Robert Palfrader: Metzger & Kaiser

Bisschen exhibitionistisch

In Österreich ist Robert Palfrader ein Star, bekannt von Bühne und Bildschirm, wo der 47-Jährige zum humoristischen Stammpersonal zählt.  Wer ihn allerdings hierzulande sehen will, muss schon im Netz suchen. Bei Youtube sind seine preisgekrönten Live-Audienzen Wir sind Kaiser Klickmillionäre. Jetzt holt ihn die ARD ins deutsche Programm, als Titelheld der Krimiverfilmung Metzger, wo Palfrader am 12. Februar erstmals einen ermittelnden Restaurator nahe Innsbruck spielt. Ein Interview über die Absurdität seiner Landsleute, den Schreiner in ihm selbst und warum er doch weder Wirt noch Arzt geworden ist.

Interview: Jan Freitag

Herr Palfrader, haben Sie Ulrich Seidels Film Im Keller über Österreicher und was sie in Ihrer Freizeit tun, gesehen?

Robert Palfrader: Nur Ausschnitte, aber ich bin mir des Aberwitzes darin bewusst.

Wie so oft in Kunst und Medien zeigt er Österreicher als spießbürgerliche Freaks, die auch Josef Haderer oder Manfred Deix persiflieren. Sind Sie wirklich alle so?

Teils schon, aber dieses Bild ist ubiquitär um den Erdball anwendbar. Solche Leute gibt es in Kuala Lumpur ebenso wie in Paderborn. Menschliche Schwächen eignen sich eben besonders gut, um an die Oberfläche gezerrt zu werden. Nehmen Sie Fargo von den Brüdern Coen – deren Figuren sind so wenig typische Amerikaner wie typische Niederösterreicher, kommen aber in beiden Ecken vor. Solche Filme machen einem das nur bewusst.

Wohnt dem österreichischen Menschenschlag dennoch etwas inne, was zur Persiflage oder Überzeichnung besonders taugt?

Sie scheinen das zu glauben, ich nicht. Vielleicht sind wir ein bisschen exhibitionistisch, allein weil wir noch einiges aufzuarbeiten haben.

Wir Deutschen auch.

Nur, dass Ihr fleißiger wart. Verglichen mit der Konsequenz, in der Deutschland entnazifiziert wurde, ist die österreichische Inkonsequenz geradezu beschämend. Einer wie Deix legt da zum Glück immer wieder den Finger in die Wunde, aber auch die Serie Braunschlag

In der Sie den Bürgermeister einer maroden Gemeinde an Tschechiens Grenze spielen.

Doch so typisch österreichisch die Erzählung auch erscheint, könnte sie ebenso gut in Bayern spielen und wäre dadurch nicht weniger wahrhaftig.

Könnte Ihre Figur des Restaurators Willibald Metzger, der im Raum Innsbruck Kriminalfälle löst, auch überall spielen?

Nein.

Braucht er denn die Alpen im Hintergrund?

Höchstens eine Kleinstadt, wo ist ziemlich egal. Da kommt sein emotional weidwunder Charakter am besten zum Tragen.

Ein neurotischer Charakter vor allem, sagt er doch zu Beginn, es gäbe eigentlich nichts, wovor er keine Angst hätte.

Das ist ein bisschen Koketterie, aber stimmt schon: Weil ihm manche Kante in die Seele geschlagen wurde, hütet er sich im sozialen Kontakt davor, nochmals gedemütigt zu werden.

Ist es eine fiktionale Figur oder kennzeichnet sie irgendetwas Typisches, vielleicht auch in Ihrer Persönlichkeit?

Was uns beide eint, ist bloß zweierlei: Ich trinke gern und bisweilen zu viel Rotwein. Und ich arbeite wahnsinnig gern mit Holz, deshalb habe ich bei mir zuhause auch eine eigene Tischlerei, in die ich mich zu selten, aber bei jeder Gelegenheit zurückziehe. Insofern ähneln wir einander doch noch in einem Punkt: Dieses Zurückgezogene, In-sich-Gekehrte suche auch ich in meiner Werkstatt, wo ich nur die Maschinen höre und das Holz rieche.

Wenn Adler Finger entwenden oder Kruzifixe auf Autos stürzen, beweist der Regisseur immer wieder seinen Hang zur Symbolik.

(lacht), da haben Sie sehr gut aufgepasst. Respekt.

Steckt die auch hinter Ihrem Job als Restaurator alter Holzgegenstände der Gegend?

Vermutlich, aber das müssen sie schon den Autoren fragen; ich bin nur die hirnlose Sprechpuppe des Autors.

Jetzt kokettieren aber Sie!

Gut, wenn ich als Hauptdarsteller am Set nicht anspreche, was schiefläuft, mache ich meinen Job falsch. Es ist daher meine Pflicht, auf Unebenheiten aufmerksam zu machen, wenn sich’s, wie man bei uns sagt, spööht.

Also sperrt?

Genau, wenn es in mir zu knirschen beginnt, muss ich das kundtun. So ein Dreh ist ja immer ein Miteinander, in dem man Einfluss nehmen muss, aber auch sagen können, ich weiß nicht weiter. Ein Satz übrigens, den ich mir von einem Politiker vor der Kamera wünschen würde.

Weil es der politische Gegner umgehend als Inkompetenz oder Schwäche auslegt!

Furchtbar! Dabei würde es die Glaubwürdigkeit doch eher steigern. Gerade Männern muss man noch immer oft erklären, wie stark Schwäche sein kann und umgekehrt. Ich lasse ja auch meine Frau autofahren, weil sie es einfach viel besser kann als ich. Dafür bin ich lustiger.

Und zwar mit eher feinem, fast stillem Humor, während große Teile des Publikums gern über die groben, lauten Dinge lachen.

Da widerspreche ich doppelt. Zum einen mache ich den Job seit mehr als 20 Jahren und habe eins gelernt: Unterschätzt die Zuschauer nicht! Sie sind klüger als wir alle denken. Zum anderen kann ich so auf die Kacke hauen, dass es bis Deutschland spritzt. Dennoch braucht die Figur des Metzgers keine lauten Töne. Damit sich die Zuschauer emotional an eine Figur binden können, muss es etwas zum Entdecken geben. Weniger ist mehr.

Ist das Ihre Humorschule?

Wenn es da überhaupt eine gibt, der ich bis an mein Lebensende vergebens versuche, gerecht zu werden, ist Helmut Qualtinger.

Den man hierzulande eher aus Der Name der Rose kennt.

Der aber ein brillanter Kabarettist war. Gerade, weil er in seiner Bissigkeit ungeheuer leise sein konnte.

Im Gegensatz zu Ihnen war Qualtinger aber auch noch Schauspieler.

In der Tat, das bin ich nicht. Ich bin ja nicht mal ordentlich ausgebildet, weder im einen noch im anderen Fach. Erste Berufserfahrungen habe ich mit 22 in meinem Wiener Caféhaus gesammelt. Mein elfjähriger Neffe meinte damals mit Blick zum Tresen, Onkel Robert, ist das deine Bühne? Und er hatte Recht! Die Bar war eine Art Methadon für meine eigentliche Berufung. Wie oft habe ich dort versucht, mit einem Satz möglichst viele Gäste auf einmal zu beleidigen. Manchmal ist mir das sogar gut gelungen.

Ihr Vater war Metzger. Wie ist er damit umgegangen, dass Sie erst Wirt, dann Witzbold geworden sind?

Wissen Sie, auch wenn er Fleischhauer war, war er in höchstem Maße bildungsaffin. In seinem Freundeskreis gab es fast ausschließlich Akademiker. Meine Eltern waren schlichte, aber kunstsinnige Leute, die prächtig mit meiner Auswahl umgegangen sind. Meiner Mutter wär es zwar lieber gewesen, wenn ich Beamter geworden wäre oder Arzt, wie es mein eigener Plan war, aber sie fand wie mein Vater alles toll, was ich gemacht hab. Selbst als Straßenfeger hätte sie gelobt, wie elegant ich den Besen schwinge. Wir haben so viel Aufmerksamkeit, Liebe und Respekt gekriegt – da konnten wir wenig falsch machen. Ich hätte alles werden können.

Und haben es bis zum Kaiser geschafft.

Sehen Sie!

Mit Wir sind Kaiser, wo Sie als Robert Heinrich I. seit 2007 Audienzen prominenter Landsleute auf einem prächtigen Thron abhalten, haben Sie es in Österreich zur echten Berühmtheit geschafft. Ist das anschlussfähig für den deutschen Markt?

RTL hat seinerzeit die Formatrechte vom ORF gekauft und mit ein paar Comedians getestet, aber leider nicht mit mir. Hah! Aber die haben das längst eingestampft. Andererseits ist die Resonanz auf 3sat und Youtube auch aus Deutschland riesig.

Wird der Metzger ihre Popularität da nochmals steigern?

Das würde mich immens freuen, aber um des Projektes, nicht um meiner selbst willen. Es geht mir gut auf dem österreichischen Markt. Ein Star zu werden ist nicht mein Antrieb.

Sondern was ist ihr Karriereziel?

Das sich meine Kinder ihr Frühstück selber machen, damit ich möglichst viel Zeit in der Tischlerei verbringen kann.

Wären Sie am Ende lieber Hand- als Kopfarbeiter?

Nein, ich liebe meinen Beruf, ich liebe mein Leben, glauben Sie mir: Ich stehe ich jeden Morgen grinsend auf.

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