Jennifer: Dittsches Friseur & Winsens Luhe

sendungsbild34404_v-zweispaltigJ wie Jauche

Was Oli Dittrich anfasst, wird gemeinhin zu Gold. Die norddeutsche Provinzposse Jennifer (ab 23. Dezember, 22.25 Uhr, NDR) dagegen droht schon zum Auftakt im Pointensumpf zu versinken – wäre da nicht Dittsches überdrehte Wahrhaftigkeit (Foto: NDR) als schwuler  Friseur.

Von Jan Freitag

Das Klischee ist ein dramaturgisches Windei. Dem Französischen entlehnt, bezeichnet es endlos erwärmten Kaffee diverser Mahlzeiten, der bei jedem Frühstück abgestandener schmeckt, aber den Geldbeutel schont. Ist Altware frei verfügbar, muss man sich grad unterm öffentlich-rechtlichen Kostendruck nichts Neues zulegen – das gilt fürs Personal ebenso wie für Inhalte. Was wiederum nirgends deutlicher wird als im hiesigen Fernsehhumor. Friseure zum Beispiel sind darin grundsätzlich schwul, ihre Kolleginnen pink, Discobesitzer schmierig, Omas altklug und Taxifahrer schlichten Gemüts.

Womit wir in Winsen an der Luhe wären, einer ziemlich trostlosen Schlafstadt vor den Toren Hamburgs, die es zu Hunderten gibt in Deutschland: bevölkert von ganz gewöhnlichen Leuten mit ganz gewöhnlichem Leben in ganz gewöhnlicher Umgebung, Leuten wie Jennifer – meint man zumindest beim NDR. Ab heute schneidet sie dort der Provinz das Haupthaar, genauer: sie schnitt. Weil sich Inhaber Sandro mit einem Föhn erdrosselt hat, leitet sein Lebenspartner Dietmar nun den Salon „Hair & Care“ und erteilt der Friseurin in Ermangelung eines Gesellinnenbriefs gleich mal Scherenverbot, was ihre resolute Großmutter (Doris Kunstmann) ebenso auf den Plan ruft wie Freundin Melanie (Laura Lo Zito), die der Obertitelfigur dabei helfen, den Untertitel umzusetzen: Sehnsucht nach was Besseres.

Diese Hassliebeserklärung an eine bildungsfern-proletarische Kleinstadtmittelschicht grundiert das Nischenprodukt von Regisseur Lars Jessen von der ersten bis zur letzten Minute. Damit hat der Regisseur Erfahrung: Schon in Dorfpunks und Fraktus hat er den Alltagsfreaks seiner küstennahen Heimat filmische Denkmäler gesetzt. Auch auf das von Jennifer mit J wie Jauche scheißen die Tauben der norddeutschen Tiefebene daher dauernd Landeihumor der Güteklasse C mit allem, was die Region im Regelfernsehen symbolisiert: angefangen mit einem seltsam sangsingenden Dialekt, der wohl ortstypisch wirken soll, aber klingt, als stecke Dieter Bohlen und Heidi Kabel in einen Sack Hafenarbeiter mit Gesichtslähmung.

Doch nicht nur umgangssprachlich ersäufen die Bücher von Andreas Altenburg aus dem holsteinischen Kohldelta Dithmarschen und seinem Stenkelfelder Kollegen Harald Wehmeier den Pöbel mit doppeltem Präteritum (ich war gewesen) und Dativdrehern (lern du mich nicht die Welt kennen) im Klischee intellektueller Schlichtheit. Sie lassen auch dramaturgisch kein ungefärbtes Haar an ihren Protagonisten. Als anspruchsvoller, zur Differenzierung bereiter Zuschauer könnte man heulen – schimmerte nicht immer wieder mal ein barmherziger Glanz durch die halbstündigen Episoden.

Das liegt an Katrin Ingendoh, deren hingebungsvoll prollige Jennifer schon in den ersten drei Folgen von Haarverlängerung über Eventmanagement bis Immobilienmarketing drei völlig verschiedene Wege nach was Besseres einschlägt. Mehr aber noch liegt es an – wem sonst? – Olli Dittrich. Sein ostentativ schwuler Dietmar ist so heillos überfrachtet mit Friseurvorurteilen jeder Art, dass es schon wieder witzig wird. Schließlich persifliert ihn der wahrhaftigste aller Persönlichkeitsparodisten im Land aus dem reichhaltigen Füllhorn seines Dittsche-Universums punktgenau zwischen Empathie und Fremdscham. Wie diese liebenswert bemitleidenswerte Knallcharge dank achtelprominenter Anekdoten von Vicky Leandros‘ Beleuchter, mit dem sie mal beinahe befreundet gewesen sei, aufdringlich Eindruck schinden will und doch selbst beim leicht erregbaren Salonpublikum nur Mitleid erntet – das karikiert die Abgründe tradierter Hierarchien schmerz- und lachhaft zugleich.

So gerät Jennifer am Ende doch zu etwas, das bisweilen mehr Charme als Fremdscham entfaltet – in den Pointen gern leicht bis schwer drüber, auf der Metaebene zuweilen küchenpsychologisch unterhaltsam. Kein Tatortreiniger also, kein Dittsche, nicht mal Mord mit Aussicht, sondern einfach nur betuliche Provinzialität als nettes Betthupferl ab zehn. Hätte schlimmer kommen können, geht noch bedeutend besser.

Advertisements

One Comment on “Jennifer: Dittsches Friseur & Winsens Luhe”

  1. Kai Becker says:

    Ähem: “doppeltes Präteritum” nennt man eigentlich Plusquamperfekt. Gibts wirklich, schwör.


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.