Medienmogule & Trash Detektive

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. November

Ach ProSiebenSat1, du aufmüpfiges Gör mit Flausen im Kopf und Dollarzeichen im Auge, du ergrauter Paradiesvogel des dualen Zeitalters, der sich als Platzhirsch langsam wundliegt im gemachten Bett früherer Bedeutsamkeit, du lustiger, launischer, latent langweiliger, aber immer noch irgendwie kreativer Gernegroß aus dem Münchner Speckgürtel – ist dein Ende etwa nahe? Das dachte man ja schon, als dich der Medienmogul Haim Saban vor einst an ein paar geldgierige Heuschrecken verscherbelt hat. Nun stößt du Thomas Ebeling wegen aufrichtiger Abfälligkeiten übers eigene Publikum vom Thron und wunderst dich, dass es mit und ohne den Chemielaboranten an der Spitze gleichermaßen bergab geht. Man müsste fast Mitleid mit dem Mischkonzern haben, der uns Pastewka oder die Simpsons, Stromberg und Christian Ulmen geschenkt hat.

Hat man aber irgendwie nicht.

Genauswenig wie mit Ebelings früherem Gehaltsklassenbuddy Thomas Middelhoff, der gerade aus dem Knast freigekommen ist, aber selbst dort offenbar alle Fäden in der Hand gehalten hatte. Wie anders ist zu erklären, dass er fürs Porträt Absturz eines Topmanagers der WDR-Reihe Menschen hautnah offenbar einen Vertrag aushandeln konnte, der dem gefallenen Bertelsmann-Boss ein Mitspracherecht im journalistischen Produkt einräumte, das deshalb vorigen Donnerstag nicht gezeigt werden durfte? Um derlei Umtriebe selbst hinter Gittern durchzusetzen, war Thomas Middelhoff womöglich beim ausdauernd fiesesten Serienbösewicht des deutschen Fernsehens in der Lehre: Jo Gerner.

Seit genau 25 Jahren wird der GSZS-Strippenzieher von Wolfgang Bahro gespielt, der nie was anderes von Belang machen musste. Warum auch? RTL schenkt ihm zum Jubiläum ja sogar eine Web-Serie, in der all seine Gemeinheiten auf 30 Minuten verdichtet werden. Bei so viel Beharrlichkeit des Abgründigen kann man eigentlich nur eins hoffen: Dass die klischeetriefend saftige Historienschnulze Charité nur noch dieses eine Mal fortgesetzt wird und nicht ebenfalls bis in alle Ewigkeit. Die Ankündigung, derzeit entstünden neue Folgen, war ja für alle, die sich vom Fernsehen mehr Eigensinn und Mut erhoffen, überaus ernüchternd.

Die Frischwoche

27. November – 3. Dezember

Wie schön wäre es doch demgegenüber, wenn Serien wie die herausragende Milieustudie 4 Blocks des Spartensenders TNT nicht wie bei der morgigen Free-TV-Premiere ins Nachtprogramm des Spartensender ZDFneo verschoben würde, sondern dorthin, wo man es auch findet. Na gut – freuen wir uns dennoch über die Doppelfolgen vor Mitternacht. Gibt ja noch Mediatheken. Dort sollte sich vorm zweiten Teil des ARD-Dramas Brüder am Mittwoch über den Werdegang eines deutschen Salafisten unbedingt den ersten ansehen, wer ihn vorige Woche verpasst hat. Es lohnt sich!

Ungefähr so sehr wie eine kleine Perle alternativen Entertainments, das am gleichen Abend um 23 Uhr im SWR läuft: Trash Detective ist eine Krimi-Groteske mit geringem Budget und schwäbischem Akzent, die mit davidlynchiger Absurdität glänzt, ohne gänzlich ins Mysteriöse abzugleiten. Lohnt sich also auch. Ungefähr so natürlich auch wie die erste deutsche Netflix-Serie Dark, die am Freitag feierlich Eröffnung feiert. Das Thema zweier verschwundener Kinder in der Provinz mag plakativ klingen, doch wie Baran bo Odar daraus ein Sittengemälde bürgerlicher Befindlichkeiten montiert, das ist schon unheimlich sehenswert. Apropos unheimlich: In Das Nebelhaus kriegt es Felicitas Woll am Dienstag, 20.15 Uhr, auf Sat1 nach Eric Bergs gleichnamigem Bestseller als Journalistin auf einer Ostseeinsel mit der eigenen Vergangenheit zu tun, die so geheimnisvoll ist, dass die Nebelmaschine glüht. Lohnt sich gar nicht.

Aber wer Spannung mit dem Holzhammer mag – nur zu. Wer Tatort mag, wird am Sonntag vom norddeutschen BKA-Duo Franziska Weisz und Wotan Wilke Möhring ebenfalls gut bedient. Schon weil das Drehbuch von Sabine Bernardi (Club der roten Bänder) stammt – eine der ganz wenigen Frauen im Fach. Einer der ganz wenigen Regisseure, die ihre Homosexualität nicht nur offenlegen, sondern filmisch verarbeiten, ist Rosa von Praunheim. Zu seinem 70. Geburtstag am vorigen Samstag schenkt ihm der WDR heute (23.50 Uhr) die Eloge Rosakinder, in der ihm Kollegen von Tom Tykwer über Chris Kraus bis Robert Thalheim die Ehre erweisen.

Da will Arte natürlich nicht hintanstehen und zeigt am Mittwoch gleich nach dem oscarprämierten Drama Das Piano“ von 1994 mit Holly Hunter als zwangsverheiratete, stumme Pianistin Praunheims Porträt Der Einstein des Sex über den schwulen jüdischen Arzt Magnus Hirschfeld von 1999. Womit wir mitten in den Wiederholungen der Woche sind, die aber noch kurz warten müssen, um eine Dokumentation anzupreisen. Montag um 22.45 Uhr zerlegt die ARD das Das System Amazon, also ein Unternehmen, dessen Ziel es ist, alles zu zerstören, was Gesellschaften beisammen hält, um auf den Trümmern die eigene Allmacht zu feiern. Hoffentlich dürfen wir an dieser Stelle irgendwann mal Amazon – das Ende eines Weltkonzerns vorstellen.

Bis dahin feiern wir, dass Arte am Donnerstag ab 23.10 Uhr die erste Staffel der unfassbar guten Serie Top of the Lake mit Elisabeth Moss als Polizistin, die in der neuseeländischen Provinz ein verschwundenes Mädchen sucht, am Stück wiederholt. In Schwarzweiß empfehlenswert: Der zweite Atem, Jean-Pierre Melvilles Film Noir von 1966 (Montag, 20.15 Uhr, Arte) mit Lino Ventura als alternder Gangster bei seinem letzten Coup. Und der Tatort-Tipp (Mittwoch, 21 Uhr, HR) führt uns zurück zum ersten Einsatz von Felix Murot, der in Wie einst Lilly atmosphärisch ausgefuchst erklärt, was es mit dem Anagramm seines Nachnamens auf sich hat.

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