EM-Fragen & Nazi-Spiele

TVDie Gebrauchtwoche

4. – 10. Juli

So, nach vier Wochen Fußballdruckbetankung mit 30 Millionen Zuschauern des französisch-deutschen Halbfinales und gut halb so viele bei Wales gegen Portugal können wir nun endlich wieder zur Tagesordnung übergehen. Für Suchtopfer hält sie zwar zunächst einen Wochenbeginn auf Entzug bereit. Um ihnen zumindest theoretisch ein bisschen Stoff nachzureichen, passen wir an dieser Stelle aber noch kurz vier Fragen abseits vom grünen Rasen in den freien Raum, deren Antworten die Faszination des Fußballs etwas klarer machen würde: Wieso lassen sich all die schicken, coolen, berlinmittigen Hipster-Models, die im Werbefernsehen andauernd mit Deutschlandtrikot ausrasten, nie zwischen den nicht ganz so schicken, coolen, berlinmittigen Durchschnittsbesuchern realer Fan-Feste blicken? Weshalb klingen sämtliche WM- und EM-Songs stets, als säße Xavier Naidoo mit Magenkrämpfen auf Peter Maffays Klo? Warum sehen die Bolzplatzkicker*innen im Respect-Spot der Uefa aus wie Sexroboter? Und war die Bandenreklame für Aserbaidschans Tyrannei eigentlich bereits ein PR-Feldzug für die Ausrichtung 2024 oder nur ernstgemeinte Produktinformation?

Das wäre doch mal ein Debatten-Thema, mit dem die Bild-Zeitung ausnahmsweise seriös Aufmerksamkeit erzielen könnte, statt ewig nur mit ihrer Mixtur aus Boulevard und Eigenlob, die das Springer-Blatt gerade abermals auf den zweiten Platz der meistzitierten Zeitungen im Land gerüpelt hat. Nur, dass Kai Diekmann die Originalbaupläne des Vernichtungslagers Auschwitz illegal außer Landes bringen ließ, hat sein Blatt gewiss nur zu erwähnen vergessen…

Erwähnenswert wäre noch die sensationelle Neuigkeit aus dem WDR-Rundfunkrat, dass die unendliche Geschichte, pardon: Lindenstraße um zwei weitere Jahre bis 2019 fortgesetzt wird. Auch nach den Staffeln 33 und 34 ist ein Ende allerdings außer Sicht. Es geht einfach immer und immer und immer weiter. So wie es eben einfach immer und immer und immer weitergeht mit dem TV-Dauerbrenner Nationalsozialismus.

1_Traum_von_Olympia_1936Die Frischwoche

11. – 17. Juli

Wer nun glaubt, die Themen könnten da ausgehen, kann sich am Samstag zur besten Sendezeit davon überzeugen, wie viel Stoff noch unerzählt ist. Der Traum von Olympia mag zwar ein ausgewalztes Feld beackern. Florian Hubers Dokudrama über Die Nazi-Spiele von 1936 jedoch wählt einen echt eigentümlichen Ansatz zur Illustration der NS-Propagandashow.

Mit Wolfgang Fürstner und Gretel Bergmann porträtiert er darin den linientreuen Chef des Olympischen Dorfes und die jüdische Weltklassehochspringerin, die beide am Rassewahn der Nazis zerbrechen – was für ersteren im Freitod endet, weshalb ihn letztere um mittlerweile 80 Jahre überlebt hat. Und das Archivmaterial zu den angenehm dezenten Spielszenen ist vor allem dann umwerfend, wenn etwa eine Ansagerin „alle Volksgenossen und Volksgenossinnen in den Fernsehstuben Großberlins mit dem deutschen Gruß“ begrüßt, während die Jugend der Welt ringsum feiert, als seien die Nazis ja eigentlich doch ganz okay. Die seifige Bruttigkeit des Genres vermieden, mit Wahrhaftigkeit überrascht – so darf der Nationalsozialismus gern TV-Thema bleiben. Immer und immer und immer wieder.

Derweil testet das Programm zwischen EM und Olympia kurz ein paar mehr oder minder innovative Erstausstrahlungen. ProSieben etwa schickt Thilo Mischke ohne journalistisches Handwerkszeug, aber mit lässigen Sneakers montags um 22.15 Uhr unter Ganoven wie japanische Mafiosi, die er dem Titel nach Uncovered, tatsächlich aber nur mit maximalem Thrill und verstörender Naivität vorführt. Arte startet Sonntag um 21.45 Uhr seinen jährlichen Summer of … diesmal Scandals. Zum Auftakt mit der italienischen Pornopolitikerin Cicciolina, die Anfang der 90er den Boulevard mit viel nackter Haut zum Sabbern brachte.

Noch weiter zurück in der Zeit reist die Mystery-Serie Stranger Things um ein vermisstes Kind im Jahr 1983, das Netflix am Freitag mit der immer noch hinreißenden Winona Ryder streamt. Tags zuvor startet der britische Achtteiler No Offense mit gleich drei ruppigen Ermittlerinnen im robusten Manchester auf ZDFneo. Das Nischenhighlight aber läuft heute im ZDF: Um 23.50 Uhr erzählt Cem Kayas Doku Remake, Remix, Ripp-Off die bizarre Story des türkischen Kinos der 60er und 70er. Unterm Namen Yeşilçam wuchs es seinerzeit mit Billigkopien bekannter Formate von Enterprise bis Supermann zur weltweit bedeutenden Filmindustrie – deren knisternde Dilettantismus heute fast ebenso erstaunt wie die Blüten des US-Präsidentschaftswahlkampfs, dem Arte Dienstag ab acht einen Themenabend widmet.

Und sonst? Gibt‘s feine Wiederholungen der Woche! Samstag zum Beispiel Ridley Scotts stilbildendes Roadmovie Thelma und Louise anno ‘91 mit Susan Sarandon und Geena Davis auf der Flucht und einem gewissen Brad Pitt in einer sexy Nebenrolle. Mittwoch zuvor (23.30 Uhr, BR) ist Martin McDonaghs Gangstergroteske Brügge sehen… und sterben? mit Colin Farrell als depressivem Killer auf der Abschussliste zu empfehlen. Schwarzweiß brilliert John Wayne heute (23.30 Uhr, NDR) als Siedlerschutz im Finale von Glen Fords legendärer Kavallerie-Trilogie Rio Grande von 1950. Und dokumentarisch ratsam: Guns N’Roses, das Bandporträt der gefährlichsten Band der Welt, Sonntag, 20.15 Uhr, auf Arte, mehr aber noch die famose Punkwurzelbehandlung Keine Atempause über die Ursprünge des deutschen Punk im Ratinger Hof, heute im WDR (23.50 Uhr).


Fufanu, Júniús Meyvant, Sarathy Korwar

TT16-JuniusJúniús Meyvant

Wie begeisterungsfähig Nordeuropäer wider alle Klischees sein können, erschließt sich nicht nur vorurteilsbehafteten Südeuropäern zurzeit ganz gut in Frankreichs Stadien. Je weiter man das Mittelmeer hinter sich lässt, desto ekstatischer werden die Leute. Welcher Sound für, sagen wir: Island steht, hätte man jedoch auch nach dem euphorischen EM-Auftritt der Eingeborenen mit Dreampop, Ambient, Electronica beantwortet. Zugeknöpftes Zeugs also. Aber Funk? Aldrei! würden da selbst Betroffene verneinen. Bis auf Júniús Meyvant. Der hat ihn ja, den Funk, wie sein Debütalbum Floating Harmonies belegt. Wobei ihn der junge Skater von den Westmanninseln weniger besitzt, als erobert.

Video: https://www.youtube.com/watch?v=9fyH9M3l2pw&feature=youtu.be

Und welche Wucht das entfaltet, hat der Cockney-Rapper Plan B ebenso gezeigt wie sein deutscher Kollege Jan Delay. Ihr Funk versucht sich gar nicht erst an dessen tief empfundener Innerlichkeit. Er kocht auf mittlerer Flamme gar, bis daraus ein Pop wird, der bei aller Tanzbarkeit zum Denken anregt. Auch der von Meyvant alias Unnar Gísli Sigurdmundsson transponiert das Virile afroamerikanischen Ursprungs eher kopf- als bauchgesteuert in die Mitternachtssonne. Synkopischer Bass, verschwitzte Bläser – alles dabei. Aber ebenso ein Schuss nordischer Reserviertheit, der das Ganze so schön spannend macht.

Júniús Meyvant – Floating Harmonies (Record Records)

TT16-FufanuFufanu

Und um nochmals bei der Atmosphäre zu bleiben, die das winzige Inselreich gerade interkontinental emittiert hat: Das südpolare “Huh” der fußballbegeisterten Massen, also nahezu jedes Insulaners, hallt auch knapp eine Woche nach dem Viertelfinal-Aus gegen Frankreich weiter wie ein Soundtrack europäischer Völkerverständigung durchs Netz. Dass diese liebenswerte Kernigkeit allerdings keine Ausnahme vom wächsernen Minimalismus der örtlichen Popszene zwischen Sigur Rós und Björk ist, zeigt eine richtige Band mit richtigem Sänger zu richtigen Instrumenten, die alles andere als lieblich klingt, ohne dabei allzu kernig daherzukommen. Sie heißt Fufanu und macht eine Art technoiden Noiserock, das jedes beseelte Brüllen ihrer Landsleute zum Wiegenlied macht.

Als Techno-Duo gestartet, haben sich Frontmann Kaktus und sein programmierender Gittarist Guðlaugu zu einem Quintett erweitert, das voriges Jahr ein wenig beachtetes Debütalbum herausgebracht hat – bis Blur-Kopf Damon Albarn seine Liebe zu Fufanu entdeckte, woraufhin sie Radiohead zur Vorgruppe erhob, was die Aufmerksamkeit radikal nach oben trieb. Um dem wachsenden Hype um ihren psychedelisch dräuenden Alternative mit englischer Wave-Stimme gerecht zu werden, gibt die Band eine Deluxe-Edition von Few More Days To Go heraus, das ungeheuer breitwandig klingt, mit raunenden Synths unter der windschiefen Gitarre und einem Schlagzeug, dass den Bass mit überreichlich Becken aus der Tiefe holt. Nicht modern, nicht neu, umso weniger isländisch, aber unentrinnbar energetisch.

Fufanu – Few More Days To Go (One Little Indian)

PrintSarathy Korwar

Energie war auch das alte Antriebsmodul dessen, was einstmals Weltmusik hieß. Eine Art erdverbundener Kraft, so heißt es gern, habe den zum Ethno und entkolonialisierten Sound globaler Bodenständigkeit durchströmt, als entführe er den Genen, nicht den Boxen. Na ja. Aber ein bisschen was ist schon dran am Energiehaushalt irgendwie urwüchsiger Klänge. Etwa, wenn man Sarathy Korwar zuhört. Der Perkussionist aus den USA wuchs in der indischen Heimat seiner Ahnen auf und hat dort jene Traditionals der Sidi eingesogen, die vor 1400 Jahren als Händler über den Subkontinent zogen und dort allerlei tonale Spuren hinterließen, die Korwars Debütalbum nun aufschnappt.

Mit ziemlich coolem Jazz und vielfach treibender Electronica reichert er die historische Sangeskunst zu einer grandiosen Melange globaler Vielfalt an, die gelegentlich ein wenig verstört in ihrer disharmonischen Experimentierfreude, aber immer wieder den Weg zurückfindet in den ordnenden Beat. Und dazwischen flattert immer wieder hitzig ein Saxofon unter die fremdartigen Vocals und wilden Drums, als wolle es die Luft ringsum entzünden. Das macht Day To Day zu einem der ganz großen Geheimnisse des Sommers, irritierend und ergreifend, eine echte Energieleistung des Wahl-Londoners, ob nun ethnisch oder nicht.

Sarathy Korwar – Day To Day (Ninja Tune + Steve Reid Foundation)


Meinung: Rassismus, Brexit & die AfD

It’s the racism, stupid!

Rechtspopulisten müsse man bekämpfen, nicht aber ihre Wähler – so geht das Mantra etablierter Parteien. Bullshit! Wer Rassisten wie die AfD wählt, ist selber einer. Über aggressive Fremdenfeindlichkeit als Antriebswelle reaktionärer Bewegungen, die Großbritannien gerade sehenden Auges in die Rezession treibt.

Von Jan Freitag

Parteiprogramme sind Nachtschattengewächse. Wie AGB und Beipackzettel durchaus von Relevanz für Wahlentscheidungen, führen sie ein Dasein im Halbdunkel politischer Aufmerksamkeit, selbst von der eigenen Klientel kaum gelesen. Warum auch: Schon das Kürzel der SPD signalisiert eine Gerechtigkeit, die der Wähler nicht groß nachblättern muss. Das Christliche der CDU steht stellvertretend für Tradition der Werte. Grüne wie Linke tragen das Wesen gar ausgeschrieben im Titel, während die Alternative für Deutschland ihren Rassismus bereits in der Präambel als…

Moment!

Dass die AfD rassistisch ist, findet sich auf 78 Seiten Parteiagenda ebenso wenig wie „Xenophobie“ oder für Fans leichter verständlich: „Ausländer raus!“ Was vermuten lässt, die vielfach schlechter gebildeten, sozial oft benachteiligten, kulturell abgehängten Wähler würden das Programm ihrer Wahl gar nicht kennen. Warum sonst sollten sie eine Partei wählen, die ihnen Mindestlohn und Kitaplätze nehmen, aber Wehrpflicht und Atomkraft zurückgeben will, die Gleichberechtigung ablehnt, Zwangsarbeit für Arbeitslose fordert und Wirtschaftskompetenz für überflüssig hält?

Eine Antwort gab das Frühjahr 2015. Die frisch gespaltene Wutbürgerinstanz nebst Sächsischer Sturmabteilung drohte im Wahl-Appendix „andere“ aufzugehen. Dann aber kamen die Flüchtlinge und als einige davon auf der Kölner Domplatte wüteten, wuchs die AfD und wuchs und wuchs auch ohne Parteiprogramm. Das gab es seinerzeit ja so wenig wie eine Agenda abseits vom Rassismus, der sich nur halbherzig als Anti-Islamismus tarnte.

Man muss die Ökonomie politischer Ideen also dringend von der Nachfrageseite her denken. Die Dreifaltigkeit der Demokratie rheinischer Prägung mag seit ihrer Zerfaserung in Weimarer Verhältnisse gebetsmühlenartig wiederholen, nicht Wähler von hart links bis härter rechts zu bekämpfen, sondern Gewählte. Tatsache aber ist, dass diese Gewählten zuletzt erst zu solchen wurden, wenn ihr nationalautoritärer Populismus rassistisch zugespitzt wurde.

Als Bernd Lucke den Weckruf 2015 schrieb, kratzte seine Expartei in spe an der Fünfprozenthürde. Manche Fraktion war zerstritten, ihr beflaggter Arm Pegida auf Pilotenstreikgröße verdorrt, die Alternative brauchte eine für sich selbst – und fand sie am Schlagbaum. Je mehr Fremde dort Einlass begehrten, desto mehr Fremdenfeinde wurden laut. Und nicht nur in Sachsen: Vor 13 Monaten wurde Polens moderater Präsident Komorowski trotz aller Stabilität durch Andrzej Duda ersetzt, dessen zusehends faschistoide PiS im Herbst auch den Sejm eroberte. Kurz darauf gewann der Front National Frankreichs Regionalwahlen, während Donald Trump die eigene Konkurrenz auf dem Weg ins Weiße Haus erst pulverisierte, als er Amerika gegen Terroristen und Vergewaltiger einzumauern drohte.

Parallel bescherte das Zerrbild vom blutsunrein gefluteten Inselreich der europafeindlichen Ukip einen Zulauf, dem nun das knappe Votum zum EU-Austritt folgte. Wäre die Türkei EU-Mitglied, hatte Justizminister Michael Gove im Vorfeld geraunt, würden sich „Millionen von Wanderarbeitern hier niederlassen, um unser großzügiges Sozialsystem auszunutzen“. Ein Sozialsystem übrigens, den der Austritt nun stärker gefährdet als jeder Geflohene, was Brexit-Fans ohne manifesten Rechtsextremismus im Gedankengut nun langsam für den Brexitexit entflammt. Für das Gros aber gilt: der Kernbestand sozialer Marktwirtschaft – innerer, äußerer, materieller und militärischer Frieden – wird von den USA über Deutschland bis Russland ethnischer Homogenität (Schweden oder Flamen findet selbst Nigel Farage nahe der eigenen Haustür akzeptabel) untergeordnet. Erstmals seit 1945 ist Abschottung in der parlamentarischen Demokratie selbst dann mehrheitsfähig, wenn sie Wohlstand und Sicherheit senkt.

Während Heinz-Christian Strache, Marie Le Pen oder Geeert Wilders die reaktionäre Hegemonie im Westen dabei noch legitimieren müssen, exekutiert die Rechte um Orban, Putin, Kaczyński ihr pannationales Herrenmenschentum im Osten längst per Ausschluss Andersartiger bis hin zu den Juden – wobei der Rassismus jener zwei Drittel Brexit-Wähler, die den Feminismus ablehnen, eben auf den Mann als Herrscher übers schwache Geschlecht übertragen wird. Das Dressing in diesem dialektischen Ideologiesalat aus verzagter Aggressivität und neoliberalem Protektionismus für kleine Männer mit großem Genom würzt die Propaganda mit: Angst. Angst davor, Fremde im eigenen Land zu sein. Angst vor Volksvernichtung durch Gutmenschen, Lügenpresse, Genderirrsinn. Angst vor Bedeutungsverlust des Patriarchats. Angst vor allem, was anders ist als das, was ist, wie es eben ist, nämlich die Herrschaft des eigenen Blutes über den eigenen Boden.

Umso wichtiger ist es für Parteien wie die AfD, ihren Rassismus nach innen zu hegen, nach außen aber zu chiffrieren. Angst ist was für Objekte, defensiv und abwehrend; ein Rassist agiert offensiv, Tendenz aggressiv, ist im Abwertungsdiskurs also das handelnde Subjekt, im politischen hingegen angreifbar. Um Angst vor Fremden als Steißgeburt eines völkischen Primats zu entlarven, reicht demnach ein Besuch digitaler Foren, in denen sich auch der nazistische Straßenköter Björn Höcke ungeniert als Rassist gefällt. Der Neojunker Alexander Gauland hingegen mag auf seinem inneren Rittergut Hauptschüler jeder Herkunft verachten; nach außen gibt er sich als väterlicher Hüter des Volkswillens.

Den Fremdenhass seiner Kunden (der mangels Vorbehalt gegen, sagen wir: Schweden eher kolonialistischer Art ist), bläst er zur kollektiven Furcht bloß auf, um sie mit Zucht und Ordnung, Hausfrauenehe und Testosteronkult, mit Härte gegen sich wie andere auf Dominanz zu drillen. Das ist populistisches Machtkalkül in Reinform, nur eines ist es selten: überzeugt xenophob. Dafür sind Frauke Petry, Boris Johnson, Norbert Hofer schlicht zu kultiviert. Anders als 15 bis 25 Prozent Wählern in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt, die das Gegenteil glauben (wollen). Weil ihnen die CDU zu human ist und die NPD zu krass, wählen sie eine Art vatikanisch-chinesische Möllemann-DVU und wähnen sich in der Mitte des Schweinesystems.

Dessen Altparteien brauchen also keinen Programmpunkt außer jenem, der verschlüsselt wird, konstruktiv anzugreifen. Die Siegesserie der AfD gepaart mit drei Anschlägen potenzieller Wähler auf Flüchtlingsunterkünfte pro Tag wird eindrücklich vom Leipziger Forschungsprojekt „Mitte in der Krise“ erklärt, das den Zuwachs rassistischer Einstellungen jenseits rechtsextremer Weltbilder belegt. It’s the racism, stupid – alles andere ist AfD-Wählern wie Brexit-Fans ohnehin meist egal. Und was dem Wähler egal ist, ist es auch den Gewählten.


2 Bier – 1 Platte

IMG_4755Fuck Art, Let’s Dance & Red Hot Chili Peppers + Sigur Rós

Noch schwelgen viele in Erinnerungen ans bunt-glitzernde Fusion-Festival, das gestern zu Ende ging. Auch Fuck Art, Let’s Dance waren dort und haben mit ihrem Indiesynthiepop die Menge tanzen lassen. Für ihre experimentierfreudigen Auftritte sind die vier Hamburger mittlerweile über alle Genregrenzen hinweg bekannt. Beim Sonntagsbier am Dienstag im Café May sprechen Nico und Romeo heute über ihre musikalische Inspiration und Vorbilder in Sachen Performance.

Von Marthe Ruddat 

freitagsmedien: In vergangenen Interviews fiel das Gespräch immer wieder auf eine gewisse Rockband, wenn es um Eure musikalische Entwicklung ging. Sprechen wir heute auch über diese Band?

Romeo: Also bei mir geht es da immer um die Red Hot Chili Peppers, falls du die erwartet hast.

Bingo! Welches Album ist dein liebstes?

Romeo: Definitiv die Blood Sugar Sex Magik. Es gibt auch noch viele andere richtig geile Platten von denen, aber die hat mich so richtig geprägt. Und ich glaube auch bei Tim und Damian ist das so. Nico ist da ganz anders.

Nico: Ganz anders!

Blood Sugar Sex Magik, ja, mit K! Das fünfte Studioalbum der Red Hot Chili Peppers ist bis heute ihr kommerziell erfolgreichstes Album. Mit Give it Away und Under The Bridge enthält es zwei immer noch oft gespielte Funkrock-Klassiker.

Ihr seid zusammen zur Schule gegangen und ward eine Gang, aber habt ganz unterschiedliche Musik gehört?

Nico: Nee, wir waren nur zusammen in der Grundschule. Die Jugend habe ich gar nicht mit den anderen verbracht, das zählt also gar nicht so richtig.

Romeo: Genau. Die anderen und ich haben so mit 14 oder 15 angefangen die Peppers zu hören. Mich hat das sofort total geflasht. Die Blood Sugar Sex Magik Marthe-RHCPwar für mich eine ganz neue Musikrichtung. Und dann auch noch diese Live-Auftritte und das Improvisieren auf der Bühne, das war einfach der Shit.

Nico ging also auf eine andere Schule und hörte auch andere Musik?

Nico: Ja schon. Mein Bruder ist bei seinem Vater aufgewachsen und war in dieser Happy-Hardcore-Szene, Terrorcore und so einen Shit hat der gehört. Und sowas hab ich mir mit acht Jahren dann auch reingezogen. Das habe ich zwar lange gehört, aber eigentlich zählt das auch nicht so richtig. Was mich aber so richtig geprägt hat, ist Coldplay.

Oh no…

Nico: Jaja, du lachst! Jeder hasst Coldplay, du hasst Coldplay! Aber ganz ehrlich, als ich mit 14 die erste Coldplay-Platte gehört hab, war das wirklich der Hammer! Die hat mich dazu gebracht, dass ich selber irgendwie Musik machen wollte. Mittlerweile sind die natürlich ziemlich scheiße. Die haben ihre Seele verkauft. Spätestens als die angefangen haben irgendwas mit Justin Bieber zu machen. Die beste Anekdote ist eigentlich noch, dass Chris Martin mal selber die Story erzählt hat, dass David Bowie nicht mit ihm zusammen arbeiten wollte. Kann man irgendwie verstehen…

Coldplay wollten David Bowie tatsächlich mal für ein Feature gewinnen. Wortwörtlich soll er geantwortet haben: „It’s not a very good song, is it?“ Wirklich böse waren Coldplay ihrem Idol aber wohl nicht.

Wählst du als Platte jetzt also das Debut von Coldplay?

Nico: Nee. Also ich bin schon immer sehr exzentrisch gewesen, was Musik angeht. Ich habe schon immer krasses Zeug gehört: japanischen Noise, Avantgarde und alternative Dancemusik. Field recordings sind auch super. Ein Track ist sieben Minuten lang und mit Vogelgezwitscher oder irgendwie so was untermalt. Aber meine Lieblingsplatte, die ich auch rauf und runter höre, die ist von Sigur Rós.

Sigur Rós. Die isländische Band um Sänger und Gitarrist Jón Thór Birgisson ist unmöglich in eine bestimmte Schublade zu stecken. Trotzdem schafften sie es mit Fantasiesprache und fantasievollen Arrangements weltweite Aufmerksamkeit zu erzeugen. David Bowie outete sich als Besucher ihrer Konzerte als Fan.

Marthe-RosNicht wirklich populäre Musik. Du bewegst dich also weiter lieber in ungewöhnlichen Gefilden?

Nico: Ja, wie gesagt, ich habe früher immer diese Sachen gehört und irgendwann bin ich auf die () von Sigur Rós gestoßen .

Das hat also auch was mit deiner Computer-Affinität zu tun. Wie muss ich mir das vorstellen?

Nico: Ich hab da so meine Standardseiten. Die klappere ich immer mal wieder ab und manchmal findet man da wirkliche Schmuckstücke. Zum Beispiel ein paar richtig geile Indierock-LPs von irgendwelchen Japanern. Die würdest du sonst niemals hören und die Band kommt wahrscheinlich auch niemals hier her. Aber so entdeckt man viel und ich habe SigurRós gefunden. Trotzdem ist mein Musikgeschmack sehr breit gefächert. Nur Schlager mag ich nicht.

Manch anderer hat SigurRós vielleicht bei Game of Thrones entdeckt. In der vierten Staffel hatten sie einen Gastauftritt als Musikanten auf der königlichen Hochzeit und spielten eine Version ihres Songs The Rains of Castamere.

Romeo, erinnerst Du dich, wer die Peppers angeschleppt hat?

Nico: Stimmt, wer war bei euch eigentlich so der Erste? Das würde mich auch mal interessieren.

Romeo: Ich glaube, ich habe mit meinem Bruder immer zusammen Musik gehört und irgendwann kam Damian mit der Blood Sugar Sex Magik an. Wir fanden die alle ziemlich geil. Dann haben wir angefangen selber Musik zu machen, indem wir die Platte gecovert haben. Das waren dann so unsere Anfänge als Schülerband.

Das klingt, als hätte die Begeisterung mit dem Erwachsenwerden etwas abgenommen?

Romeo: Ja, die Peppers haben schon etwas an Charme verloren. Was uns immer beeindruckt hat und was uns als Band auch total wichtig ist,ist das, was live passiert. Sich ausprobieren und improvisieren. Und das haben die Peppers ein bisschen verloren.

Hörst Du die Platte denn noch?

Romeo: Ja schon. Aber ich höre heute ganz anders Musik und bastele mir immer neue Playlists. Bei den aktuellen ist sie dann eher nicht dabei. Wenn, dann höre ich sie eher komplett durch. Seitdem wir selber Musik machen ist das aber auch irgendwie anders. Es gibt einfach immer noch viele kleine Dinge zu entdecken, neue Gitarren oder Parts.

Trotzdem kennt die Platte eigentlich jeder. Bei Sigur Rós ist das anders. Nico, wie würdest du die Platte jemandem beschreiben, der sie nicht kennt?

Nico: Hmm, also sie ist sehr ruhig, sehr nachdenklich. Irgendwie ist sie gemütlich. Aber nicht so gemütlich, dass man einpennen will. Da sind so viele Kleinigkeiten drin, die man erst hört, wenn man sie zum zehnten Mal hört.

Um mal auf andere Art und Weise auf dem Kunstding eures Namens rumzureiten: Mit welchen Farben würdest Du die Platte beschreiben?

Nico: Oh, sehr düster! Noch dunkler als grau, grau-schwarz vielleicht. Oder ein düsteres Marineblau. Als wenn du 1000 Meilen unter dem Meer bist und eigentlich gar nichts mehr siehst. Schon echt böse und deprimierend.

Wann kam der Moment, als ihr euch von Vorbildern gelöst habt und den FALD-Stil entwickelt habt?Marthe1

Romeo:Für mich war das dieses New-Wave-Ding. Zu der Zeit hat sich unsere Schülerband aufgelöst und ich habe angefangen mit Nico Musik zu machen. Das war 2005 oder 2006. Ich wollte unbedingt dieses neue Zeug ausprobieren und wusste, dass Nico so etwas macht. Der Rest war irgendwie Schicksal.

Nico: Es gab bei uns wirklich mal einen entscheidenden Punkt. Wir saßen zusammen und haben irgendeinen Digitalism-Kram gemacht. Nach drei Wochen haben wir dann gemerkt, dass das nicht unser Ding ist. Wir sind einfach eine Band! Und dann haben wir Tim ins Boot geholt, später dann Damian und nun sind wir eine richtige Band. Auch wenn bei uns immer viel Elektronik dabei ist, ist uns eine Sache besonders wichtig: viel Rock’n’Roll.

Den Rock’n’Roll von Fuck Art, Let’s Dance kann man in diesem Jahr noch auf zahlreichen Festivals live erleben. Alle Termine und weitere Infos gibt’s auf faldmusic.com.


Filmlandschaft & Feuchtgebiete

TVDie Gebrauchtwoche

27. Juni – 3. Juli

Auch eine Woche danach ist es weiterhin selten, dass irgendwer mit irgendwem über irgendwas kommuniziert, ohne dabei Trauer, Wut oder Freude über den Brexit zu äußern. Sondersendungen sondieren unermüdlich Früh- und Spätfolgen des EU-Austritts. Geschäftliche wie private Mails enden konstant mit „deprimierte Grüße aus der EU-Stadt XY“. Selbst der Boulevard erforscht fleißig, was Europa ohne die Briten künftig fehlt (Popmusik, Amtssprache, Frühstücksbohnen?). Daran konnte auch das EM-Achtelfinale wenig ändern, in dem bis aufs EU-freudige Schottland (das gar nicht erst nach Frankreich reisen durfte) überraschend ganz Großbritannien stand.

Es bleibt also dieser seltsame Phantomschmerz, als sei dem Kontinent ein unersetzlicher Körperteil amputiert worden. Ein Gefühl übrigens, das dem Kummer über Götz Georges Tod auf nationaler Ebene ähnelt. Irgendwie immer schon zugegen, reißt er nach 77 Jahren auf Erden ein Loch in die hiesige Filmlandschaft, das auch gefühlt 250 Wiederholungen seiner Filme von Schimanski über Schtonk bis ins theatralische Spätwerk kaum schließen können.

Dass ihm aus allen Kreisen bis in die höchste Politik hinein kondoliert wurde, hatte allerdings einen recht robusten Grund, der den deutschen Beamtenstolz 1981 laut fluchend vors Schienbein trat. Als Götz George damals den Typus TV-Kommissar mit einem Duisburger Modell revolutionierte, war er nämlich gerade ganz schön weg vom Fenster. Da kann es kein Zufall sein, dass kurz vorm Bekanntwerden seines Ablebens verkündet wurde, Wolfgang Petersens Das Boot, das fast zeitgleich mit Schimi den deutschen Kinofilm weltmarkttauglich gemacht hatte, werde nun zur Serie. Ohne Petersen, Grönemeyer, Prochnow zwar, aber mit antikriegerischer Botschaft, die 2018 auf Sky exakt dort anknüpft, wo der Film einst endete – mit dem Untergang des Titelhelden aus Stahl.

Ob er wohl wieder auftaucht?

imagesDie Frischwoche

4. – 10. Juli

Aber unter der Oberfläche ist es ja ohnehin oft aufregender. Erotik zum Beispiel entsteht eher selten aus vulgärer Zurschaustellung primärer wie sekundärer Geschlechtsmerkmale in hektischer Interaktion; sie entfaltet erst dann ihre erregende Wirkung nachhaltig, wenn nicht alles gezeigt/gesagt/gemacht wird. In diesem Lichte macht die sommerliche ZDF-Reihe erotischer Filme wuschiger als alles, was auf einschlägigen Fistfuckforen wie Youporn zu sehen ist.

Heute um 22.15 Uhr steigt sie mit der Adaption von Charlotte Roches, nun ja, skandalösem Roman Feuchtgebiete ein. Unter David Wnendts Regie schafft es der Film wie das Buch, die sexuelle Selbstbestimmung der experimentierfreudigen Helen (Carla Juri) von der aseptischen Perfektion gängiger Körperbeherrschung zu lösen und als Spielwiese ungefilterter Sehnsüchte darzustellen, ohne sie bloß voyeuristisch vorzuführen. Weit expliziter  geht es da tags drauf in Lars von Triers Nymphomaniac zu, was die Sendezeit der – dann doch zusehends voyeuristischen Fortsetzung – am Freitag gegen Mitternacht rechtfertigt. Wenn die zügellose Joe (jung: Stacy Martin; älter: Charlotte Gainsbourg) nach ihrer rüden Entjungferung als Teenager ziellos  die Grenzen der Normsexualität auslotet, ist schon mal mehr im Bild zu sehen als Sittenwächter zur Hauptsendezeit lieb ist.

Was genau am Mittwoch und Donnerstag zu sehen sein wird, entscheidet zurzeit die EM. In der ARD jedenfalls könnte dem Halbfinale übermorgen die Gaunerkomödie Alles Schwindel mit Benno Fürmann und Ursula Strauss als Kunstdiebe zum Opfer fallen, im ZDF ein Pilcher-Mumpitz. Tags drauf dann wäre es im Ersten Donna Leon und im Zweiten, hoppela, ein Pilcher-Mumpitz! Ach, könnte nicht doch immer Fußball sein? Zumal es Richtung Mitternacht ja auch ohne Quotenziele und Massenspektakel einiges zu sehen gibt.

Während die ARD der schwedischen Adaption von Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand nach dem Bestseller von Jonas Jonasson um einen Greis auf Selbsterkundungstrip noch die Primetime gönnt, kriegt der aktuelle DebütFilm im Ersten Die Brücke am Ibar tags drauf die Sendezeit um 22.45 Uhr. Aber ernsthaft: Michaela Kezeles Liebesgeschichte zweier Feinde im Kosovo-Krieg mag cineastisch anspruchsvoll sein; für die Primetime ist das dann doch zu speziell. Ganz im Gegensatz zum HBO-Achtteiler The Night Of, ab Sonntag bei Sky abrufbar. Die Story um den Studenten Naz Khan (Riz Ahmad), der in New York zu Unrecht des Mordes bezichtigt wird, paart Krimi mit Justizdrama und somit zwei der populärsten Importstoffe aus dem angelsächsischen Raum.

Beide hat John Ford schon 1962 in seinem Spätwerk Der Mann, der Liberty Valence erschoss mit den damals populären Themen Western und Thriller verknüpft, was die schwarzweiße Wiederholung der Woche mit James Stewart als Senator mit dunkler Vergangenheit am Mittwoch (22.15 Uhr, ServusTV) zum zeitlosen Erlebnis macht. Ähnliches gilt für das Remake von Atemlos, in dem Richard Gere und Valérie Kaprisky parallel auf 1Plus den Pariser Cool von Godards Klassiker 1983 auf amerikanischen Rock’n’Roll trimmen. Weder cool noch Rock’n’Roll aber eine Weile sehr erfolgreich war die Neue Deutsche Welle. Warum NDW ausgerechnet in NRW ihren Anfang nahm, zeigt die WDR im dokumentarischen Wochentipp 99 Luftballons über Hagen heute um 22.40 Uhr.