Ella Schön & Emily Atef

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. April

Wann genau ein Kurssturz zum Börsencrash wird, ist nicht exakt messbar. Aber was grad in der Tech-Branche geschieht, ist letzterem zumindest näher als ersterem. Fast 200 Milliarden Dollar haben die Aktien der vier Branchengiganten Amazon, Alphabet, Facebook, Netflix in kürzester Zeit an Wert verloren. Angesichts von Umsätzen in Höhe des Bruttoinlandsprodukts mittlerer Staaten, klingt das zwar nach Peanuts; sie liegen den Milliardenkonzernen allerdings unverdaulich im Magen.

Das ist nicht nur dank knapp 90 Millionen Opfern des Datenleaks bei Facebook bedeutsam, von denen allein 310.000 in Deutschland leben. Umso erstaunlicher klingt es da, wenn sich plötzlich ein Medienmann der alten Schule zurückmeldet: John de Mol, der mit Shows wie Wer wird Millionär das Abertausendfache der maximalen Gewinnsumme verdient hat, kauft die holländische Nachrichtenagentur ANP und wird dadurch endgültig zum Mogul aufsteigt – schon, weil er seine Finger nicht vom digitalen Business lassen kann.

So richtig analog ist hingegen das, was die ARD angekündigt hat: ein Biopic über die Aldi-Brüder, mit Christoph Bach als Karl und Arnd Klawitter als Theo Albrecht, gedreht von Raymond Ley. Könnte fett werden, innovativ eher weniger. Aber das eint das Erste ja mit der abscheulichen Bild, die ihre Bleifußkampagne „Freie Fahrt für freie Bürger“ aus den 80ern in die Gegenwart verlegt und der Mittwochsausgabe allen Ernstes Aufkleber mit „Freie Fahrt für meinen Diesel“ beigelegt hat. Wenn Geldgier Gehirn verdrängt und Klientelismus Journalismus, ist man bei Springers rotem Kampfblatt halt immer noch prima aufgehoben. Ähnliches gilt auch für den Sonntagabend im ZDF, wo Gehirn verlässlich durch Gefühl ersetzt wird. Seit gestern aber hat das debil eskapistische Herzkino fast schon Niveau. Mit bescheuertem Titel zwar (Ella Schön), aber toller Hauptfigur (Annette Frier), deren Problem (Asperger) erstaunlich unseifig ist.

Die Frischwoche

9. – 15. April

Die Reihe hat zwar nicht die Güte eines gelungenen ARD-Mittwochsfilms, aber das, was Emily Atef dort diese Woche kreiert, ist selbst für belastbare Zuschauer auch schwer verdaulich. In Macht euch keine Sorgen skizziert die Regisseurin nach allerlei Frauenporträts den Weg muslimischer Jungs zum IS, was so glaubhaft und intensiv ist, dass man dem Titel besser nicht glaubt. Zwei Tage später zeigt dann Arte, was gute Filme kennzeichnet. In der präzisen Milieustudie Auf einmal (20.15 Uhr)  wird der vergleichbar unbekannte, aber fabelhafte Schauspieler Sebastian Hülk gleichermaßen zum Opfer und Täter einer Biedermeiersozialkriminalmelodrams, das in dieser Qualität selbst auf dem Kulturkanal selten ist. Am gewohnt soliden, aber nicht herausragenden Fall der ZDF-Reihe Unter Verdacht ist tags drauf zur selben Zeit dagegen vor allem bemerkenswert, dass Senta Berger von Eva Prohacek trotz anderslautender Vermutungen partout nicht lassen kann.

Auf Sky gibt es demgegenüber ab Mittwoch etwas nicht unbedingt Außer-, aber doch Ungewöhnliches: die zehnteilige Dramaserie 9-1-1 um amerikanische Hilfskräfte jeder Art erweckt den Anschein eines hochwertigeren Real-Life-Formats, ist jedoch fiktional und trotzdem realistisch – was auch daran liegen könnte, dass es der Showrunner von Nip/Tuk und American Horror Story verantwortet. Noch näher an der Wirklichkeit sind allerdings naturgemäß Dokumentationen wie die englisch-kanadische über Greenpeace. Ohne runden Anlass, aber extrem kenntnisreich und spannend, blickt Wie alles begann auf die wichtigste Umweltorganisation zurück, seit sie sich dem ungezügelten Kapitalismus 1971 erstmals in den Weg stellte.

Am Mittwoch schaut 3sat noch drei Jahre weiter in die Vergangenheit und porträtiert um 20.15 Uhr das 68er-Idol Dutschke. Nirgendwo anders als auf nackte Verkaufszahlen sieht tags drauf zum 27. Mal der Musikbranchenpreis Echo, dem Kunst und Kultur so derartig scheißegal sind, dass Baukastenstars wie Ed Sheeran und Helene Fischer wieder mal kräftig absahnen, wenn Vox den Kommerzquatsch zur besten Sendezeit überträgt. Ein Grund mehr, sich von jetzt an den Wiederholungen der Woche zu widmen. In Farbe unbedingt empfehlenswert: Sam Packinpahs legendäres Gangsterroadmovie The Getaway (Samstag, 21.50 Uhr, Arte), in dem Steve McQueen und Ali MacGraw 1972 auf der Flucht vor der Polizei und Kollegen sind.

Ebenfalls im kriminellen Milieu spielt 24 Jahre später das Debüt eines der erstaunlichsten Regisseure überhaupt: Wes Anderson. Schon damals mit dem weithin unterschätzten Lieblingsdarsteller Owen Wilson in der Hauptrolle ist Durchgeknallt (Dienstag, 22.05 Uhr, Servus) in jeder Hinsicht fantastisch. Solch ein Attribut verbietet sich beim schwarzweißen Tipp per se, aber Frank Beyers epochales KZ-Drama Nackt unter Wölfen (Montag, 23.05 Uhr, MDR) war 1963 kaum eindrücklicher als es heute ist. Das gilt auf seine Art auch für den Tatort der Woche: Borowski und der Himmel über Kiel von 2015. Dienstag (20.15 Uhr, RBB) brilliert darin einmal mehr die damals noch kaum bekannte Elisa Schlott als Junkie, der einem als Zuschauer Chrystal Meth für alle Zeiten austreibt – so wahrhaftig ist ihr Spiel.

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