Dirk von Lowtzow: Unendlichkeit & Politik

Nostalgie ist mir eher fremd

Seit 25 Jahren machten Tocotronic (Foto: Petersohn/Universal) der Hamburger Schule mit deutscher Großstadtlyrik und DIY-Geschrammel Feuer unterm Hintern. Mit dem 12. Album Die Unendlichkeit lässt Dirk von Lowtzow nun nicht nur diese Ära, sondern sein eigenes Leben Revue passieren – inklusive Zukunftsblick. Der 47-Jährige Exil-Freiburger über die musikalische Autobiografie, warum sie nicht explizit politisch ist, seine Abneigung gegen Nostalgie und ob Tocotronic ihr Jubiläum dennoch feiern.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Dirk von Lowtzow, wenn man wie du Mitte 40 ist – fängt man dann fast automatisch damit an, nostalgisch zu werden?

Dirk von Lowtzow: Nein. Nostalgie neigt zum Nachtrauern, sogar Verklären des Vergangenen, das ist mir eher fremd. Ein bisschen aus dem privaten Nähkästchen geplaudert: Ich hänge nicht an altem Zeug und kann mich gut davon trennen. Ich hebe nicht mal alte Fotos auf, geschweige denn Fotoalben. Ohne es werten zu wollen, bin ich kein nostalgischer Mensch, war es nie und werde es wohl auch nicht sein. Warum?

Weil Stücke wie 1993 oder Unwiederbringlich den Eindruck erwecken, du würdest irgendwie sehnsüchtig auf früher zurückblicken.

Ich finde, sie sind eher Zustandsbeschreibungen einzelner Zeitabschnitte. Für Sehnsucht oder Wehmut lebe ich zu gern im Jetzt und freue mich aufs Morgen. Wenn die Aufgabenstellung eines Albums autobiografisch war, klingt die Umsetzung womöglich mal leicht nostalgisch, aber das Entscheidende ist meine Erinnerung, um Zustände der Vergangenheit für die Gegenwart in Worte zu fassen.

Gilt dieses autobiografische Moment an Die Unendlichkeit denn nur für dich oder auch deine Bandmitglieder?

Das gilt nur für mich.

Und wie gehen die damit um?

Das ist eine der Fragen, die wir uns im Kollektiv seit 25 Jahren stellen. Weil das Subjektive diesmal noch mehr als zuvor im Vordergrund stand, gab es da durchaus Verunsicherung bei den anderen, vor allem Jan und Arne. Aber im Dialog hat sich das relativ schnell geklärt, die konnten das gut annehmen.

Weil sie sich in den subjektiven Erfahrungen objektiv wiederfinden konnten?

Genau. Aber in unserer Band findet grundsätzlich ein Lektorat statt, das ist ganz wichtig. Ich bin in diesem Kollektiv schon immer dafür zuständig gewesen, musikalische Skizzen zu liefern und Texte zu schreiben, die dann gemeinsam arrangiert wurden. Aber das ging nie kritiklos vonstatten. Einsprüche sind bei uns in hohem Maße möglich.

Waren deine Ich-Botschaften, die du auf dem zwölften Album fast ebenso pflegst wie auf dem ersten, einst häufiger Wir-Botschaften?

Nee, es hatte schon immer seinen ganz konkreten Sinn, ob Stücke in der 1. Person Singular oder Plural gehalten wurden.

Wie viel Gegenwart steckt in Die Unendlichkeit, wie viel aktuelle Zustandsbeschreibung hat in dieser autobiografischen Rückschau noch Platz?

Eine Menge. Anders als andere Autobiografien blickt es ja auch in die Zukunft.

Wo genau?

Das Stück Ich würd’s dir sagen beschreibt etwa die letzte Nacht der Gegenwart vorm anstehenden Morgen, dieser Zeitstrahl vom Vergangenen weg war uns sehr wichtig.

Und ist dieser Blick nach vorn eher hoffnungsfroh oder pessimistisch?

Die Zukunft beginnt mit der Zeile „Mein Morgen wird fremd sein / ich begrüße ihn mit dir“; das ist für mich die Quintessenz einer Hoffnung, die mit jedem neuen Tag verbunden ist.

Die Neugier auf das Unbekannt überwiegt die Furcht davor.

Unbedingt. Und die Bereitschaft, sich dem Fremden gegenüber nicht abzuschotten, das kann man innerlich wie äußerlich begreifen, also persönlich, aber auch politisch.

Der Sound, den ihr dafür wählt, ist anders als der Gesang wieder rauer, härter, konfrontativer.

Wenn man wie du nicht eineinhalb Jahre im Produktionsprozess gesteckt hat, lässt sich das vielleicht fast besser beurteilen. Man wird da ja doch bisweilen betriebsblind. Uns ging es vor allem darum, eine gewisse Vielfalt zu erlangen – um uns nicht zu wiederholen, um den Erzählfluss aufrecht zu erhalten. Es gibt daher Stücke, die musikalisch an unsere Frühzeit anknüpfen, also gitarrenlastiger sind. Spätere kommen praktisch ohne Gitarren aus, geraten gar chansonesk oder werden wie das Titelstück von Dub und Drones geprägt.

Hat der Sound demnach quasi organisch zum Inhalt gefunden?

Organisch klingt gut, aber der Sound war oft auch der der Tatsache geschuldet, dass die Songs chronologisch geordnet sind. Die Unendlichkeit ist eine Art Vorwort. Dann geht es mit Tapfer & grausam von der frühen Kindheit zu Electric Guitar in die Pubertät weiter, bevor Hey Du die Jugend beschreibt und so weiter. Bis zu Zukunft von Alles was ich immer wollte war alles. Wir haben die Songs in der Reihenfolge des fertigen Albums aufgenommen. Wenn ihre Anordnung erst nach der Produktion erfolgt, würde man Stücke wie Ich lebe in einem wilden Wirbel, 1993 und Hey Du besser auf der Platte verteilen.

Hey Du scheint sich als einziger Track auf die Realität übertragen zu lassen, als würdest du nicht in Freiburg, sondern der Sächsischen Schweiz als Schwuchtel beschimpft werden. Ist diese Aktualität gewollt?

Autobiografisches Songwriting hat beim Schreiben über die Vergangenheit immer die Gegenwart im Blick. Das hoffe ich demnach also auch bei allen anderen Stücken. Selbst eins, dass wie Tapfer und grausam von Ängsten vor männlichen Mitschülern handelt, lässt sich vom Kind auf Erwachsene übertragen. Die Hoffnung ist da natürlich immer, dass zwischen Sender und Adressat ein innerer Dialog mit Folgen für die eigene Wahrnehmung entsteht.

Was bei Tocotronic allerdings zusehends über eine poetische Metaebene statt explizite Aussagen funktioniert.

Genau.

Aber erwarten eure Hörer von explizit politischen Menschen wie ihr es seid gerade in dieser politisch bewegten Zeit nicht auch klare politische Worte über die Verhältnisse?

Das zu bedienen, wäre mir zu normativ. Die Forderung an die Kunst, politisch wirkmächtig zu sein, ist zutiefst akademisch, da hätte ich sofort keine Lust mehr darauf.

Gäbe es denn einen Punkt, an dem auch ihr euch sagt, jetzt muss mal ein echter Protestsong her?

Da liegt ein Riesenmissverständnis vor, das muss ich hier mal in aller Deutlichkeit sagen. Künstler können keine Kunst auf Bestellung machen, so funktionieren Songwriter nicht. Sicher kann Politik punktuell mit Ästhetik verquickt werden, aber wenn es heißt, wir müssen mal was über den Brexit schreiben, kommt garantiert Mist raus. Außerdem läuft Verpflichtung schon deshalb nicht, weil derjenige, der verpflichtet ebenso wie derjenige, der sich verpflichtet fühlt, am Ende garantiert enttäuscht ist.

Führt das im Umkehrschluss dazu, die Politik sogar bewusst herauszuhalten aus meiner Kunst?

Nein, aber wenn die Aufgabenstellung in diesem Fall lautet, ein autobiografisches Album zu schreiben, als eine Art forschungsreisender Ethnologe im eigenen Leben, wäre sie völlig fehl am Platze. Wie politisch und privat da verwischen, finde ich viel spannender, als die politischen Zeitläufte zu bebildern. Das ist wohlfeil, erwartbar, und man kommt immer zu spät.

Hat es Einfluss auf eure Arbeit, dass eure fünf vorigen Alben allesamt in den Top 3 der Charts waren, Schall & Wahn sogar ganz oben?

Nein. Ich bin aber sehr zufrieden damit, dass wir als Band in 25 Jahren kaum Kompromisse eingehen mussten und dennoch von unserer Musik leben können. Das ist keineswegs selbstverständlich.

Werdet ihr das Band-Jubiläum irgendwie gesondert begehen?

Ach, dieses Jubiläum hätten wir doch fast vergessen. Und es gab ja zum 20. schon eine Kompilation mit B-Seiten und Raritäten. Das jetzt alle fünf Jahre zu machen, wäre vielleicht ein bisschen penetrant.

Das Interview ist vorab beim MusikBlog erschienen
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