Reportage: Landwirte im Stadtstaat

claas-98 (1)Hanseland in Bauernhand

Wer an Landwirtschaft denkt, denkt hierzulande erstmal an Niedersachsen, Bayern, Mecklenburg. Dass es auch im Hamburger Stadtgebiet echte Bauern mit richtigem Vieh und amtlichen Äckern gibt, erscheint da eher abwegig. Ist es auch ein wenig, aber keinesfalls ausgeschlossen. Eine kleine Reise zur großstädtischen Landbevölkerung.

Von Jan Freitag

Das alte Landwort Bauer hat einen seltsamen Klang, zumindest in Großstädterohren. Bauer, das hört sich ja nach Schützenfest und grünem Grobkord an, nach viel zu viel Arbeit, viel zu wenig Entertainment, nach Provinz, Dreck, Gülle, Brauchtum, solchen Sachen. Bauern, so könnte man meinen, nennen sich da lieber Landwirt, besser: Agrarökonom. Hauke Jaacks nennt sich Bauer und er tut es voller Stolz. Der Bauer in ihm macht den Rücken fast noch ein wenig grader, hält den Kopf noch aufrechter, intoniert die Silben irgendwie fester, als er seinen Stand ausspricht. Und wenn dieser kräftige Mann mit der rosigen Gesichtsfarbe hinzu fügt, was ihm so wichtig ist, dann spricht daraus ein großer Teil seines Selbstverständnisses: „Ich bin Hamburger Bauer.“ Fehlt nur noch, dass das auch gut so sei.

Denn kurios ist es ja schon: einen Ort zu beackern, der 1,7 Millionen Bewohner auf 75.500 Hektar staut und sein Wasser zum Markenkern erhebt, aber zusehends aus Beton besteht. Doch auf einen messbaren Teil dieses steinernen Molochs – 160 Hektar nämlich – baut Hauke Jaacks Futter für sein Vieh an, das ringsum grast. Und damit ist er nicht allein: Fast 800 Blumenzüchter, Forstwirte und Baumschulen und Getreide-, Tier- oder Obstbauern nutzen ein Drittel des Hamburger Stadtgebiets landwirtschaftlich. Die meisten davon, ist aus dem örtlichen Bauernverband zu hören, seien eher Kleinbetriebe, einige gar im Nebenerwerb. Es gibt aber auch die Konkurrenzfähigen, die Agrarökonomen, die Großen.

Wie Bauer Jaacks.

Die 1,4 Millionen Liter seiner 160 Milchkühe können mit den Flächenländern ringsum mithalten. Auch 400 Rinder sind alles andere als Hobby. Und der Betrieb, den Haacks mit seiner Frau Swantje bewirtschaftet, gedeiht nicht nur, er wächst beständig. Wer also durchs Falkensteiner Forstidyll Richtung Wedel fährt, trifft früher oder später höchstwahrscheinlich auf die Zäune des Moorhofs, den der Pinneberger 2004 gekauft hat, als die elterliche Farm zu eng geworden war. Und das nicht irgendwo, sondern „genau hier in Hamburg“, sagt der 51-Jährige. Denn wer so hart arbeitet, aufstehen halb fünf, Feierabend gut 14 Stunden später, 365 Tage im Jahr, ohne Wochenenden, Feiertage, Krankenstand – „der will auch mal ein bisschen leben“.

Und vom Konzert über Theater bis hin zu guten Restaurants biete die Metropole eben alles, was er nicht missen mag, auf dem Dorf aber müsste. Von wegen wenig Entertainment. Einerseits. Andererseits – wer brauche das schon im Überfluss, wenn der Beruf „Berufung ist wie meiner“. Einer, den auch dieser Berufene so liebt, dass er sein Fernweh einst dadurch kompensierte, dem Vieh Namen exotischer Orte zu geben. „Das ist Nova Scotia“, sagt er und weiß allein, wie sich diese Milchkuh von all den Artgenossen der riesigen Halle unterscheidet. Von den Inseln Hawaiis den Gang runter oder gegenüber: Herten. Kein schickes Reiseziel, mehr Reminiszenz an den Fleischmulti Herta, Erfinder europäischer Fließbandschlachtung, heute Sinnbild dessen, was Erzeuger wie Jaacks nicht mehr wollen: Reine Massenware.

Um sich nach zwei urlaubslosen Jahrzehnten ab und an eine Kreuzfahrt zu gönnen, um sich das erste Kind leisten zu wollen, das im Vorjahr zur Welt kam, um mithalten zu können auf dem harten Viehmarkt, „muss man allerdings Kompromisse machen“. Also nicht Bio, wie er mehr ausspuckt als sagt: „Nachhaltig konventionell“. Mit Kunden von der Fastfoodkette bis  zur Eigenvermarktung. Mit 4500 Kubikmetern Gülle, die nur auf eigenen Äckern landen. Mit drei Azubis und mehr Vieh, als ihm manchmal lieb wäre. Er lächelt: „Ich hätte gern wieder 25 Kühe“. Wie früher, als bäuerliches Leben nicht leichter, aber ruhiger war. Wie auf dem Hof seiner Eltern.

Oder wie bei Henning Beeken.

Der mag zwar im Kern den gleichen Beruf ausüben – von Hauke Jaacks trennen ihn trotzdem mehr als gut 30 Kilometer zwischen Rissen und Kirchwerder. Schon optisch. Im Schatten knorriger Bäume öffnet der Neubauer mit dem schicken Scheitel seinen Hoodie, als er übers Anwesen der Vorfahren führt. Alles am Hof Eggers erinnert an jene Zeiten, in die sich sein Kollege aus dem Hamburger Westen in romantischen Momenten zurücksehnt. Vorm reetgedeckten Fachwerkhaus seiner Eltern spielen die zwei Kinder, im Schweinestahl nebenan suhlen sich zufriedene Exemplare einer wachstumsschwachen, aber erhaltenswerten Rasse im Dreck, vorbei an historischen Stallungen steht das älteste Wirtschaftsgebäude der Hansestadt, Baujahr 1540. Schon damals waren es Verwandte, die sich hier niederließen. Und eigentlich“, beteuert der Enddreißiger mit dem sanften Lächeln, „sieht hier alles exakt so aus wie vor 100 Jahren“. Und doch völlig anders.

Denn unausgesprochen mag Nachhaltigkeit auch früher schon Standard gewesen sein; mit der Erholungsaura, die Beekens Land umweht, hatte der Überlebenskampf gegen Wetter und Fürst nur wenig gemein. Heute gibt es an gleicher Stelle zwar 70 Rinder, ein paar Schafe und Hühner, saisonal gar Weihnachtsgänse, dazu eine Ferienwohnung mit Ausflugslokal samt Hofladen und 90 Hektar Ackerland im ökologischen Fruchtwechsel. „Aber weil wir weder Gemüse noch Milchvieh haben“, sagt der gelernte Gartenbauer, den es 2012 nach drei Jahren Mexiko zurück auf die Heimatscholle trieb, „ist das kein so richtig hartes Bauernleben“.

Dafür eines im Einklang mit der Natur, das die Vielfalt ländlichen Wirtschaftens auf Hamburger Raum wunderbar verdeutlicht. Im Grunde gibt es hier nämlich alles, was der Agrarsektor so hergibt, nur eben meist eine Spur kleiner als in Deutschlands Schlachthof Niedersachsen oder Mecklenburg Kornkammer im Osten. Ein Henning Beeken mit seinem kreativen Angebot für gestresste Innenstädter und Einzelabnehmer ist somit repräsentativer für die hanseatische Landwirtschaft als etwa ein Hauke Jaacks mit seinem spezialisierten Großbetrieb zwischen wesensmäßig nachhaltiger, im Ertrag jedoch intensiver Produktion.

Und doch haben beide einiges gemeinsam, was junge Bauern von der tiefsten Provinz bis in die Metropole oft zu verbinden scheint: Die abgetretene Generation genießt ihren Ruhestand wie zu Urzeiten gern in Sichtweite der Nachfolger; deren Enkel sollen mal selber entscheiden, ob sie das Erbe später übernehmen; die Generation dazwischen aber betrachtet es trotz aller Entbehrungen, Mühe, Existenzangst als bauchgetriebenen Lebenszweck, den noch die schwerste Missernte nicht verhagelt. Und doch gibt es bei vielen Agrariern nun eine Art autobiografischer Konstante, man könnte sie auch Bremsimpuls vorm Berufseinstieg nennen: Bauern werden wollen nur wenige, Bauern sein dann umso mehr.

Wie Anja Ullrich.

„Ich habe meine Eltern eigentlich immer nur arbeiten gesehen“, erinnert sie sich an ihre Kindheit unweit von Beekens Hof. Also machte sie eine kaufmännische Ausbildung, wurde danach Erzieherin, sagte der Landwirtschaft kurzum langfristig Ade. Bis mit Anfang 30 abermals umsattelte. Im wahrsten Sinne des Wortes: Als ihr Vater 1998 schwer erkrankte, kehrte die Tochter heim und wandelte seine Mischwirtschaft um in einen Pferdehof. Weil sie diese Tiere innig liebt. Und weil die Sehnsucht der Städter danach wachse, „je mehr Technik in der Welt“ sei.

Um sie zu stillen, bietet die Frau mit dem roten Pferdeschwanz fast 40 der Vierbeiner Stellplätze auf ihrem Gestüt. Baut ihnen auf dem 17 Hektar großen Gelände eigenes Heu an. Betreut sie mit aller Liebe, lässt sie aber doch laufen, wohin sie wollen. Es sei ein erfülltes Leben, sagt Anja Ullrich beim Rundgang in Reiterhosen. Fürs Tier, mehr aber noch für sie selbst. Dass ihr Geschlecht von den Herren des Dritten Standes selbst in der urbanen Landwirtschaft noch immer nur mürrisch akzeptiert wird, sei ärgerlich; darüber hinaus aber biete ihre Aufgabe, was kein Stadtjob könne: Mensch und Tier, Büro und Freiraum, Vorsorge und Fürsorge, Natur und Technik. Am Ende also auch wieder das, was sie tagein tagaus bei ihren Eltern erlebte: „Arbeit, Arbeit, Arbeit“. Nur dass die sie von der nie überzeugen wollten.

Anders als bei Mathias Peters.

Mit sechs Jahren, 1976 war das, wollte der Bauersohn aus Hamburgs Südosten aufs Gymnasium und Tierarzt werden. Ein beliebter Berufswunsch nachfolgender Generationen – noch naturnah, nicht mehr so naturverwachsen. Sein Vater aber sagte bloß: „War’ du man Buur, mien Jung“, erinnert sich der Stammhalter grinsend. Und was tat er? Nun lacht Peters: „Ich war natürlich folgsam“. Zum Glück, so sieht er das heute. Denn 37 Jahre und zwei Kinder später darf man sich Mathias Peters als glücklichen Menschen vorstellen. Der Beweis steht, besser: stakst im Stalltrakt seines prachtvollen Bauernhauses von 1561 rum. Er heißt Herkules und ist erst sieben Stunden vorher zur Welt gekommen. Der bullige Landwirt nimmt das Kalb in zwei kräftige Pranken und guckt wie stolze Väter eben gucken: „Ein Prachtstück!“

Seine Ahnen, die dieses Land seit Urzeiten bestellen, sie hätten es wohl „Geschenk Gottes“ genannt und eher nüchtern zur Kenntnis genommen als bejubelt. Der aktuelle Erbe aber zählt zur neuen Generation Hamburger Bauern. Was sie oft eint, ist ein emotionaler Pragmatismus, der selbst den eigenen Eltern, die weiterhin mithelfen im Betrieb, vermutlich fremd war. Als ertragsorientierter Landwirt könnte man das Naturschutzgebiet Kirchwerder Wiese rings um die zauberhaft geschwungene Gose-Elbe also durchaus als Last empfinden, als Hindernis seiner täglichen Arbeit. Mathias Peters indes, einst ein Einserschüler und heute erstaunlich eloquent, für einen Handarbeiter, betrachtet es ganz anders. „Als Aufgabe.“

Was hier wächst und gedeiht, tut es folglich im Einklang mit der Natur, aber streng nach Effizienzkriterien. Seine 110 Rinder fressen nichts als Weidegras, sollen aber auch ihren Schlachtpreis bringen. Das Gemüse in den Gewächshäusern wie davor wird bei Befall schon mal gespritzt, ansonsten jedoch in Ruhe gelassen. Und Abertausende von Maiglöckchen auf der anderen Straßenseite werden kurz vor ihrem Namenstag von Hand gepflückt, gehen dann aber in den Export nach Frankreich. „Wer in Hamburg Landwirtschaft betreibt“, sagt Peters mit Filterzigarette im Mund, „kann nur in der Nische überleben“. Doch die müsse man schon marktgerecht füllen.

Dafür steht er täglich vor sechs auf, an Markttagen drei Stunden früher. Dafür kämpft er „an allen Fronten“, falls mal eine zusammenbricht, und lässt sich dafür von großen Bauern auch noch abfällig „Schreber“ nennen“. Dafür hat er allerdings auch ein Leben neben der Ackerkrume. Ein reetgedecktes Fachwerkhaus etwa, dass er vor zehn Jahren in Eigenarbeit luxussaniert hat. Eine Frau, die liebend gern ihren Job als Pflegerin dafür getauscht hat, nun in der Diele Petersilie zu zupfen. Und einen Sohn, der dem mütterlichen Rat, bald Abitur zu machen, mit großem Eifer widerspricht. „Der will Bauer werden“, sagt sein Vater und hat wieder seinen Kälbergeburtsblick. Bauer. Dieses Schützenfestwort.

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