Springers Aktien & Vogels Blochin

Die Gebrauchtwoche

29. Juli – 4. August

Es entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie: sechs Jahre, nachdem der amerikanische Finanzinvestor KKR die ProSiebenSat1 Media SE gewinnbringend abstoßen konnte, hortet er gerade die Aktienmehrheit an der Springer AG – also jenes Medienunternehmens, das zuvor vergeblich versucht hatte, Leo Kirchs Konzern zu kaufen, was seinerzeit nur am Bundeskartellamt gescheitert war. Ziel der angeblich freundlichen Übernahme mit anschließender Entfernung vom Börsenparkett: bar lästiger Quartalsberichte und öffentlicher Aufmerksamkeit profitabler zu werden, also noch mehr Geld, statt Journalismus aus dem früheren Presseverlag zu quetschen.

Ein richtiger Presseverlag mit echten Journalist*inn*en, die sogar wahrhaftigen Journalismus, statt populistischer Hetze betreiben, hat derweil schwer mit der Moderne zu kämpfen: Bei der Süddeutschen Zeitung ist ein veritabler Richtungsstreit um die künftige Gewichtung von Print und Online ausgebrochen. Was noch dadurch besorgniserregender wirkt, als selbst die wichtigste deutsche Tageszeitung zurzeit so sehr sparen muss, dass – Achtung, Sakrileg! – in München wohl das jährliche Sommerfest und der freie Faschingsdienstag 2020 gestrichen wird. Keine gute Zeit also für Medien mit Haltung und Niveau – weshalb bisweilen Künstler ohne beides einspringen, um beidem öffentlichkeitswirksam Geltung zu verschaffen.

Weil die AfD Angela Merkel nun auch den Kindermord am Frankfurter Hauptbahnhof in die Schuhe schieben wollte, twitterte Oliver Pocher gegen die Rechtsradikalen im Bundestag – also ausgerechnet jener Comedian, der seit langem für zynische Pennälerwitze auf Kosten anderer berüchtigt ist. Da tat RTL nun, was RTL halt so tut, und lud Pocher nebst AfD-Vertreter zum Streitgespräch bei Guten Morgen Deutschland, was schon ein wenig nach Schlammcatchen im Waschcenter klingt. Gehaltvoller wäre es womöglich, wenn das Magazin den manchesterkapitalistischen Tier- und Menschheitsfeind Clemens Tönnies einladen würde, um mit – sagen wir: ein paar jener Menschen aus Afrika zu diskutieren, die er in seiner Rede vor Handwerkern in Paderborn rassistisch beleidigt hat.

Die Frischwoche

5. – 11. August

Da fühlt man sich schon ein wenig an die vielfach verstörend heitere Atmosphäre einer hochinteressanten ZDF-Dokumentation erinnert. Unterm Titel Wir im Krieg kompiliert Jörg Müllner am Dienstag um 20.15 Uhr nationalsozialistische Home-Videos in ihrer zynischen Beiläufigkeit. Ein ähnlich bedrückendes Zeitdokument wie Shooting the Mafia (Mittwoch, 22.45 Uhr, ARD) – das bildgewaltige Porträt der unerschrockenen sizilianischen Fotografin Letizia Battaglia. Bedrückend soll wohl auch die Atmosphäre einer fiktionalen Fortsetzung sein, die das Zweite uns und Jürgen Vogel mal lieber erspart hätte.

Als Blochin beendet er die Cop-Saga heute um 22.15 Uhr in Spielfilmlänge, und wie die ersten fünf Teile vor vier Jahren ist auch Matthias Glasners Serienfinale von so lächerlicher Effekthascherei, dass jede der 110 Minuten bestenfalls unfreiwillig komisch wurde. Wie gelungene Fernsehfiktion um Kriminalität und Korruption sein kann, beweist ab Freitag dagegen der US-Sender Showtime mit City on a Hill auf Sky. Tom Fontanas zehnteilige Zeitreise ins Boston der frühen Neunziger mit Kevin Bacon als schmieriges FBI-Fossil zwischen Glanz und Verfall einer gespaltenen Metropole ist allerfeinstes Popcornentertainment mit erstaunlich viel Tiefgang. Was die Serie – mal abzüglich einiger Faden Tiefe – mit der dritten Staffel von Glow am gleichen Tag auf Netflix teilt.

Ungefähr zur selben Zeit beider Formate spielt übrigens ein Porträt, mit dem Arte am Sonntag um 22.15 Uhr einer eigenartigen Figur der Zeitgeschichte huldigt: Being David Hasselhoff. Gemeinsam mit einem DDR-Konzert von Depeche Mode und dem realen Popmärchen Luga City Lights im Anschluss, startet der Kulturkanal hier gewissermaßen ins Jubiläumsjahr des Mauerfalls – und leitet mit dem Spielfilm vorweg zugleich die Wiederholungen der Woche ein: Goodbye, Lenin! von 2003. Weil es davon so viele gibt, beschränken wir uns dabei allerdings mal auf drei Tatorte dreier Krimiepochen, allesamt am Dienstag: um 22.10 Uhr im WDR: Ballauf noch ohne Schenk im Kölner Fall Gefährliche Freundschaft von 1993, anschließend ein herrlich patinierter Schimanski von 1985 (Doppelspiel) und parallel im NDR: der wunderbare Finnland-Ausflug Tango für Borowski des Kieler Kommissars vor neun Jahren.

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