Decibelles, Flamingods, Spelling

Decibelles

Angeschnauzt werden will ja eigentlich selbst dann niemand so richtig gerne, wenn ein wenig Distanz zwischen Absender und Adressat des Anschnauzens liegt. Wer sich das zweite Album der Decibelles anhört, spürt zudem sogar fast physisch, wie die Spucke durch den Raum fliegt – so derart ruppig schnauzt uns das Punktrio aus Lyon an. Und dann klingen dessen Riffs auch noch ein bisschen wie die dauernden Becken-Exzesse, ein einziger Hochfrequenzbrei, mit Schwung von der Bühnenkante ins Publikum geschleudert. Komisch, dass man sich dort trotzdem instinktiv hinsehnt wie auf ein eskalierendes Festival im warmen Sommerregen. Ist aber so.

Denn Rock Francais mag ein zwölfteiliger, punkgerecht dreißigminütiger Schlag in die Magengrube sein; was die zwei Jugendfreundinnen plus Kumpel aus Lyon da mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und einem Gesang anstellen, der selten unter volles Brett brüllt, gilt nicht ohne Grund als Reinkarnation früherer Rrrriot Grrrls von Team Dresch bis Sleater Kinney mit ähnlich feministischem Furor, aber chaostheoretischer zubereitet. Mehr noch, als beim Vorgänger Tight nämlich schreddern Fanny, Sabrina und Emile ihren Hardcore mit Noise-Elementen, streuen aber auch immer mal wieder mal fast balladenartigen Edgy Pop à la Manger son Ex ein. So macht selbst Angeschnauztwerden doch Spaß.

Decibelles – Rock Francais (Surprise Records)

Flamingods

Nicht annähernd so brüllender Sound, aber ähnlich brillanter Name zu einer gigantischen Portion Aberwitz – das sind die Flamingods aus London. Nach einer epischen Weltreise durch alle Einflussfaktoren zeitgenössischer Musik, insbesondere in Afrika und Südamerika, wirft das Quartett auf seiner vierten Platte alles in die Klangschale, was Pop zu Pop macht, ohne Pop, also shallow, berechnend und blöde zu sein. Denn heillos überbrachtet mit Myriaden teils naturalistischer, teils hochtechnologischer Gerätschaften, filetieren Kamal Rasool, Charles Prest, Karthik Poduval und Sam Rowe das, was mal Weltmusik hieß, und machen daraus ein galaktisches Durcheinander.

Wie auf den Alben zuvor zeigt es sich Levitation als psychedelisches Discofunk-Kompendium, in dem alles möglich ist, aber nichts nötig, das bei aller Filigranität dem Chaos huldigt und doch nie manieriert, gar unfertig klingt. Schon der Opener Paradise Drive zeigt dabei, wohin die wilde Fahrt elf Tracks lang geht: auf einen Roadtrip entlang der Fahrbahnmarkierungen von Talking Heads bis Monster Magnet mit ein paar Abzweigungen Richtung Grizzly Bear, Foxygen, Tame Impala. Wer sich auf dem großvateralten Feld intrinsischer Rockmusik bewegt, muss mit Referenzgruppen leben; dennoch sind die Flamingods in ihrer synthiegemästeten Verschrobenheit einmalig. Ein bisschen zumindest.

Flamingods – Leviation (Moshi Moshi)

Spelling

Und wo wir grad beim Thema Psychologie sind: Auch Chrystia Cabral bewegt sich mit ihrem Projekt Spelling tief in den Abseiten ihrer eigenen Seele, dort also, wo selbst Fachleute nur mit Abertausend Sitzungen auf der Couch hingelangen. Wer sich ihr zweites Album Mazy Fly anhört, käme daher nie auf die Idee, sie würde aus der kalifornischen Bay Area stammen, wo selbst im Winter ständig die Sonne scheint und Strandpartys als Menschenrecht gelten. Eher schon verortet man den Sound im London der frühen Neunziger, als Bands wie Tricky oder Massive Attack aus HipHop und Electrowave konzentrierten Schwermut gemacht haben.

Dabei ist Mazy Fly gar nicht wesensmäßig, also grundsätzlich mies gelaunt; die getragenen, oft leicht opernhaften Arrangement klingen nur einfach, als seien sie in Opiumhöhlen auf Absinth entstanden und wühlen sich nun mühsam kriechend zurück ans Tageslicht. Golden Numbers zum Beispiel erinnert zwar an eine der düsteren Kellerkuren frühfreudscher Psychoanalyse, mit Wassertherapien und Zwingsessel; zugleich aber flirrt ein artifizielles Glockenspiel durch knapp drei Minuten, die fast ein wenige R’n’B verströmen, während Under the Sun kurz darauf eher nach Siebziger-Soundtrack als Trübsinn klingt. Trotz aller Drones und Cellos muss man darüber also nicht in Depression verfallen.

Spelling – Mazy Fly (Cargo)

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