Ralf Husmann: Männerhasser & Stromberg

Wer scheiße aussieht, wird lustig

Es ist ein echtes Fernsehwunder: Was immer der Stromberg-Autor Ralf Husmann dreht – es gelingt. Wenn der Tatortreiniger-Autor Arne Feldhusen dann auch noch hinter der Kamera steht, sind Geniestreiche unvermeidlich. Wie die Hochstaplerkomödie Vorsicht vor Leuten (25. Februar, 20.15 Uhr, ARD). Ein Gespräch mit dem 50-Jährigen Dortmunder über erbärmliche Männer, die Heiterkeit des Ernstes und warum er dennoch keinen Film über Pegida drehen möchte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Husmann, Lars von Trier wurde angesichts der Erbärmlichkeit seiner weiblichen Hauptrollen gefragt, warum er Frauen so hasse. Die Frage an Sie lautet eher: warum hassen Sie eigentlich Männer?

Ralf Husmann: (lacht) Tue ich das?

In Vorsicht vor Leuten sind die Darsteller fast so erbärmlich wie Bernd Stromberg.

Das ist aber kein Hass, sondern die Realität. Weil sie so einfach funktionieren ist es nun mal leicht, sich über Männer lustig zu machen. Das komplizierte Wesen der Frauen macht es dagegen ungleich diffiziler, Knackpunkte zu entdecken, über die man herziehen könnte. Hinzu kommt in diesem Fall, dass mir im Gegensatz zu berühmten Hochstaplern von Jürgen Harksen bis Bernie Madoff keine Hochstaplerin bekannt war. Kleiner Mann will mit allen Mitteln nach oben lässt sich mit Männern aber auch deshalb lustiger erzählen, weil sie die Gesellschaft seltsamerweise noch immer dominieren. Das sorgt für die nötige Fallhöhe guter Komödien.

Aber zeigen Alphafrauen wie Angela Merkel nicht, dass die weibliche Fallhöhe wächst?

Schon, aber selbst bei solch einer politischen Spitzenposition taugt der polternde Schröder mit ständiger Faust auf dem Tisch besser zur Überhöhung als die technokratische Merkel. Man kann Männer einfach viel schöner lächerlich machen, wie ich finde.

Sie projizieren da aber keinen Selbsthass auf Ihre Geschlechtsgenossen?

Hass wäre ein bisschen viel. Eher Mitgefühl. Lustig an unserem Verhalten ist ja, dass es oft so altertümlich ist. Etwa trotz aller Gleichberechtigung seiner Frau was bieten zu wollen. Darüber kann man sich leichter lustig machen als über den weiblichen Aufstieg als Akt nachholender Emanzipation. Selbsthass trifft es da also nicht; dafür begleite ich meine Figuren auch mit zu viel Sympathie.

Vielleicht Selbstreflexion?

Schon eher. Die hat auch mit Statusdenken und Ansprüchen an die Männlichkeit zu tun – da spreche ich auch aus eigener Erfahrung.

Haben die Schönlebens und Brahmkamps auch Seiten von Ihnen selbst?

Natürlich. Ich gehe bei jeder Figur zunächst mal von mir aus und bin da zum Beispiel auf die Eigenschaft gestoßen, unbequeme Fragen lieber erst mal beiseite zu schieben als anzupacken. Der Beamte Lorenz tut das mit holprigen Gedichten, die von der Realität ablenken, der Hochstapler Schönleben in Form kleiner Lügen, die immer größer werden.

Der abgehobene Betrüger und sein braver Bürokrat sind ja quasi die zwei Archetypen vieler unserer aktuellen Krisen. Ist das eine weltpolitisch bewusste Figurenauswahl?

Schon, ich versuche die Verhältnisse durchaus abzubilden. Und da fasziniert mich besonders die Tatsache, dass immer alle auf die Hoeneße da oben schimpfen und selbst bei jeder Gelegenheit im kleineren Maßstab betrügen. Tierschutz fordern, aber Billigfleisch kaufen, 25 Prozent Rendite wollen, aber ignorieren, dass die woanders fehlen – diese Doppelmoral ist klassenübergreifend humortauglich.

Will ein Film wie Vorsicht vor Leuten daraus nur ein paar Pointen schöpfen oder wirklich das Denken bewegen?

Letzteres eher so als Mitnahmeeffekt, denn Antworten kann ich keine liefern, nur Fragen aufwerfen. Etwa, wie die Zuschauer selbst wohl reagieren, wenn sich mit wasserdichtem Betrug plötzlich viel verdienen lässt.

Und wirken solche Fragen in heiteren Filmen nachhaltiger als in ernsten?

Im Idealfall hat eine Komödie auch ernste Untertöne und umgekehrt jedes Drama auch heitere Momente. Nur so beugt man Melodramatik und Klamauk vor, was einzeln wenig bewirkt in den Köpfen. Mir persönlich geht das humorfreie Sozialdrama ebenso gegen den Strich wie intellektuelles Kabarett, weil beides nur ohnehin Überzeugte erreicht. Eine leichte Gesellschaftskomödie kann mehr erreichen als jeder Holzhammer.

Können Sie denn überhaupt wirklich ernste Filme machen?

Keine Ahnung, das bleischwere Stück hab ich bislang nicht versucht. Schon weil ich die angesprochenen zwei Seiten einer Medaille so schätze. Dass die für nachhaltiges Entertainment nötig sind, wusste ja schon Shakespeare. Selbst bei Stromberg wurden Leute entlassen und Menschen beerdigt. Und Christian Ulmen als Dr. Psycho war ja lange vor den Schmunzelkrimis der ARD vergleichsweise harte Koste mit leichten Mitteln und Schauspielern von Roeland Wiesnekker bis Anneke-Kim Sarau, die alle tief im Krimifach stecken. Mein Drehbuch für den Dresdner Tatort funktioniert da ganz ähnlich.

Mit zwei Kommissarinnen, wie man hört.

Das ist nicht so ulkig wie die Münsteraner, aber auch nicht so ernst wie mancher andere.

Gibt es Filmstoffe, die sich aus Ihrer Sicht überhaupt nicht für Humor eignen?

Nein. Humor sollte ja nicht eingesetzt werden, wenn alle ernsten Mittel ausgereizt sind, sondern grundsätzlich geeignet, Rückschläge im Leben zu verdauen. Humor ist nicht die Kirsche auf der Sahne, sondern die Sahne selbst. In den USA hat man das schon lange begriffen. Gerade die harten Seiten des Lebens sind humortauglich.

Worüber können Sie gar nicht lachen?

Ich kann theoretisch über alles lachen. Wenn der Humor weg ist, wird es fundamentalistisch, also schwierig. Deshalb kann ich auch Phänomenen wie Pegida heitere Aspekte abgewinnen. Was die da auf ihre Plakate schreiben, kann man irre lustig finden, ohne den Ernst zu verlieren.

Haben Sie mit ihrem Lieblingsregisseur Arne Feldhusen da schon eine passende Komödie im Köcher?

Nein, aber nur, weil ich nicht gern tagesaktuell arbeite. Ein solcher Film braucht locker zwei Jahre, bis er fertig ist. Und bis dahin hat sich das mit Pegida vermutlich schon wieder erledigt. Wollte ich tagesaktuell arbeiten, wäre ich Kabarettist.

Waren Sie denn in der Schule der klassenübliche Clown?

Schon. Weil meine Mutter früh gestorben war, musste ich im Haushalt helfen. Die mangelnde Zeit für Party oder andere Hobbys hab ich dadurch zu kompensieren versucht, den Clown zu geben. Mit einigem Erfolg. Wenn man kein Sport-Ass ist, eher scheiße aussieht und keinen Erfolg bei Mädchen hat, hat man keine Wahl und wird halt lustig. Da blieb mir wenig übrig. Meine Humorbegabtheit hatte also andere als genetische Gründe. Weil meine Mutter früh gestorben war, musste ich auch früh im Haushalt helfen. Für eine Mofa, Party, Hobbys blieb mir da wenig Zeit. Das habe ich frühzeitig dadurch zu kompensieren versucht, den Clown zu geben. Mit einigem Erfolg.

Wann hat das Ganze Struktur bekommen?

Mir war schon mit acht klar, was mit Schreiben machen zu wollen. Das fiel mir wieder ein, als Johannes Mario Simmel gestorben ist, von dem ich damals alles Mögliche gelesen habe, um rauszufinden, wie man erfolgreich schreibt. Ich wollte wie er Journalist werden. Und wie es der Zufall wollte, war mein erster Job eine lustig Kolumne für ein Szenemagazin, so mit 17 Jahren. Später, als ich bei Stern TV war, gab es immer ein großes Hauen und Stechen um die sachlichen Themen, während es für die lustigen Beiträge nur einen Anwärter gab: mich. Da war mir klar: in dieser Nische fehlt die Konkurrenz, da muss ich nicht so viel kämpfen.

Sie gehen lieber den sicheren Weg?

Ja. So bin ich. Vielleicht hat das was mit meiner Herkunft zu tun, dass ich mich lieber in ein Feld begebe, wo die Chancen gut stehen, als mich in der Garage einzuschließen, um jahrelang irgendwas in der Hoffnung auszutüfteln, irgendwann nimmt das schon irgendwer. Mein Vater war Hilfsarbeiter in einer Schnapsbrennerei, meine Mutter Hausfrau. Daher hab ich die Mentalität, nur Dinge zu tun, die auf sicher was einbringen. Vati wollte, dass ich Beamter werde, das prägt. Ich bin ein Sicherheitsmensch. Und lustige Sachen verkaufen sich leichter.

Sind Sicherheitsmenschen humorbegabter?

Vielleicht. Weil sie sich selbst zurücknehmen. Deshalb halte ich das Ruhrgebiet auch für eine Region mit gutem Humor. Die Leute da sind bescheidener, ehrlicher, echter. Wir leben nicht mehr alle unter Tage, aber die Ebene der Menschen ist erstmal eine sehr schlichte, geradlinige. Das macht lustig.

Was ist lustiger – nach oben buckeln oder nach unten treten?

Lustiger für wen? Für den der tritt und buckelt oder den der getreten oder bebuckelt wird?

Schöne Wortschöpfung.

Finde ich auch, schreib ich mir gleich mal auf. Zurück zur Gegenfrage: Oder für den, der sich das Spektakel im Fernsehen anguckt? In dem Fall wird beides hauptsächlich durchs Scheitern lustig.

Scheitern als Chance.

Scheitern als Spaß. Aber ich finde es spannender, kleine Leute als Superhelden scheitern zu lassen, weil das näher an mir dran ist. So wird aus purer Schadenfreude auch Anteilnahme. Erst bei der Suche nach dem Lustigen im Erbärmlichen habe ich entdeckt, wie nah beides aneinander liegt. Der Graben darf nur nicht zu groß werden.

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