Arte-Verwalter & ARD-Regisseure

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. Juni

Wenn ausgerechnet das dauerlächelnde Alphatier Wladimir Putin der Welt in Gestalt eines berühmten Sommerliedes vom vorigen Jahrtausend rät, sich nicht zu sorgen, sondern fröhlich zu sein, kann man sich ziemlich sicher sein: Es besteht Anlass zum genauen Gegenteil. Sein digital verbreitetes „Don’t worry, be happy“ galt schließlich Donald Trumps Abkehr vom Klimaschutz, die buchstäblich noch viel mehr solcher Hitzköpfe produzieren dürfte.

Noch bemerkenswerter an Trumps Kündigung des Pariser Abkommens war allerdings zweierlei: Wie geschlossen die deutschen Medien Geschlossenheit anmahnten und dabei einen nie gekannten Optimismus an den Tag legten. Und wie sehr es die amerikanische Politik schafft, ein Desaster so vollumfänglich durchs nächste zu ersetzen, das vom vorigen schnell kaum die Rede mehr ist. Wer spricht zum Beispiel noch davon, dass der US-Präsident den männlichen Griff zwischen Frauenbeine zwecks Fremdermächtigung für absolut legitim hält?

Pro Quote! Wobei der Verein keinesfalls nur gegen die richtig fiesen Feinde der Gleichberechtigung protestiert, sondern gern auch mal gegen überraschende. Zum Beispiel Arte. Zum 25. Geburtstag, den der Kulturkanal gerade mit viel Programm, aber wenig Tamtam feiert, hat Pro Quote „das Bild einer Anstalt aus den 50er Jahren“ angeprangert“. Grund ist die Tatsache, dass es seit der Gründung Ende Mai 1992 nicht eine einzige Programmdirektorin  gab, in der neunköpfigen Programmkonferenz nur die acht Männer stimmberechtigt sind und die Intendanten dem Verwaltungsrat in Personalfragen partout keinerlei Rechenschaft ablegen.

Das allerdings ist vielleicht auch nicht ungewöhnlich, wenn Formate wie Global Gladiators auf RTL mal wieder das Testosteron als Göttertrank glorifizieren (und Oliver Pocher damit intellektuell einem weiteren Höhepunkt seiner hochwertigen Karriere zuführen) und ein Nachwuchsformat wie FilmDebüt im Ersten die ungewöhnliche Leistung vollbringt, dass zwölf der zwölf gezeigten Filme von Männern stammen. Regisseurinnen? Fehlanzeige. Nichtsdestotrotz ist natürlich wie jedes Jahr um diese Zeit ebenso mutig wie kreativ und spannend, was der Nachwuchs fortan wieder dienstags im Nachtprogramm der ARD so zeigen darf.

Die Frischwoche

12. – 18. Juni

Morgen beginnt die Reihe mit Katja Riemann als Krebspatientin, die sich in Ohne dich einer Therapie widersetzt und dabei überall auf Unverständnis stößt. Gefolgt wird das Familiendrama vom Studentendrama Agonie, in dem es um das Thema alltäglicher Gewalt geht. Beides gute Filme, beides gar nicht mal weibliche Filme, beides am Ende aber doch unter männlicher Leitung wie das gesamte Medium. Schade. Aber auch kein Grund, Filmemacher wegen ihres Geschlechts vorzuverurteilen. Schließlich zeigen Daniel Nocke und Stefan Krohmer seit Jahren in fast jedem ihrer gemeinsamen Projekte, wie präzise und zugleich empathisch Männer das Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen beschreiben können.

Ihr nächster Geniestreich heißt Neu in unserer Familie: Zwei Eltern zu viel im ARD-Mittwochsfilm, dessen Fortsetzung am Freitag läuft. Die Entscheidung von Benno Fürmann und Maja Schöne, eine offene Ehe zu führen, ruft dabei herrlich lakonische Beziehungskatastrophen hervor. Die gibt es im selbstproduzierten Sechsteiler Blaumacher um zwei Lebensmüde (Marc B. Puch, Laura Berlin) eigentlich unablässig, wenn sich beide ab Mittwoch um 21.35 Uhr nach gescheitertem Suizidversuch mühen, ihr bizarres Leben in den Griff zu kriegen.

Leben im wahrhaftigsten Sinne zeigt ab heute um 6 Uhr einen ganzen Tag lang der BR. Wie es Arte einst mit seiner vielfach preisgekrönten Langzeitbeobachtung der Hauptstadt vormachte, haben 104 Kamerateams vor einem Jahr den bayerischen Alltag festgehalten. Ob 24h Bayern die dramaturgische Wucht von 24h Berlin erreicht, bleibt offen. Als zeithistorisches Dokument dürfte es dennoch durchaus Ewigkeitswert erreichen. Einzig für den Moment unterhaltsam ist dagegen Helene Fischer, der die ARD am Donnerstag mal wieder eine Extraportion Werbung zur besten Sendezeit schenkt. Dabei ist indes kaum zu erwarten, dass das Pausengirl vom Berliner Pokal-Finale im Münchner Kesselhaus ausgebuht wird, wenn sie dort Die neuen Lieder ihrer Platte präsentieren darf.

Für Fans toll, für Verächter furchtbar – das gilt für die Wiederholungen der Woche generell selten. Kabel1 holt heute ab 20.15 Uhr mal wieder Miss Marple aus der Mottenkiste, angefangen mit Mörder Ahoi von 1964, abgeschlossen mit dem drei Jahren jüngeren Krimiklassiker 16.50 ab Paddington. Zeitgleich auf Arte: Der Mann, der Liberty Vance erschoss, John Fords schwarzweiße Westernlegende von 1962, als die Zeit des Genres eigentlich bereits dem Ende entgegenging. Ein Trend, den Terence Hill Anfang der Siebziger mit „Mein Name ist Nobody“ (Dienstag, 20.15 Uhr, P7Maxx) allerdings schon wieder umgedreht hatte. Und zum Schluss der Tatort-Tipp: Til Schweigers Debüt Willkommen in Hamburg (Donnerstag, 20.15 Uhr, WDR), mit dem er die Krimireihe 2013 zum Spielball seiner Eitelkeit gemacht hat.


Beach Fossils, Kraftklub, Roger Waters

Beach Fossils

Es ist bekanntlich der größte Spaß, fast schon ein Sport all jener, die intensiver über Musik nachdenken, ihr lustige Label zu verpassen. Psycho-Boogy, Instant-Classic, Postpunkscreamo – solche Sachen. Das ist zwar manchmal ein bisschen selbstgefällig. Doch dann hört man die Beach Fossils, denkt über deren Musik nach, möchte partout ein Label dafür finden und versucht intuitiv die Elemente Easy Listening, Folk, Glamour, Pop, Power, Flower, Singer/Songwriter zu vereinen, dass eine Name daraus wird. Heraus kommt also eine Art Ealifoglapopoflosiso. Das ist natürlich totaler Quatsch.

Aber auch kein größerer, als das dritte Album der drei New Yorker auf einen Begriff bringen zu wollen. Summersault schafft es nämlich, ins vielschichtige Konglomerat unterschiedlichster Stile ab und zu auch noch Country, Rock, gar Jazz einzustreuen. Saint Ivy zum Beispiel, das dritte Stück, klingt zunächst wie eine fröhlich schwingende Zeitreise zurück in den Sommer der Liebe, bevor eine Klarinette die Uhr noch zwei Jahrzehnte früher rückt und später ein paar schreiende Riffs wieder Richtung Zukunft zappeln. Alles durcheinander, alles miteinander, ein Sound zum Zurücklehnen und Wohlfühlen.

Beach Fossils – Sommersault (Bayonet Records)

Kraftklub

Erfolg ist schon auch schwierig manchmal. Wenn man dem verrauchten Kellerclub gerade erst entwachsen ist und plötzlich Headliner gewaltiger Festivals ist, um statt einer Handvoll zigtausend Menschen im Moshpit zum Hüpfen zu bringen, gibt es ungefähr zwei Möglichkeiten. Man dreht ein bisschen durch. Oder man dreht so richtig durch. Kraftklub haben sich für ersteres entschieden und ein bisschen auch für letzteres. Ihr drittes Album in fünf Jahren, betitelt frei nach dem politisch durchaus ähnlich tickenden Vorbild Rio Reiser, schafft nämlich beides: Am Boden zu bleiben und abzuheben.

Ganz im Sinne ihres frischen Status als Megastars des deutschsprachigen Alternative-Vollaufsmettrocks wimmelt es auf Keine Nacht für niemand nämlich wie gewohnt nur so von Pogo-Hymnen mit Gruppengröl-Potenzial. Dafür steht zum Beispiel der selbstironische Opener Band mit K. Zugleich aber ist das Chemnitzer Quintett um den Sänger Felix Brummer, wie sagt man so schön: reifer geworden. Vor allem ruhiger, ohne dabei gesetzt zu werden. Dafür steht mehr als jeder Song Dein Lied, der mit fetten Streichern und saftigem Pathos die Trennung von einer Frau in fröhlichem Hass ertränkt, bei dem sogar ein böses Wort mit “H” fällt, ohne dass es peinlich wird.

Kraftklub – Keine Nacht für niemand (Vertigo)

Roger Waters

Normalerweise wäre an dieser Stelle kein Platz für das Comeback eines Altrockers, der mit 73 Jahren die Klampfe aus dem Schrank holt um a) sich nicht mehr so schrecklich zu langweilen im Ruhestand, b) noch mal richtig Geld zu machen mit seinem klangvollen Namen, c) dem Werk eine völlig neue Richtung zu geben oder d) dem millionenfach geäußerten Wunsch seiner Fans nachzukommen. Bei Roger Waters muss man da aber eine Ausnahme machen, weil er e) sauer ist, richtig sauer und zwar auf die richtigen: Donald Trump und sein Populistenzirkus rings um den Erdball. Darüber hat der frühere Frontmann von Pink Floyd ein Album gemacht. Und was für eins.

Abgemischt vom Radiohead-Produzenten Nigel Godrich ist Is This The Life You Really Want? 25 Jahre nach Waters letzter Solo-Platte genau das, wonach der Titel klingt: Eine wütende Abrechnung mit den herrschenden Verhältnissen, die überhaupt nicht nach Altersweisheit klingt, sondern einer ähnlichen Wut wie damals in The Wall: sinfonisch verwobene Dissonanzen, die ineinander gefügt düstere Harmonien ergeben, die bei jedem der zwölf Stücke aufhorchen lassen. Keines davon lässt sich einfach so nebenbei hören, jedes erfordert volle Aufmerksamkeit, die ihm nicht nur Nostalgiker schenken sollten, sondern auch alle Nachgeborenen. Denn so und nur so gehen gute Protestsongs.

Roger Waters – Is This The Life You Really Want? (Sony)


Marteria/Marsimoto: Plattenbau & Punchlines

Ich war echt ein Alien

Mit 34 hat Marten Laciny einiges erlebt: aufgewachsen im Rostocker Plattenbau spielt der Fußballprofi für die Jugendnationalmannschaft, als ihn eine New Yorker Modelagentur entdeckt und zum Shooting um die halbe Welt schickt. Seit 2010 jedoch kennt man ihn hierzulande vor allem unter seinem HipHop-Namen Marteria. Er steht für Conscious-Rap mit Kampfkraft und Sprachwitz. Auch sein neues Album Roswell kommentiert den Irrsinn da draußen aus entspannt linker Perspektive. Ein Interview über Aliens im eigenen Land, politische Musik und was Lego einst aus ihm gemacht hat.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Marten, wer sich dein neues Albums anhört, könnte meinen, du glaubst an Außerirdische.

Marten/Marteria: Nein, ich bin eher Fan von Real Life als Science Fiction. Ein guter Indikator dafür ist zum Beispiel, was ich am Kind am liebsten aus Lego gebastelt hab. Damals gab es zwar noch nicht diese megakrassen Fantasiewelten von heute. Aber auf der riesigen Platte, die mein Vater mir gebaut hat, stand eine stinknormale Stadt mit Polizei, Feuerwehr, Wohnhäusern. Es gab sogar einen Vorort, wo man viel Fahrrad fuhr. Mein bester Freund hingegen, der damals schon diese komplizierten Sachen von Lego-Technics hatte, ist DJ geworden.

Lego hat aus dir den Rapper gemacht, der du bist?

Ein bisschen schon. Vermutlich kann man an jeder Biografie ablesen, von welchem Spielzeug sie in der Kindheit geprägt wurde. Und wenn mich jetzt Dinge mit einem Hauch von Science Fiction interessieren, sind sie wie E.T. voll in der Realität verwurzelt.

Wie kommt es dann, dass nicht nur der Albumtitel Roswell an die berühmte UFO-Sichtung vor 70 Jahren erinnert, sondern die ersten drei, vier Tracks alle von Aliens handeln?

Weil ich doppelte Böden mag. Im Englischen sind Aliens ja auch ganz allgemein Fremde oder wie ich es auf der Platte ausdrücken möchte: Außenseiter. Das kenne ich gut aus meiner eigenen Jugend in Rostock; als Teil einer HipHop-Szene wie ich da echt ein Alien, so wie man es als 17-jähriger Deutscher in New York war. Da geht es gar nicht um grundsätzliches Anderssein, sondern auch Andersfühlen.

Geschieht dir das heutzutage noch im vertrauten Umfeld oder nur in der Ferne?

Als krasser Außenseiter sehe ich mich eher selten, aber wenn ich international auf Reisen bin, bin ich das halbe Jahr lang ein Ausländer. Als ich im Dezember in Angola war, fast direkt vom Flugzeug aus auf einen Jeep gesprungen bin, um mit drei Einheimischen zu angeln, war das ein echter Alien-Moment. Da muss man sich akklimatisieren und wenn möglich verbrüdern, um nicht außen vor, sondern Teil von etwas zu sein. Auch darum geht es in Songs wie Roswell oder Scotty, beam mich hoch.

Macht es die dadurch zu politischen Songs?

Absolut. Ich finde Musik ohne Message langweilig. Jeder Mensch hat eine Meinung, und die kann man als Musiker selbst in tanzbaren Songs wie Alien unterbringen. Umgekehrt sollte man zu politischen Liedern aber auch ein bisschen abfeiern, sonst wird es schnell öde. So gesehen glaube ich, dass Rapper für junge Fans oft die besseren Politiker sind.

Wie vermeidet man da, belehrend zu werden?

Indem ich den Zeigefinger unten lasse und einfach aufschreibe, was ich empfindet, was meiner Situation entspricht. Das beste Beispiel ist Links. Das ist kein Song für Linke, sondern für solche, die den Weg dorthin suchen und glauben, es gebe da nur einen richtigen. Ich biete Optionen an. Mein Appell geht da eher an den gesunden Menschenverstand als irgendwelche Dogmen, denn auf jeder Seite gibt es welche, die Ahnung haben und es gibt die anderen.

Zu welcher Seite zählst du dich?

Schwer zu sagen (lacht). Ich komme aus dem Neubaublock eines Landes, aus dem man nicht raus durfte, jetzt reise ich viel und entdecke die Welt – das ist eine gute Voraussetzung, sich Ahnung zu verschaffen.

Hast du das Gefühl, der deutsche HipHop schafft sich durch Rapper wie Sookee, Disarstar oder dir eine Flanke von links, die es jenseits von Spaß und Gangsta nicht gab?

Ich möchte mich da mit niemandem in eine Reihe stellen, schon weil du politisch auf der richtigen Seite stehen und trotzdem unfassbar nervig sein kannst. Das ist halt auch Geschmackssache. Ich finde, Musik muss und sollte manchmal anstrengend sein, aber trotzdem immer cool bleiben. Was mich am meisten nervt, ist herum zu heulen.

Was ist dir, wenn du wählen müsstest, bei einem Song wichtiger: Die Lyrics oder der Sound?

Was glaubst du denn?

Die Lyrics.

Daran sieht man, dass der Zugang zu Musik immer auch eine Frage der persönlichen Betrachtungsweise ist. Für mich ist ein Marteria-Song stets eine komplette Symbiose von Beats und Text, wobei es auf der vorherigen Platte sogar textlastiger, deeper war. Das entsprach damals halt meiner Lebenssituation, die ich mithilfe der Musik auch abschließen konnte.

Wenn deine Musik derart Stimmungen wiedergibt – zu welcher Art von Musik dürfte deine derzeitige Laune führen?

(lacht) Wenn sich das so exakt benennen ließe, dürfte es eine stressige Platte werden.

Auch eine wütende – angesichts der weltpolitischen Situation, die uns gerade im Griff hat?

Kommt drauf an. Wut kann ganz schön peinlich werden, deshalb sollte man sie wohldosieren. Ich hatte auf der vorigen Platte mit Bengalische Tiger daher einen sehr wütenden Song, auf dieser ist es Elfenbein, ein echter Schlüsselsong fürs ganze Album. Mir ist vor allem eins wichtig: Nichts wiederholen.

Was dir noch besonders wichtig erscheint, sind griffige Punchlines oder?

Kann man so sagen.

Zeilen wie „Ich bin Julius C & A / ich kam, sah und kaufte“…

Gute Punchline!

… poppen die so auf und werden dann in den Rest des Textes integriert oder entwickeln die sich organisch aus dem Rest der Lyrics?

(lacht) Na ja – beides ein bisschen. Marteria-Musik steht seit 2010 auch dafür, Spaß dabei zu haben, mit Wörtern rumzuspielen. So ein bisschen ist das schon unser Branding. Das geht so weit, das die Hälfte meiner Punchlines keiner versteht. Vielleicht mache ich irgendwann mal eine Lesereise, wo ich sie erkläre.

Könnte das soweit gehen, dass du die Ebenen wechselst und Bücher schreibst?

Wenn man wie ich in erster Linie schreibt, ist der Horizont offen. Aber geplant ist da nix.

Der Text ist vorab beim MusikBlog erschienen