde davon zu erzählen. Von der Leidenschaft, die sich darin verbirgt. Von Herzblut, Verbundenheit, von all dem, was der Künstler „Erinnerungsraum“ nennt, „Soziotop“, einen Sehnsuchtsort. Und es ist nicht nur seiner.

Es ist die Egalbar.

Besser gesagt: sie war es. Die Egalbar gibt’s nicht mehr. Gut 120 Jahre befand sich da, wo die Marktstraße zum Heiligengeistfeld abknickt, stets eine Gaststätte. Forin hieß sie, als Bismarck Kanzler war. W. & G. Thiese, als das Bier noch immer per Kutsche kam, Pappnase bevor sie der letzte Betreiber Jurij Klauss 1994 Egalbar taufte. Doch wer auch immer die Eckkneipe betrieb: Aus dem Karoviertel war sie so wenig wegzudenken wie der Schlachthof nebenan. Nur: Dort wird heute kein Tier mehr zerlegt. Und die Egalbar? Zu, abgerissen, ersetzt durchs übliche Glasstahlinferno Hamburger Architektenignoranz.

Ein Rückzugort weniger also im innerstädtischen Aufwertungsfuror, der jeden normabweichenden Ort – abgenickt vom zahnlosen Denkmalschutz – leichthin von der Bildfläche tilgt. Auch Nils Emde könnte noch immer heulen, dass er ihm die Stammkneipe geraubt hat. Doch der 40-Jährige mit den sanften Augen unterm Fünftagebart zählt nicht zu jenen, die ihr Elend am Tresen ertränken. Deshalb hat er ihn einfach mitgenommen. Und nicht nur den. Mit zwei befreundeten Künstlerinnen sicherte sich der HFBK-Dozent für Fotografie Anfang 2012 das ganze Interieur: Hocker, Tische, Stühle, Büffet samt Geschirr, dazu Nippes, Diskokugel und vor allem: Die Wände. Nicht im Ganzen, aber maßstabsgetreu abgelichtet.

Statt in Nostalgie zu schwelgen, lassen Nils Emde und seine Partnerin Elena Getzieh die Egalbar seither wiederauferstehen. Zuerst bei einem Künstleraustausch in Leipzig, wo reichlich importiertes Astra übers Originalmobiliar ging, als sei Zeit doch umkehrbar. Kurz darauf: Paris, angeliefert in zwei Lastern. Dann die documenta, „der Wahnsinn“, erinnert sich Nils Emde an 60 Tage Betrieb auf der weltwichtigsten Kunstausstellung. Es waren melodramatische Wochen. Fast jeder Stammgast fand den Weg aus Hamburg nach Kassel, schwankte zum Sound der versifften Anlage mit dem Telefonhörer als Headphones und ständig, erinnert sich Nils Emde ans leidlich geförderte Gastspiel, war die bierselige Klage zu hören: wie schön es zwar sei, dass ihr altes Zuhause als mobile Immobilie die Weltgeschichte bereise. „Aber wann kehrt sie denn bloß wieder heim?“

Heute.

Die Egalbar ist zurück, jedenfalls die Hälfte der 50 Quadratmeter, als Raum-in-Raum-Installation. Exakt dort, wo sich an einem kalten Februar-Morgen vor fast drei Jahren die Tür mit Tags aus 18 Jahren schloss, bieten ihr die Schlumper zehntägiges Asyl an alter Wirkungsstätte. Und wer den virtuellen Wirt Nils beobachtet, wie er mit dem realen Betreiber Jurij die originalverdreckten Kühlschränke ins saubere Weiß der Galerie wuchtet, wie die nikotingelben Wände von einst Bahn für Bahn Gegenwart werden, wie selbst das alte Spendenschiff für Seeleute in Not auf dem echten Tresen landet, dann ist es mehr als eine Heimkehr. Es ist ein Statement gegen die urbane Geschichtsvergessenheit. Nils Emde sagt: „Ihr könnt Räume zerstören, aber keine Orte.“  Rastplätze für Gedanken, Gefühle, für einen Rest von Miteinander ohne Profitinteresse.

Wie das räudige „Na und?“ in der Wohlwillstraße, das die nächste Cocktailbar zwar äußerlich aufmöbeln kann, aber nie ersetzen. Solche Anwohnerbiotope, Schmelztiegel unterschiedlichster Daseinsentwürfe, werden allerorten ersetzt durch Kettenprodukte oder schlimmer noch: durch nichts. Wo Entertainment häuslich oder genormt wird, weicht auch die Pavillonzeile am Hamburger Berg – das Kieck ut!, das Lucky Star – bald austauschbarer Formatgastronomie. Spekulanten wie Ernst-August Landschulze wüten so verheerend im Herzen Hamburgs, dass selbst die Vertragskündigung der Gentrifizierungskeime bp1 und bedford am Schulterblatt Widerstandsimpulse auslösen.

Und sei es einer, der das Vergangene im Kleinen konserviert. Wie das Kunstkollektiv BarKeepers. Seit dem nahenden Ende ihrer Egalbar bauen zwei Hamburgerinnen Clubs von Astra-Stube bis Molotow in Schuhkartons nach, um sie wenigstens en minature zu erhalten. Das war, sagt Nils Emde, „eine Schnapsidee wie unsere“, entstanden am selben Tresen, als die Verlustangst statt Trauer und Wut noch kreative Kraft entfaltete. Deshalb hat er die BarKeepers eingeladen, ihre verkleinerte Version der Egalbar neben seiner aufgebauten auszustellen. Dort, wo am 29. Februar 2012 nach 50.024 Betriebsstunden, Emde erinnert sich genau, I Can See Clearly Now aus den morschen Boxen kam. Ein Hit der 70er, als die Bar Spelunke war. Wie zuvor. Wie zuletzt. It’s gonna be a bright / Sun-Shiny day sang Johnny Nash zu heiteren Bläsern. Klingt wie der Moment, wenn man betrunken ins Sonnenlicht wankt, nach einer langen Nacht daheim, in der Kneipe. Diese Erinnerung ist schöner als jeder Neubau.

Mehr Text, Bilder, Kommentare unter http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2014-09/kunstprojekt-egalbar-kneipe

 

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