J. Bernardt, Big Boi, Danai Moore

J. Bernardt

In einem Land, dass Technotronic hervorgebracht hat oder Stromae, also eurodancigen Ballermann-HipHop ebenso wie intellektuellen New-Beat-Rap ist beim Sprechgesang nahezu alles möglich und nichts. J. Bernardt hat sich für fast alles, also sehr, sehr viel mehr als nichts entschieden. Vom flandrischen Gent aus hat er es als Leadsänger der Indierockband Balthazar unterm nom de guerre Jinte Deprez zunächst mal mit härteren Klängen versucht, die auch schon sehr elaboriert klingen. Jetzt sattelt er um auf Rapper und zeigt mit seinem Debütalbum, dass das absolut die richtige Wahl ist. Running Days erfindet zwar wenig neu, aber es hinterlässt doch einen bleibenden Eindruck.

Sein Flow nämlich ist von so eleganter Schnodderigkeit, als würde der frühe LL Cool J auf Dipset umschulen und sich dafür ein paar der fantastischen Mixer leihen, die Bernardts brillanter Landsmann Stromae für seinen feingliedrigen Electronica-Rap verwendet. Dabei ist es keinesfalls die Stimme des modeltauglichen Hipsterbartträgers allein, mit der sein Neustart glänzt. Fantastische Samples – mal in The Question eine stilisierte Sitar, mal in Wicked Streets gequälte Bläser – unterspülen die Gelassenheit des Gesangs mit großer Vielfalt zu einem breiten Strom schöner Arrangements, die Lust machen aufs nächste Projekt von J. Bernardt. Muss gar nicht HipHop sein. Darf aber gern.

J. Bernardt – Running Days (PIAS)

Big Boi

Wird immer HipHop bleiben, wenngleich der besonderen Art: Big Boi, einst die bessere Hälfte von André 3000. Deren legendäres Eastcoast-Duo OutKast klebte dem Gansta-Rap der Jahrtausendwendzeit einen flamboyanten Sound an die Backe, der all die ausgestellte Männlichkeit jener Tage mit glamouröser Ironie unterwanderte. Bei seinem Solo-Ausflug Sir Lucious Left Foot: The Son of Chico Dusty hatte Antwan André Patton, wie der 42-Jährige bürgerlich heißt, diese Nonchalance dann noch um allerlei Referenzen an den Rest der Popkultur erweitert. Sieben Jahre später erscheint jetzt sein drittes Album ohne die alte Crew. Und es ist ein Schritt zurück nach vorne.

Hatten sich die beiden Vorgänger durchaus poppig von allen Referenzen der früheren Jahre befreit, selbst von dem, nur der robuste Buddy des schillernd schrägen André 3000 zu sein, klingt Boomiverse nun wieder mehr nach altem Atlanta-Rap – schon auch funky, aber sehr viel deeper als alles zuvor. Mit Gastsängern von Killer Mike (im hinreißend japanophilen Kill Jill) über Pimp C bis Adam Levine scheint sich Big Boi sichtlich wohl zu fühlen im großen Pool von Mobb bis Club, von dezenten Harte-Jungs-Avancen bis hin zum lustigen Sarkasmus von OutKast. Ein hinreißendes Album für die kleine Zeitreise durch den testosteronfreien HipHop.

Big Boi – Boomiverse (Sony)

Danai Moore

Danai Moore, auch wenn das im R&B kaum der Rede wert ist, kann famos singen. Stets moduliert sie präzise, jeder Ton sitzt da, wo er hingehört, es klingt herzergreifend schön, wenn die Britin ihr neues Album mit viel Soul zum Ereignis macht. Das aber ist Bring you shame vor allem deshalb, weil Danai Moore weder stimmlich noch dramaturgisch nach jener Perfektion strebt, die ihr Genre oft unangenehm glättet. Zwei Jahre nach dem gefeierten Debüt geht es der Sängerin am Klavier daher um etwas anderes: Versöhnung. Versöhnung mit ihren inneren Dämonen, Versöhnung aber auch mit der begleitenden Musik.

War Elsewhere seinerzeit oft geteilt in den Gospel ihrer jamaikanischen Herkunft und den Alternartive-Rock ihrer Jugend im Londoner Stadtteil Stratford, mischt Danai Moore nun alles durcheinander. Im Titelstück etwa unterwandert eine windschiefe Gitarre die Mondscheinträumerei, bis sich kurz darauf fröhliche Bläser wie ein Sonnenaufgang über die Melancholie legen. Ständig heitert sie ihren Trip-Hop mit lustigem Raumschifffilm-Gefriemel auf oder unterwandert das düstere Bedürfnis „to be someone’s nothing / A hollow plastic bag“ in Trickle mit Trompeten aus luftiger Höhe. Das ganze Album – eine Ode an die Unvollkommenheit.

Danai Moore – Bring you shame (Because)

 

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