Jamila Woods, Holly Herndon, Get Up Kids

Jamila Woods

Was es heißt, als farbige*r Künster*in im Umfeld weißer Dominanz aufzuwachsen, in einem Land zumal, dass sich auf dem Weg zur Gleichberechtigung auf halber Strecke rückwärts bewegt, statt vorwärts – wer also um die Ignoranz der Mehrheitsgesellschaft weiß, neigt noch stärker als die dazu, sich seiner Wegbereiter zu besinnen. Nachdem ihr erstes Album Heavn noch aus sich selbst zu kommen schien, widmet die politisch bewusste Sängerin Jamila Woods das zweite daher musikalischen Urahnen, ohne die sie – unabhängig von deren Hautfarbe – nicht wäre, wo sie ist. Der Titel lautet folgerichtig Legacy! Legacy! und dekliniert diesen Erbteil Vorname für Vorname durch.

In ZORA zum Beispiel setzt der afroamerikanischen Literaturikone Zora Neale Hurston ein sanft mäanderndes Soul-Denkmal aus dem dunstigen Hallraum des R’n’B. Mit milchigen Funk-Avancen huldigt sie kurz darauf FRIDA (Kahlo), in SONIA (Sotomayor) der lateinamerikanischen Bundesrichterin durch eleganten HipHop im Fugees-Style. Bei MILES (David) wird es wenig überraschend jazzig, durch MUDDY (Waters) weht eine verwitterte E-Gitarre. Und wenn die Aktivistin aus Chicago BALDWIN beehrt, klingt es schon deshalb so vielschichtig wie wahre Freundschaft, weil es um ihren Mann Jimmy geht. Was aber all die Hommages vereinigt: Jamila Woods kann betörend singen, betreibt aber nie Stimmakrobatik, sondern Gesangskommunikation. Gespräche zum Tanzen.

Jamila Woods – Legacy! Legacy! (Jagjaguwar)

Holly Herndon

Jamila Woods’ Landsfrau Holly Herndon dagegen unterhält sich auf ihrer neuen Platte mit niemandem. Ihre digital zerhechselten Vokalfragmente sind weder Kommunikation noch Gesang, ja im Grunde genommen nicht mal Teil einer kongruenten Sprache. Mit einer selbst entwickelten Voice-Processing-Technik montiert die Feldklangforscherin mit Doktorinnengrad der Philosophie Stimmfetzen mit Orchesterelementen zu einer Musik, die so selbst auf ihren vorherigen Arbeiten seit 2012 noch nie zu hören war. In einer Mischung aus Field Recordings und Bigbeat-Electronica erkundet die Wahlberlinerin aus Tennessee die Abseiten des Avantgarde-Pop. Und wird dabei fündig.

Das Thema auf PROTO ist dabei das Künstliche menschlicher Wesenszüge, artifizielle Intelligenz, Verfremdung und Rückaneignung. Die meisten der 13 Stücke klingen demnach wie wahllos zusammengewürfeltes Durcheinander, in dem Holly Herndon nach Struktur sucht und doch nur weiteres Chaos findet. Wer sich jedoch wirklich in ihr drittes Album hineinhört, womöglich gar fallen lässt, entdeckt darin die Schönheit vollsynthetischer Choräle und Sinfonien, denen offenbar kein Helicopterproduzent auf Zwang eine Richtung geben durfte. Der Begriff Harmonie erweist sich dabei als Chimäre unserer verbildeten Konsumhaltung. Hier ist alles Energie, Organik und dabei zum Niederknien fantasievoll.

Holly Herndon – PROTO (4AD)

Hype der Woche

The Get Up Kids

Nein, über The Get Up Kids muss man ein Vierteljahrhundert nach ihrer Gründung als Emo-Garagenband in Kansas City nicht mehr viel sagen. Nicht, dass es immer ein bisschen heikel ist, wenn gealterte Skaterkids den selben ewig jungen Skaterkidpunk machen. Nicht, dass man besonders diesem Quintett ewig befreundeter Fourtysomethings irgendwie selbst ein Comeback aus Gründen der Geldnot gönnen würde. Nicht, dass der Sound ihres neuen Albums Problems (Big Scary Monsters) gebraucht klingt. Es ist einfach viel zu schön, Matthew Pryor dabei zuzuhören, wie er zu fröhlich geschredderten Fuzzgitarren unverdrossen vom Erwachsenwerden erzählt, das bei ihm auch auf den acht Alben zuvor so aufrichtig männerbewegt sympathisch klang, als sei er der einzige Kerl auf einer feministischen Poolparty. Nicht neu, nicht alt, nicht weltbewegend, nicht banal, einfach ewig The Get Up Kids.


Constantin Lieb: Arte, Eden & Dominik Graf

Fiktion ist subtiler

Obwohl der Nachwuchsautor Constantin Lieb (Foto: Antony Sojka) vor sechs Jahren noch weithin unerfahren war, hat ihn Arte für sein sechsteiliges Flüchtlingsdrama Eden verpflichtet, das derzeit mittwochs in der ARD läuft. Im Interview spricht der 32-Jährige über das europäische Großprojekt, amerikanisierten Kitsch in Serie und warum er gern mit Platzhirschen wie Dominik Graf arbeitet.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Lieb, während zeitgeschichtliche Ereignisse oft Jahrzehnte brauchen, bis daraus fiktionale Fernsehunterhaltung wird, hat es die sogenannten Flüchtlingskrise sofort zu Dutzenden von Spielfilmen und Seriengeführt. Woher rührt dieses Tempo?

Constantin Lieb: Es gab sogar vor Eden großartige Verfilmungen wie Maggie Perens Die Farbe des Ozeans. Unabhängig davon vollzieht mediale Berichterstattung sich aber generell in Wellen, die je nach Intensität auch das Thema Migration immer mal wieder an die Oberfläche spült – im Autorenkino der Siebziger etwa zum Thema Gastarbeiter.

Allerdings mit großer Verzögerung. Die Anwerbung von Gastarbeitern war schon 1973 beendet. Wie erklären Sie sich die Echtzeit, in der Migration derzeit verarbeitet wird?

Mit dem Hochdruck, unter dem dieses Thema unumgänglich ins kollektive Bewusstsein geraten ist. Es wurde in gewisser Hinsicht unmöglich, einfach wegzuschauen. Wir thematisieren ja etwas, das nicht Teil der Geschichte ist, sondern Tag für Tag für jeden relevant und damit die Politik zum Handeln zwingt. Sich damit nicht nur dokumentarisch auseinanderzusetzen, sondern fiktional, sehe ich als Chance. Fiktion ist emotionaler. Und subtiler. Für viele Menschen sind das unglaubliche Leid und die Strapazen auf der Flucht weiterhin abstrakt. Insofern ist die Fiktion auch eine Möglichkeit der Sensibilisierung.

Erwarten die Zuschauer womöglich sogar vom Fernsehen, ein derart schwelendes Thema umgehend auch fiktional aufzugreifen, um dafür sensibilisiert zu werden?

Erwartungen sind schwer einzuschätzen und noch schwerer zu erfüllen. In einem Land mit so starkem öffentlich-rechtlichen Rundfunk dürfen, ja sollten wir allerdings eine gewisse Erwartungshaltung an die Sender und ihre Verantwortung stellen – auch im Kontrast zu Privatsendern und Streamingportalen, also jenseits marktökonomischer Mechanismen. Dieser Auftrag ist auch eine Chance zur Profilbildung gegenüber dieser vermeintlichen Konkurrenz.

Gab es demnach Direktiven von Arte, das Thema in einer publikumswirksamen Tonalität und Stoßrichtung umzusetzen?

Was ich in der gesamten Entwicklungsphase nach meinem Einstieg in das Projekt erlebt habe, ist eine unglaubliche Offenheit hinsichtlich des dramaturgischen Zugangs und der politischen Haltung. Da haben wirklich alle an einem Strang gezogen, das Thema so realistisch und wertfrei wie möglich und konsequent multiperspektivisch zu erzählen. Es gab zu keiner Zeit Einwände, irgendwas könnte zu drastisch oder verharmlosend dargestellt werden.

Dennoch bedient Arte gewisse Zielgruppen stärker als RTL2. Sollten Sie der kultivierten Filterblase da nicht unterschwellig auch die Schattenseiten der Migration zeigen?

Es war stets unser Anliegen, nicht nur eine Seite dieses brisanten Themas zu zeigen. Dabei haben wir auch immer wieder darüber gesprochen, wie jene zu erreichen sind, die Ressentiments gegen Flüchtlinge hegen. Ich glaube nicht, dass Fernsehen Menschen in die eine oder andere Richtung nachhaltig beeinflussen, also politische Einstellungen verändern kann, aber es gibt Denkanstöße und regt zum Dialog an, ohne zu belehren. Aggressivität basiert ja in der Regel auf Angst, Unkenntnis, Distanz und Fremdheit; all dies kann Fiktion eindämmen. Allerdings nur, wenn man ein Thema wie dieses nicht ausnutzt, um rein unterhaltend zu sein.

Also eine Liebesgeschichte ins Zentrum stellen?

Das wollten wir keinesfalls! Es ging bei aller Komplexität um Augenhöhe aller Protagonisten. Worum es nicht ging: irgendeine Art Wahrheit zu präsentieren oder die Fiktion durch Schauwert, Cliffhanger, emotionalen Kitsch zu amerikanisieren. Ich finde es erschreckend wie sehr deutsche Serienmacher teilweise versuchen, einen bestimmten internationalen Style zu kopieren, der die eigene Identität ignoriert. In unserem Zentrum stehen die Motivationen und Konflikte unserer Protagonisten, ohne Hierarchie und Zuordnung von „richtig“ oder „falsch“.

Wie wird man bei so einem Thema sechsmal 45 Minuten nie pädagogisch?

Indem wir keine der Figuren bloß als gut oder böse darstellen. Eine Unternehmerin zum Beispiel, die ein Konzept erarbeitet hat, wie man Camps privat führt, ließe sich leicht als neoliberale Antagonistin selbstloser Helfer aufbauen. So einfach ist es aber nicht. Sie will in diesem Multimillionen-Markt zwar Geld verdienen, aber mit einem Weitblick, der auch das Wohl der Betroffenen im Auge behält, also nicht nur auf Wachstum gerichtet ist, sondern auch auf das Potential jener Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen.

Aber entstammt solch eine Figur nicht dramaturgischem Wunschdenken?

Nein, die gesamte Fiktion basiert auf akribischer Recherche. Wir hatten umfassenden Zugang zu Nichtregierungsorganisationen, der EU und verschiedenen Flüchtlingscamps, haben NGO-Mitarbeiter getroffen, Politiker, Rechtsexperten, Flüchtlinge und Menschen, die sich mit Schmugglern auskennen. Es war dem gesamten Team ungeheuer wichtig, keine Märchen zu erzählen, sondern der Wirklichkeit so nah wie möglich zu kommen.

Haben Sie in der kurzen Zeit, in der Sie als Autor tätig sind, je so umfassend geforscht?

Nie. Es war von Beginn an klar, dass man sich bei solch einem Projekt verpflichtet, ununterbrochen daran zu arbeiten und keine anderen Stoffe parallel entwickelt, wie es oft der Fall ist. Anfangs war ich daher kurz davor, abzusagen; der Respekt, fast die Angst vor der Komplexität war enorm. Gerade deshalb habe ich es aber doch gemacht; schon, um an dieser universellen, oft tagesaktuellen Herausforderung im permanenten Austausch mit allen zu wachsen.

Permanenter Austausch mit allen kann allerdings auch bedeuten, dass einem ständig andere in die Arbeit hineinreden!

Grundsätzlich ja, ich habe es allerdings zu keinem Zeitpunkt so empfunden. Mit etwas Erfahrung findet man heraus, wer bloß aus subjektiver Haltung statt inhaltlicher Beschäftigung Einfluss nimmt. Dies war aber bei keinem im Team der Fall. Eden war für alle Beteiligten ein Ausnahmeprojekt und für mich die Chance, mich zu beweisen und zu lernen.

Begonnen hat das Projekt allerdings mit anderen Autoren…

…richtig. Die Grundidee etwas über die politische Situation in Europa zu machen stammt von Felix Randau und Jano Ben Chaabane. Edward Berger hat dann als erster Regisseur mit Nele Mueller-Stöfen, Marianne Wendt und Laurent Mercier den Stoff entwickelt. Er ist allerdings ausgestiegen, um Patrick Melrose zu drehen. Damit hat sich auch die Autorensituation neu formiert.

Bis dahin war nur eins ihrer mittlerweile drei langen Bücher realisiert worden – Detlev Bucks Asphaltgorillas. Wie bitte kam ein Jungautor wie Sie zu diesem Riesenprojekt?

(lacht) Als Dominik Moll das Projekt als Regisseur übernahm und damit auch der ästhetische, narrative Zugang wechselte, sollte ich zunächst zwei Bücher schreiben. Der Produzent Felix von Boehm, mit dem ich schon lange eine große Vertrauensbasis habe, hat mich schließlich mit seiner Begeisterung fürs Projekt angesteckt und ich konnte mich mehr und mehr einbringen. Die Rolle des Headautors hat sich dann sukzessive herauskristallisiert, da Dominik und ich eine sehr gute Arbeitsbeziehung entwickelt haben. Außerdem bin ich ein Freund des multigenerationellen Arbeitens, das auch bei Detlev Buck und Dominik Graf gut funktioniert hat.

Spüren Sie dennoch ein hierarchisches Gefälle zu den Platzhirschen?

Überhaupt nicht, ehrlich. Das beste Argument gegen Hierarchien ist Qualität, Offenheit und Reflexionsvermögen. Auch Selbstironie sollte man nicht unterschätzen – egal mit wem und für was ich arbeite.

Sehen Sie Ihre Zukunft eher im neuen Kino Serie oder im alten Kino Kino?

Definitiv sowohl als auch. Ich kann und will Serie nicht ohne Kino denken. Es ist fatal, wenn man durch den sich weiter aufblähenden Hype das Kino als Medium vergisst. Als sozialer Ort des Erzählens ist es einmalig und wird es immer bleiben, egal wie groß die Retina-Displays dieser Welt auch sein werden.

Der Text ist vorab bei DWDL erschienen

24h Europe: Echtzeit & Wahrhaftigkeit

Europareise

Nach Berlin, Jerusalem und Bayern hat ein gewaltiges Team um den Filmemacher Volker Heise (Foto: RBB) den gesamten Kontinent in Echtzeit erkundet. Das Resultat steht seit Samstag in der Mediathek und ist nicht weniger als ein dokumentarisches Meisterwerk im Dienste vielfältiger Eintracht.

Von Jan Freitag

Der See, in den Rakel und Lovisa am Morgen einer durchwachten Mittsommernacht springen, ist trotz fast pausenloser Junisonne eiskalt –das spürt man am Nebel über Helsinkis Waldboden, das sieht man an den Augen der zwei Schülerinnen, das tönt aus jedem ihrer quietschvergnügten Schreie. Schließlich ist ein Bad um diese Zeit der ideale Wachmacher für sie, für uns, für alle. Denn wer den beiden beim Schwimmenin einem derAbertausend finnischen Gewässer zusieht, hat sich zwölf Monate später samstags vor sechs aus dem Bett geschält, um etwas Beispielloses zu erleben.

Bei Rakel und Lovisa ist es ein sensationell sorgloser, irgendwie aufregender, wiederholt wunderbarer Wochenendfrühsommertag, wie ihn wohl nur Teenager genießen. Bei ihrem Publikum hingegen ist es ein sensationell berauschender, irgendwie unfassbarer, wiederholt sehenswerter Beitrag des Kulturkanals Arte, der es zehn Jahre nach 24h Berlin wieder mal getan hat: einen Mikrokosmos so intensiv unter die Lupe zu nehmen, dass man buchstäblich nicht nur dabei ist, sondern wirklich mittendrin. In 24h Europe.

So heißt die Erweiterung von Volker Heises Panoptikum grundverschiedener, seltsam vertrauter Daseinsentwürfe, die von Deutschlands Hauptstadt übers welthistorisch noch wuchtigere Jerusalem nach Bayern führte und von dort aus nun kontinental erweitert wird. Statt Tempelhof und Tempelberg hat der versierte Dokumentarist am vorigen Samstag von 6 Uhr bis Sonntag um die selbe Zeit also gleich 26 Länder erkundet. Vergleichen mit den vorhergehenden Ausflügen in den Alltag grundverschiedener Menschen auf begrenztem Raum, sagt Volker Heise über diese Perspektiverweiterung, „war ein echter Quantensprung“.

Und weil der so gewaltig war, musste er sich Hilfe suchen. Nach drei vierundzwanzigstündigen Langzeitbeobachtungen als Showrunner hat der Produzent die künstlerische Verantwortung an Britt Beyer und Vassili Silovic abgegeben. Das Konzept jedoch bleibt identisch: Zwischen Island und Kreta, Atlantik und Ural begleiten 45 Teams 60 Protagonisten zwischen 18 und 30 Jahren im Spannungsfeld eines riesig kleinen Lebensraums von gut 10.000 Quadratkilometern Größe, den noch niemand zuvor in dieser Dichte beleuchtet hat.

Nach dem Anbaden der finnischen Schülerinnen zum Beispiel wandern die Kameras vom Plattenbau des russischen Stahlarbeiters Andreij zum Flüchtlingsschiff der italienischen Seenotretterin Chloé und zurück. Sie beobachten Taxifahrer und Geschäftsleute, Azubis und Arbeitslose, Bauern und Ingenieure, Ärzte und Patienten, Tagediebe und Workoholics, Naturliebhaber, Clubgewächse. Und während sich erstaunlich viele der jungenLeute in Empathie und Mitgefühl für andere üben, bereitet sich die hessische AfD-Aktivistin Marie ebenso wie ein polnisches Wehrsportgruppenmitglied eher aufs Gegenteil vor.

So widersprüchliche, zugleich jedoch engverbundene Einzelschicksale verbindet Arte also erneut zu einer soziokulturellen Echtzeitarchäologie, die im Licht der anstehenden Europawahl etwas Beispielloses versucht: Aus maximaler Differenz größtmögliche Nähe zu generieren. Es gehe um ein Gefühl von Verbundenheit, sagt Volker Heise. In 1440 Minuten Konzentrat Hunderter Drehstunden Sendezeit gelingt ihm das erneut mit verblüffendem Unterhaltungswert. Und das, obwohl sich der empathiefördernde Faktor Lokalkolorit auch aus deutscher Sicht auf einen Bruchteil der Charaktere reduziert.

Wie in der Dramaserie Eden, die das Megathema Migration – wenngleich bisweilen etwas konventionell – an gleicher Stelle fiktionalisiert, geht es Heises Team schließlich um neue Sichtachsen im Dienste des europäischen Projekts. Die permanenten Ortswechsel verlangen dem Zuschauer dabei zwar ein hohes Maß an Konzentration ab, der bis in den fünfzehnminütigen Abspann reicht. Wer bis zum Schluss dranbleibt, wird jedoch mit frischem Wind durchs brexit-, populismus, krisenwunde Gemüt belohnt und stellt sich unvermeidbar die Frage, wo das eigentlich noch hinführen soll – 24h Welt oder zurück ins Dorf? „Wir werden sehen“, sagt Volker Heise. Es klingt wie ein Versprechen.


Decibelles, Flamingods, Spelling

Decibelles

Angeschnauzt werden will ja eigentlich selbst dann niemand so richtig gerne, wenn ein wenig Distanz zwischen Absender und Adressat des Anschnauzens liegt. Wer sich das zweite Album der Decibelles anhört, spürt zudem sogar fast physisch, wie die Spucke durch den Raum fliegt – so derart ruppig schnauzt uns das Punktrio aus Lyon an. Und dann klingen dessen Riffs auch noch ein bisschen wie die dauernden Becken-Exzesse, ein einziger Hochfrequenzbrei, mit Schwung von der Bühnenkante ins Publikum geschleudert. Komisch, dass man sich dort trotzdem instinktiv hinsehnt wie auf ein eskalierendes Festival im warmen Sommerregen. Ist aber so.

Denn Rock Francais mag ein zwölfteiliger, punkgerecht dreißigminütiger Schlag in die Magengrube sein; was die zwei Jugendfreundinnen plus Kumpel aus Lyon da mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und einem Gesang anstellen, der selten unter volles Brett brüllt, gilt nicht ohne Grund als Reinkarnation früherer Rrrriot Grrrls von Team Dresch bis Sleater Kinney mit ähnlich feministischem Furor, aber chaostheoretischer zubereitet. Mehr noch, als beim Vorgänger Tight nämlich schreddern Fanny, Sabrina und Emile ihren Hardcore mit Noise-Elementen, streuen aber auch immer mal wieder mal fast balladenartigen Edgy Pop à la Manger son Ex ein. So macht selbst Angeschnauztwerden doch Spaß.

Decibelles – Rock Francais (Surprise Records)

Flamingods

Nicht annähernd so brüllender Sound, aber ähnlich brillanter Name zu einer gigantischen Portion Aberwitz – das sind die Flamingods aus London. Nach einer epischen Weltreise durch alle Einflussfaktoren zeitgenössischer Musik, insbesondere in Afrika und Südamerika, wirft das Quartett auf seiner vierten Platte alles in die Klangschale, was Pop zu Pop macht, ohne Pop, also shallow, berechnend und blöde zu sein. Denn heillos überbrachtet mit Myriaden teils naturalistischer, teils hochtechnologischer Gerätschaften, filetieren Kamal Rasool, Charles Prest, Karthik Poduval und Sam Rowe das, was mal Weltmusik hieß, und machen daraus ein galaktisches Durcheinander.

Wie auf den Alben zuvor zeigt es sich Levitation als psychedelisches Discofunk-Kompendium, in dem alles möglich ist, aber nichts nötig, das bei aller Filigranität dem Chaos huldigt und doch nie manieriert, gar unfertig klingt. Schon der Opener Paradise Drive zeigt dabei, wohin die wilde Fahrt elf Tracks lang geht: auf einen Roadtrip entlang der Fahrbahnmarkierungen von Talking Heads bis Monster Magnet mit ein paar Abzweigungen Richtung Grizzly Bear, Foxygen, Tame Impala. Wer sich auf dem großvateralten Feld intrinsischer Rockmusik bewegt, muss mit Referenzgruppen leben; dennoch sind die Flamingods in ihrer synthiegemästeten Verschrobenheit einmalig. Ein bisschen zumindest.

Flamingods – Leviation (Moshi Moshi)

Spelling

Und wo wir grad beim Thema Psychologie sind: Auch Chrystia Cabral bewegt sich mit ihrem Projekt Spelling tief in den Abseiten ihrer eigenen Seele, dort also, wo selbst Fachleute nur mit Abertausend Sitzungen auf der Couch hingelangen. Wer sich ihr zweites Album Mazy Fly anhört, käme daher nie auf die Idee, sie würde aus der kalifornischen Bay Area stammen, wo selbst im Winter ständig die Sonne scheint und Strandpartys als Menschenrecht gelten. Eher schon verortet man den Sound im London der frühen Neunziger, als Bands wie Tricky oder Massive Attack aus HipHop und Electrowave konzentrierten Schwermut gemacht haben.

Dabei ist Mazy Fly gar nicht wesensmäßig, also grundsätzlich mies gelaunt; die getragenen, oft leicht opernhaften Arrangement klingen nur einfach, als seien sie in Opiumhöhlen auf Absinth entstanden und wühlen sich nun mühsam kriechend zurück ans Tageslicht. Golden Numbers zum Beispiel erinnert zwar an eine der düsteren Kellerkuren frühfreudscher Psychoanalyse, mit Wassertherapien und Zwingsessel; zugleich aber flirrt ein artifizielles Glockenspiel durch knapp drei Minuten, die fast ein wenige R’n’B verströmen, während Under the Sun kurz darauf eher nach Siebziger-Soundtrack als Trübsinn klingt. Trotz aller Drones und Cellos muss man darüber also nicht in Depression verfallen.

Spelling – Mazy Fly (Cargo)