ARD-Doku: Kulenkampffs Schuhe

Vergessenskultur

Die fabelhafte SWR-Doku Kulenkampffs Schuhe handelt heute um 22.30 Uhr in der ARD nur vordergründig vom biederen Showfernsehen der 60er und 70er Jahre. Regine Schilling erklärt damit die Fluchtinstinkte der jungen Bundesrepublik am Beispiel ihres eigenen Vaters, der sich vor lauter Wirtschaftswunder zu Tode geschuftet hat.

Von Jan Freitag

Die deutsche Samstagabendshow, so lautet ein Vorurteil übers Lagerfeuer der TV-Nation, das im Jahr sieben nach dem heiligen Gottschalk nur noch ein fahles Glimmen ist, hat sich nie allzu eifrig um die Nachrichtenlage davor wie danach gekümmert. Ganz gleich ob Torriani oder Frankenfeld, Carrell oder Elstner, Pilawa oder Pflaume, Lanz oder Winterscheidt: wann immer Deutschlands Entertainer zur Unterhaltung bliesen: Die Politik blieb draußen. Könnte man meinen.

Dann aber sieht man diese Doku und erstarrt vor Schreck. Erklärt der Kandidat einer grauweißen Quizsendung sein mögliches Schummeln da gerade beiläufig mit dem Satz, „ich habe bei Juden gelernt“? Sagt Hans-Joachim Kulenkampff in der östlich dekorierten Kulisse von Einer wird gewinnen wirklich, dies sei „das erste Mal, dass ich nicht bereue, in Russland gewesen zu sein?“ Singt Peter Alexander in seiner gleichnamigen Show allen Ernstes ein Lied übers zerbombte Land, in dem „das Hungern“ wenigstens „schön schlank“ mache. Und trägt der Holocaust-Überlebende Hans Rosenthal bei der Jubiläumsausgabe von Dalli Dalli am Jahrestag der Reichpogromnacht echt Trauerschwarz statt Quietschebunt wie 1975 üblich?

Ja! Ja! Ja! Ja! Ergo: Nein! Am Anfang der hiesigen Fernsehgemütlichkeit, so belegen die 91 Minuten von Kulenkampffs Schuhe eindrücklich, ging es doch nicht ausnahmslos so eskapistisch, wie es die Legendbildung hierzulande besagt. Genau das arbeitet die prämierte Filmemacherin Regine Schilling (Geschlossene Gesellschaft) in einer famosen Kollage aus Archivmaterial und Super-8-Filmen der sechziger bis siebziger Jahre heraus. Sie beschränkt sich dabei jedoch nicht auf den Abriss des televisionären Zerstreuungsangebots, sondern erstellt am Beispiel ihres eigenen Vaters ein autobiografisch gefärbtes Narrativ der späten Nachkriegsgesellschaft.

Geboren 1925, wie viele Showmaster jener Tage also ein relativ schuldbefreiter Jahrgang, durchlebt der lebenslustig strebsame Drogerie-Besitzer das abflauende Wirtschaftswunder in einer Mischung aus Aufstiegseuphorie und Abstiegsangst, bis der heillos überarbeitete Kettenraucher früh an einem Herzinfarkt verstarb. Zuvor allerdings lenkte er sich wie die meisten seiner Mitbürger tagtäglich drei, vier Stunden am Röhrenapparat vom harten Alltag ab. Mit Maria Schraders Stimme erzählt seine Tochter, geboren 1962, von den Samstagabenden ihrer Kindheit, an denen alle Sorgen des Daseins verfliegen, „der Vater rauchend mit Bier, Mutter ein Glas süßen Mosels“, dazwischen die kleine Regine – glücklich, behütet, aber ein bisschen verwirrt, wenn der Kriegsveteran Kulenkampff (im Beisein des EWG-Produzenten und SS-Hauptscharführers Martin Jente) mal wieder Witze über den Russlandfeldzug macht und Familie Schilling damit doch nie ganz aus der düsteren Vergangenheit entlässt.

Man muss sich das kurz vergegenwärtigen: ein Showmaster, der seine Zuschauer nicht nur mit Weltstars in Tiermaske oder Schleichwerbung für Gummibärchen belästigt, sondern dem dunkelsten Kapitel der Menschheit oder Geschichten aus dessen zerbombten Erbe? Bei den Herren (Damen gibt es ja bis heute nicht) Kerner, Cantz oder Hirschhausen wäre das in etwa so denkbar wie ein Format ohne Kinderaugen! Natürlich bedienten auch die Gastgeber der Aufbruchsjahre vor allem Fluchtinstinkte. Ein seliges Publikum voller Bienenstock- und Brillantine-Frisuren im Saal, waren auch die Conférenciers der Aufbruchsjahre gnadenlos der guten Laune verpflichtet.

Besonders Hans Rosenthal, der die Kollektivschuld seiner arischen Nachbarn unterm Sofa einer Gartenlaube überstand, arbeitete das Trauma des Nationalsozialismus mit einem Frohsinn auf, der Dalli Dalli ab 1971 zum Inbegriff bürgerlichen Verdrängungsbedürfnisses machte. Wenn der jüdische Moderator jedoch zeitgleich beim empathischen Talk-Host Blacky Fuchsberger von seiner Todesangst im Berliner Versteck erzählt, zeigt sich, dass die Hochphase deutscher Fernsehunterhaltung mit Einschaltquoten nahe 100 Prozent doch ein wenig vielschichtiger waren als im Rückblick oft beklagt. Nur: damit hält sich Regina Schilling allenfalls am Rande auf. Im Kern kombiniert sie die Verdrängungskultur der Nachkriegszeit mit der Vergessenskultur des Wirtschaftswunders und einer neuen Erinnerungskultur nach den Auschwitz-Prozessen zu einer Kollage bundesdeutscher Befindlichkeiten, das von der ersten bis zur letzten Sekunde fesselt.

Als Hans Rosenthal ausgerechnet am 9. November sein Sendungsjubiläum feiern sollte, da federte das ZDF diese Instinktlosigkeit im Anschluss mit der Vernichtungslagerdokumentation Nacht und Nebel ab, die 20 Jahre später erstmals ausgestrahlt wurde. Den einst so geliebten Fernseheskapismus konnte Regine Schilling danach nicht mehr ertragen. Schwer zu glauben, dass Markus Lanz die Sendung seinerzeit gesehen hat.

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