Reeperbahn-Festival 2018

Von Altin Gün bis Whitney

Am 19. September startet das 13. Reeperbahn-Festival, die größte Club-Veranstaltung Europas. Auch dieses Jahr werden mehr als 40.000 Besucher bei den gut 600 Veranstaltungen von Konzert bis Debatte erwartet. Die freitagsmedien stellen ein paar der Highlights vor.

Doré

Die Wege des Ruhms sind oft unergründlich. Julien Doré zum Beispiel hat es als Castingshowgewächs daheim in Frankreich nicht nur zum Superstar geschafft, sondern dabei auch noch ein musikalisches Werk weit jenseits des handelsüblichen Dance-Pop kreiert. Dem Chanson näher als jeder Art von Massengeschmack, ist er im frankophilen Deutschland aber dennoch völlig unbekannt. Merkwürdig. Und nachvollziehbar. Seine ersten vier Platten sind schließlich hierzulande bislang noch gar nicht erschienen. Das allerdings ändert sich nun.

Album fünf erscheint nämlich erstmals auch bei uns und ist passenderweise eine Art Best-of von Julien Dorés bisherigem Werk, das sein Schaffen gut zum Ausdruck bringt. Denn Vous & Moi enthält zwölf hauchfeine, zugleich aber kraftvolle Balladen, bei denen sich der Sänger meist nur von Klavier und Gitarre begleiten lässt. Dem Achtziger-Hit Africa von Rose Laurens etwa entlockt sein hauch-rauer Gesang eine Intimität, bei der man den Staub im Raum herumfliegen hört. Doch auch die zehn Eigenkompositionen zeigen aufs Neue, wie kultiviert Frankreichs Pop oft selbst dann klingt, wenn er den Mainstream bewegt.

Mittwoch, 22.05 Uhr, Spielbude

DENA

Was ein Name doch alles bewirken kann. Mathangi Arulpragasam zum Beispiel, schwer auszusprechen, noch schwerer zu merken. Oder Denitzka Todorova, kein ganz so komplizierter Brecher deutscher Zungen, aber auch schon leicht sperrig. Da ist es nicht nur zuvorkommend, Spitznamen anzubieten, es hat auch aus Marketingsicht seine Vorteile. Weshalb Popfans das Kürzel M.I.A. ebenso geläufig ist, wie es das von Frau Todorova bald sein dürfte. Denn DENA macht nicht nur einen Electroclash, der verteufelt an den der eingangs erwähnten Londoner Trashpop-Queen mit srilankischen Wurzeln erinnert; er ist auch absolut massenkompatibel. Was der Masse diesmal allerdings durchaus zugute kommt.

Denn wie DENA, die vor knapp zehn Jahren zum Studieren aus Bulgarien nach Berlin kam und natürlich hängengeblieben ist, was also dieser Irrwisch aus dem Osten mit Flash für ein Debütalbum hinlegt, das ist schon ein ganz schönes Clubbrett. Allerdings kein berechenbar Gagamäßiges, prollig berechenbares, R’n’B-verpopptes, sondern ein ziemlich gelungenes. Schon das Auftaktstück Thin Rope, längst ein kleiner Berghain-Hit, so scheint es live, liefert wunderbaren Uptempo-Trash zu den Samples nebst E-Drums ihrer zwei Mitmusiker und kann gar nicht anders, als mit fluffigen Texten über Cheerleader, Party, solche Sachen ein Lachen auf tanzende Köpfer zu zaubern. So geht es neun Lieder weiter.  Kein Sound für die Ewigkeit, eher einer für den Moment. Einen sehr unterhaltsamen.

Mittwoch, 22.40 Uhr, Schmidts Tivoli

1000 Gram

Dringlichkeit das vielleicht wichtigste Wort einer Branche, die seit jeher mit undringlichem Überfluss zu tun hat. Meist wird das, was man im weitesten inne Popmusik nennt, mit so viel redundanter Lieblosigkeit überspült, dass die Momente echter Energie gelegentlich untergehen. Wer allerdings wirklich etwas zu sagen, zu spielen, vorzutragen hat und wem all dies ersichtlich eine Herzensangelegenheit ist, wird noch immer gehört, keine Sorge. Bands wie die hinreißenden Modest Mouse etwa oder auch: 1000 Gram. Das skandinavisch-österreichisch-deutsche Kollektiv mit Standort Berlin schafft es seit Jahren Indierock zu machen, der gleichsam in Kopf und Gemüt geht.

Und genau das gelingt Moritz Lieberkühns Gesang auch auf der dritten Platte mit dem wunderbar wortverspielten Titel By all dreams nessecary. Die zehn Stücke darauf sind abermals von so dringlicher Mitteilungsbedürftigkeit, dass es an die Emo-Heroen Buffalo Tom erinnert. Doch so ergreifend Lieberkühns Gesang ist, so virtuos untermalen ihn Arne Braun, Paul Santner, Alexander Simm und Lukas Akintaya mit eleganten Alternative-Kaskaden, von denen die Video-Auskopplung Daydream zeigt, dass 1000 Gram auch ganz schön schrammeln können. Wenngleich sich die Alben gleichen – das amerikanophile Quintett darf gern noch ein paar Jahrtausende genauso weitermachen.

Mittwoch, 22.50 Uhr, Headcrash

Altin Gün

Klar, einen irgendwie weltmusikalisch flatternden Popsound allein deshalb zu empfehlen, weil er westliche Zivilisation mit östlicher Exotik verbindet oder wie es gern mal heißt: Orient und Okzident, das ist im Kern schon ein bisschen kolonialistisch, Tendenz Eurozentrismus. Aber was soll man machen: Der Sound des türkischen Bandkollektivs Altin Gün klingt für angloamerikanisch geprägte Ohren zutiefst folkloristisch, hat aber diesen psychedelisch krautigen Einschlag, der das Debütalbum so fesselnd macht wie vieles, das sich dem Mainstream auf fremdartig klingende Art entzieht. Der holländische Bassist Jasper Verhulst jedenfalls war vom Turkish Funk der Sechziger bis Siebziger so begeistert, dass er ihn am Ursprungsort wiederbeleben wollte – was ihm echt mitreißend gelungen ist.

Gemeinsam mit ein paar Freunden wie Gino Groeneveld oder Nic Mauskovic suchte er per Facebook einheimische Sängerinnen, fand mit Merve Dasdemir und Erdinc Yildiz Edevit zwei außergewöhnlich stimmstarke, und macht mit mit ihnen nun einen hippiesken Retrosound, der das Fieber des Psychorock vor rund 50 Jahren wunderbar in die Gegenwart treibt. Noch wichtiger aber ist: Die orientalischen Elemente darin sind keine bloßen Accessoires, geschweige denn ethnische Anbiederungen. Auf den meisten der zehn Stücke von On (Türkisch für zehn) verschmilzt das Hier und Dort so organisch, als hätte es schon immer zusammengehört. Hat es ja auch. Nur für europäische Ohren klang das einst seltsam befremdlich. Wenn man es denn befremdlich klingen lassen wollte…

Donnerstag, 16.30 Uhr, Molotow

Foè

Und wo wir bei Nachwuchsmusikern sind, denen wirklich was auf dem Herzen brennt: Der Franzose Foé ist gerade mal zwei Jahre älter als Lindsey Jordan, wie sie bereits eine Weile im Geschäft, aber dabei natürlich immer noch von unübersehbarer Jugend. Nur: dem Debütalbum des Komponisten und Co-Produzenten spürt man dieses Inbrunst in jeder Note an. Îl hat absolut nichts von der schnodderigen Leichtigkeit seiner Kollegin aus den USA. Alles daran ist irgendwie getragen und schwer und voluminös. Das hat zwei Gründe: Foès Sehnsucht nach Tiefe im flachen Fahrwasser des Pop. Und sein bevorzugtes Instrument – das Piano. Es macht sein Timbre noch ein wenig dunkler und den Wave etwas dazu getragener, vor allem aber macht es ihn außergewöhnlich.

Gemixt mit Synthesizern und Electronica, mit Elementen aus HipHop, Folk und ein paar saftigen Dance-Einsprengseln verströmen die elf Songs einen discoesken Klassizismus, der manchmal für Gänsehaut sorgt (La Machine), manchmal schlicht haarsträubend ist (Mommy), aber durchweg Überraschungspotenzial hat. Gewiss, man muss schon einen Hang zur großen Oper haben, um Îl von Anfang bis Ende zu genießen. Es reicht aber auch ein Gespür dafür, wie viel Energie in Grenzgängern wie diesem ruht, die oft nur musikalisch entfesselt werden kann. Als hätten sich Jacques Brel und Claude Débussy mit Phoenix zum After-Rave getroffen. Es brennt lichterloh in Foè, wenn er über Liebe, Tod und Teufel sind. Lodern wir doch ein bisschen mit.

Donnerstag, 20 Uhr, Molotow

Whitney

Liebenswert, verspielt, nicht so wirklich avantgardistisch, aber dafür von ergreifender Schönheit ist ein anderes Debüt, das ebenfalls durch seine Stimme besticht, aber keinesfalls nur. Wirklich nicht. Im Gegenteil. Der junge Mann mit dem zuckersüßen Popfalsett heißt Julien Ehrlich, und es ist nicht die Tatsache allein, dass er zugleich Drummer von Whitney ist, die an eine Band namens The Band und ihren singenden Schlagzeuger Levon Helm – R.I.P. – erinnern; seine Epigonen aus Chicago machen eine Art von lebensbejahendem Westcoast-Folk, an dem sich seit den Beach Boys gefühlt 20.000 Formationen jeder Herkunft versucht haben, dabei allerdings entweder zu leicht oder zu schwer klangen. Whitney hingegen schaffen eine seit den Beach Boys echt selten gehörte Balance.

http://www.vevo.com/watch/US38W1633713

Ihr Debütalbum Light Upon The Lake sprüht schließlich nur so vor guter Laune, die nie aufdringlich, sondern herzenswarm wirkt. Von fröhlichen Bläsersequenzen flankiert, gehen die zehn Stücke im kleidsamen Gitarrensound von Max Kakcek eher im Kopf spazieren, als bloß hindurchzurauschen. Noch die plattesten Analogien von Sonne, Sand und Lagerfeuer erscheinen da nicht zu blöde, ja selbst gelegentliche Lalala-Choräle und Stealguitars stören eigentlich nie, wenn Julien Ehrlich von den Facetten ihrer Großstadtexistenzen singt und dabei klingt wie Neil Young wohl gern noch einmal klingen würde. Ach Musik, du bist doch am größten!

Donnerstag, 20 Uhr und Freitag, 12.30 Uhr, Abaton

Soccer Mommy

Das Leben, so was muss man Jugendlichen und Künstlern nicht groß erklären, ist zu anstrengend, um früh aus den Federn zu kommen. Falls dieses Leben aber trotzdem künstlerisch ausgedrückt werden soll, klingen besonders jugendliche Künstler schon mal, als lägen sie noch im Bett. Auch Sophie Allisons Sound hört sich träge, fast schläfrig an, aber nie betrübt. Unterm Nom de Paix Soccer Mommy macht die Zwanzigjährige etwas, wofür das Englische den schönen Begriff Bedroom Pop hat, so als schlafwandle sie auf ausgeleierten Magnetbändern über den Abgrund ihrer emotionalen Selbstbehauptung. Nach einer halbgaren Kompilation ihrer Garagen-Werke zeigt das tolle Debütalbum Clean nun, welchen Sog das Aroma ausgestellter Unlust an der Leistungsgesellschaft erzeugt.

Als derangiertes Zerrbild des All-American-Girls kratzt sich die New Yorkerin aus Nashville in ihren Videos blutig, schminkt sich hässlich, gibt sich trostlos, singt sich zur unverzerrten Gitarre aber flugs wieder raus aus diesem Desaster und bläst der Oberflächlichkeit unserer Zeit mitsamt ihrem destruktiven Schönheitideal dadurch gehörig den Marsch. Clean ist passive Aggression ohne allzu viel Wut im Bauch: Zu entspannt, um zu revoltieren, geht Sophie Allison lieber noch mal ins Bett als auf die Barrikaden. Krafttanken beim Faulenzen: man möchte sich gern dazulegen.

Donnerstag, 22.30 Uhr, Nochtspeicher

Odd Couple

Es muss wirklich toll sein, kompetent und dämlich in einem zu sein, zugleich kindisch und seriös, ebenso irre wie kontrolliert. Das ziemlich junge Odd Couple Tammo Dehm und Jascha Kreft ist all dies und noch viel mehr. Zum Trio angewachsen macht das frühere Paar Landeier von der Nordseeküste am Standort Berlin einen Dadapostpunk, der von so gleißender Verschrobenheit ist, dass man vor jedem einzelnen der neun neuen Stücke des dritten Albums Yada Yada kurz ratlos in sich zusammenfällt, um dann aufzuspringen und herumzuhüpfen wie man noch nie ohne Drogenbeigabe herumgehüpft sein dürfte. Zum dreckig gewaschenen Gitarrenbrett hagelt es schließlich einen Sound, hinter dem die artverwandten Mudhoney klingen wie ein Knabenchor.

Oder besser: als hätten sie sich mit dem Palais Schaumburg gepaart. “Er will mein Geld / aber ich bin blank / das Bier vom Späti frisst ein Loch in mich / die Handy-Rechnung war auch ziemlich hoch “, singen scheinbar alle drei gemeinsam im grandiosen Opener Bokeh 21, fahren mit “der Selektionsvorteil ist klar / ich bin ehrgeizig und aus Stahl” ähnlich aberwitzig fort, und nichts an diesem HipRock ohne Punkt und Komma erweckt je den Anschein der Berechnung. Alles poltert scheinbar wahllos aus der Garage heraus, fortgespült von Bier und Spaß und Spielfreude und allem, was guter Popmusik auch sonst meistens fehlt. Das Album des Jahrtausends, wenn nicht der Neuzeit insgesamt.

Freitag, 19.30 Uhr, Knust

International Music

Der damals brandneue Musikstil New Wave hatte vor rund 40 Jahren ein besonderes Geschenk fürs deutsche Publikum: Humor ohne Umpftattaa. Gab es ihn im Pop bis dato nur als Schlagerklamauk, gebar NDW abseits einiger Zote plötzlich tiefgründigen Nonsens, der zudem oft virtuos instrumentiert war. Als Beweis reichen ein paar Takte Fee, Ideal, DAF. Bis heute profitiert der Pop hierzulande von dieser Pionierleistung. Darunter eine Band, die ihr Popdasein schon dem Namen nach nicht übertrieben ernst nimmt: International Music. Sie besteht mutmaßlich aus Berliner Exil-Rheinländern oder umgekehrt und macht eine Neo New Wave Welle in deutscher Sprache, die zutiefst gaga ist, aber mit sehr viel Stil.

“Frauen müssen geil sein / Männer müssen cool sein / Jobs müssen Geld bringen”, nölen die Sänger Pedro und Peter auf ihrem Debütalbum Die besten Jahre im emblematischen Stück Cool bleiben und puffert beginnende Fremdscham wie folgt ab: “Männer müssen geil sein / Jobs müssen cool sein / Frauen müssen Geld bringen. Jobs müssen geil sein / Frauen müssen cool sein / Männer müssen Geld bringen”. Unterlegt von einem Schreddersound zwischen Element of Crime, Die Türen, Einstürzende Neubauten und Ja, Panik stopft stopft das Trio so die Selbstoptimierungsgesellschaft in ein buntes Spielplatzförmchen und macht daraus trockenen, aber erfrischenden Sandkuchen fürs Kind im Erwachsenen der Großstadtbohème. Manchmal nervt das, meist erfreut es.

Freitag, 20.30 Uhr, Thomas Read

Danai Moore

Danai Moore, auch wenn das im R&B kaum der Rede wert ist, kann famos singen. Stets moduliert sie präzise, jeder Ton sitzt da, wo er hingehört, es klingt herzergreifend schön, wenn die Britin ihr neues Album mit viel Soul zum Ereignis macht. Das aber ist Bring you shame vor allem deshalb, weil Danai Moore weder stimmlich noch dramaturgisch nach jener Perfektion strebt, die ihr Genre oft unangenehm glättet. Zwei Jahre nach dem gefeierten Debüt geht es der Sängerin am Klavier daher um etwas anderes: Versöhnung. Versöhnung mit ihren inneren Dämonen, Versöhnung aber auch mit der begleitenden Musik.

War Elsewhere seinerzeit oft geteilt in den Gospel ihrer jamaikanischen Herkunft und den Alternartive-Rock ihrer Jugend im Londoner Stadtteil Stratford, mischt Danai Moore nun alles durcheinander. Im Titelstück etwa unterwandert eine windschiefe Gitarre die Mondscheinträumerei, bis sich kurz darauf fröhliche Bläser wie ein Sonnenaufgang über die Melancholie legen. Ständig heitert sie ihren Trip-Hop mit lustigem Raumschifffilm-Gefriemel auf oder unterwandert das düstere Bedürfnis „to be someone’s nothing / A hollow plastic bag“ in Trickle mit Trompeten aus luftiger Höhe. Das ganze Album – eine Ode an die Unvollkommenheit.

Freitag, 23 Uhr, Sankt Pauli Museum

Brett

Brett ist ja mal eine Ansage. Brett heißt musikalisch betrachtet volle Breitseite. Um Brett zu heißen muss man demzufolge auch Brett liefern. Und Brett liefert. Brett ist eine Band, die aus allen Teilen Deutschlands, wie es scheint, zusammengewürfelt in Hamburg zusammengefunden hat, um aus Brettern Rock zu machen oder umgekehrt. Und das Debütalbum mit dem ziemlich grandiosen Titel WutKitsch macht genau das: Postpunkrock, der kachelt. Aber eben nicht nur das. Er kachelt mit Stil und Bedacht. Ganz im Sinne des progressiven Philosphiestudentenhatecore der Marke Messer, Trümmer, 208, Die Nerven und wie sie alle heißen, wird Empörung zu Krach und Krach zu Empörung und das klingt, meistens zumindest, ziemlich gut.

In der Videoauskopplung Ein schöner Tag (schade, dass Krieg ist), dekliniert Sänger Max zu grob verzerrter Gitarre in leicht überhitztem Geschrei durch, wie schön die Welt doch wäre, wenn die Welt denn kollektiv an ihrer Schönheit teilhaben dürfte und nicht nur ein paar Privilegierte. Das ist so der Tonfall. Textlich ausgefuchst, musikalisch vielschichtig, manchmal etwas ostentativ revoltierend und vom Sound her metallisch, aber im Grunde völlig angemessen angesichts einer Zeit, die eigentlich dringend einer Revolte der Entrechteten bräuchte, stattdessen aber bloß eine stumpf nationalistischer Rassisten kriegt. Ein Brett gegen Stumpfsinn und Populismus. Harte Zeiten.

Samstag, 21.30 Uhr, Gruenspan


Joachim Luger: Hansemann & Lindenstraße

Kunst kommt nach Brot

Nach 1685 Folgen in fast 33 Jahren hat mit Joachim Luger alias Hans Beimer (Foto: WDR/GFF) eines der letzten Gründungsmitglieder die Lindenstraße verlassen. Vorab gab er uns ein Interview über gute Zeiten, schlechte Zeiten in Deutschlands dienstältester Weekly-Soap, wie sein Abschied aussah und was danach noch so kommen kann.

Interview: Jan Freitag

Herr Luger, was genau machen Sie am 2. September gegen zehn vor sieben?

Joachim Luger: Ich werde mich im Funkhaus Köln einfinden, wo die Lindenstraße vor geladenen Gästen läuft, während das WDR-Orchester live die Filmmusik einspielt. Große Leinwand, großer Saal, danach große Party…

… großer Bahnhof!

Ich bin ehrlich gesagt auch ein bisschen überwältigt, welchen Abschied man mir bereitet.

Wie geht es dann um 19.20 Uhr in Ihnen vor, wenn nach 33 Jahren Ihr letzter Schlussakkord erklingt? (Wie fühlen Sie sich dann, müsste es heißen?)

Ganz ruhig, nehme ich an. Wenn überhaupt Anlass zur Wehmut bestanden hätte, dann Ende Mai, als wir die letzte Folge im Kasten hatten. Da ich ab Anfang Juni einen Theatervertrag in Dresden hatte, musste alles sehr schnell gehen. Hans Geissendörfer hielt im Studio eine sehr anrührende Rede, meine Kollegin Irene Fischer hat mir ein wunderbares Abschiedsgeschenk gemacht.

Nämlich?

Sie hat mir ein Theaterstück geschrieben. Aber weil ich unmittelbar danach nach Dresden gefahren wurde, hatte ich gar keine Zeit, um melancholisch zu werden. Das kam dann erst im Juli, als ich bei einigen Nachdrehs nochmals durch die Kulissen lief. Da wurde mir schon bewusst, welch großen Teil meines Lebens die Serie ausmacht.

Können Sie sich noch an deren Debüt erinnern, den 8. Dezember 1985 um 18.40 Uhr?

Genau sogar. Die Premiere habe ich gemeinsam mit allen Kollegen geschaut und in der Serie übrigens für den ersten Cliffhanger gesorgt. Es war nur ein Wort: „Marion!“, zu meiner Filmtochter, die plötzlich blutüberströmt in Flur stand.

War damals denn denkbar, dass Stand heute 1677 Cliffhanger hinzukommen würden?

Absolut nicht! Als Hans Geissendörfer sagte, ich sei für ein Jahr engagiert, könne aber nebenher kein Theater spielen, kam mir schon das sehr, sehr lang vor. Und als der Vertrag verlängert werden sollte, wollte ich schon deshalb nicht abbrechen, weil die Presse uns so verrissen hatte, dass ein Ausstieg nach Flucht ausgesehen hätte. Zumal ich längst den Stempel Hans Beimer weghatte. Ich wurde schon fast von Beginn an auf der Straße mit meinem Filmnamen angeredet.

Und wann kam der Punkt, an dem klar wurde: die Serie hält womöglich ewig?

Ich war eigentlich alle fünf Jahre aufs Neue überrascht, dass es weiterging, und überzeugt, dass nach 30 Jahren endgültig Schluss sein würde. Schwer getäuscht! (lacht).

Die Quoten waren auch nicht mehr so besonders…

Das stimmt, da wird aber mit zweierlei Maß gemessen. Als wir anfingen, gab es nur ARD, ZDF, die Dritten und RTL. Der Kuchen wurde also noch in größere Stücke geschnitten und war Hauptnahrungsmittel für viel mehr Menschen. Mit den Jahren wurden die Stücke dünn und dünner, da ist es logisch, dass wir nicht mehr die Quoten von damals haben.

Hatten Sie persönlich denn je das Gefühl, jetzt sei aber mal Schluss.

Es gab eine Phase Anfang der Neunziger, als ich mit der damaligen Regie künstlerisch und menschlich überhaupt nicht zurechtkam. Ich stand vor die Wahl, deswegen aufzuhören, aber Hans Geissendörfer sagte zu mir: es gibt viele Regisseure, aber nur einen Hans Beimer. Damit war meine Treue besiegelt.

Die allerdings dazu geführt hat, nur noch selten etwas anderes zu spielen…

Ja, aber ich hatte durchaus meine kleinen Fluchten. In Bochum zum Beispiel habe ich schon früh erfolgreich musikalische, komödiantische Kleinkunst gemacht und ab 1999 auch Boulevardtheater in Düsseldorf und Köln – und das mit großem Vergnügen. Bei all den Problemen, die Hans Beimer Woche für Woche hatte, hätte er eigentlich beim Psychiater landen müssen. Da brauchte es schon einen heiteren Ausgleich. Mein erster Vertrag am Lübecker Stadttheater lautete übrigens: jugendlicher Charakterdarsteller und Komiker. Gut, Jugend war passé, aber die Komik nur in Vergessenheit geraten.

Zugleich war er 33 Jahre lang ein Fels in der Brandung des ständig wechselnden Personals, der selbst im Untergang noch die Ruhe bewahrt.

Bis auf kleine Ausrutscher wie ein kurzes Alkoholproblem stand ich fast bis zum Schluss stets fest auf dem Boden der Realität.

Fast?

Na ja, die Parkinson-Erkrankung war eine ziemliche Herausforderung. In einem Film würde einen die Krankheit für 90 Minuten beschränken, in einer Serie für immer. Die schauspielerischen Mittel auf Dauer mimisch, gestisch, sprachlich, auch inhaltlich so zu limitieren, war mir irgendwann zu wenig und im Grunde eine Reduzierung zu viel. Außerdem vollende ich genau einen Monat nach der letzten Folge mein 75. Lebensjahr; da darf man gern ein bisschen kürzer treten, und Hans Beimer ist meiner Meinung nach vielleicht auch auserzählt. Ich gehe im Frieden.

Aber wäre Ihre Schauspielerleben ohne diesen quasi verbeamteten Serienjob mit mehr Bildschirmpräsenz als jede andere Figur nicht vielleicht besser, reichhaltiger verlaufen?

So ein Gedanke kam tatsächlich mal – schon weil ich niemals beim Ergreifen dieses Berufes eine Festanstellung im Sinn hatte. Aber ich hatte mich nun mal entschieden und wusste die Sicherheit als Familienvater auch zu schätzen. Anfangs habe ich noch in anderen Produktionen gespielt, sogar einmal den Täter im Tatort: Blindekuh. Aber die Angebote blieben zusehends aus.

So funktioniert die Branche.

So funktioniert die Branche. Aber während anfangseinige Kollegen leicht die Nase gerümpft haben über solch eine Serienrolle, kamen im Laufe der Jahre immer mehr auf mich zu, ob ich Ihnen nicht zu einer Rolle in der Lindenstraße verhelfen könnte. Das zeigt mir: Kunst kommt nach Brot. Ich bin zufrieden, habe mich zuletzt aber in der Tat häufiger gefragt, was jetzt noch kommen soll. Es wird halt schwieriger, Dinge zu erzählen, die polarisieren.

Es ging ums polarisieren?

Nicht in erster Linie, aber Hans Geissendörfer wollte schon bewusst gegen den Strich bürsten. Als wir Homosexualität, Neonazis, Kindesmisshandlung, Drogensucht, Antiatombewegung zum Teil einer alltäglichen Serie gemacht haben, wurde darüber noch wochenlang heiß diskutiert, und ein Gauweiler hat uns verklagt, weil es in einer Folge hieß, er sei ein Faschist. Heute gibt es in jeder Vorabendserie Aufreger wie diese, vom Internet ganz zu schweigen.

Wobei die Lindenstraße weniger wegen der Skandale von Bedeutung ist, sondern als eine Art Glossar gesellschaftlicher Befindlichkeiten der vergangenen vier Jahrzehnte oder?

Das ist ihr Verdienst, fast ein Alleinstellungsmerkmal. Was nie in der Lindenstraße vorkam, war auch in der Wirklichkeit nicht von Belang. Das hat sie sich bis heute bewahrt.

Ist das gewissermaßen ihre Lebensversicherung?

Ich gebe generell keine Prognosen ab, weil die meist danebenliegen, wie lange es die Lindenstraße noch geben wird. Aber soweit ich gehört habe, steigt die Zuschauerzahl gerade wieder. Guter Zeitpunkt für einen Abschied.

Hat man bei Ihnen eigentlich mal nachgefragt, welchen Sie gern hätten?

Als ich mit Hans und Hana Geissendörfer darüber geredet habe, hatte ich einen sehr konkreten Vorschlag, der teilweise sogar übernommen wurde. Dass ich sterbe, ist ja kein Geheimnis.

Aber in ihren Stiefeln, am besten im Sattel?

Im Gegenteil. Ich wollte heimlich, still und leise verschwinden, typisch Hans Beimer eben.


Chemnitzer Volkssturm & Pflegenotstand

Die Gebrauchtwoche

27. August – 2. September

Es wurde mal viel gefaselt auf den einschlägigen Kanälen der neuen Medien. Donald Trump zum Beispiel, fraglos der wildeste Reiter dieses hyperkommunikativen Weltrodeos, hat getwittert, 96 Prozent aller Suchergebnisse zu seinem Namen (den gewiss niemand häufiger googelt als er selbst) kämen von linksgerichteten Medien, was er „sehr gefährlich“ nannte und Google, Facebook, ja selbst sein geliebtes Twitter warnte, sie „bewegen sich auf sehr dünnem Eis“. Welch fürsorglicher Präsident.

Ebenso sorgsam zeigte sich die AfD-Fraktion Hochtaunuskreis, als sie Medienvertreter jeder Art warnte, in Sachen Chemnitzer Volkssturm gefälligst im Sinne der guten, ergo: rechtsradikalen Sache zu berichten: „Zu Beginn einer Revolution haben die Staatsberichterstatter noch die Chance sich vom System abzuwenden und die Wahrheit zu berichten. Bei allen uns bekannten Revolutionen wurden irgendwann die Funkhäuser sowie die Presseverlage gestürmt und die Mitarbeiter auf die Straße gezerrt. Darüber sollten die Medienvertreter hierzulande nachdenken, denn wenn die Stimmung endgültig kippt, ist es zu spät“.

Der besseren Lesbarkeit wegen wurde die ganz und gar undeutsche Rechtschreibung des zwischenzeitlich gelöschten Tweets korrigiert, aber so in etwa war halt der Tenor, als die Wahrheit im Netz so lange verbogen wurde, bis Karl-Marx-Stadt kurz eine national befreite Zone war, die am Samstag drauf schon mal vorrevolutionär gebt und viele der vermeintlichen Staatsberichterstatter, etwa des MDR, gewaltsam von der Demo vertrieben hat. Wer zu alldem leider – ob in gesprochenem Wort noch binären Codes – wenig und das auch noch zu spät oder unglaubwürdig gesagt hat, waren leider jene, von denen man wirklich mal etwas hören wollte. Sachsens Ministerpräsident Kretschmer etwa oder Bundesinnenminister Seehofer.

Dafür hat eine andere News die Welt bewegt: „Die User der Erotik Plattform xHamster wünschen sich mehr von Katja Krasavice.“ Die Youtuberin hatte bei Promi Big Brother so sichtbar an sich rumgenestelt, dass der zugehörige Film zum Renner des Pornoportals wurde, weshalb sie „die junge Influencerin“ nun unter Vertrag nehmen möchte. Sage noch mal einer, RTL2 sei nur für Arbeitslose. Oder ZDF voller Pilcher. Nach Recherchen von DWDL nämlich entsteht dort demnächst eine Serien-Fassung von Frank Schätzings Der Schwarm.

Die Frischwoche

3. – 9. September

Was das deutsche Fernsehen bislang am besten beherrscht ist allerdings alles mit Kittel und Robe. Deshalb passt Die Heiland ab Dienstag zur besten Sendezeit auch so prima ins ARD-Programm. Es geht darin, schnarch, um eine Anwältin, die gähn, blind ist. Das ist zwar nach realen Motiven, dramaturgisch bleibt die Serie mit der klarsichtigen Lisa Martinek als sehbehinderte Verteidigerin so altbacken und öde, dass es, sorry für den Kalauer, schlicht zum Wegschauen ist. Hinschauen darf man hingegen gern beim ARD-Mittwochsfilm tags drauf. In Alles Isy brilliert Claudia Mehnert (Weissensee) als Mutter eines Vergewaltigungsopfers, was das Thema sexuelle Gewalt unter Jugendlichen unter der Regie des Autoren-Duos Mark Monheim und Max Eipp sehr zurückhaltend, aber ungeheuer intensiv in Szene setzt.

Bis an den Rand des Erträglichen radikal ist das Arte-Drama Sieben Stunden am Freitag um 20.15 Uhr. Die Gefängnispsychologin Hanna wird dabei von einem Hochsicherheitshäftling als Geisel genommen und mehrmals vergewaltigt. Nach einer wahren Begebenheit erzählt der Film von dieser unfassbaren Tat, mehr aber noch dem Versuch, das Trauma zu überwinden. Die Regie führt – frei nach Susanne Preuskers Tatsachenbericht Sieben Stunden im April – Meine Geschichte vom Überleben – der Grimmepreis-Träger Christian Görlitz (Freier Fall).

Auf ganz andere Art drastisch ist die heutige Story im Ersten um 22.45 Uhr namens Absturz. Autor Ralf Ulrich Schmidt zeigt darin sehr anschaulich, wie der Leipziger BWL-Student Thomas Wagner mit Reiseportalen wie Ab-in-den-Urlaub oder fluege.de zum gefeierten Star der Startup-Branche wird und dann so krachend scheitert, dass er am Ende beim Aushandeln eines waghalsigen Rettungsplans buchstäblich vom Himmel fällt und bei einem Flugzeug-Crash stirbt. Im Anschluss nimmt Uli Wendelmann in Allein auf Station die drohende Katastrophe der Krankenpflege unter die Lupe.

Und ja, schon klar, ist bekannt, man sollte die Serien des gewissenlos profitsüchtigen Amazon-Konzerns nicht empfehlen, aber für Six Dreams machen wir mal eine Ausnahme. Die Doku-Serie befasst sich ab Freitag mit sechs Einzelschicksalen der spanischen Primera División jenseits von Real oder Barcelona und wirft damit ein bedrückendes Schlaglicht auf den Profi-Fußball insgesamt. Und der Tatort-Tipp: Am Mittwoch wiederholt der MDR den gut abgehangenen Ost-Fall Nr. 283 von 1993, in dem es Sodann und Ehrlicher mit der organisierten Kriminalität in Sachsen zu tun kriegen, die damals noch keine Jagd auf Ausländer, sondern eher Drogen umfasste.