Franz.Ferdinand.Hodgson.Leyya.Dead.Brothers

Franz Ferdinand

Was man über Franz Ferdinand unbedingt noch mal sagen müsste? Eigentlich nichts. Warum auch? Das Quintett aus Glasgow dürfte ohne eine messbare Zahl an Gegenstimmen zur besten Band der New Wave of New Wave zählen, die den Alternative Rock mit Post Punk zum neuen Genre vermengt hat, das mit Franz Ferdinand eigentlich ganz gut umschrieben wäre. Glamour, Garage, Sinfonik, Dreck, Charisma – alles vom ersten Album vor 14 Jahren an, die in keiner Liste der besten Platten des Pop fehlt, schon drin und nie wieder weg. Da ist es schwer, das Niveau zu halten, geschweige denn, zu steigern. Was Franz Ferdinand mit ihrer (tatsächlich erst) fünften Studio-Platte entsprechend nicht schaffen. Dass sie dennoch rundum gelungen ist, ein episches Meisterwerk des zeitgenössischen Indierock, spricht für sich.

Ohne den langjährigen Lead-Gitarristen Nicholas McCarthy, dafür mit dem Studiovirtuosen Philippe Zdar (Cassius) als Produzent, erinnert Always Ascending oft ans selbstbetitelte Debüt von 2004 und emanzipiert sich gleichsam von der Legende. Die Keyboards sind präsenter als damals, die Samples flächiger, die Riffs dafür etwas weniger voluminös. Alles klingt verkopfter, was bei einer derart ausgefuchsten Band mit einem Entertainer wie Alex Kapranos am Mikro schon was heißen will. Und dennoch treibt Paul Thomsons Schlagzeug die zehn Stücke vom Opener an zu so virtuoser Dynamik, dass man sich sofort in eines der unübertroffenen Live-Konzerte träumt. Wenn die Retorte nach ganz großer Bühne klingt, ist man ziemlich sicher im Himmel des Britrock. Bei Franz Ferdinand.

Franz Ferdinand – Always Descending (Domino)

Nick J.D. Hodgson

Wenn man einer der fabelhaftesten Bands des Britrock entstammt, liegt die Messlatte für eine Solo-Karriere höher. Nick Hodgson war bis 2012 Drummer der Kaiser Chiefs, die auch dank seines angenehm reservierten Schlagzeugs schon bei der Gründung erwachsener klangen als Gleichaltrige. Zu verdanken war dies auch seinem Songwriting, das ihm bei aller Melodramatik stets etwas Distanziertes, ja Rätselhaftes verliehen hat. Ähnlich wie Hodgsons H.D. zwischen Vor- und Nachname, unter denen er nun ohne die Kaiser Chiefs auf Reisen geht. Doch dann beginnt Tell Your Friends wie ein Sommerhit der frühen Siebziger: atmosphärisch noch Blumenkindern nah, musikalisch schon Glamrock.

Das klingt kurz ein bisschen durchlässig und dünn. Mit jedem Stück allerdings entfaltet dieses bemerkenswerte Debüt an der Seite von Musikern, die bis auf den Sänger laut Cover und Inlet offenbar nicht der Rede wert sind, eine sehr, sehr lässige Dynamik. Das Geigengespinst über der Single-Auskopplung Suitable zum Beispiel bedeckt nicht etwa den Staub ausgedudelter Westcoast-Harmonien, sondern schwelgt überaus eigensinnig im Augenblick. Tell Your Friends ist kein Evergreen wie vor 13 Jahren Employment, gewiss. Aber ein Bündel guter Songs mit frischer Aura.

Nick J.D. Hodgson – Tell Your Friends (Prediction Records)

Leyya

Mit einem Bündel solcher Songs kam 2015 auch Leyya aus Österreichs tiefster Provinz ums Eck der Club-Szene größerer Städte geschlichen und ist seither einfach drin geblieben. Spanish Disco hieß ihr Debütalbum vor knapp drei Jahren. Mit spielerischer, oft leicht arroganter Nonchanlance kreierte es seinerzeit einen putzigen Mix aus Trip-Hop und Engelspop, der in schlechteren Momenten an 2raumwohnung erinnerte, in besseren an Róisín Murphy mit mehr Verve. Mittlerweile ist das Duo nach Wien gezogen, wo Marco Kleebauer und Sophie Lindinger den Nachfolger Sauna produziert haben. Nun kann die große Stadt, das lehrt die Erfahrung, ebenso Mainstream bedeuten wie Subkultur. Eingeflossen ist beides.

einige der 13 Stücke wie Oh Wow quälen sich durch Quark gleich ins Unterbewusstsein und fordern durch disruptives Raunen Aufmerksamkeit. Das hittaugliche Dancepop-Gespinst Zoo dagegen dringt ohne Umweg ins Gemüt und flattert mit einer famosen Saxophonspur herum. Der Text verweist dann allerdings darauf wie das Duo weiter um Trotz bemüht ist: „Don‘t believe what they say about me / don’t believe a word“, haucht Sophie unter Marcos Electrowispern durch, „ don‘t believe a word“. Leyya, so sagt uns dieses Lied, will niemandes Liebling sein und ist es doch für viele. Könnte schlimmer kommen.

Leyya – Sauna (LasVegas Records)

Hype der Woche

The Dead Brothers

Ferner vom Mainstream, ferner überhaupt von Pop und Radio und allem, was der Konsumgesellschaft ohne Umwege übers Gehirn vom Ohr in den Geldbeutel springt, sind die Dead Brothers aus Genf. Das Quartett um den singenden Songwriter Alain Croubalian mischt seit fast 20 Jahren Country, Tango, Folk, Blues und Walzer zu einer Art alpinem Western-Chanson, der das Metier massenkompatibler Berechnung ganz klein und ärmlich erscheinen lässt. Auch das siebte Album Angst (Voodoo Rhythm Records) reitet in seinem deutsch-französischen Esperanto durch die Schweizer Berge und lässt dazu so beherzt Geigen, Tuba, Banjo, Wurlitzer, Zithern oder Dudelsäcke durcheinander rauschen, dass man diesen Soundtrack nie wieder abstellen will. Sicher, manchmal ist das ein bisschen betont folkloristisch. Darunter aber schimmert immer wieder der Wille durch, Musik in ihrer ursprünglichen Dringlichkeit zu zelebrieren. Das gelingt den Dead Brothers erneut zum Niederknien schön.

 


Vorstandsfrauen & Vorstadtweiber

Die Gebrauchtwoche

29. Januar – 4. Februar

Proporzregeln sind der Tod aller Gerechtigkeit, jeder Kreativität, von Kunst und Kultur insgesamt. Das macht den Deutschen Fernsehpreis verglichen mit dem aus Bayern oder der Grimme-Jury so himmelschreiend. Niemals zum Beispiel hätten eine Vox-Kochshow, eine RTL-Tanzshow oder eine Sat1-Lukeshow gewonnen. Niemals hätte der ausnahmslos brillante Vierteiler Das Verschwinden in weniger Kategorien gesiegt als die Sky-Serie Babylon Berlin, der bei angemessener Berücksichtigung des Verhältnisses von Investment und Output zudem weniger Pokale zustünden als den Low-Budget-Sensationen Hindafing oder jerks.

Und Der große RTL II Politiker-Check wäre in der Kategorie Information nicht mal nominiert worden, weil sie für ARD-Journalisten wie Hajo Seppelt reserviert bliebe, dessen Enthüllung zur russischen Doping-Affäre (trotz eines bemitleidend inkompetenten Interviews mit seinem Sportkollegen Matthias Opdenhövel am Sonntag) erneut gezeigt hat, wie weltbewegend seriöses Handwerk sein kann. Wo Proporz allerdings mehr denn je vonnöten ist: beim Kampf um Gleichberechtigung. Der Spiegel hat hier Die Zeit als Medium mit den meisten Frauen in Führungspositionen abgelöst, wobei 37 Prozent eher lachhaft sind, aber gut – immer noch besser als der Focus, bei dem Männer mit Einfluss nach Erhebungen von ProQuote noch mehr unter sich (90,9%) sind als voriges Jahr (77,1%). Besser auch als Bild, deren allererste Chefredakteurin zurzeit wieder durch einen Kerl ersetzt wird.

Das aber ist alles nicht so schlimm wie im Land der PiS. Jener Partei, die Frauen für Gebärmaschinen hält und Polen nicht nur darum Richtung Faschismus treibt. Das hindert den Vize-Präsident des EU-Parlaments, Ryszard Czarnecki, freilich nicht daran, die Arte-Doku Polen vor der Zerreißprobe als „Nazipropaganda“ zu beschimpfen und die porträtierte Oppositionspolitikerin Róza Thun als „Szmalcownik“, wie man NS-Kollaborateure bis heute nennt. Immerhin: das Parlament in Straßburg wird ihn dafür des Amtes entheben. Ohne Proporzquoten übrigens, sondern einfach, weil sich sein demokratischer Teil darüber einig ist.

Die Frischwoche

5. – 11. Februar

Was dagegen das eherne ARD-Prinzip, jedes noch so vorhersehbare Bayern-Spiel bei Gelegenheit live zu übertragen, mit Demokratie zu tun hat? Weniger als Münchens Tyrannei mit sportlichem Wettkampf. Deshalb ist es mehr als erstaunlich, dass beide Partien, die das Erste Dienstag und Mittwoch vom Viertelfinale im DFB-Pokal zeigt, ohne den Abo-Meister stattfinden. Da drängt sich die nächste Frage zum Thema Leibesübung auf: Was, bitteschön, haben die Olympischen Spiele mit Sport zu tun? Darüber dürften allein ARZDF ab Donnerstag Auskunft geben; der Lizenzgeber Eurosport hat leider zu viel damit zu tun, sein sündhaft teures Premiumprodukt zu feiern, um über Doping und so Zeugs zu berichten.

Vor der Eröffnungsfeier am Freitag, zur interessanten Fernsehzeit um 12 Uhr, gibt es aber noch mehr Positives von der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz zu berichten. Die dritte Staffel der glamourösen, intriganten, bitterbösen Vorstadtweiber etwa, dienstags nach den „Tagesthemen“. Schlicht zu gut, um nicht aus Österreich zu kommen. Intrigen, Glamour, Bitterboshaftigkeit aus den USA gibt‘s zwei Tage später in seiner Urform: Dann startet auf Netflix das Remake vom Denver-Clan, auch wenn es 37 Jahre nach dem Original in Atlanta spielt und (vorerst) ohne Alexis auskommt. Dafür gibt es ein Feuerwerk des Bling Bling, das mit dem staubigen Elitarismus von einst nur noch die Personen gemein hat.

Kurz nach der Dynasty-Premiere 1981 hatte übrigens eine andere TV-Legende das Licht des Flachbildschirms erblickt: David Letterman. Freitag interviewt er bei seiner Rückkehr zum Streamingdienst nun George Clooney, was in jeder einzelnen Sekunde unterhaltsamer zu werden verspricht als Der namenlose Tag nach dem Roman von Friedrich Ani. Im ZDF-Drama um Devid Striesow als Vater, der erst den Suizid seiner Tochter und dann deren Mutter verkraften muss, zeigt Volker Schlöndorff nämlich, dass seine Art introvertierter Regieführung doch besser ins Autorenkino der Siebziger gepasst hat.

Vor den Wiederholungen der Woche noch ein nur scheinbar lokalkultureller Tipp: In Die Höhle von Eppendorf porträtiert der NDR Dienstag um Mitternacht das Onkel Pö, einen Live-Club, der ab 1970 einen Hauch Weltkultur durchs Land wehen ließ, bevor er Mitte der Achtziger geschlossen wurde. Heute beherbergt das Gebäude im Herzen Hamburgs ein Kettenrestaurant. Vier Jahre vor der Öffnung des Pö hatte der schwedische Regisseur Ingmar Bergman eine bis dahin eher unbekannte Schauspielerin für sich entdeckt: Liv Ullmann. Nach ihrem ersten gemeinsam Film Persona (Mittwoch, 23.05 Uhr, Arte) aber, konnten die zwei kaum noch voneinander lassen. In Farbe zurück auf dem Flatscreen des Kulturkanals: Der Vorleser (Montag, 20.15 Uhr), die sehenswerte Verfilmung von Bernhard Schlinks Bestseller mit dem blutjungen David Kross als Titelfigur und Kate Winslet als KZ-Wächterin, die ihr 2008 den Oscar einbrachte.

Den hätte John Malkovitch als John Malkovitch in Being John Malkovitch ebenso verdient. Aber auch ohne die Trophäe zählt Spike Jonzes Husarenritt durchs Unterbewusstsein des Schauspielers von 1999 (Dienstag, 0.15 Uhr, Nitro) zum Kreativsten der Filmhistorie. Zum Besten der Krimigeschichte zählt natürlich Horst Schimanski. In Unter Brüdern ermittelte er 1990 (Montag, 22.15 Uhr, RBB) im Tatort erstmals mit DDR-Kollegen.


Audio Dope.Nai Palm.Kat Frankie.Dream Wife

Audio Dope

Namen sind Schall und Rauch. Klaro, “Karl” füllt dem Träger anderes Gepäck in den Rucksack als “Kevin”, aber ob ein DJ sich nun nennt, wie ihm im Pass steht oder irgendwie crazy, hat selten tieferen Sinn, sondern impulsive Ursachen. Paul van Dyk heißt Paul van Dyk und DJ Hell hätte auch als Helmut Josef Geier keinen Metal-Head zum Kochen gebracht. Selbst wenn sich ein Produzent Audio Dope nennt, schürt er kaum Erwartungen an die berauschende Wirkung seiner Musik. Welch ein Irrtum. Selten zuvor wirkte die Konserve eines Live-Acts, der mit einer Reihe Videos zum frischen Shootingstar der Streaming-Plattformen wurde, ähnlich psychedelisch wie das selbstbetitelte Debütalbum von Mischa Nüesch, so heißt er bürgerlich, aus Basel.

Es ist sehr anhaltender, aber völlig ungefährlicher Rausch. Im Downtempo mäandern tiefenentspannte Beats und Samples unter eine Melange aus trippigem HipHop, funkigem Nu-Jazz und einer Art retrofuturistischem Synthiepop hindurch, der kein Zeitalter kennt, nur Augenblicke. Gewiss, wenn man ein Netz-Phänomen ist, lässt sich House-Geschlabber wie das neunzigerdurchtränkte Unconditional offenbar nicht vermeiden. Aber schon der Opener Dawn entschädigt in seiner wunderbaren Lofi-Verträumtheit für spätere Ausrutscher in den Mainstream. Nicht die Neuerfindung des elektronischen Kreises, aber für einen kurzen Moment zumindest seine Neudefinition.

Audio Dope – Audio Dope (Majestic Casual Records)

Kat Frankie

Menschen aus dem englischsprachigen Raum, die nach Berlin ziehen, sind zunächst mal ähnlich bemerkenswert wie Menschen aus dem englischsprachigen Raum, die es bleiben lassen. Über eine davon müssen wir alledings doch kurz mal ein Wort verlieren: Kat Frankie. Geboren in Sidney, lebt sie seit 2004, also einen Großteil ihres bewussten Lebens, in Berlin. Ob die Impulse ihrer musikalischen Karriere nun von dort stammen, sei mal dahingestellt. Aber wer sich ihr viertes Album anhört, kommt nicht umhin zu sagen: Wer so fabelhaften Indiepop kreiert, würde ihn auch auf dem Mars hinriegen.

Bad Behaviour ist ein in seiner Vierlschichtigkeit so mitreiendes Werk alternativen Mashups, als hätten sich Joan Wasser, Kate Nash, Annie Lennox, Amy Whinehouse und Team Dresch zur feminen Supergroup vereinigt. Allein Home: Es ist absolut beispiellos, wie das Mitglied der Live-Band von Olli Schulz da zwischen Wave und Hardrock und Schnulze und Dance und Pop hin und herfegt, dass selbst Gitarrenbretter melodisch wirken. Zehn Tracks für eine Ewigkeit, die uns Männern unmissverständlich zeigt: auch musikalisch werden wir irgendwann einfach nicht mehr gebraucht.

Kat Frankie – Bad Behaviour (Grönland)

Nai Palm

Wititj – ungemein schwer zu verstehen, dieser Titel. Fast so schwer wie sein Inhalt, der nach Popmusik-Kriterien definitiv mehr an Geschrei erinnert als artikulierten Gesang. Wititj – selten zuvor hat der Opener die Messlatte eines Debütalbums demnach noch tiefer gelegt als das erste Stück auf Needle Paw, dem furiosen Solo-Ausritt von Nai Palm. Selten zuvor jedoch lag die Messlatte nach den ersten zwei Minuten einer Platte gleichsam höher als beim kreativen Kopf der australischen R’n’B-Dekonstruierer Hiatus Kaiyote. Über den nordamerikanischen Tribal zum Einstieg nämlich legt sie kaum hörbar und doch prägnant ein Gitarrenriff, das den Tonfall der folgenden 13 Stücke phänomenal vorwegnimmt.

Viele davon stammen von ihrer umjubelten Band, andere von Radiohead, Bowie, Jimi Hendrix, allen ist gemeinsam, dass Nai Palm mit ihrer vielschichtigen Stimme Symphonien des Future Soul macht. Die Harmonien darin wechseln noch öfter als die Motive auf ihrem ganzkörpertätowierten Körper. Das exzellente Picking, der dauernde Hall, die vielen Choräle, eine fast gospelhafte, zugleich poppige Aura machen aus Needle Paw eine Art Anthologie der Wandlungsfähigkeit schwarzer Musik, die nicht an Kraft verliert, nur weil sie von einer Weißen mit Zackengitarre zelebriert wird. Schon jetzt: Der Suchtfaktor des Frühjahrs.

Nai Palm – Needle Paw (Masterworks)

Dream Wife

Die Frage, ob Frauen den Rock und seine Mechanik zerstören müssen, um beides zu erobern, haben Betroffene von Babes in Toyland bis Team Dresch vor bald 30 Jahren leider unbeantwortet gelassen. Tatsache aber ist, dass weiblicher Erfolg im Männerbusiness Pop oft nur von Erfolg gekrönt ist, wenn einige Regeln beachtet werden, etwas Sexappeal zum Beispiel! Damit räumen die Lipstick-Feministinnen Dream Wife auch nicht auf, falls ihr Wasserstoffblond wie der Bandname ironisch gemeint ist; mit ein paar Vorurteilen tun sie es dagegen schon.

Bis heute hält sich der Glaube, abgesehen vom Gesang sei die Frau dem Mann musikalisch unterlegen. Doch so sehr das Trio aus Brighton bei Konzerten und Videodrehs aufs Äußere achtet, so filigran ist ihr fröhlicher Psychowave. Die Melodien von Alice Go etwa begnügen sich nie mit einer Klangfarbe pro Lied. Gemeinsam mit Bassistin Bella Podpadec wechselt sie fröhlich Tempi, Temperament und Stile, ohne durcheinander zu geraten. Und Rakel Mjöll schreddert das Ganze mit hinreißend nöligem Sprechpunk, in dem es auf heitere Art emanzipiert zugeht. Wenn die Isländerin „I am not my body / i’m somebody“ singt, klingt es daher nie verbissen, sondern selbstgewiss und offenherzig. Wie das Debütalbum insgesamt.

Dream Wife – Dream Wife (Lucky Number Music)


Dirk von Lowtzow: Unendlichkeit & Politik

Nostalgie ist mir eher fremd

Seit 25 Jahren machten Tocotronic (Foto: Petersohn/Universal) der Hamburger Schule mit deutscher Großstadtlyrik und DIY-Geschrammel Feuer unterm Hintern. Mit dem 12. Album Die Unendlichkeit lässt Dirk von Lowtzow nun nicht nur diese Ära, sondern sein eigenes Leben Revue passieren – inklusive Zukunftsblick. Der 47-Jährige Exil-Freiburger über die musikalische Autobiografie, warum sie nicht explizit politisch ist, seine Abneigung gegen Nostalgie und ob Tocotronic ihr Jubiläum dennoch feiern.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Dirk von Lowtzow, wenn man wie du Mitte 40 ist – fängt man dann fast automatisch damit an, nostalgisch zu werden?

Dirk von Lowtzow: Nein. Nostalgie neigt zum Nachtrauern, sogar Verklären des Vergangenen, das ist mir eher fremd. Ein bisschen aus dem privaten Nähkästchen geplaudert: Ich hänge nicht an altem Zeug und kann mich gut davon trennen. Ich hebe nicht mal alte Fotos auf, geschweige denn Fotoalben. Ohne es werten zu wollen, bin ich kein nostalgischer Mensch, war es nie und werde es wohl auch nicht sein. Warum?

Weil Stücke wie 1993 oder Unwiederbringlich den Eindruck erwecken, du würdest irgendwie sehnsüchtig auf früher zurückblicken.

Ich finde, sie sind eher Zustandsbeschreibungen einzelner Zeitabschnitte. Für Sehnsucht oder Wehmut lebe ich zu gern im Jetzt und freue mich aufs Morgen. Wenn die Aufgabenstellung eines Albums autobiografisch war, klingt die Umsetzung womöglich mal leicht nostalgisch, aber das Entscheidende ist meine Erinnerung, um Zustände der Vergangenheit für die Gegenwart in Worte zu fassen.

Gilt dieses autobiografische Moment an Die Unendlichkeit denn nur für dich oder auch deine Bandmitglieder?

Das gilt nur für mich.

Und wie gehen die damit um?

Das ist eine der Fragen, die wir uns im Kollektiv seit 25 Jahren stellen. Weil das Subjektive diesmal noch mehr als zuvor im Vordergrund stand, gab es da durchaus Verunsicherung bei den anderen, vor allem Jan und Arne. Aber im Dialog hat sich das relativ schnell geklärt, die konnten das gut annehmen.

Weil sie sich in den subjektiven Erfahrungen objektiv wiederfinden konnten?

Genau. Aber in unserer Band findet grundsätzlich ein Lektorat statt, das ist ganz wichtig. Ich bin in diesem Kollektiv schon immer dafür zuständig gewesen, musikalische Skizzen zu liefern und Texte zu schreiben, die dann gemeinsam arrangiert wurden. Aber das ging nie kritiklos vonstatten. Einsprüche sind bei uns in hohem Maße möglich.

Waren deine Ich-Botschaften, die du auf dem zwölften Album fast ebenso pflegst wie auf dem ersten, einst häufiger Wir-Botschaften?

Nee, es hatte schon immer seinen ganz konkreten Sinn, ob Stücke in der 1. Person Singular oder Plural gehalten wurden.

Wie viel Gegenwart steckt in Die Unendlichkeit, wie viel aktuelle Zustandsbeschreibung hat in dieser autobiografischen Rückschau noch Platz?

Eine Menge. Anders als andere Autobiografien blickt es ja auch in die Zukunft.

Wo genau?

Das Stück Ich würd’s dir sagen beschreibt etwa die letzte Nacht der Gegenwart vorm anstehenden Morgen, dieser Zeitstrahl vom Vergangenen weg war uns sehr wichtig.

Und ist dieser Blick nach vorn eher hoffnungsfroh oder pessimistisch?

Die Zukunft beginnt mit der Zeile „Mein Morgen wird fremd sein / ich begrüße ihn mit dir“; das ist für mich die Quintessenz einer Hoffnung, die mit jedem neuen Tag verbunden ist.

Die Neugier auf das Unbekannt überwiegt die Furcht davor.

Unbedingt. Und die Bereitschaft, sich dem Fremden gegenüber nicht abzuschotten, das kann man innerlich wie äußerlich begreifen, also persönlich, aber auch politisch.

Der Sound, den ihr dafür wählt, ist anders als der Gesang wieder rauer, härter, konfrontativer.

Wenn man wie du nicht eineinhalb Jahre im Produktionsprozess gesteckt hat, lässt sich das vielleicht fast besser beurteilen. Man wird da ja doch bisweilen betriebsblind. Uns ging es vor allem darum, eine gewisse Vielfalt zu erlangen – um uns nicht zu wiederholen, um den Erzählfluss aufrecht zu erhalten. Es gibt daher Stücke, die musikalisch an unsere Frühzeit anknüpfen, also gitarrenlastiger sind. Spätere kommen praktisch ohne Gitarren aus, geraten gar chansonesk oder werden wie das Titelstück von Dub und Drones geprägt.

Hat der Sound demnach quasi organisch zum Inhalt gefunden?

Organisch klingt gut, aber der Sound war oft auch der der Tatsache geschuldet, dass die Songs chronologisch geordnet sind. Die Unendlichkeit ist eine Art Vorwort. Dann geht es mit Tapfer & grausam von der frühen Kindheit zu Electric Guitar in die Pubertät weiter, bevor Hey Du die Jugend beschreibt und so weiter. Bis zu Zukunft von Alles was ich immer wollte war alles. Wir haben die Songs in der Reihenfolge des fertigen Albums aufgenommen. Wenn ihre Anordnung erst nach der Produktion erfolgt, würde man Stücke wie Ich lebe in einem wilden Wirbel, 1993 und Hey Du besser auf der Platte verteilen.

Hey Du scheint sich als einziger Track auf die Realität übertragen zu lassen, als würdest du nicht in Freiburg, sondern der Sächsischen Schweiz als Schwuchtel beschimpft werden. Ist diese Aktualität gewollt?

Autobiografisches Songwriting hat beim Schreiben über die Vergangenheit immer die Gegenwart im Blick. Das hoffe ich demnach also auch bei allen anderen Stücken. Selbst eins, dass wie Tapfer und grausam von Ängsten vor männlichen Mitschülern handelt, lässt sich vom Kind auf Erwachsene übertragen. Die Hoffnung ist da natürlich immer, dass zwischen Sender und Adressat ein innerer Dialog mit Folgen für die eigene Wahrnehmung entsteht.

Was bei Tocotronic allerdings zusehends über eine poetische Metaebene statt explizite Aussagen funktioniert.

Genau.

Aber erwarten eure Hörer von explizit politischen Menschen wie ihr es seid gerade in dieser politisch bewegten Zeit nicht auch klare politische Worte über die Verhältnisse?

Das zu bedienen, wäre mir zu normativ. Die Forderung an die Kunst, politisch wirkmächtig zu sein, ist zutiefst akademisch, da hätte ich sofort keine Lust mehr darauf.

Gäbe es denn einen Punkt, an dem auch ihr euch sagt, jetzt muss mal ein echter Protestsong her?

Da liegt ein Riesenmissverständnis vor, das muss ich hier mal in aller Deutlichkeit sagen. Künstler können keine Kunst auf Bestellung machen, so funktionieren Songwriter nicht. Sicher kann Politik punktuell mit Ästhetik verquickt werden, aber wenn es heißt, wir müssen mal was über den Brexit schreiben, kommt garantiert Mist raus. Außerdem läuft Verpflichtung schon deshalb nicht, weil derjenige, der verpflichtet ebenso wie derjenige, der sich verpflichtet fühlt, am Ende garantiert enttäuscht ist.

Führt das im Umkehrschluss dazu, die Politik sogar bewusst herauszuhalten aus meiner Kunst?

Nein, aber wenn die Aufgabenstellung in diesem Fall lautet, ein autobiografisches Album zu schreiben, als eine Art forschungsreisender Ethnologe im eigenen Leben, wäre sie völlig fehl am Platze. Wie politisch und privat da verwischen, finde ich viel spannender, als die politischen Zeitläufte zu bebildern. Das ist wohlfeil, erwartbar, und man kommt immer zu spät.

Hat es Einfluss auf eure Arbeit, dass eure fünf vorigen Alben allesamt in den Top 3 der Charts waren, Schall & Wahn sogar ganz oben?

Nein. Ich bin aber sehr zufrieden damit, dass wir als Band in 25 Jahren kaum Kompromisse eingehen mussten und dennoch von unserer Musik leben können. Das ist keineswegs selbstverständlich.

Werdet ihr das Band-Jubiläum irgendwie gesondert begehen?

Ach, dieses Jubiläum hätten wir doch fast vergessen. Und es gab ja zum 20. schon eine Kompilation mit B-Seiten und Raritäten. Das jetzt alle fünf Jahre zu machen, wäre vielleicht ein bisschen penetrant.

Das Interview ist vorab beim MusikBlog erschienen