Chemnitzer Volkssturm & Pflegenotstand

Die Gebrauchtwoche

27. August – 2. September

Es wurde mal viel gefaselt auf den einschlägigen Kanälen der neuen Medien. Donald Trump zum Beispiel, fraglos der wildeste Reiter dieses hyperkommunikativen Weltrodeos, hat getwittert, 96 Prozent aller Suchergebnisse zu seinem Namen (den gewiss niemand häufiger googelt als er selbst) kämen von linksgerichteten Medien, was er „sehr gefährlich“ nannte und Google, Facebook, ja selbst sein geliebtes Twitter warnte, sie „bewegen sich auf sehr dünnem Eis“. Welch fürsorglicher Präsident.

Ebenso sorgsam zeigte sich die AfD-Fraktion Hochtaunuskreis, als sie Medienvertreter jeder Art warnte, in Sachen Chemnitzer Volkssturm gefälligst im Sinne der guten, ergo: rechtsradikalen Sache zu berichten: „Zu Beginn einer Revolution haben die Staatsberichterstatter noch die Chance sich vom System abzuwenden und die Wahrheit zu berichten. Bei allen uns bekannten Revolutionen wurden irgendwann die Funkhäuser sowie die Presseverlage gestürmt und die Mitarbeiter auf die Straße gezerrt. Darüber sollten die Medienvertreter hierzulande nachdenken, denn wenn die Stimmung endgültig kippt, ist es zu spät“.

Der besseren Lesbarkeit wegen wurde die ganz und gar undeutsche Rechtschreibung des zwischenzeitlich gelöschten Tweets korrigiert, aber so in etwa war halt der Tenor, als die Wahrheit im Netz so lange verbogen wurde, bis Karl-Marx-Stadt kurz eine national befreite Zone war, die am Samstag drauf schon mal vorrevolutionär gebt und viele der vermeintlichen Staatsberichterstatter, etwa des MDR, gewaltsam von der Demo vertrieben hat. Wer zu alldem leider – ob in gesprochenem Wort noch binären Codes – wenig und das auch noch zu spät oder unglaubwürdig gesagt hat, waren leider jene, von denen man wirklich mal etwas hören wollte. Sachsens Ministerpräsident Kretschmer etwa oder Bundesinnenminister Seehofer.

Dafür hat eine andere News die Welt bewegt: „Die User der Erotik Plattform xHamster wünschen sich mehr von Katja Krasavice.“ Die Youtuberin hatte bei Promi Big Brother so sichtbar an sich rumgenestelt, dass der zugehörige Film zum Renner des Pornoportals wurde, weshalb sie „die junge Influencerin“ nun unter Vertrag nehmen möchte. Sage noch mal einer, RTL2 sei nur für Arbeitslose. Oder ZDF voller Pilcher. Nach Recherchen von DWDL nämlich entsteht dort demnächst eine Serien-Fassung von Frank Schätzings Der Schwarm.

Die Frischwoche

3. – 9. September

Was das deutsche Fernsehen bislang am besten beherrscht ist allerdings alles mit Kittel und Robe. Deshalb passt Die Heiland ab Dienstag zur besten Sendezeit auch so prima ins ARD-Programm. Es geht darin, schnarch, um eine Anwältin, die gähn, blind ist. Das ist zwar nach realen Motiven, dramaturgisch bleibt die Serie mit der klarsichtigen Lisa Martinek als sehbehinderte Verteidigerin so altbacken und öde, dass es, sorry für den Kalauer, schlicht zum Wegschauen ist. Hinschauen darf man hingegen gern beim ARD-Mittwochsfilm tags drauf. In Alles Isy brilliert Claudia Mehnert (Weissensee) als Mutter eines Vergewaltigungsopfers, was das Thema sexuelle Gewalt unter Jugendlichen unter der Regie des Autoren-Duos Mark Monheim und Max Eipp sehr zurückhaltend, aber ungeheuer intensiv in Szene setzt.

Bis an den Rand des Erträglichen radikal ist das Arte-Drama Sieben Stunden am Freitag um 20.15 Uhr. Die Gefängnispsychologin Hanna wird dabei von einem Hochsicherheitshäftling als Geisel genommen und mehrmals vergewaltigt. Nach einer wahren Begebenheit erzählt der Film von dieser unfassbaren Tat, mehr aber noch dem Versuch, das Trauma zu überwinden. Die Regie führt – frei nach Susanne Preuskers Tatsachenbericht Sieben Stunden im April – Meine Geschichte vom Überleben – der Grimmepreis-Träger Christian Görlitz (Freier Fall).

Auf ganz andere Art drastisch ist die heutige Story im Ersten um 22.45 Uhr namens Absturz. Autor Ralf Ulrich Schmidt zeigt darin sehr anschaulich, wie der Leipziger BWL-Student Thomas Wagner mit Reiseportalen wie Ab-in-den-Urlaub oder fluege.de zum gefeierten Star der Startup-Branche wird und dann so krachend scheitert, dass er am Ende beim Aushandeln eines waghalsigen Rettungsplans buchstäblich vom Himmel fällt und bei einem Flugzeug-Crash stirbt. Im Anschluss nimmt Uli Wendelmann in Allein auf Station die drohende Katastrophe der Krankenpflege unter die Lupe.

Und ja, schon klar, ist bekannt, man sollte die Serien des gewissenlos profitsüchtigen Amazon-Konzerns nicht empfehlen, aber für Six Dreams machen wir mal eine Ausnahme. Die Doku-Serie befasst sich ab Freitag mit sechs Einzelschicksalen der spanischen Primera División jenseits von Real oder Barcelona und wirft damit ein bedrückendes Schlaglicht auf den Profi-Fußball insgesamt. Und der Tatort-Tipp: Am Mittwoch wiederholt der MDR den gut abgehangenen Ost-Fall Nr. 283 von 1993, in dem es Sodann und Ehrlicher mit der organisierten Kriminalität in Sachsen zu tun kriegen, die damals noch keine Jagd auf Ausländer, sondern eher Drogen umfasste.

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