Donaldtrumpismus & Fernsehverschwörung

Die Gebrauchtwoche

23. – 30. April

Es ist ein einziges Kommen und Gehen dieser Tage am Bildschirm. In den USA wird Bill O’Reilly, das ultrakonservative Sturmgewehr des donaldtrumphörigen Pseudonachrichtensenders Fox, wegen sexuellen Missbrauchs diverser Kolleginnen entlassen, leider jedoch nicht durch einen Journalisten, sondern die faschistoide Sturmhaubitze Tucker Carlson ersetzt, der selbst einen Donald Trump vermutlich für kommunistisch hält.

In Deutschland hingegen kehrt der vom Vorwurf der Vergewaltigung entlastete Wetterfrosch Jörg Kachelmann am 4. Mai dank sonnenklar.tv auf den Bildschirm zurück, während Fritz Wepper, über dessen Liebesleben nichts Negativeres bekannt ist als seine weitestgehend talentfreie Tochter Sophia, nach zehn Jahren schaler Krimi-Kost an ihrer Seite vorigen Donnerstag die letzte Folge von Mord in bester Gesellschaft hinter sich gebracht hat.

Derweil kündigt die zeitgeschichtsduselige ARD an, Staffel 4 der bislang vorwiegend hervorragenden DDR-Serie Weissensee in Angriff zu nehmen, bei der es auch nach dem Mauerfall garantiert um reichlich Stasi-Zeugs gehen dürfte. Zugleich muss das ZDF allerdings schwer um die Champions League bangen, dessen milliardenteure Vergabe in der kommenden Woche neu verhandelt wird. Mit guter – und „guter“ heißt hier ganz bewusst positiv formuliert „guter“ – Chance, dass die absurde Gebührenverschwendung dann endlich ein Ende hat. Das würde nicht nur dem Staatsvertrag ein bisschen besser entsprechen, sondern böte auch die Chance, sich wieder ein bisschen aufs Kernanliegen zu konzentrieren.

Fernsehfilme zu machen etwa.

Die Frischwoche

17. – 23. April

Wie das überaus sehenswerte Drama Im Tunnel. Am Montag um 20.15 Uhr stößt die erfolgreiche Architektin Maren darin scheinbar auf einen gewaltigen Skandal: Als sie ihren Bruder erschlagen auffindet, scheint er nämlich das Opfer gewissenloser Geschäftemacher geworden zu sein, die in einem uralten Hamburger Schmugglertunnel Gift-, schlimmer noch: Atommüll entsorgen wollen. Das könnte nun im üblichen Who-dunnit öffentlich-rechtlicher Sozialkritik zur Abendunterhaltung enden, also durchaus ansehnlich, aber klischeehaft belehrende  – wäre da nicht die grandiose Maria Simon als Hauptfigur.

Während sie verbissen der Umweltsauerei nachforscht, beginnen Wirklichkeit und Wahn immer mehr zu verschmelzen. Ist Maren wirklich einem Verbrechen auf der Spur oder spielt sich alles in ihrem Kopf ab? Kaum jemand könnte diesen Grenzgang plausibler machen als die talentierte Schauspielerin aus Leipzig. Und kaum jemand taugt besser zum realistischen Korrektiv dieser psychotischen Gratwanderung als Carlo Ljubek, der ihren Mann Mehdi mit nüchterner Hingabe und großer Authentizität verkörpert.

Das darf man diese Woche ausnahmsweise auch mal von Heino Ferch behaupten. In der ersten zweier ARD-Verfilmungen spielt der große Stoiker des Hauptabenddramas am Samstag den skurrilen Detektiv Johann Friedrich von Allmen, der gemeinsam mit seinem Butler Carlos (Samuel Finzi) nach seinem Versuch, den eigenen Bankrott durch den Verkauf gestohlener Kunstwerke abzufedern, eine „Firma für die Wiederbeschaffung von schönen Dingen“ gründet. Nach den Romanen von Martin Suter, erinnert das zwar an eine Mischung aus Ocean’s Eleven und Graf Yoster gibt sich die Ehre, ist aber durchaus eigensinnig liebenswürdig. Samuel Finzi ist übrigens Donnerstag zuvor um 23.15 Uhr in der schönen Arte-Komödie Worst Case Scenario als Filmregisseur zu sehen, der an einem Film über Fußballfans in Danzig verzweifelt.

Wer noch bessere Fiktion sehen will, kriegt bei der Verleihung vom Deutschen Filmpreis am Freitag um 22.50 Uhr im ZDF zumindest Anschauungsmaterial. Ansonsten gäbe es da noch ein paar Sachfilmangebote. Die hochinteressante Doku I Am Not zum Beispiel (Dienstag, 20.15 Uhr, Arte), die James Baldwins unvollendete Chronologie rassistischer Morde in den USA vollendet, gefolgt vom Vierteiler Die Ära Obama, den der Kulturkanal am Stück zeigt. Und dann wäre da noch der nächste Beweis, dass Netflix mehr kann als Serien und Serien, den Sachfilm Casting JonBenet etwa, der ab Freitag einen Kindermord in Amerika nachzeichnet. Auf RTL hingegen kuppeln Eltern für ihre Kinder, wenn das Reality-Format Meet the Parents ab Sonntag um 19.05 Uhr mal wieder sein Publikum für dumm verkauft.

Da kann man nur noch entgeistert zu den Wiederholungen der Woche schalten. Beispielsweise Männer im Wasser (Mittwoch, 22.25 Uhr, 3sat), klischeebeladene, aber sehenswerte Groteske übers erste Männersynchronschwimmballett Schwedens. Noch viel bunter ist auf gleichem Sender am Sonntag die selbstironische Westernballad El Dorado von 1966 mit John Wayne und Robert Mitchum, der im Anschluss auch die Hauptrolle im Genreklassiker River of no Return von 1954 spielt. Und der HR wiederholt am Samstag um 21.40 Uhr den schönen alten Tatort: Das Böse von 2003, als die unvergleichliche Charlotte Sänger noch gemeinsam mit Fritz Dellwo ermittelt hat.

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