Soccer Mommy, Dick Stusso, Young Fathers

Soccer Mommy

Das Leben, so was muss man Jugendlichen und Künstlern nicht groß erklären, ist zu anstrengend, um früh aus den Federn zu kommen. Falls dieses Leben aber trotzdem künstlerisch ausgedrückt werden soll, klingen besonders jugendliche Künstler schon mal, als lägen sie noch im Bett. Auch Sophie Allisons Sound hört sich träge, fast schläfrig an, aber nie betrübt. Unterm Nom de Paix Soccer Mommy macht die Zwanzigjährige etwas, wofür das Englische den schönen Begriff Bedroom Pop hat, so als schlafwandle sie auf ausgeleierten Magnetbändern über den Abgrund ihrer emotionalen Selbstbehauptung. Nach einer halbgaren Kompilation ihrer Garagen-Werke zeigt das tolle Debütalbum Clean nun, welchen Sog das Aroma ausgestellter Unlust an der Leistungsgesellschaft erzeugt.

Als derangiertes Zerrbild des All-American-Girls kratzt sich die New Yorkerin aus Nashville in ihren Videos blutig, schminkt sich hässlich, gibt sich trostlos, singt sich zur unverzerrten Gitarre aber flugs wieder raus aus diesem Desaster und bläst der Oberflächlichkeit unserer Zeit mitsamt ihrem destruktiven Schönheitideal dadurch gehörig den Marsch. Clean ist passive Aggression ohne allzu viel Wut im Bauch: Zu entspannt, um zu revoltieren, geht Sophie Allison lieber noch mal ins Bett als auf die Barrikaden. Krafttanken beim Faulenzen: man möchte sich gern dazulegen.

Soccer Mommy – Clean (Fat Possum)

Dick Stusso

Musikalisch gesehen ist auch Dick Stusso ein Müßiggänger. Vor 30 Jahren im sonnigen Oakland geboren, treibt er sich schon ewig in den Clubs und Garagen der Bay Area rum, ohne viel Energie auf was Anstrengendes wie die Karriere zu verwenden. Dabei hat Dick, der eigentlich Nic heißt, aber so kernig klingen will wie sein schneeweißer Stetson, nebenbei einen Stil kreiert, den man Chill’n’Roll taufen könnte. Nach zwei rumpeligen EPs verpasst er ihm nun ein richtiges Album, und ohne Übertreibung: wer es in aller Ruhe einwirken lässt, befindet sich für gut 30 Minuten genau dort, wo es der Titel verheißt: In Heaven – auch wenn dieser Himmel echt trist sein kann.

Im Video zu Modern Music etwa sitzt Stusso mal begleitet vom räudig grummelnden Bass unter der Autobahnbrücke und pisst im grellweißen Anzug gesanglich gegen den Wind, mal hockt er entspannt rauchend am Strand und zersägt mit übersteuerten Steelguitars die Sommerfrische ringsum. Jeden dieser zehn verschroben schönen Songs lang nimmt der existenzialistische Cowboy, wie er sich nennt, sein Publikum mit in die Abgründe des Daseins und leuchtet ihm mit schepperndem Psychoblues von fast presleyeskem Glamour den Heimweg.

Dick Stusso – In Heaven (Hardly Art)

Young Fathers

Elvis, Glamour, den Blues sucht man bei Young Fathers hingegen vergeblich, gottlob. Von allem, was ohne Umwege zu Herzen geht, ist das schottische Trio aus dem ewig spätherbstlichen Edinburgh auch auf der dritten Platte weiter entfernt als Dick Stusso oder Soccer Mommy von ertragreichen Karrieren im Showbiz. Zu verstiegen ist ihr kratzender HipPop, zu verwaschen ihr flatternder TripHop, zu vielschichtig wirbelnd die Synthts und Samples durcheinander, um leicht verständlich genug für den Mainstream zu sein. Dass Alloysious Massaquoi, Kayus Bankole und Graham ‘G’ Hastings dennoch so ergreifend sind, liegt an ihrem zielsicheren Gespür für Harmonien im Chaos – eine Spezialität ihres Labels: Ninja Tune.

Nach dem Abschied von Big Dada, wo mit White Men Are Black Men Too vor drei Jahren eines der vielleicht besten Indie-Alben des Jahrzehnts entstanden ist, erscheint dort mit Cocoa Sugar nun das beste, was 2018 bislang bereithält. In My View zum Beispiel, versehen mit einem künstlerisch glänzenden Video, wirkt in seiner windschiefen R’n’B-Melodramatik so hoffnungsfroh und kraftvoll, dass es allen emotional Haltlosen schier unbesiegbare Energie verleiht, während ein Stück wie Wow kurz darauf lebensmüde und dystopisch krächzt und schreit. Ein Album für fast jede Gemütslage jenseits der seifigen Euphorie des Massenpop und dabei sogar tanzbar. Der wahre Glamour trägt sepia.

Young Fathers – Cocoa Sugar (Ninja Tune)

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Yo Billag & Geiseldramen

Die Gebrauchtwoche

27. März – 5. Februar

Alles oder nichts – darum schien es vor der gestrigen Abstimmung über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in der Schweiz zu gehen. Mit welcher Deutlichkeit die rechtspopulistisch neoliberal marktradikale Forderung „No Billag“ sollte Dreiviertel der teilnehmenden Eidgenossen ebenso wie die schweigende Mehrheit all jener in Europa, denen ein paar Euro mehr in der Tasche weniger wichtig sind als ein wirtschafts- und parteiunabhängiger Rundfunk, davon überzeugen, ihre Hasenfüßigkeit mal aufzugeben. Nur mit etwas mehr Vertrauen in die Vernunft bei deutlich größerem Bekenntnis zum demokratischen Wert einer freien Presse kann man dem zynisch-verlogenen Populismus von Christoph Blocher und Donald Trump, AfD oder FPÖ etwas Substanzielles entgegensetzen. Die Schweizer*innen mit Empathie und Hirn haben das am Sonntag ziemlich wuchtig getan ihre Gegner*innen mit Ego und Hass getan.

Wie wenig der populistische Widerstand dem objektiven Bedarf nach gemeinschaftsfinanzierten Medien inhaltlich entgegenzusetzen hat, zeigten Beatrix von Storch und Georg Kofler am Mittwoch schließlich abermals bei Sandra Maischberger. Andererseits sollten sich etwa ARD und ZDF nicht zu sicher sein, dass seriöses Infotainment mit der Rundfunkgebühr im selben Grab beerdigt würde. Der slowakische Netzreporter Ján Kuciak hat mit seiner Recherche über Mafia-Verstrickungen seiner Regierung zum Beispiel gerade hinlänglich bewiesen, wie journalistisch auch ohne Gebührengelder gearbeitet wird – und dafür sogar mit seinem Leben bezahlt. So bitter das ist: einen mächtigeren Beleg für seine Bedeutung hätten ihm und uns die Auftragskiller gar nicht liefern können.

Trotzdem bleibt das öffentlich-rechtliche Angebot auch weiterhin die tragende Säule der informationellen Grundversorgung. Das belegt gerade wieder der Jugendkanal Funk, auf dem am Dienstag das investigative Rechercheformat STRG_F freigeschaltet wurde, um die Geschichten hinter den Geschichten kenntlich zu machen und nebenbei junge Journalisten zu scouten. Wann die Streaming-Dienste auch in so etwas investieren, statt sündhaft teure Hochglanzserien zu produzieren oder sündhaftteurere Kooperationen wie jetzt die von Sky und Netflix zu finanzieren, bleibt schließlich bislang offen.

Die Frischwoche

27. März – 5. Februar

Und selbst die Platzhirsche vermögen es ja gelegentlich, abseits ihrer (einzig von rechten Hetzern bezweifelten) Nachrichtenkompetenz bedeutungsvolle Fiktion zu erzeugen. Nach der ZDF-Sensation Bad Banks, die heute (22.15 Uhr, ZDF) ins Finale geht, schafft es das Erste Mittwoch und Donnerstag, die Wirklichkeit spielerisch unterhaltsam zu machen. Kilian Riedhofs Zweiteiler Gladbeck inszeniert das berühmte Geiseldrama von 1988 so intensiv, so spannend, als wäre sein Ende nicht hinlänglich bekannt. Verantwortlich dafür ist die einfühlsame Kamera, der kontrapunktische Soundtrack, Holger Karsten Schmidts präzises Porträt exekutiver Zwänge, vor allem aber Sascha Geršak und Alexander Scheer, die den Gangstern Jürgen Rösner und Dieter Degowski eine fast wortlose Physis geben, vor der man förmlich erstarrt.

Bei allem Lob ist aber auch dieser Film einer von Männern mit Männern, die Frauen als Objekte behandeln. Das kann man einem derart dokumentarischen Stoff natürlich schwer vorwerfen, es kennzeichnet aber ein Problem der Branche insgesamt – und macht das Angebot von Arte zum Weltfrauentag am 8. März umso wichtiger. Ab morgen wird dort allabendlich zur besten Sendezeit die weibliche Gleichberechtigung mitsamt der männlichen Reaktion thematisiert. Zum Auftakt geht es um Topmanagerinnen und Abtreibungsgegner. Mittwoch zeigen Spielfilme wie Die unerschütterliche Liebe der… oder Shoes Frauen in aufrechter Abwehrhaltung. Tags drauf erzählt der Vierteiler Nachdem ich ihm begegnet bin eine Art Coming-of-Age-Drama einer scheinbar glücklichen Mutter (Emily Watson), die im Desaster endet. Und der Start ins Wochenende widmet sich erst The Queen of Funk Betty Davis (21.40 Uhr), dann der Jazz-Sängerin Dee Dee Bridgewater beim Konzert in Paris (23.30).

Wieder sehr männlich, aber sehenswert ist die Amazon-Serie The Looming Tower. Ab Freitag spielen Peter Sarsgaard und Jeff Daniels darin zwei Hauptverantwortliche von FBI und CIA im Vorfeld von 9/11, deren Rivalität keinerlei Hinweis darauf gibt, dass beide demselben Staat dienen. Und noch ein Mann im Vordergrund, der zu Lebzeiten allerdings im Hintergrund stand: Harry Dean Stanton. Am Samstag um 23.35 Uhr porträtiert Sophie Huber auf 3sat, unterlegt von dessen eigener Country-Musik, Hollywoods wohl bekanntesten Nebendarsteller. Bei den Wiederholungen der Woche war er jedoch nicht dabei.

In Endstation Schafott von 1973 (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) setzt dagegen Jean Gabin alles daran, einen geläuterten Bankräuber (Alain Delon) an den Galgen zu bringen. Das französische Drama Unser Weg ist der beste war vier Jahre später eines der intelligentesten Apelle gegen Homophobie seiner Zeit (Montag, 22.05 Uhr, Arte). Morgen zeigt der WDR Wolfgang Petersens Gaunerkomödie Vier gegen die Bank aus dem gleichen Jahr. Nur der Tatort-Tipp ist neueren Datums. Mit Der Himmel ist ein Platz auf Erden wiederholt der RBB (Montag, 22.15 Uhr) das Debüt von Dagmar Manzel und Fabien Hinrichs als Ermittler-Duo Ringelhahn/Voss 2015.


Sam Vance-Law, Suuns, Isolation Berlin

Sam Vance-Law

Wer schon immer wissen wollte, wie die Editors wohl klingen, wenn ihnen irgendwer einfach mal die verstaubten Vorhänge im Kellerloch aufreißt und zeigt, dass da draußen manchmal doch die Sonne scheint, kriegt jetzt das vielleicht schönste Anschauungsmaterial des Frühjahrs. Sam Vance-Law, ein Songwriter aus dem kanadischen Edmonton, bringt heute sein Debütalbum raus, und schon das Ausmaß zuvor verabreichter Lorbeeren zeigt: hier wächst etwas Großes heran. Aufgewachsen mit Klassik, geschult im Kinderchor, beeinflusst vom zeitgenössischen New New Wave bläst der Wahlberliner den Pop unserer Tage zu einer Grandezza auf, die Pathos durch Bescheidenheit ersetzt und Renditedenken durch Eigensinn.

Weil Sam Vance-Law schwul ist und auch noch gern über dieses richtige Leben im vielfach immer noch feindseligen Umfeld singt, wird Homotopia bereits als homosexuelles Manifest gefeiert. Mehr noch als dieser unbeirrbar zum Ausdruck gebrachte Kampfesmut beeindruckt allerdings, wie er ihn musikalisch begleitet. Ständig durchdringen hoffnungsfrohe Trompeten und Streicher die Poesie. Wenn der Songwriter “I’m a Faggot” singt, tut er es in einem energischen, fast aufgewühlten Tempo. Die Stimme getragen, ihr Ausdruck wuchtig, schwillt der Kammerton dabei ständig zur Orchesterlautstärke an und umgekehrt wieder ab. Das geht ungemein zu Herzen, ab auch in Bauch, Beine, Po, das Gehirn vor allem. Ein Wunderwerk des politisch relevanten Pop. Nicht weniger, eher mehr.

Sam Vance-Law – Homotopia (Caroline)

Suuns

Mehr Fläche, mehr Gitarren, mehr Brett, mehr Rausch, mehr von allem, was Krautrock amerikanischer Prägung zum sehr trägen, aber massereichen Wasserfall musikalischer Impulse macht, haben die Suuns im Repertoire. Bislang. Jetzt nämlich bringt das Quartett aus dem kanadischen Montreal sein neues Album raus, und nicht alles, aber vieles ist anders als auf den drei Platten zuvor. Auch Felt lotet die Atmosphäre neopsychedelischen Art-Punks bis an den Rand des Harmonischen aus. Im Gegensatz zu vorher allerdings ist den meisten der elf Stücke eine unterschwellige Portion LoFi beigemengt. Es scheppert nicht mehr so wie zuletzt noch auf Hold/Still, die Saiten dürfen auch mal schweigen. Dafür wird es elektronischer, bisweilen technoid.

Stücke wie das dadaistische Watch You, Watch Me zum Beispiel klingen wie eine modernisierte Version von Kraftwerk, produziert von Air, eingespielt von The Notwist, extrem kleinteilig, voll verspielter Eskapaden und nostalgischer Spirenzchen, aber gerade darin so Suuns, dass die Wurzeln der Band in jedem Track ein wenig mehr zur Geltung kommen. Bis auf Gitarrist Joseph Yarmush kommen die Mitglieder schließlich allesamt aus dem Jazz und lassen diese Filigranität besonders in den elliptischen Drums permanent durchscheinen. Das ruhigste, das variabelste, nicht das beste, aber noch weniger das schlechteste Album dieser außergewöhnlichen Formation.

Suuns – Feld (Secretly Canadian)

Isolation Berlin

Das Leben der Großstadt scheint ohne die Dreingabe körpereigener und -fremder Substanzen offenbar nur schwer vorstellbar zu sein. Auf ihrem neuen Album pfeifen sich Isolation Berlin jedenfalls andauernd dabei irgendwas Biochemisches rein und nennen es folgerichtig Vergifte dich. Gleich zum Auftakt baut sich die notorisch übellaunige Band „ein Kartenhaus aus Serotonin“, fleht sodann nach Rauschgift, um am Ende zittrig „K-K-K-Kicks“ zu fordern. Glaubt man Sänger Tobi Bamborschke, ist das Leben seiner Großstadt also kein amüsanter Berghain-Exzess, sondern sauer, trist und erschöpfend. Während der Opener noch fast exilwienerischen Esprit versprüht, schreddern David Specht, Max Bauer und Simeon Cöster danach jeden Anflug von Harmonie.

Und zwar in einem derart kakophonischem Missklang, als instrumentierten sie eine Art Anleitung zur Suizidgefahr. Vergifte dich klingt demnach eher wie der schwäbische Noise-Nihilismus der Stuttgarter Schule von Karies bis Die Nerven als nach der sprichwörtlichen Partypartyhauptstadt Berlin-Mitte. Dennoch nimmt das Quartett die äußerst hohe Hürde des Nachfolgerwerks eines gelungenen Debüts mit großer Bravour; musikalisch ist es bis an die Grenze des Erträglichen eigensinnig und kreativ. Man sollte halt bloß seine Antidepressiva zur Hand haben.

Isolation Berlin – Vergifte dich (staatsakt)


Moby: Tech-Pop, TripHop & Gospel

Ich hasse es, live zu spielen

Moby hingegen zählt bereits die Hälfte seiner 52 Jahre zu den ganz Großen des globalen Tech- und Dance-Pop. Doch der New Yorker wurde nicht nur mit jedem seiner Alben populärer, sondern politischer, vielschichtiger, manchmal gar ein bisschen subkulturell. Ein Gespräch zum 15., sehr triphoppigen Longplayer Everything Was Beautiful, And Nothing Hurt über kalkulierbaren Sound, die Hölle auf Erden, was Musik dagegen tun kann und warum er lieber in den Bergen wandert als aufzutreten.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Richard, je mehr ich deine Musik über die Jahrzehnte verfolge, desto schwerer wird es, sie irgendwo zuzuordnen. Hast du eine griffige Beschreibung dafür?

Richard Melville Hall alias Moby: Also grundsätzlich möchte ich ein guter Interviewpartner sein, der nachdenklich und smart klingt. Leider tue ich das nicht, weshalb mir eine nachdenkliche, smarte Beschreibung meiner Musik schwerfällt. Weil ich jeden Tag mit mir selbst leben muss, fällt mir Objektivität in Bezug auf mich ohnehin schwer. Als Begriff für meine Musik fällt mir am ehesten Kraut und Rüben ein. Es gibt gewiss ein paar gemeinsame Nenner, die sich durch alle hindurch ziehen. Aber mir fällt keiner ein. Dir?

Der elektronische Einfluss vielleicht?

Eigentlich ja, aber die Platte, an der ich jetzt grad arbeite, ist vollends akustisch und orchestral. Aber ehrlich: als ich mit der Musik begonnen habe, war Eklektizismus noch die absolute Ausnahme. Wer sich in den Achtzigern ein Genre gesucht hat, blieb ihm ein Leben lang treu. Dass Rockmusiker ewig Rockmusiker sind und Dancemusiker ewig Dancemusiker, hat sich mittlerweile geändert. Heute darf man sein Publikum gern ein bisschen verwirren.

Ist das eines deiner erklärten Ziele beim Musikmachen?

Nein, mein Ziel ist eigentlich ganz einfach: Als ich aufgewachsen bin, war eine meiner tiefgründigsten emotionalen Erfahrungen, Musik zu hören. Das wollte ich selber für andere bewirken. Deshalb gilt meine ganze Loyalität dem Streben, musikalisch Gefühle zu erzeugen, die wie molekulare Teilchen in der Luft dazu in der Lage sind, Menschen zum Weinen, zum Lachen oder voll besetztes Stadion zum Schweigen oder Hüpfen zu bringen.

Und da ist die Festlegung auf ein Genre hinderlich?

Ich würde nicht hinderlich sagen, sondern beliebig. Vor 30, ach – vor 20 Jahren hat sich das Instrumentarium einer Rock-, Pop-, Jazz- oder Rap-Band noch grundsätzlich unterschieden. Und jetzt? Benutzen alle einen Laptop. Die Genres mag es also noch geben, aber die Art, sie zu erzeugen, ändert sich radikal. Das macht jede Festlegung auf ein bestimmtes Genre ein wenig willkürlich und mich selbst in zunehmendem Maße eklektizistisch.

Umso mehr erstaunt, dass Everything Was Beautiful, And Nothing Hurt so unglaublich nach TripHop klingt. Wurdest du da von Tricky und Portishead beeinflusst?

Ich würde eher sagen, es wurde beeinflusst, wovon Tricky und Portishead beeinflusst worden waren: vom Soul der Sixties, vom Dub der Seventies, vom R’n’B der Eighties.

Das klingt nach einem fast wissenschaftlichen Ansatz.

Es ist aber zu 100 Prozent ein emotionaler, persönlicher, subjektiver. In einer Zeit, die den meisten Künstlern sowieso nahezu unmöglich macht, Platten zu verkaufen, also mit ihrer Musik Geld zu verdienen, ist das sehr befreiend. Ich muss auf nichts mehr Rücksicht nehmen und muss noch weniger irgendetwas im Hinblick auf eine Karriere kalkulieren.

Das war also mal anders?

Am Anfang fand ich die Idee, viele Platten zu verkaufen und ausverkaufte Konzerte zu geben, toll. Jetzt finde ich es schöner, einfach Musik zu machen und nie mehr auf Tour zu gehen.

Ernsthaft – du spielst nicht gern live?!

Ich hasse es, live zu spielen. Ernsthaft. Wenn es nach mir ginge, würde ich nie mehr auf Tour gehen, sondern zuhause bleiben, ab und zu durch die Berge wandern, mit Freunden essen gehen, Musik machen. Das ist so viel besser als ständig im Bus zu sitzen und in artifiziellen Hotels zu übernachten.

Ist es dann eine Art Dienstleistung am Fan, dass du dennoch auftrittst?

Nein, denn ich war ja schon einige Jahre nicht mehr auf Tour. Und die fürs neue Album beschränkt sich auf drei Shows in kleinen Clubs von Los Angeles und weiteren zwei in noch kleineren Clubs in New York. Nenn es faul – aber mein Traum von Festival ist es, nach dem Gig ins Auto zu steigen und eine halbe Stunde später in meinem Bett zu liegen. Das Leben ist zu kurz, um sich dauernd zu wiederholen. Ich will nicht der nächste mittelalter Musiker sein, der sein Lebenswerk bei einer Greatest-Hits-Tour reproduziert.

Der Titel deines neuen Albums Everything Was Beautiful, And Nothing Hurt klingt was die Vergangenheit betrifft, irgendwie versöhnlicher…

Das Zitat stammt aus einem Buch von Kurt Vonnegut und als Albumtitel ungemein idealistisch und utopisch. Vielleicht ist das jetzt für mich interessanter als für andere, aber wenn ich auf die Geschichte der Menschheit blicke, waren unsere Probleme bis vor 100 Jahren solche, die sie nicht kontrollieren konnten. Erdbeben, Unwetter, Missernten, Hunger, von Bären gefressen zu werden. In dem Moment aber, als wir all das im Griff hatten, haben wir uns selbstgemachte Probleme erschaffen, was zur merkwürdigen Situation führt, dass wir die Welt, je sie unter unserer Kontrolle ist, nachhaltiger zerstören als jede Naturkatastrophe. Wir könnten das Paradies erschaffen und erschaffen stattdessen die Hölle. Darauf soll der Albumtitel die Aufmerksamkeit lenken.

Bist du optimistisch, dass wir die Hölle in den Griff kriegen?

Ein bisschen ja. Ich hoffe, dass wir alle irgendwann aufwachen, um die Selbstzerstörung unserer Spezies durch fossile Brennstoffe, Massentierhaltung, Konsumwahn zu stoppen.

Kann deine Musik, kann Musik generell dabei helfen?

Meine letzten Alben waren zumindest insofern politisch, als sie all dies thematisiert haben. Von daher war ich wohl schon der Meinung, das ginge. Das Politische an dieser Platte ist eher anthropologischer Natur. Ich frage mich darauf, warum wir handeln wie wir handeln, ohne es zu bewerten. Ich möchte zum Nachdenken anregen, wie wir uns selbst als Spezies sehen, wie wir uns zu anderen Lebewesen verhalten.

Nochmals – kann die Platte das Handeln der Hörer beeinflussen, gar verändern?

Schön wär‘s. Vielleicht kann die selbstbewusste Kombination aus Musik, Essay, Video und Interview Standpunkte so in die Welt senden, dass es Aufmerksamkeit für globale Probleme erzielt.

Ist Motherless Child, das auf einem Gospel früherer Sklaven basiert, so gesehen ein politscher Song mit dem Potenzial zur Veränderung?

Er wirft zumindest einen Blick auf die menschliche Kultur, besser noch: die Kultur der Menschlichkeit, um womöglich das Verständnis dafür zu verändern, warum sie so oft derart furchtbare Entscheidungen gegen die eigene Spezies trifft. Jeder versucht sein Leben Tag für Tag krampfhaft mit einem Sinn zu füllen, nur um Abend für Abend zu bemerken, wie endlich das Leben ist und wie isoliert, verloren, entfremdet wir sind. Davon handelt der Song. Meine Hoffnung ist nicht, dass er daran etwas ändert, sondern die Menschen beim Hören eine emotionale Bindung dazu finden und über sich selbst und ihr Handeln nachdenken – so wie es ein Stück wie Imagine in all seiner Einfachheit einst getan hat. Obwohl: die Ausstrahlung von John Lennon maße ich mir besser nicht an…

Das Interview ist vorab beim MusikBlog erschienen