Feindbild ORF & Feindbild Europa

Die Gebrauchtwoche

6. – 12. Mai

Es ist ein besonders bizarrer Medienskandal einer an bizarren Medienskandalen überreichen Zeit. Während Jungsozialist Kevin Kühnert bis in dezidiert linke Medien hinein dafür gemobbt wird, jungsozialistische Forderungen zu stellen, macht der streitbare ORF-Moderator Armin Wolf in einer besonders bizarren Regierung eines an bizarren Regierungen überreichen Kontinents gerade nur seinen Job – und gerät dafür ins Visier seines Berichtsobjekts. Das kann passieren. Die öffentliche Kommunikation hat ihr (ungeschriebenes) Regelwerk schließlich auch in Österreich so der digitalen Realität angepasst, dass die lautesten Schreihälse jedes Argument niederbrüllen.

Bedenklich wird es allerdings, wenn dieses Berichtsobjekt die rechtsextreme FBÖ ist und vor laufender Kamera Journalisten bedroht, dafür aber vom vermeintlich bloß konservativen Koalitionspartner Sebastian Kurz nicht vom Hof gejagt wird. Wirklich absurd wird dieser Irrsinn jedoch, wenn ihn Armin Wolfs nicht immer diplomatische, aber ähnlich bissige Kollege Jan Böhmermann im ORF mit – zugegeben drastischem Vokabular – anprangert und dafür ausgerechnet vom regierungsamtlich attackierten Sender kritisiert wird. Der Lohn: Österreich rutscht im Ranking der Pressefreiheit ab und belegt, wie sehr sie selbst in Demokratien unterm Beschuss einer enthemmten Diskussionskultur steht.

Eine, an der selbstredend auch social networks schuld sind, jene Hasskatalysatoren, die sich nebenbei grad als Showmaster profilieren. Instragram zum Beispiel, sonst für bildreiche Belanglosigkeiten zuständig, hat mit The Story of Eva die wahre Geschichte eines jüdischen Mädchens im Nationalsozialismus fiktionalisiert und damit wohl mehr junge Menschen als jedes Bildungsprogramm erreicht. Auch Youtube erweitert derweil konsequent sein eigenproduziertes Programm. Und wenn die PR-Plattform Magenta TV mit der italienischen Coming-of-Age-Serie Meine geniale Freundin brilliert, wird deutlich, wie warm sich die Platzhirsche anziehen müssen.

Die Frischwoche

13. – 19. Mai

Sie tun dies immerhin auf einem Feld, das sonst niemand so nachhaltig beackert: seriöse Information. Wie alle öffentlich-rechtlichen Sender kümmert sich zum Beispiel das ZDF rührend um die Europawahl. Donnerstag überträgt es das #tvDuell der Spitzenkandidaten Timmermanns und Weber zur besten Sendezeit, gefolgt vom Schlagabtausch der Konkurrenz aus Grünen, AfD, Linke und FDP. Nachts zuvor um 0.45 Uhr stellt das Zweite dann die Frage Schafft Europa sich ab? und schreibt diese Bedrohung bereits am Dienstag um 20.15 Uhr jenen zu, die Laut, frech, national sind, also parallel dazu auf Arte die Demokratie unter Druck setzen mit ihrem Feindbild Brüssel, wie eine ARD-Doku heute zur Primetime entsprechend heißt.

All dies klingt zwar manchmal so alarmistisch, dass man sich zumindest ein paar Milligramm jener unbeirrbaren Europa-Euphorie wünscht, mit denen der ESC die kontinentale Glückseligkeit feiert. In den Halbfinals, Dienstag/Donnerstag ab 21 Uhr auf One, mehr aber noch beim Endspiel am Samstag live im Ersten, dient Europa aber dennoch wie gewohnt nur als Kulisse popkultureller Aufdringlichkeit. Wer in dieser kommerziellen Endlosschleife gefangen ist, wünscht sich bisweilen womöglich eine Zeitmaschine.

Die haben zwei afroamerikanische Nerds in der Netflix-Dramedy See You Yesterday erfunden, sie entkommen damit allerdings keinem Musikwettbewerb, sondern reisen ab Freitag unter Spike Lees Regie Richtung Vergangenheit, um die Welt zu retten. Wie knapp sie vor 33 Jahren zumindest teilweise vorm Kollaps stand, zeigt die HBO-Serie Chernobyl ab morgen auf Sky. Der halbfiktionale Fünfteiler zeichnet den SuperGAU vom April 1986 minutiös nach, stellt dabei aber nicht den Unfall selbst ins Zentrum, sondern das ignorante Versagen der sowjetischen Bürokratie – brillant verkörpert durch Stellan Skarsgård und Jarred Harris als Antipoden eines bizarren Kampfes gegen Verseuchung und Transparenz.

Mit so viel historischer Bedeutsamkeit können die zwei unterhaltsamsten Filme der Woche aus Deutschland natürlich nicht mithalten. Aber Michael Herbigs Bullyparade auf Sat1 und parallel dazu Joachim Król als eine Art Papa Alfred Tetzlaff ante Portas in der ZDF-Komödie Endlich Witwer sind im Kochtopf leichter Kost absolut vollwertig. Schwere Kost und dennoch unterhaltsam sind die Wiederholungen der Woche: Das legendäre DDR-Drama Jakob, der Lügner (Montag, 22.25 Uhr, 3sat) über einen Geschichtenerzähler, der sich und anderen Juden kurz vorm Einmarsch der Roten Armee 1944 in Polen Mut gemacht hat. Dafür gab es 30 Jahre später die einzige Oscar-Nominierung für eine DDR-Produktion. Lichtjahre von so was entfernt war im Anschluss Klaus Lemkes furioses Frühwerk Rocker, das der Kino-Anarchist 1972 mit echten Motorradhooligans gedreht hat. Jünger ist da der Tatort-Tipp Eine bessere Welt (Montag, 21.45 Uhr, HR) von 2011 mit Nina Kunzendorf und Joachim Król, die den formatüblichen Mord hier erst noch verhindern müssen.

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