Christian Ulmen: Neuer Freund & Alter Star

Lachen über Sauwitze

Als Christian Ulmen vor vielen Jahren den blassen Berserker bei MTV gab, dachte niemand, das aus dem Hamburger mal einer der einflussreichsten deutschen Filmschauspieler und Fernsehproduzenten werden könnte. Heute zum Beispiel spielt er die Hauptrolle in der Heimatklamotte Wer’s glaubt, wird selig (20.15 Uhr, HR), schon morgen aber könnte er ebenso gut als Liebhaber oder Actionheld durchgehen. Im Interview sprach der auch schon fast 40-Jährige über Fernsehhumor,  Improvisationsvermögen und was er von Fips Asmussen hält.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Ulmen, braucht gute Comedy Skripte?

Christian Ulmen: Ich finde den Begriff furchtbar, aber es gibt gute geschriebene und gute improvisierte Comedy. Kommt drauf an, was man will. Wenn Ralf Husmann eine Krimiserie macht, lebt sie definitiv durch seine guten Skripte.

Das beweist er mit Stromberg.

Er hat das Talent, eine sehr mundgerechte Sprache zu finden.

Dennoch erwecken Sie auch in Formaten wie Dr. Psycho den Eindruck, ohne Drehbuch zu spielen.

Wir haben zweieinhalb Monate von morgens um acht bis abends um zehn gedreht. Da passiert es natürlich manchmal, dass Dinge aus einem herauspurzeln, die nicht im Buch stehen, der Figur jedoch zuträglich sind. Ralf Husmann hat mir während der Produktion von Mein neuer Freund von der Krimi-Idee erzählt und wusste schon beim Schreiben, dass ich den Munzl spiele, wie es sich anhört, wenn ich es spreche.

Aber Ihre Liebe gilt der Improvisation.

Bei einer geskripteten Geschichte kommt das auf die Szene an. Wenn sie keine Schlüsselfunktion für die Handlung hat, kann man mal ein bisschen improvisieren. Ansonsten macht man womöglich den Schlüssel kaputt und kommt nirgends mehr rein. Mir fallen Mischformen schwerer. Ich kann entweder am Text hängen wie bei Dr. Psycho oder komplett improvisieren wie bei Mein neuer Freund.

Das war wirklich voll improvisiert?

Als Entertainer Knut hab ich seine Witze auswendig gelernt, diese Zoten, teilweise von Fips Asmussen. Ansonsten gab’s nur grobe Handlungsstränge eines Ziels, auf das man zuimprovisiert.

Können Sie Fips Asmussens Stammtischhumor etwas abgewinnen?

Ich wäre geneigt, zu antworten, nur in der Persiflage. Dann aber muss man Robert Gernhardt zitieren, es gebe keinen ironischen Orgasmus, nicht mal eine ironische Erektion. Wer sagt, er lache über einen Witz, weil er so schlecht sei, lügt eigentlich, weil man eben lacht, wenn man lachen muss und manchmal ist das brachialer Humor. Aber ein ironischer Deckmantel legitimiert manchmal das Lachen über Sauwitze.

Auch über Comedy?

Ja, aber darunter läuft eh alles. Da denke ich immer an Genre-Trailer wie früher bei Sat1 vor der Harald Schmidt Show, wo unter dem Stichwort Comedy immer ein Typ mit Clownsnase auftrat. Ich verbinde mit dem Begriff also rote Nasen.

Welcher Witz steckt, sagen wir: in Dr. Psycho?

Wenn man Humor erklärt, ist er rasch nicht mehr komisch. Dr. Psycho ist trockener Humor über einen Psychologen, der Polizeiarbeit nur aus Tatort oder CSI kennt und denkt, jetzt schön Verbrecher zu jagen und die Welt zu verbessern, dann aber in einen Beamtenapparat gerät, wo es mit Idealismus nicht weit her ist. Im Zusammenprall dieser Berufsauffassungen entstehen komische Situationen. Denn dadurch, dass Psychologen alle menschlichen Fehler zu kennen glauben, ist ihnen nichts mehr peinlich, weil alles Peinliche auch menschlich ist. Nichtpsychologen dagegen empfinden durchaus noch Scham. Der Humor in Dr. Psycho definiert sich oft genau darüber.

 

Und macht sich über niemand lustig?

 

Ja.

 

Weil das nicht Ihr Humor ist?

 

Genau.

 

Bei MTV haben Sie da oft auf den Putz gehauen.

 

Das stimmt.

 

Sie bezeichnen sich als Moralisten.

 

Denn was man mir nicht vorwerfen kann, ist vorsätzlich auf die Schwächen von Menschen gezeigt zu haben. Was ich mit Moral meine, bezieht sich auf Sendungen wie Verstehen Sie Spaß?, wo sich Bodyguards auf eine Stellenanzeige für den Scheich von Was-weiß-ich bewerben. Da meldet sich also ein arbeitsloser Personenschützer, soll einen Turban aufsetzen, quatschige arabische Wörter lernen und sich am Ende sogar kastrieren lassen. Es wurde ein gynäkologischer Stuhl rein geschoben und er war wirklich kurz davor. Hoden ab! In dem Moment kommt der Moderator rein und sagt Haha, alles nur Spaß. So macht man sich über jemand in einer misslichen Lage lustig.

 

Übers viel zitierte Präkariat also, das für einen Job alles tut.

 

Nicht grundsätzlich, aber in dem Fall war es auch noch jemand, der sich beworben hat. „Unter Ulmen“ war oft hart an der Grenze und „Mein neuer Freund“ moralisch manchmal bedenklich, und das war auch richtig so, aber wir haben niemanden zurechtgemacht, um ihn der Weltöffentlichkeit zum Lachen vorzuführen. Den größten Schmerz musste der Spieler ertragen und manchmal tun Spiele eben weh, das weiß jeder, der mal Fußball gespielt hat.

 

Was halten Sie von Stefan Raab, der die unfreiwillige Zurschaustellung perfektioniert?

 

Und trotzdem ist er zurzeit einer der originellsten, kreativsten Fernsehmacher und ich schätze, was er abliefert – ob Wok-WM, Bundes-Vision-Songcontest oder Schlag den Raab. Wo sich andere ab einem gewissen Kontostand zurücklehnen, behält Raab eine Leidenschaft, die andere ansteckt.

 

Eine, die auch Ihre Fangemeinde verschweißt.

 

Schön, wenn das so rüberkommt. Ich muss immer gut leiden können, was ich mache, sonst geht’s nicht.

 

Sind Ihnen hohe Einschaltquoten echter Fans lieber als höhere anspruchsloserer Zuschauer?

 

Mein Traum wäre die Kombination. Könnte sogar klappen, schließlich ist Dr. Psycho letztlich ein Krimi und damit ein gutes Zuschauerlockmittel. Im Zweifel ist mir eine überschaubare, aber liebende Zuschauerschar lieber, nur – das hab ich nun schon ziemlich lange, und ich würde gern mal sehen wie es ist, wenn auch die Quote stimmt.

 

Eine Fernsehzeitung hat Sie mal „Raab für Intellektuelle“ genannt.

 

Wenn der Schreiber in eine Redaktionskonferenz von Mein neuer Freund gestoßen wäre, hätte er sie für einen Haufen Vollprolls von RTL2 halten können. Dass es hinterher sogar als gesellschaftskritisches Stück interpretiert wurde, hat aber damit zu tun, dass gerade nicht darauf geachtet wurde, die Intellektuellen zu versorgen, sondern darauf was wir komisch fanden.

 

Wollen Sie noch immer den „alltagsroutinierten Geist überfordern“ wie bei MTV?

 

Das ging in erster Linie um die Situation vor Ort, nicht um die Wahrnehmung auf dem Bildschirm. Warum gucken Leute, wenn Sie auf der Straße einen Schotten im Kilt sehen? Weil das ihrem Alltagsbild nicht entspringt und dadurch überfordernd wirkt.

 

Sind Sie ein Zyniker.

 

Nein, aber um zum Kern des Komischen zu gelangen, muss man eine gewisse Boshaftigkeit in sich tragen. Eine misanthropische Sicht ist dem sehr zuträglich. Egal, ob sich selber oder anderen gegenüber.

 

Sind Ihre Rollen kauzig?

 

Ja.

 

Wie viel dieser Kauzigkeit steckt in Christian Ulmen.

 

Wenn man spielt, nimmt man am liebsten eine Figur, die einem sympathisch ist. Darum hab ich wie jeder Mensch Momente, in denen ich, nennen wir’s: merkwürdig bin.

 

Auch Oliver Korittke ist ein Schauspieler mit festem Rollenprofil: schluffig. Er begegnet dem jedoch gern damit, sich privat als Spießer darzustellen, der seine Schuhsammlung nach Farben sortiert. Versuchen Sie auch etwas zu widerlegen?

 

Nein, dafür bin ich zu untalentiert. Ich gehe so gut wie nie in Talkshows, um nicht auch noch dort was spielen zu müssen und mir Gedanken darüber zu machen, wie ich rüberkomme. Das ist mir zu anstrengend.

 

In welche Talkshow würden Sie dennoch gehen?

 

Gelegentlich gehe ich zu TV Total, Das!, auch Harald Schmidt war schon dabei. Das reicht. Was ich nicht mag, sind große Sitzrunden in den Dritten, wo man drei Stunden neben Horst Seehofer sitzt und plötzlich musst du was über die Gesundheitsreform sagen, hast aber gerade geschlafen.

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